AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

US-Firma konserviert Gehirne Tiefgefroren in die Zukunft

Die US-Firma Nectome will menschliche Gehirne einfrieren - um das konservierte Bewusstsein dereinst auf einen Computer zu überspielen. Eine Schnapsidee?

Hirnpräparat (kolorierte Aufnahme): Warten auf die Auferstehung
Eberhard Grames/ Bilderberg

Hirnpräparat (kolorierte Aufnahme): Warten auf die Auferstehung

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Eines fernen Tages werden Forscher womöglich auf eine seltsame Sammlung stoßen: tiefgekühlte Gehirne längst verstorbener Menschen, klirrend kalt und nahezu perfekt erhalten.

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Heft 15/2018
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Den Präparaten liegt eine Nachricht bei. Sie besagt: Diese vor langer Zeit entschlafenen Personen möchten bitte wieder zum Leben erweckt werden.

Da werden unsere Forscher sich wohl ihren Teil denken. Haben sie vielleicht Relikte eines verschollenen Aberglaubens entdeckt?

Hinter dem Tiefkühlprojekt steckt die amerikanische Firma Nectome. Die Gründer sind zwei Absolventen der Elitehochschule MIT bei Boston. Sie versprechen, die Gehirne ihrer Kundschaft auf ewig einzufrieren - und das mit unerreichter Detailtreue: Abermillionen einzelne Zellen sollen erhalten bleiben, mitsamt dem Geflecht der Leitungsbahnen und Synapsen, das sie verknüpft.

Noch in diesem Jahrhundert sei die Wissenschaft vermutlich in der Lage, den Gedankeninhalt der Präparate auszulesen. Dann könne man die konservierten Geister auf einen Computer überspielen.

Wie die Zaubertechnik der Zukunft das zuwege bringen soll, weiß natürlich niemand. Die Firma kann immerhin auf den gestandenen Hirnforscher Edward Boyden vom MIT verweisen, mit dem sie zusammengearbeitet hat.

Und sie hat schon rund eine Million Dollar an staatlichen Fördergeldern eingestrichen.

Dass Zukunftsgläubige sich einfrieren lassen, ist nicht neu. Bislang bettete man Verstorbene dafür in flüssigen Stickstoff. Die Methode von Nectome ist etwas aufwendiger: Der Kunde bekommt eine balsamierende Substanz durch die Halsschlagader ins Hirn gepumpt, das fixiert die Zellstruktur. Danach folgt, auf demselben Weg, ein Frostschutzmittel. Es verhindert, dass die Neuronen beim anschließenden Tiefkühlen zerstört werden. Die Temperatur sinkt auf minus 135 Grad Celsius. Dabei verwandelt sich das schwammige Denkorgan in eine glasige, superharte Skulptur - bereit für die Ewigkeit.

Ein kleines Problem muss die Firma allerdings einräumen: Hinreichend lebensecht könne sie nur intakte, gut durchblutete Gehirne konservieren. Deshalb kostet der Wunsch nach Unsterblichkeit leider das Leben: Der Kunde bekommt vor dem letalen Eingriff eine Vollnarkose - ob er je wieder erwacht, wird sich zeigen.

Nectome will die Prozedur wohlweislich nur bei Menschen einsetzen, die ohnehin nur noch Tage zu leben haben. Dann ist es ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung - und in einigen amerikanischen Bundesstaaten nicht strafbar.

Die Firma hat ihre Technik bereits an den Gehirnen von Versuchstieren verfeinert; ein Kaninchen und ein Schwein dürfen nun ebenfalls auf Wiedererweckung hoffen. Für die Generalprobe gewann Nectome im Februar eine schwer kranke ältere Frau. Schon zweieinhalb Stunden nach ihrem Ableben flossen die Konservierungsmittel in ihr Gehirn.

Die Firma ist mit dem Resultat zufrieden. In naher Zukunft will sie ihre Methode erstmals an einem noch lebenden Patienten erproben, der um ärztlich assistierten Suizid gebeten hat.

Aber wofür soll die Technik gut sein? Was sie vom Menschen bewahrt, ist bestenfalls die sauber konservierte Ruine eines Gehirns. Alles Leben darin ist erloschen. Kein Funke mehr vom Geflirr elektrischer Impulse, die vormals durchs Netzwerk sausten.

Übrig bleibt nur das Geflecht der Hirnzellen mit ihren Leitungsbahnen. Lässt sich daraus das Individuum neu erschaffen? Die Hirnforschung macht da wenig Hoffnung. Das Vorhaben mutet an, als wollte man aus einer alten Straßenkarte - Simsalabim - den Verkehr von dazumal hervorzaubern: Welche Autos waren da unterwegs, woher, wohin, zu welchem Zweck? Das Wegenetz, so viel ist sicher, verrät darüber gar nichts.

Der Trick könnte nur funktionieren, wenn das Gehirn eine Art Computer wäre - ein verbreiteter Irrglaube, dem offenbar auch die Firma Nectome anhängt. Ein Rechner lässt sich nach dem Ausschalten jederzeit wieder hochfahren. Das geht, weil er einen Speicher hat, der auch ohne Strom nichts verliert.

Das biologische Gehirn jedoch kennt keinen Ruhezustand, in dem alles unverändert erstarrt. Nach dem finalen Abschalten bleibt, nach heutigem Wissensstand, nichts erhalten. Wofür auch? Mehrfaches Sterben und Wiederauferstehen hat die Evolution nicht vorgesehen.

Dennoch konnte Nectome bereits Anwärter aufs ewige Leben anwerben. 25 Kunden haben sich angeblich bislang auf einer Warteliste eingetragen - und dafür einen Vorschuss von 10.000 Dollar hinterlegt.

Ein verrücktes Projekt? Könnte man meinen, wäre nicht der echte MIT-Professor mit von der Partie. Etliche Fachkollegen fanden gerade das empörend. Gehirne auf Computer hochzuladen sei einfach nicht möglich, sagte Sten Linnarsson vom schwedischen Karolinska-Institut dem Wissenschaftsmagazin des MIT. Solch einem Unsinn Glaubhaftigkeit zu verleihen sei zutiefst unethisch. Am Ende komme noch jemand auf die Idee, "sich umzubringen, um sein Gehirn zu spenden".

Vor wenigen Tagen reagierte die Hochschule. Die Zusammenarbeit mit Nectome werde aufgekündigt, teilte das MIT mit. Die Firma habe überzogene Erwartungen geweckt. Doch die Grundfrage, ob sich Hirnfunktionen aus totem Gewebe rekapitulieren ließen, sei nach wie vor "extrem interessant und aufregend".

Schon die alten Ägypter nutzten die damals neueste Technik, um ihre Mumien erweckungstauglich einzubalsamieren. Sie setzten ihre Hoffnungen nur auf andere Götter.



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