AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Deutsche Aussteigerin Mein bizarres Leben im "Islamischen Staat"

Maryam A. ist Mitte zwanzig, als sie mit ihrem Mann nach Syrien reist, um sich einer Terrormiliz anzuschließen. Hier berichtet sie von ihrem Alltag im "Kalifat", von Terror und Gängelung - und von ihrer lebensgefährlichen Flucht.

Simon Prades / DER SPIEGEL

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Am Anfang stand die Frage: Geht das überhaupt? Kann man einer Person, die zwei Jahre lang beim "Islamischen Staat" in Syrien war, den Raum geben, ihre Geschichte zu erzählen? Würde jemand, der freiwillig zu dieser Terrororganisation gegangen ist, nicht sich selbst von Schuld freischreiben oder den IS in ein milderes Licht rücken wollen?

Vieles würde sich überprüfen lassen, aber nicht alles. Was das Vorhaben erleichterte, war der Umstand, dass es um eine Frau ging: Zwar wurden auch Frauen Teil des Unterdrückungsapparats. Aber die meisten waren: Hausfrauen im Kalifat, sollten Kinder kriegen und ihrem Gatten ein wohliges Heim bieten. Wie auch Maryam A., so ihr Pseudonym, eine konvertierte Deutsche aus Frankfurt am Main, die mit ihrem deutschtürkischen Mann im Sommer 2014 nach Syrien reiste.

Es folgten lange Gespräche mit Maryam A. über das Erlebte und die Gründe, überhaupt zum IS zu gehen. Sie sitzt derzeit immer noch im Gebiet der Rebellen fest, die sowohl gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad wie gegen den IS kämpfen. In monatelangen Gesprächen über die brüchigen Internetverbindungen Nordsyriens, aus Fragmenten, die Maryam A. selbst schrieb, und rekonstruierten Chatprotokollen entstand dieses Buch, so offen und akribisch, wie noch keine Deutsche über ihre Zeit beim IS gesprochen hat.

Seit geschlagenen zwei Stunden laufe ich über steinige Äcker. Vor mir der Schmuggler und zwei weitere Männer. Neben mir zwei Frauen.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Ich male mir aus, was passiert, wenn plötzlich eine Gruppe IS-Kämpfer auf uns aufmerksam wird.

Das wäre das Todesurteil für unseren Schmuggler, bei dessen Familie ich die letzten fünf Tage versteckt leben musste. In Gedanken versunken sehe ich, wie Abdullah, unser Schmuggler, die Hand hebt, um uns zu sagen, dass wir stehen bleiben sollen. Sofort gehen alle in die Hocke.

Nachdem sich mein Atem beruhigt hat, höre ich, wieso wir nun auf dem Feld hocken. Das Knacken und Rauschen eines Funkgerätes. Dazu mehrere Männerstimmen. Ein Wachposten des IS. Ganz in unserer Nähe.

Kurz darauf nähert sich auf der Landstraße hinter uns ein Auto. Neben mir legt sich eine der Frauen ganz flach auf den Boden. Es ist eine warme Augustnacht. Man hört immer mal wieder das Bellen der vielen Straßenhunde. Vor uns sieht man die türkische Grenze. Hell beleuchtet.

Ich denke an die Tage in der Türkei, bevor ich nach Syrien kam. Auf der türkischen Autobahn, 100 Kilometer vor Gaziantep, stand "Aleppo" auf den Schildern. Das war endgültig der Moment, in dem ich mir das erste Mal in meinem Leben gewünscht habe, dass mich die Polizei anhält, einbuchtet und zurück nach Deutschland abschiebt. Doch das ist nicht passiert. Und nun ist dieser Wunsch mehr als zwei Jahre her.

Plötzlich ein lauter Knall. Ein zischendes Geräusch. Wir wissen, dass in weniger als zwei Sekunden etwas einschlagen wird. Wir wurden entdeckt.

Diese Zeilen aus meiner Zeit beim "Islamischen Staat" waren die allerersten, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe. Sie handeln von meinen letzten Momenten beim IS, genauer: von meiner Flucht aus dem Kalifat. Sie erzählen davon, wie ich es nach monatelangen Vorbereitungen endlich schaffte zu entkommen.

Warum ich beim Schreiben mit meiner Flucht anfing? Vielleicht, weil es mir am leichtesten fiel. Denn die Frage, warum jemand vor dem IS flieht, beantwortet sich jedem wie von selbst. Klar, nichts wie weg! Die viel größere Frage aber lautet natürlich: Wieso bin ich zum IS gegangen? Als Frau, als Deutsche, nicht verschleppt mit vorgehaltener Waffe, sondern: freiwillig. Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Vor allem ist sie: unangenehmer.

Wieso bin ich zum IS gegangen? Klar, es war ein Fehler. Aber es gibt keine einfache Antwort.

Wo anfangen? Dass es ein Fehler war? Ja, war es, klar. Aber das sagt sich ebenso rasch und erklärt doch nichts. Wo also anfangen? Dass ich als Kind sauer war auf meine zerbrochene Familie, keinen Bock hatte auf die Schule, irgendwann einfach nicht mehr hingegangen bin? Dass ich auf niemanden gehört habe und fand, dass mir niemand zuhört? Dass ich gekifft und in den Tag hinein gelebt habe, aber dann einen Menschen traf, der mich verstand, im richtigen Moment da war? Dass dieser Mensch Muslim war und mich neugierig machte auf den Glauben?

So ist mein Leben verlaufen, bis ich 19 war und zum Islam konvertierte. Eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, als Lebensinhalt, nicht, um irgendwohin zu gehen und Bomben zu werfen.

Wo soll ich weitermachen? Dass ich mich dann verliebte in einen Mann, dessen türkische Mutter mich hasste? Dass wir als Paar keine Jobs hatten, kein Geld, keine Wohnung? Dass wir empört waren über die Gleichgültigkeit in Deutschland gegenüber dem Grauen in Syrien? Und dass er dann an die falschen Leute geriet, die ihm versprachen, uns den richtigen Weg zu weisen? Dass ich schließlich mitging aus Angst, ihn sonst zu verlieren?

Simon Prades / DER SPIEGEL

Ich kann die Frage "Warum bist du zum IS gegangen?" nicht einfach beantworten. Es gab eine ganze Reihe von Schritten, Entscheidungen in meinem Leben, durch die ich erst in die Lage gekommen bin, diesen letzten Schritt zu tun. Das entschuldigt nichts. Aber vielleicht erklärt es ein wenig, warum diese letzte Entscheidung für die Reise nach Syrien nicht Ergebnis eines kometenhaften Sinneswandels war, keine plötzliche Eingebung, ab heute alle Ungläubigen abknallen zu wollen, nein. Sondern, warum es sich damals anfühlte wie bloß ein weiterer Schritt in die falsche Richtung, als alles sowieso beschissen war.

Wenige Tage nach unserer Ankunft in der Stadt Ra'ei an der syrisch-türkischen Grenze ruft Abu Bakr al-Baghdadi von der Nuri-Moschee in Mosul das "Kalifat" aus. Ich erfahre das von einer deutschen Bekannten über WhatsApp, denn hier wird es zwar von den Moscheen verkündet, aber wir sprechen ja kein Arabisch. Alle freuen sich. Dafür sind sie ja hergekommen, um endlich im Land der Muslime leben zu können, nicht mehr terrorisiert zu werden von den Ungläubigen, zumindest glauben sie das. Oder sie sind gekommen, weil sie in Deutschland keinen Platz für sich fanden, das glaube ich eher. Aber was die Ausrufung des "Kalifats" nun konkret bedeutet und inwiefern sich etwas für mich verändert, weiß ich nicht. Ich denke nur: "Echt? Krass!" Und mache mir vorerst keine weiteren Gedanken darüber.

In den nächsten Tagen sollen noch Familien aus Offenbach eintreffen, zwei Deutschafghanen und deren Ehefrauen. Und alle werden sie erst einmal hier wohnen. Mit mir, denn mein Mann muss sofort am nächsten Tag ins militärische Ausbildungslager, das Muaskar. Schon früh am Morgen muss er los und kann nicht sagen, wie lange die Ausbildung dauern wird, irgendetwas zwischen zwei Wochen und zwei Monaten. Na prima. Wir wissen nicht einmal, ob wir zwischendurch Kontakt haben werden. Telefonieren oder SMS schreiben dürfen die Männer während der Ausbildung überhaupt nicht.

Abends auf dem Dach sehe ich, wie nah die türkische Grenze ist. Am Übergang blinkt und leuchtet es, man sieht in der Ferne sogar die Lichter von Kilis, der nächsten türkischen Kleinstadt. Theoretisch so nah - aber eben so gut wie unmöglich, ohne Hilfe wieder dorthin zurückzukommen. Zwei Wochen hier haben mir klargemacht, dass ich nicht den Rest meines Lebens beim IS verbringen will.

Das Haus liegt gegenüber vom Marktplatz, was mir in diesen ersten, ansonsten ruhigen Tagen leider einen Panoramablick auf das absolute Grauen beschert. Zumindest vom Dach aus kann ich die 14 oder 15 Leichen syrischer Rebellen sehen, die zur Abschreckung von der Front hierhergebracht und einfach auf dem Marktplatz abgeladen wurden. Im Hochsommer. Einmal bin ich aus Versehen an denen vorbeigelaufen, jetzt in den kommenden Tagen meide ich diesen Weg.

Ein paar Tage später sehe ich zufällig von einem Fenster aus, wie IS-Männer sie abtransportieren, einfach auf einen Pick-up werfen. Da ragen die Beine raus. Einer hat Tennissocken an, ein anderer noch seine Schuhe. Ich stehe da am Fenster und denke mir: Wie grauenvoll! Die haben doch auch Verwandte, Freunde, Kinder. Man hätte sie wenigstens sofort begraben können. Ich sehe das und versuche gleich, es wieder zu verdrängen.

Von meinem Mann gibt es weiterhin keine Nachricht, auch nach zwei Wochen nicht. Aber wenigstens hat sich spannender Besuch in unserer Frauen-WG angekündigt. Waliullah und Halima kenne ich nun schon, aber die anderen beiden bislang nur vom Hörensagen: Natali, eine selbstbewusste, etwas vorlaute Deutschrussin aus Trier, hier nun "Umm Ousama" genannt, und ihren Mann Hassan alias "Abu Ousama", einen Pakistaner aus Offenbach, den ich oft nur "Fußfessel" genannt habe. Denn er ist trotz elektronischer Weglaufsperre ausgereist.

Ein paar Tage später treffen die beiden zerstrittenen Frauen in der Moschee aufeinander: Natali, die Deutschrussin, und Halima. Nun keift die eine die andere an, wieso sie denn ständig über ihren Mann rede und ob sie vielleicht auf den stehe. Daraufhin bekommt sie die erste Ohrfeige und schlägt umgehend zurück. In der Moschee. Im Ramadan. Im Krieg. Halima ruft gleich ihren Mann Waliullah an und erzählt ihm das brühwarm, woraufhin er zur Moschee fährt, dort herumschreit und anfängt zu schießen.

Natali ist abgehauen nach Hause, vor ihrer Tür stehen die Männer und streiten. Waliullah ist stinksauer, dass Natali seine Frau geschlagen hat, kann aber nicht ganz leugnen, dass die Ohrfeige irgendwie berechtigt war. Ich kann alles mithören, weil Natali mich anruft, Waliullah stehe vor ihrer Tür und brülle die ganze Nachbarschaft zusammen. Ra'ei hat ein neues Stadtgespräch.

Einige Tage später müssen die Streitparteien zum Gericht nach al-Bab und erzählen, was los war. Wer sie gemeldet hat, haben wir nie erfahren. Aber da wir das Gefühl haben, dass hier sowieso jeder jeden überwacht, wundert es uns nicht, dass irgendjemand geplaudert hat. Dort, vor dem Gerichtsgebäude, wird dann auch noch Natalis Kalaschnikow aus dem offenen Auto geklaut.

Simon Prades / DER SPIEGEL

Die Richter stellen beide Frauen vor die Wahl: Entweder verzeihen sie sich gegenseitig, oder die eine bekommt Peitschenhiebe, weil sie die andere als Schlampe tituliert hat. Die beiden entscheiden sich dazu, einander zu verzeihen. Aber in der deutschen Community sind die Fronten nun verhärtet.

Erst Ende August höre ich wieder von meinem Mann. Er meldet sich plötzlich, er sei nun fertig mit der Ausbildung. Er klingt ziemlich desillusioniert. Sein Emir wollte ihn gern in Jarablus behalten, aber dort gibt es keine freien Wohnungen. Nach einigem Verhandeln ist es ihm gelungen, mit einem anderen Kämpfer zu tauschen, der aus Ra'ei nach Jarablus will. Aber auch hier in Ra'ei werden wir nicht so schnell eine eigene Wohnung bekommen, sondern nur einen Platz auf der Warteliste. Ra'ei ist beliebt, hier gibt es 24 Stunden am Tag Strom und das recht gute Handynetz aus der Türkei. Es ist das Rhein-Main-Gebiet des IS, so nennen es viele. Sieben oder acht deutsche Familien kenne ich alleine, es dürften noch mehr gewesen sein. Und das in einem kleinen Kaff.

Als mein Mann endlich wiederkommt, hat er mehrere Kilo abgenommen. Er wirkt verbittert darüber, wie die Leute im Muaskar miteinander umgegangen seien. Ewig habe es Streit gegeben, seien ihnen die gelieferten Essensrationen nicht ausgehändigt worden. Sie mussten sich zu fünft eine Dose Thunfisch teilen, wurden wie Dreck behandelt. Man sei doch hergekommen, um den Menschen zu helfen, sagt er. Und dann nur Streit. Aber er sieht nicht das Ganze als Fehler, sondern findet, dass nur die falschen Leute auf verantwortlichen Positionen sitzen.

Er ist sauer auf mich, er hat gehört, dass ich zweimal für Stunden das Haus verlassen habe in den vergangenen Wochen - einmal zum Fastenbrechen und einmal zur Moschee. Es gibt da keine ganz klaren Vorschriften, was eine Ehefrau zu tun hat, wenn ihr Mann im Einsatz ist. Aber ohne seinen Mann das Haus verlassen, das tue man einfach nicht, meint er.

In was für einem Kindergarten bin ich hier bloß gelandet, was haben die mit ihm gemacht? Immerhin bringt er Burger mit aus dem Mexicano-Imbiss in al-Bab. Der Laden ist vor allem unter den Ausländern sehr beliebt. Es gibt Burger und sogar Chicken Crispy. Ich liebe die.

Der Abend seiner Rückkehr endet früh, denn morgen soll ich schießen lernen. Ich will zwar nicht bei diesem Patrouillendienst der IS-Frauen mitmachen, aber mich im Notfall trotzdem verteidigen können. Am nächsten Tag stehe ich also mit einer Kalaschnikow am Berg und versuche, einen leeren Ölkanister zu treffen. Nach jedem Schuss habe ich mehrere Minuten lang ein Piepen im Ohr. Ganz so laut hatte ich mir das nicht vorgestellt. Außerdem wiegt das Ding vier Kilo. Aber ich will hier nicht weg, ohne diesen blöden Kanister wenigstens einmal getroffen zu haben. Irgendwann klappt das auch, ist aber nicht halb so einfach, wie es in den Propagandavideos immer aussieht.

Ich bin nun beim IS, wenn auch nicht ganz freiwillig, wie ich finde. Aber ist das hier mein Krieg? Ich denke, ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt darüber kaum nach. Alles ist neu. Ich versuche, mich einzugewöhnen, bin verwundert, wütend über das manchmal unmögliche Benehmen der anderen Ausländer, erschöpft von den Problemen mit Dingen, die in Deutschland so selbstverständlich waren: Strom, Wasser, Telefon. Andere Dinge werden mir selbstverständlich, von denen ich zuvor nie gehört hatte: etwa der Ribat, was auf Deutsch so viel wie "Posten" bedeutet. Für alle Männer beim IS, die bei den kämpfenden Einheiten sind, ist der Ribat so etwas wie ihre Dienststelle. Meist ein Haus, in dem ein knappes Dutzend von ihnen lebt, Wache schiebt, jederzeit an die Front geschickt werden kann. Wenn man nicht gerade frei hat. Dann gibt es das Muaskar, das militärische Ausbildungslager, das alle Neuankömmlinge durchlaufen müssen. Und für jeden Lebensbereich gibt es im Kalifat ein Maktab, ein Büro: für die Wohnungszuteilung, für die Witwenversorgung, für die Lohnauszahlung und so fort. Arabisch sprechen die allermeisten der Deutschen hier auch nach längerer Zeit nicht, aber diese Begriffe gehen über in unser Kalifatsdeutsch.

War einer der Männer mal ein paar Tage zu Hause, wurde von den Frauen gleich über ihn hergezogen: Wie, der schon wieder zu Hause? Der hatte doch gerade erst freie Tage. Dann wurde hinterhergeschnüffelt, ob er auch zu den fünf Pflichtgebeten in die Moschee geht.

Und dann der ewige Neid: Wer hat welches Haus bekommen, wer hat welche Möbel? Mein Mann und ich sind uns einig, dass wir mit so etwas nicht gerechnet hatten. Wir hatten uns ausgemalt, in Höhlen zu wohnen und verschimmeltes Brot essen zu müssen oder von morgens bis abends unter Beschuss zu liegen. Aber hier ist kein Beschuss nötig, die Kleinkriege liefern wir uns untereinander. Das macht sehr, sehr müde. Ich habe schon nach kurzer Zeit überhaupt keine Lust mehr auf die Gesellschaft der anderen Ausgereisten.

In Ra'ei, wo wir für mehr als ein Jahr bleiben werden, teilt sich mein Dasein nach einer Weile regelrecht in zwei Parallelwelten: das Leben im Haus, die wenigen Treffen mit Nachbarn - und meine virtuelle Realität in Telegram- und WhatsApp-Gruppen, wo wir Frauen aus verschiedenen Orten Syriens, dem Irak, aber auch aus Deutschland und Österreich uns manchmal stundenlang aufhalten.

Viele aus diesen Onlinegruppen werde ich nur virtuell kennenlernen. Es wird in den Gesprächen die meiste Zeit um dieselben Dinge gehen, über die wir auch sonst reden: Wo bekomme ich dies her, woher jenes, wer kennt die deutsche Hebamme in Manbij, wer kann mich dahin mitnehmen, woher bekommt man gute Babykleidung, Wanderschuhe oder Peelings? Einmal gibt es einen Streit in der WhatsApp-Gruppe, ob man verhüten dürfe oder nicht, was die Gelehrten dazu sagen. Die meisten Frauen aus unserer Gruppe meinen: Nee, darf man nicht!

Die versklavten Jesidinnen wurden vergewaltigt, verkauft und zum Putzen verliehen.

Wenn irgendjemand auf die Idee gekommen wäre, Kritik zu äußern, wären wir auf einem gefährlichen Grat geschlingert. Zu sagen "Es ist gegen die Menschenwürde, Frauen als Sklavinnen zu halten" hätte jede von uns ganz schnell in den Knast bringen können. Das wäre ja Widerspruch zum IS, Widerspruch gegen den Islam und damit Leugnung des Glaubens gewesen. Als Mann ist man bei solchen Vorwürfen schnell tot gewesen. Wir alle hatten Schiss.

Es war so kaputt: Da wurden die Mädchen, also die Jesidinnen, der Reihe nach vergewaltigt. Man konnte sie kaufen, weiterverkaufen und zum Putzen verleihen. Alles normal. Aber gleichzeitig waren zig Regeln erlassen worden, dass man ihnen Kleidung, Essen etc. stellen müsse.

Die Frauen aus Europa waren fast alle total abgeschreckt davon. Die Frauen aus der Region weniger. Aber selbst solche, die nichts gegen ihre Sklavin zum Putzen hatten, wollten absolut nicht, dass ihr Mann auch eine Sklavin hatte, mit der er dann ins Bett gehen dürfte. Ob die Frauen es ernsthaft glaubten oder es nur vorschoben, aber oft kam bei diesem Thema der Einwand: Bei Sklavinnen könne man sich ja was holen. Ansteckende Krankheiten.

Es gab im Netz auch Verkaufsplattformen für alles Mögliche, so etwas wie Markt.de auf WhatsApp im Kalifat. Da wurden Autos gehandelt oder Waffen: "Tausche Kalaschnikow gegen Glock-Pistole".

Von so einer Marktgruppe schickte eine der Frauen einmal einen Screenshot und schrieb: "Wir wollten uns eigentlich ein Auto anschauen und haben dies hier gefunden." Eine Sklavin im Angebot, mit Bild und Detailbeschreibung. Daneben stand das Alter, welche Sprachen sie spricht und ob sie Kinder hat. Einige fanden das amüsant. Aber das waren die Momente, in denen ich mich gefragt habe: Wo bist du hier gelandet?

Der Hype um deutsche Produkte, den es unter den Deutschen in Syrien gab, war ein bisschen peinlich. Gut, ich habe mir eine marokkanische Gewürzmischung aus Deutschland schicken lassen. Die hätte ich mir auch hier zusammenstellen können. Aber wofür geht man ins Kalifat, wenn man dann dort doch nur deutsches Shampoo will? Abgesehen von Schokolade, nach der wir - zugegeben - alle verrückt waren. Selbst im Sommer, wenn die Aufbrechenden meinten, das ist doch bescheuert, Schokolade einzupacken, die schmilzt doch sofort. Egal, ich friere die ein, aber bringt sie mit!

Simon Prades / DER SPIEGEL

Die Aufrufe an jene, die aus Deutschland demnächst kommen wollten, klangen verzweifelter, als die Lage wirklich war. Es hieß immer: Bringt dies mit, bringt das mit, hier gibt es nichts, nicht mal Shampoo. Dabei gab es das meiste auch hier. Darunter auch, sehr wichtig: Nutella.

Nutella und andere Dinge gab es in den sogenannten Muhajirin-Läden, die waren nur für Ausländer. Also, einkaufen durfte da jeder, aber den Syrern war es dort zu teuer. Da gab es diese kleinen Kinderschokoladenriegel, vier Stück für 500 Suri, wie wir zu den syrischen Lira sagten. Je nach den chaotischen Kursschwankungen waren das ein, zwei Euro. Diese Läden waren ein Paradies. Man bekam da Sahne, Danone-Puddings aus Europa, Kuchenbackmischungen, Shampoos. Einmal haben wir sogar Raffaellos dort entdeckt, diese Kokos-Pralinen.

Vor allem die Saudis sind gern in diesen Intershops für Dschihadisten einkaufen gegangen. Die meisten fuhren auch teure Geländewagen. Die hatten oft hohe Positionen, sodass sie sich solche Sachen leisten konnten. Oder sie hatten von zu Hause Geld oder beides.

Es ist stockfinstere Nacht. Abdullah, der Schmuggler, geht voran, kennt jeden Flecken hier, während wir anderen versuchen, so viel wie möglich von unserem Vordermann zu erkennen, nicht zu stolpern oder gegen einen Baum oder Busch zu rennen.

Es ist die Nacht meiner Flucht. Während ich in den Nachthimmel schaue, der mit Sternen übersät ist, frage ich mich unwillkürlich, ob mein Mann wohl gerade schläft oder wach ist, um die freiwilligen Gebete vor dem Morgengrauen zu verrichten. Wieder diese Stiche im Magen, dieses Schuldgefühl. Aber nun gibt es kein Zurück mehr. Ich sollte glücklich oder wenigstens hoffnungsvoll sein. Aber ich bin es nicht. Obwohl ich ein Jahr lang auf diesen Tag gewartet habe, bricht gerade meine Welt zusammen. Ich habe ausgerechnet den Menschen verraten, für den ich mich überhaupt erst in diesen Albtraum begeben habe.

Ich habe meine Tasche vollgepackt und die Katzen in den Wäschekorb gesteckt. Ohne die beiden wollte ich nicht fliehen.

Gegen zehn Uhr morgens komme ich in der kleinen Stadt an, die ich eigentlich nur passieren wollte auf dem Weg in die Türkei. Ihr Name soll hier ungenannt bleiben. Denn die Kleinstadt nördlich von Aleppo entpuppt sich als vorläufige Endstation meines Weges, in der ich auch fast anderthalb Jahre nach meiner Flucht vom IS noch festsitze, nicht zurückwill und nicht weiterkann.

Was mich sehr zermürbt, ist die Ungewissheit über das Schicksal meines Mannes. Ich weiß, dass er aus dem Gefängnis wieder entlassen wurde, wir konnten ein paarmal über WhatsApp Nachrichten austauschen. Ist er wütend auf mich? Ja, das ist er, aber tief drinnen weiß er auch, dass es zu Ende geht mit dem IS.



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