AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2017

Islamischer Geheimbund Die Macht der Assassinen

Ihre Kunst war das Attentat, ihr Werkzeug das Messer: Wie gelang es der islamischen Geheimsekte der Assassinen, Dutzende Sultane, Kalifen und Kreuzritter zu töten?

Assassinen-Festung Masjaf in Syrien
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Assassinen-Festung Masjaf in Syrien

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Manche Opfer starben im Zelt, andere im Bad oder auf dem Pferd. Den normannischen Kreuzritter Raimund von Antiochia erwischte es in der Kathedrale von Tortosa (im heutigen Syrien). Zum Gottesdienst hatte sich der 18-Jährige in die Kirche begeben, als ihm der blanke Stahl in den Leib fuhr.

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Heft 9/2017
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Emire, Muftis, Kalifen, aber auch Kreuzfahrer und selbst der deutsche Kaiser Friedrich der Staufer gerieten im 12. und 13. Jahrhundert im Orient ins Visier von Killern, die den Auftragsmord zur Vollendung führten. Verschanzt in Burgen am Kaspischen Meer und in Syrien, machte der Geheimbund der Assassinen Politik mit der Klinge und tötete Repräsentanten der damaligen Weltmächte.

"Goldene Dolche" besäßen die Angreifer, behaupteten die Kreuzfahrer. Angeblich war der Gehorsam der Assassinen so groß, dass sie auf Befehl ihres Großmeisters todesmutig von der Burgzinne sprangen.

Derlei Gerüchte lassen sich nur schwer beglaubigen: Heute existieren kaum noch Originalschriften der Assassinen. Im Jahr 1256 bei der Eroberung ihrer Festung Alamut in Nordiran ging die Bücherei in Flammen auf. Doch: Immerhin blieb die Attentatsliste erhalten.

In dem teilweise trostlosen Quellensumpf hat der Islamwissenschaftler Heinz Halm jetzt Ordnung geschaffen und die Geschichte der Meuchelsekte "neu rekonstruiert". Der emeritierte Tübinger Professor zieht archäologische Befunde zurate, wertet arabische Chronisten aus - und sogar Berichte von Augenzeugen aus Zentralasien.

Der Orden sei von "schwarzen Legenden" umflort und verleumdet worden, schreibt Halm. Angeblich durchliefen die Schüler sieben Weihestufen, an deren Ende der blanke Atheismus stand. Waren die Assassinen also Ketzer?

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Die Wurzeln der Bewegung, so viel ist klar, lagen am Euphrat. Alles begann um 875 nach Christus. In der jungen Religion des Islam gärte damals ein schlimmer Streit. Es ging um die legitime Nachfolge Mohammeds.

Die Sunniten sahen den Schwiegervater des Propheten, Abu Bakr, als rechtmäßigen Erben an. Die Schiiten dagegen setzten auf den Schwiegersohn Ali. Aus dessen Schoß komme das Heil, das sich auf seine Kinder und Kindeskinder übertrage. Aus diesem Geschlecht erwachse jeweils das wahre Oberhaupt aller Muslime (arabisch: Imam).

Beim sechsten Imam, Dschaafar, der 765 nach Christus in Medina begraben wurde, stellte sich jedoch ein Problem ein. Sein ältester Sohn Ismail starb, als der Vater noch lebte. Deshalb erkor der Alte den nächsten Sohn zum Erben. Daraus entstand ein tiefer Zwist. Denn der verstorbene Ismail hatte bereits ein kleines Kind.

Einige Gläubige blieben diesem Knäblein treu und verehrten es als wahren Imam. Als Partei nannten sie sich "Ismailiten".

Wegen dieses Familienstreits spaltete sich die Sekte von den Schiiten ab. Den Leuten ging es nicht um hehre Theologie, sondern schlicht um dynastische Korrektheit: um das Recht des Erstgeborenen.

Gleichsam im Flüsterton breitete der Geheimbund sich aus. Seine Werber ("Rufer") arbeiteten im Verborgenen. Erst nach der Weihe durften neue Schüler an den "Sitzungen der Weisheit" teilnehmen. Dem Meister der Gemeinschaft schworen sie Treue. Dessen Identität wurde aber nicht enthüllt.

Im Jahr 882 zogen die ersten Bekehrer durch den Jemen, ab 884 wurde Indien missioniert. So bildete sich ein Netzwerk, ein Schattenheer.

Ins Tückische mutierte ein Teil der Sekte aber erst unter Hassan-e Sabbah (um 1034 bis 1124). Gebürtig aus Rai, heute ein Vorort von Teheran, gelang es dem Anführer, südlich des Kaspischen Meeres die als unbezwingbar geltende Zitadelle Alamut ("Adlerhorst") an sich zu reißen. Die Ruine kann man heute noch bewundern. Sie zieht sich 140 Meter weit über einen steilen Grat, überragt von schroffen Viertausendern.

Inmitten dieser Mondlandschaft ließ der Anführer Wurfmaschinen auf die Zinnen von Alamut wuchten. Man schlug Getreidesilos in den Fels. Eine Chronik erwähnt "ozeangroße Tanks" für Trinkwasser sowie riesige Honigbottiche.

Im Riesenreich der - sunnitischen - Seldschuken wucherte plötzlich ein Geschwür, eine Zelle von inneren Feinden. Das konnte der Sultan nicht dulden. Also schickte er seine Soldaten los, die Adlerburg zu stürmen.

Doch die Belagerung zog sich hin. In dieser Notzeit ersann der bedrängte Sektenführer den Plan fürs erste politische Attentat: Ein Knabe sollte den für die Angriffe verantwortlichen seldschukischen Kriegsminister Nisam al-Mulk beseitigen. Die Kabale gelang. Der Wesir starb in seiner Sänfte.

Es waren ohnehin blutige Zeiten. Die Kreuzritter erschlugen Unzählige. Auch die Herrscher in Bagdad, Isfahan oder Damaskus gingen über Leichen. Aber keine politische Macht im Orient war so kaltblütig, grausam und heimtückisch beim Durchsetzen ihrer Ziele wie die Splittergruppe der Assassinen.

Hassan-e Sabbah - der erste Terrorist im Morgenland.

Schnell nahm die Truppe durch Tricks, Gewalt und Bestechung weitere Festungen am Kaspischen Meer ein. Die Bastion Lamassar kam dazu, auch Militärschlösser mit so klingenden Namen wie Mansura ("Siegreiche") oder Saadet-Kuh ("Berg der Glückseligkeit").

Der Anführer verblieb derweil in seiner Kommandozentrale Alamut, die er die nächsten 40 Jahre nicht mehr verließ.

Er stützte sich dabei auf eine Kaste von Fedajin ("Geweihte"), die - modernen Schläfern gleich - als Schuster, Schmiede oder Soldaten unauffällig im Seldschukenstaat Dienst taten, ehe sie auf Befehl des Großmeisters zur Waffe griffen.

Zwei, vier, einmal sogar elf Angreifer schlugen gleichzeitig zu. Höchste Würdenträger, darunter Sultane und Kalifen, wurden gemeuchelt.

Wie klug man die Attentate plante, beweist der Anschlag vom 16. Mai 1116 anlässlich eines Empfangs im Palast von Bagdad. Laut weinend, als Bittsteller getarnt, trat ein Attentäter an einen verhassten Fürsten aus Aserbaidschan heran und stach ihm in den Leib.

Verdutzt zog sich der Verletzte den Dolch aus dem Bauch - erhielt aber von einem Spießgesellen gleich den nächsten Stich. Zwar haute die Wache beide Männer nieder. Doch zum Erstaunen aller sprang plötzlich ein Dritter hervor und versetzte der Zielperson den finalen Stoß.

Wütende Razzien folgten, es kam zu Massenhinrichtungen von Assassinen, ihre gut geschützten Himmelsfestungen wurden bestürmt, bis die Belagerten vor Hunger "Späne, Holz und die Kerne und Wurzeln von Pflanzen" aßen, wie ein Chronist berichtet. Einem enttarnten Missionar zogen die Seldschuken die Haut ab und stopften sie aus.

Doch der Klub der Rächer blieb auf Erfolgskurs. Um 1100 expandierte er ins ferne Syrien, zuerst nach Aleppo, dessen Emir ein geheimer Anhänger der Assassinen war.

Die Zeit war günstig für Chaos und Umstürze. Wenige Jahre zuvor hatten die ersten Kreuzfahrer das Heilige Land erreicht. Im allgemeinen Durcheinander brachten die Assassinen mehrere Burgen im Hinterland in ihren Besitz. Wilhelm von Tyrus, Kanzler des Königreichs Jerusalem, bezifferte die Zahl ihrer Kämpfer auf 60.000 Mann. So ergab sich eine bizarre Situation: An der Küste saßen die bewaffneten Christen. Dahinter erhoben sich, oft noch in Sichtweite, die Festungen der Assassinen. Kadmus, auf einem Felskegel gelegen, lag kaum zwanzig Kilometer von der Ordensburg der Johanniter entfernt.

Nur, was passierte in diesen Basteien des Todes? Die Europäer tippten auf Drogenrausch. Man habe den Attentätern einen "berauschenden Trunk" eingeflößt, der ihnen das Paradies vorgaukelte, meinte Abt Arnold von Lübeck. So mache man die Messer-Märtyrer willig.

Richtung Gehirnwäsche weisen auch frühe arabische Texte, in denen die Geheimbündler "Haschischiten" genannt werden. Der Buchautor Halm deutet den Ausdruck allerdings als nicht wörtlich zu verstehende "Beschimpfung", eher so, als würde man heute jemanden als "Bekifften" einstufen.

Entschieden ist die Drogensache aber noch nicht. Vielleicht griffen die Assassinen wirklich zu Opium oder Marihuana. Andererseits: Durchgeknallt handeln konnten sie auch ohne Haschisch. Das beweist ihr gnadenloser Umgang mit dem Fatimiden-Kalifat von Kairo.

Diese Dynastie hatte weite Teile Nordafrikas unter ihre Kontrolle gebracht und zählte eigentlich zu den Verbündeten der Assassinen. Denn auch sie hing der ismailitischen Lehre an. Aus dem ägyptischen Herrschergeschlecht erwuchs sogar der jeweils rechtmäßige Imam, den auch die Assassinen verehrten.

Doch im Jahr 1094 kam es in Kairo zu einer Revolte. Der Wesir Afdal ließ den Kronprinzen Nizar, offiziell der 19. Imam, beseitigen. Stattdessen setzte er einen jüngeren Bruder auf den Thron. Später vergiftete er ihn und vermählte dessen vierjährigen Sohn mit seiner eigenen Tochter.

Die Leute im 2000 Kilometer entfernten Alamut zürnten. Erneut hatte ein Trickser den Stammbaum Mohammeds für seine Zwecke umgebogen. Bei einem Ausritt Afdals im Dezember 1121 stürzten vier Männer aus dem Laden eines Mehlhändlers, rissen den Wesir vom Ross und töteten ihn.

Nun tobten auch am Nil die Ränke. Die dortigen Sultane schützten sich mit Brustpanzern, sie schliefen nachts mit Schwertern und verstärkten ihre Leibgarden.

Die syrischen Assassinen standen mittlerweile im Ruf fast mythischer Scheußlichkeit. Ihr Boss agiere "in strengster Heimlichkeit" und halte sich "dauernd vermummt", so ein Chronist.

Zum Schrecken trug bei, dass man in Alamut nun sogar Glaubenstabus brach. Im Jahr 1164 rief der Anführer die "Endzeit" aus. Die Gesetze des Koran seien überflüssig, meinte er, man werde die paradiesische Urreligion Adams ausüben, die ohne alle Gängelei auskomme. Das fünfmalige Beten, auch der Fastenmonat Ramadan wurden abgeschafft - und das Weintrinken erlaubt.

Der Schlagkraft des Geheimordens tat das keinen Abbruch. Allein die Seldschuken verloren Dutzende Muftis, Kadis, auch Polizeikommandanten und Emire. Ermordet wurden die Opfer in Moscheen, bei Empfängen oder im Schlaf.

Sultan Saladin dagegen hatte Glück. Beim ersten Angriff der Assassinen passten seine Wachen auf. Beim zweiten Streich verhedderte sich der Attentäter mit dem Dolch am Kettennetz unter Saladins Mütze. Das Opfer kam mit einem Kratzer an der Wange davon. Fortan ging der Sultan nicht mehr im Zelt zu Bett, sondern in einem hölzernen Turm.

Angst war eine wichtige Waffe im Arsenal der Assassinen. Nur die Kreuzritter ließen sich kaum einschüchtern. Die Zahl der ermordeten "christlichen Fürsten" sei "sehr gering", schreibt Halm. Eine Weile zahlten die Assassinen sogar Geld an den Orden der Tempelritter. Halm nennt sie "Vasallen" des Kreuzes.

Am Ende oblag es den brachialen Mongolen, die Macht der Profikiller zu brechen. 1256 brachten die Kämpfer aus der Steppe ihre Katapulte gegen Alamut in Stellung. Das Adlernest fiel.

Über 40 Burgen der Assassinen wurden danach geschleift. Zuletzt fiel das Gipfelbollwerk Gerd-Kuh auf einem 300 Meter hohen Felsbuckel. An seinem Fuß liegen noch heute die Kugeln der mongolischen Steinschleudern. Danach war Ruh.

Umso mehr verblüfft, dass es den Meuchelverein heute immer noch gibt, allerdings in gezähmter Form. Der jetzige Sektenführer hat den Dolch mit dem Golfschläger vertauscht. Die Rede ist von dem Jetsetter, Milliardär und Kulturstifter Karim Aga Khan IV. Nach offizieller Zählung ist er der 49. Imam der Assassinen.

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