AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Neue Terrorgefahr in Deutschland Dem Weihnachtsmann den Kopf abschneiden

Auf einen Weihnachtsmarkt in Karlsruhe war offenbar ein Anschlag geplant. Das zeigt, wie gefährlich islamistische Terroristen in Deutschland sind.

Möglicher Anschlagsort vor dem Karlsruher Schloss
Uli Deck / DPA

Möglicher Anschlagsort vor dem Karlsruher Schloss

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Das Ende der monatelangen Überwachung kam abrupt. Mit einem Faustschlag streckte ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos Baden-Württemberg am Mittwoch den 29-jährigen Dasbar W. in Karlsruhe auf offener Straße nieder. Dann wurde der Verdächtige festgenommen.

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Heft 52/2017
Was Christentum und Islam verbindet und trennt

Ein Jahr nach dem Berliner Lkw-Anschlag von Anis Amri hatten die Beamten ein ähnliches Verbrechen befürchtet, diesmal am Karlsruher Weihnachtsmarkt. Dort seien vor den Feiertagen Hunderte, vielleicht auch Tausende Menschen versammelt, hat Dasbar W. offenbar gegenüber einem V-Mann der Polizei geschwärmt. Am dritten Advent soll er sich auf YouTube eine MDR-Reportage angeschaut haben: "Wie sicher sind Antiterror-Betonsperren?" Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre in Deutschland ein Schreckensszenario der Sicherheitsbehörden beinahe Realität geworden.

Denn Dasbar W. ist kein Flüchtling wie Amri oder die Attentäter von Ansbach und Würzburg.

Er ist ein deutscher Staatsbürger, geboren in Freiburg im Breisgau, der mehrfach in den Nordirak reiste und dort womöglich von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeworben wurde. Sein mutmaßlicher Kampfname: "Abdullah".

Intensiv hat sich Deutschland in den vergangenen Wochen mit der Trauerarbeit zum Jahrestag des Berliner Attentats beschäftigt. Die Leiden der Überlebenden und Hinterbliebenen rückten endlich in den Vordergrund (SPIEGEL 49/2017).

Festgenommener Dasbar W. auf dem Weg zum Haftrichter: Rund um die Uhr von Ermittlern überwacht
Christoph Schmidt / DPA

Festgenommener Dasbar W. auf dem Weg zum Haftrichter: Rund um die Uhr von Ermittlern überwacht

Kurz vor Weihnachten ruft die Festnahme von Karlsruhe nun in Erinnerung: Die Anschlagsgefahr ist nicht gebannt. Ausgerechnet die IS-Niederlagen in Syrien und dem Irak verschärfen hierzulande das Risiko - viele IS-Rückkehrer gelten als potenzielle Attentäter. "Wir hatten es mit einer sehr ernsten Bedrohung zu tun", sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl nach der Festnahme von Dasbar W.

Mehr als 960 Männer und Frauen sind seit 2011 aus Deutschland in die Kriegsgebiete des Nahen Ostens gereist. Etwa 150 von ihnen sind inzwischen tot. Ein Drittel ist bereits zurückgekehrt, der Rest lebt noch im bisherigen Konfliktgebiet und könnte bald nach Hause kommen.

Geheimdienste und Polizei haben schon länger vor den Rückkehrern gewarnt. Sie könnten als Killerkommandos vom IS geschickt worden sein. Oder als verrohte, indoktrinierte und traumatisierte Ex-Kämpfer in Deutschland aus eigenem Antrieb ihren Krieg fortführen wollen.

Der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 prophezeite vor einigen Wochen, mit dem physischen Ende des IS stehe man vor einer "Zeitenwende". In Großbritannien sei die Terrorgefahr "so hoch wie nie". Seine deutschen Kollegen sehen die Situation nur wenig entspannter. Es sei "verstärkt mit Anschlägen in Europa" zu rechnen, heißt es intern.

Wie die Ermittler rekonstruierten, war Dasbar W. bereits seit Frühjahr 2015 in einem islamistischen Chatroom im Internet aktiv. Dort soll er IS-Kämpfer als Helden bejubelt haben. Monatelang habe er mit rund 30 gleichgesinnten Chatpartnern geplaudert.

Im Sommer desselben Jahres reiste W. in den Irak, besuchte offenbar Verwandte - und suchte nach Erkenntnissen der Behörden Kontakt zu IS-Mitgliedern. Im März 2016 kam er zwar zurück nach Deutschland, doch wenig später war Dasbar W. schon wieder im Irak. Dort soll er sich nach Auffassung der Bundesanwaltschaft dem IS angeschlossen und das Schießen gelernt haben. Auf seinem iPhone entdeckten die Ermittler später ein Video, das ihn an einem Schießstand in den Bergen zeigt, wo er mit einem Gewehr einen Übungsschuss abfeuert. Im Hintergrund wird offenbar Kurdisch gesprochen.

Im Sommer 2017 landete er wieder in Deutschland. Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg und der Generalbundesanwalt ermittelten nun mit großem Aufwand gegen ihn. Sie überwachten W. rund um die Uhr und hörten ihn ab. Sogar seine Wohnung verwanzten sie. Nun konnten die Fahnder mithören, wie er anscheinend Lieder über die "Soldaten des Kalifats" hörte und davon sprach, als Märtyrer sterben zu wollen. Einmal hätten sie sogar gehört, wie er bekundete, er sei "nicht mehr gegen Menschenmengen". Er lachte offenbar dabei. Wollte er damit sagen, er könne sich auch einen Anschlag auf eine Menschenmenge vorstellen? Dazu kam es nicht. Aber seinen Willen zum Losschlagen haben die Behörden aus ihrer Sicht gut dokumentiert. Sollten sie recht behalten, hat W. Gesprächspartner zu Waffen befragt, mit ihnen über Sprengstoff und Bomben gesprochen - und den Platz vor dem Karlsruher Schloss ausgespäht, wo während des Weihnachtsmarkts Stände und eine Eisbahn aufgebaut sind. Er habe geeignete Zufahrten gesucht und die Örtlichkeiten gefilmt.

Viele Vorwürfe der Fahnder beruhen auf den Aussagen eines V-Manns des LKA. Manches davon hat sich bei Durchsuchungen und beim Abhören offenbar bestätigt.

Der Strafverteidiger von Dasbar W., Marc Jüdt, erklärt jedoch: "Mein Mandant bestreitet vehement, jedwede Anschlagspläne gehabt zu haben." Warum sich europäische IS-Mitglieder in Deutschland - anders als in Frankreich - bislang eher zurückhielten, ist für viele ein Rätsel. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg verweist darauf, dass in Frankreich eher Marokkaner und Tunesier die islamistische Szene bestimmten; beide Nationen hätten auch die größten Kontingente ausländischer Kämpfer beim IS gestellt. In Deutschland dagegen gebe es viele Ex-Kämpfer mit türkischen Wurzeln, und diese folgten der Ideologie der arabisch geführten Terrororganisationen weniger leidenschaftlich.

Die Erfahrungen in Großbritannien und Frankreich zeigten aber, so Steinberg, dass die Rückkehrer die "mit Abstand größte Gefahr für die innere Sicherheit Europas sind".

Bislang sind etwa 500 im IS-Gebiet verbliebene Islamisten zwar nicht nach Deutschland zurückgekehrt. Sie dürften es schwer haben, die Heimreise anzutreten, selbst wenn sie dies wollten. Dennoch, so sagt ein ranghoher Sicherheitsbeamter, müsse man "jederzeit mit einer größeren Rückkehreranzahl rechnen".

Wohnhaus des Beschuldigten
Uli Deck / DPA

Wohnhaus des Beschuldigten

In Deutschland sind nun auch deswegen Aussteiger- und Deradikalisierungsprogramme für Islamisten besonders gefragt. Die Herausforderungen sind groß: "Je länger Personen im IS-Gebiet waren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tief in das verbrecherische System verstrickt waren", sagt Thomas Mücke, der Geschäftsführer der Deradikalisierungsorganisation Violence Prevention Network.

Frühere Rückkehrer hatten oft nur wenige Monate beim IS gelebt, bis sie teils desillusioniert der Terrorgruppe den Rücken kehrten. Die Männer und Frauen, die jetzt aus dem Kriegsgebiet zurückkämen, hätten dagegen teils Jahre beim "Islamischen Staat" verbracht. Sie bilden den harten Kern.

Deradikalisierung ist aufwendig und braucht viel Zeit und gutes Personal. Mindestens ein, eher zwei Jahre nach der Entlassung aus dem Gefängnis müssten die ehemaligen IS-Leute intensiv betreut werden, sagt Mücke. Und selbst dann sei der Erfolg nie sicher: "Die Gefahr eines Rückfalls ist immer da." Aktuell befinden sich nur rund 40 Prozent der Rückkehrer in Haft, so eine interne Schätzung aus den Sicherheitsbehörden. Und auch sie werden irgendwann wieder in Freiheit sein. Dabei ist die Szene, in die ehemalige IS-Leute zurückkehren könnten, in Deutschland so groß wie nie.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet rund 10800 Männer und Frauen als Salafisten. Etwa 1870 von ihnen hält das Amt für islamistisch-terroristisch. "Wenn die Leute in diese Strukturen zurückkehren, sind sie für Aussteigerprogramme praktisch nicht mehr erreichbar", sagt ein langjähriger Staatsschützer.

Und es sind nicht nur die kämpfenden Männer, die nach Deutschland zurückkommen. Es gibt auch die Frauen und Kinder. "Wir sehen die Gefahr, dass Kinder von Dschihadisten islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückkehren", sagte Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen kürzlich. "Damit könnte auch hier eine neue Dschihadisten-Generation herangezogen werden." Dass der IS systematisch Kinder seiner Mitglieder indoktriniert hat, steht außer Zweifel: Man findet Videos im Internet, auf denen kleine Kinder ermutigt werden, Gefangene des IS mit einer Pistole in den Kopf zu schießen. Es gibt Bilder, die Kindersoldaten auf Häuserdächern zeigen, in der Pose eines eiskalten Scharfschützen. Mathematikbücher des IS stellen Rechenaufgaben, in denen statt Äpfeln und Birnen Kalaschnikows addiert werden müssen. Es sei noch schwer abzusehen, sagt eine Verfassungsschützerin, wie sich dieser Verlust an Empathie auf die spätere Persönlichkeitsentwicklung auswirken werde.

Verfassungsschutzpräsident Maaßen: "Eine neue Generation von Dschihadisten"
Michael Kappeler / DPA

Verfassungsschutzpräsident Maaßen: "Eine neue Generation von Dschihadisten"

Eine Ahnung davon bekam Ende 2015 der Berliner Taxiunternehmer Khodor R., als sein sechsjähriger Neffe unvermittelt sagte, man müsse dem Weihnachtsmann den Kopf abschneiden. Der Junge war gerade vom IS aus Syrien zurückgekehrt, wohin ihn seine Mutter mit den Geschwistern zehn Monate zuvor verschleppt hatte.

Zwar hatten die Kinder beim IS kein Ausbildungscamp absolviert. Dennoch seien sie traumatisiert und "wie gehirngewaschen" aus Syrien zurückgekehrt, berichtet ihr Onkel. Der Ältere habe nachts wieder eingenässt.

Sobald ein Polizeiauto vorbeifuhr, habe er von den "Kuffar" geredet, den Ungläubigen. Er habe dann mit seiner Hand eine Waffe geformt und spielerisch auf das Auto geschossen. Die Oma wollte er zunächst nicht umarmen, weil auch sie eine "Kuffar" sei, so wie fast alle anderen in der Nachbarschaft. Zur Sicherheit hätten sie zu Hause erst mal alle Messer weggeräumt.

Nur weil die Kinder den Onkel als Autorität anerkannten, sei es ihm gelungen, ihre Denkweisen und ihr Verhalten Schritt für Schritt zu verändern, erzählt der Taxiunternehmer. Heute seien sie wieder normal - auch, weil sie dem Einfluss ihrer radikalen Mutter entzogen wurden.

Rund 50 Frauen sind bislang aus dem IS-Gebiet nach Deutschland zurückgekommen. Die allerwenigsten wurden in Haft genommen. Strafrechtlich verfolgt wurden diese mitreisenden Ehefrauen bislang nur, wenn sie Terrororganisationen vor Ort konkret unterstützt oder gar gekämpft hatten.

Aber die Behörden fürchten sie als Mütter und als Personen mit gesellschaftlichem Einfluss. "Sie gehen in ihre alten Strukturen zurück", sagt ein hochrangiger Beamter, "dort sind sie nicht greifbar." Sie seien oftmals viel tiefgreifender ideologisiert als ihre Männer.

Wie das aussehen kann, schrieb eine islamistische Mutter kürzlich auf Facebook. Unter der Überschrift "Heute am Esstisch" berichtete sie, ihr anderthalbjähriger Sohn habe angefangen, mit dem Essen zu spielen. "Bist du fertig? Dann geh spielen", habe seine dreieinhalbjährige Schwester daraufhin zu ihm gesagt: "Geh Kuffar töten! Töte Kuffar!" "Gott segne meine Kinder!", schrieb die stolze Mutter unter die Episode.

Auch deswegen will der Generalbundesanwalt jetzt härter gegen die Dschihad-Frauen vorgehen und sie wegen der Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vor Gericht bringen. Ein Präzedenzfall dafür ist derzeit in Karlsruhe beim Bundesgerichtshof anhängig.

Es geht um die Islamistin Sibel H. aus Offenbach. Vor Jahren suchte sie im Internet einen "Löwen" zum Heiraten. Sie fand ihn in Ali S., einem Kampfsportler aus Frankfurt, der in Syrien in den Reihen des IS gekämpft hatte.

Die beiden heirateten im Herbst 2013, doch ihr Glück im Dschihad währte nur kurz. Schon wenige Monate später starb Ali S. bei einem Gefecht. Sibel H. reiste daraufhin zurück nach Deutschland und traf in ihrer Heimat Deniz B. - einen Mann, den die Polizei als Sexualstraftäter führt, weil er sich in der Vergangenheit an Kindern vergriffen haben soll. Zum Entsetzen von B.s Familie, die ihren Sohn von einer "schwarzen Witwe" umgarnt sah, zogen die beiden wieder ins Kriegsgebiet.

Sie blieben beim IS, bis die irakische Armee sie gefangen nahm. Nun sitzen sie im irakischen Erbil im Gefängnis, mit einem gemeinsamen Kind.

Der Generalbundesanwalt hat für Sibel H. inzwischen einen Haftbefehl beantragt. Der Bundesgerichtshof hat den Haftbefehl abgelehnt, die Bundesanwaltschaft hat dagegen Beschwerde eingelegt. Es ist unklar, wie der Fall ausgehen wird.

Sollte der Generalbundesanwalt sich mit seiner härteren Linie durchsetzen, hätte es einen nützlichen Nebeneffekt für Sibel H. und andere Frauen in irakischer Haft. Sie könnten auf eine Haftstrafe in Deutschland hoffen. Die dürfte angenehmer sein als ein Aufenthalt in einem irakischen Gefängnis.

Und Dasbar W.? Wie radikal er dachte, wie ernsthaft er den Karlsruher Weihnachtsmarkt ins Visier nahm, müssen nun die Ermittlungen des Generalbundesanwalts zeigen. Die Tat von Anis Amri jedenfalls habe W. genau verfolgt, erzählte der V-Mann des LKA Baden-Württemberg.

Die Erinnerung an den Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz, so behauptete der Polizeiinformant, habe Dasbar W. immer wieder in Euphorie versetzt.



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