AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2017

Audi Absturz einer deutschen Edelmarke

Der Autokonzern Audi leidet unter Dieselskandal, Führungschaos und sinkenden Gewinnen. Doch die Lehrlinge fertigen Zigarrenschneider für Vorstandsmitglieder an. Was ist da los?

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Der Zugriff der Staatsanwaltschaft erfolgte diesmal diskret. Anfang dieser Woche erschienen Beamte vor der Wohnung von Giovanni P. und präsentierten dem gebürtigen Italiener, der jahrelang verantwortlich für die Dieselmotorenentwicklung bei Audi gewesen ist, einen Haftbefehl.

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Heft 28/2017
Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Genuss

Kein Kameramann hielt die Szene fest, kein Journalist wurde Augenzeuge. Ganz anders als bei der großen Durchsuchungsaktion vor knapp vier Monaten, als Ermittler kistenweise Dokumente und Datenträger aus Büros von Audi-Managern in Ingolstadt geschleppt hatten, auch aus dem des Audi-Chefs Rupert Stadler. Fotografen konnten die Aktion in zahllosen Bildern festhalten, weil sie sich an diesem Tag zur Präsentation der Audi-Bilanz in Ingolstadt eingefunden hatten.

Mit der Festnahme des Motorenentwicklers Giovanni P. aber hat der Fall eine neue Dimension erreicht: Erstmals sitzt nun auch in Deutschland ein hochrangiger Auto-Manager wegen Betrugsverdachts im Dieselskandal hinter Gittern. Bislang war das nur in den USA der Fall.

Dort hatten die Behörden im Januar den VW-Manager Oliver Schmidt nach einem Urlaub in Miami festgenommen. Fünf weitere Manager des Volkswagen-Konzerns sind von den USA weltweit zur Fahndung ausgeschrieben. Zum Haftprüfungstermin wurde Schmidt in orangefarbener Häftlingskleidung mit Hand- und Fußfesseln vorgeführt.

Ihm droht eine lange Gefängnisstrafe wegen Verschwörung zum Betrug und Verstoß gegen US-Umweltgesetze.

Die Strategie der US-Behörden ist offensichtlich: Sie setzen Manager der mittleren Ebene unter Druck, in der Hoffnung, dass diese ihnen Hinweise darauf geben, wer auf den oberen Etagen an dem Betrug beteiligt war.

Im Fall von Giovanni P. könnte es ähnlich laufen. Die Münchner Staatsanwälte dürften bereits über detaillierte Informationen zu den manipulierten Dieselmotoren bei Audi verfügen und nun versuchen, die Verantwortlichen für den Betrug dingfest zu machen. Juristen rechnen damit, dass Giovanni P. Anfang kommender Woche wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden könnte, wenn er mit den Behörden kooperiert. Sein Anwalt war bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Festnahme des Audi-Entwicklers zeigt, wie stark die Ingolstädter Marke mittlerweile ins Zentrum des Dieselskandals gerückt ist. Die Betrugssoftware, die US-Behörden in Volkswagen-Dieselmotoren entdeckt haben, hatte ihren Ursprung bei Audi, wo sie unter dem Namen "Akustikfunktion" entwickelt wurde. In den USA enthalten zudem rund 80.000 Drei-Liter-Dieselmotoren von Audi eine verbotene Abschaltvorrichtung. In Deutschland kündigte Verkehrsminister Alexander Dobrindt vor Kurzem den Rückruf von 24.000 Audi-Modellen an, weil sie eine "unzulässige Abschalteinrichtung" enthielten. Und auch das Getriebe, das im Porsche Cayenne nur im Prüfmodus niedrige Abgaswerte produziert, stammt von Audi (SPIEGEL 24/2017).

Rupert Stadler, der Audi seit zehn Jahren führt, fiel daraufhin nichts Besseres ein, als den Verkehrsminister zu beschimpfen. Bei dessen öffentlicher Audi-Schelte werfe "vielleicht der Wahlkampf seine Schatten" voraus, sagte Stadler.

Das war daneben, befand auch Konzernchef Matthias Müller. Er sorgt sich nicht nur um das Image von Audi, sondern auch um die Zukunft der Tochter, von deren Gewinnen der gesamte VW-Konzern abhängt. Die Ingolstädter Marke fährt auch wirtschaftlich in eine Krise. Die Kosten sind zu hoch. Die Rendite bricht ein. Den "Vorsprung durch Technik", mit dem Audi wirbt, haben Mercedes-Benz, BMW und Tesla inne.

Müller
KOALL/ EPA/ REX/ Shutterstock

Müller

Die Marke müsste eine Strategie für den Wandel zur Elektromobilität entwickeln. Aber wer kann in diesem Unternehmen noch weitreichende Entscheidungen treffen? Die Vorstände für Vertrieb (Dietmar Voggenreiter), Personal (Thomas Sigi) und Produktion (Hubert Waltl) stehen zur Disposition. Der Vorstandsvorsitzende Stadler muss seinen Platz räumen, sobald ein Nachfolger gefunden ist. Doch die Suche gestaltet sich schwierig.

Es ist der perfekte Sturm, der Audi erfasst hat, und es ist niemand in Sicht, der das Schiff steuern könnte. Das muss sich auch VW-Chef Müller vorwerfen lassen, der als Aufsichtsratsvorsitzender von Audi zu lange an Stadler festgehalten hat.

Möglicherweise entscheiden demnächst andere, wer bei Audi für Führungsfunktionen infrage kommt: Staatsanwälte, die offenbar entschlossen sind, die Verantwortlichen für den Dieselbetrug zu ermitteln.

Die Münchner Ermittler scheuen dabei auch vor eher ungewöhnlichen Aktionen nicht zurück. Sie beschlagnahmten bei ihrer Durchsuchungsaktion im März nicht nur bei Audi Material, sondern auch bei der Kanzlei Jones Day. Deren Anwälte sollten im Auftrag des Volkswagen-Konzerns den Dieselskandal intern aufklären. VW hatte versprochen, den Abschlussbericht der Kanzlei zu veröffentlichen, den Termin dann jedoch immer wieder verschoben und schließlich verkündet, man werde die Dokumente nicht präsentieren.

Dass der Konzern die Unterlagen nicht einer breiten Öffentlichkeit zeigen will, ist schlimm genug. Aber Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und Konzernchef Müller versicherten auch, man werde bei der Aufklärung des Dieselskandals vollumfänglich mit den Behörden kooperieren. Und sie haben auch dieses Versprechen gebrochen.

Die Anwälte von Jones Day erstatteten den Münchner Staatsanwälten zwar mündlich Bericht über Audi. Schriftliche Unterlagen, unter anderem Protokolle der Befragungen von mehr als hundert Managern, übergab das Unternehmen den staatlichen Ermittlern aber nicht.

Die Staatsanwaltschaft besorgte sich die Unterlagen mit einem Durchsuchungsbeschluss. Aber der VW-Konzern zeigte sich nicht einsichtig. Er klagte gegen die Beschlagnahme. Das Landgericht München wies die Klage ab und beschied dem VW-Konzern, eine vorbehaltlose Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern habe nicht stattgefunden. Volkswagen will auch gegen dieses Urteil vorgehen.

Agiert so ein Unternehmen, das den Skandal aufklären will?

Die Münchner Staatsanwälte haben auch ohne Berücksichtigung der Jones-Day-Unterlagen ein recht genaues Bild davon, wie es bei Audi zum Dieselbetrug gekommen ist. Die Manager hätten "zwei Strategien ersonnen, die bewirken, dass die Abgasnachbehandlung im Rahmen eines Testzyklus hohe Leistungen erbringt und die Grenzwerte einhält", heißt es im Durchsuchungsbeschluss. In dieser Phase wird eine ausreichende Menge Harnstoff zugeführt, der Stickoxide in die harmlosen Bestandteile Stickstoff und Wasser aufspaltet. "Außerhalb des Testzyklus geschieht dies nicht." Die Tanks für die Harnstofflösung waren zu klein.

Das Thema der kleinen AdBlue-Tanks könnte auch ein Fall für die Kartellwächter werden. Dem Bundeskartellamt und der Brüsseler Wettbewerbskommission liegen Hinweise vor, nach denen sich Audi und andere Autohersteller über die Tankgrößen und ihre AdBlue-Strategie abgesprochen haben, beispielsweise am Rande des Pariser Autosalons im Oktober 2010. Ziel soll es gewesen sein, dass keiner der Konkurrenten deutlich größere AdBlue-Tanks verbaut, um bei Behörden und Kunden keine Nachfragen zu provozieren.

Noch haben die europäischen Wettbewerbshüter kein Verfahren eingeleitet. Allerdings will die Brüsseler Kartellbehörde mögliche Zeugen befragen. Die Autokonzerne wollen dazu nicht Stellung nehmen.

So entwickelt sich der Dieselskandal wie ein Geschwür, das weiterwuchert und an immer neuen Stellen Metastasen bildet. Wie groß der Schaden für Audi, den VW-Konzern und möglicherweise andere Autohersteller wird, ist nicht abzusehen.

Die Ermittlungen der Münchner Staatsanwaltschaft richten sich auf Beteiligung am Betrug "in mindestens 80.000 tateinheitlichen Fällen in Tateinheit mit verbotener Werbung", wie es im Durchsuchungsbeschluss heißt.

Die Verantwortlichen hätten zumindest billigend in Kauf genommen, dass "sich die Erwerber durch die Kaufverträge zur Zahlung eines Kaufpreises verpflichteten, der nicht dem Wert des erworbenen Kraftfahrzeugs entsprach". Den Käufern sei "eine Einbuße in ihrem Vermögen" entstanden.

Neben Giovanni P. führt die Staatsanwaltschaft München II inzwischen mehrere Audi-Manager als Beschuldigte. Gegen Mitglieder des Audi-Vorstands richten sich die Ermittlungen bislang nicht, heißt es im Umfeld der Behörde. Immerhin.

Die Audi-Vorstände haben genug zu tun; mit sich selbst und mit den Folgen des eigenen Missmanagements der vergangenen Jahre, unter dem die Marke jetzt leidet.

Der Verkauf des Volumenmodells A4 bleibt um rund 50.000 Stück hinter den Planungen zurück, wohl auch, weil das neue Modell sich optisch kaum vom Vorgänger unterscheidet. In Ingolstadt sorgen sich Arbeitnehmervertreter bereits um die Zukunft des Werks. Rund 600.000 Fahrzeuge können dort jährlich produziert werden. Erste Planungen des Managements für die kommenden Jahre sehen aber nur noch eine Montage von 400.000 Autos vor.

In Bedrängnis gerät die Fabrik vor allem, weil Audi-Chef Stadler eine Zusage nicht eingehalten hat. Stadler hatte den Arbeitnehmervertretern versprochen, wenn diese dem Bau des Geländewagens Q5 in Mexiko zustimmten, würde im Werk in Ingolstadt eine flexible Produktion eingeführt. Auf den Bändern in Ingolstadt könnten wahlweise der A3, der A4 und der Q2 montiert werden. So sollte gewährleistet werden, dass die Fabrik stets ausgelastet ist.

Stadler
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Stadler

Doch dann strich Audi die notwendigen Investitionen von 200 Millionen bis 300 Millionen Euro. Deshalb müssen derzeit Arbeiter am Montageband für den A3 und den Q2 Zusatzschichten fahren, während ihre Kollegen an der Produktionslinie, auf der der A4 gefertigt wird, vorzeitig nach Hause geschickt werden.

In der Führungsetage geht es nicht weniger chaotisch zu. Audi-Manager haben in einem Dossier vernichtende Urteile über Vorstände gesammelt. Einer wird als "ängstlich getrieben und im Vorstand nicht akzeptierter Erbsenzähler" beschrieben, ein anderer als "intellektuell schnell überfordert". Zu Audi-Chef Stadler steht in dem Papier: "Keine Visionen, kein strategisches Zielbild." Ein Mitarbeiter beschwerte sich in einem Brief an den Ombudsmann über Produktionsvorstand Waltl. Der habe vom Werkzeugbau "Manufakturartikel" herstellen lassen, Zigarrenschneider, eine Serrano-Schinken-Schneidemaschine und Magnumflaschenhalter, die er an Vorstände verschenkt habe. Die Revision prüfte die Vorwürfe und kam zu dem Ergebnis, dass Waltl nichts vorzuwerfen sei. Azubis hätten die Teile im Rahmen ihrer Ausbildung hergestellt. Und so sagt der Brief vielleicht weniger darüber aus, wie es bei Audi zuging, sondern mehr darüber, wie es jetzt bei Audi zugeht: Der Autobauer ist nach dem Dieselskandal in Aufruhr, die Zeit der Heckenschützen ist gekommen.

In dieser Lage ist der Aufsichtsrat gefordert. Eine einfache und schnelle Lösung gibt es nicht. Zuerst muss die Führungsfrage geklärt werden. Doch selbst wenn es den Kontrolleuren gelingt, überforderte Vorstände zu ersetzen und auch einen Nachfolger für Audi-Chef Stadler zu finden: Audi wird auf absehbare Zeit hinter Mercedes-Benz und BMW herfahren. Eine neue Führung kann zwar eine neue Modellstrategie beschließen. Aber bis die Fahrzeuge auf den Markt kommen, vergehen noch viele Jahre.

Nicht nur die deutschen Konkurrenten Mercedes-Benz und BMW sind da schon weiter. In dieser Woche verkündete Volvo, dass die Schweden von 2019 an nur noch neue Modelle auf den Markt bringen wollen, die zumindest teilweise elektrisch angetrieben werden. Vorsprung durch Technik muss wohl ins Schwedische übersetzt werden: Laddad med innovation.



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zeichenkette 08.07.2017
1. Nur als Hinweis
Der Spiegel fliegt bald aus meinem RSS-Feed, wenn die Bezahl-Artikel weiterhin nicht im Titel erkennbar sind. Es ist unglaublich nervig, einen Artikel zu beginnen und dann beim ersten runterscrollen zu merken, dass er Geld kostet. Dasselbe gilt für diese unsäglichen Bento-Artikel, die ihr dazwischen mogelt. Ich verzichte auf Dauer lieber ganz auf SPON als mir laufend solche Aufmerksamkeitstrojaner unter die Augen mogeln zu lassen.
opinio... 08.07.2017
2. Motorenentwickler
sind auch bei AUDI, die, die die Arbeit tun. Verantwortlich ist immer noch das Management. Bei der Mafia werden die Kleinen gefasst oder erschossen. Die Bosse haben Verbindungen. Audi hat Lobby, und das nicht erst seit gestern! Es ist Zeit für einen Wechsel zum Gemeinwohl als Ziel, nicht als Nebenprodukt des Onvestorenwohkstands!
zensurgegner2017 08.07.2017
3.
Guter Artikel Und ein weiterer Sargnagel für VW VW wird auf längere sicht bankrott gehen, zu gering sind die Margen, zu unflexibel der Konzern, zu sehr sind die Manager damit beschäftigt, lieber Multimilliarden zu versenken als eiene Straftaten zuzgeben. Zudem hat der VW Konzern keine Führungspersonen mehr an Bord, zumindest keine, die Rückrad und Visionen haben. Alle aktuellen Manager haben mehr damit zu tun, das eigene Versagen zu vertuschen
Blindleistungsträger 08.07.2017
4. Was ist da los?
ZITAT: "Die Lehrlinge fertigen Zigarrenschneider für Vorstandsmitglieder." Vorsprung durch Technik - Rückschritt durch Dekadenz.
acitapple 08.07.2017
5.
Größenwahn ? Man wollte einfach das biedere Image von früher loswerden und ganz cool werden. Ich fand es nicht schlimm, dass die so ein Spießer-Image hatten, denn die Vorteile der alten Audis waren fast auf Augenhöhe mit Mercedes: Top-Qualität, Langlebigkeit, Zuverlässigkeit, kein Rost, technische Innovationen. Erinnert sich noch jemand an die tollen 5-Zylinder ?
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