AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Gleisbett statt Blumenbeet Sie wollte doch nur Unkraut jäten 

Warum eine Gartenfreundin von der Polizei gestoppt werden musste.

Ilse Raeder
Cathrin Schwiegel / DER SPIEGEL

Ilse Raeder


Eineinhalb Stunden noch bis Feierabend in der Polizeiinspektion Bad Tölz, südlich von München, da schreckt Markus Breuer, 53 und Streifenpolizist, hoch von seinen Berichten. Ein Kollege stellt sich in den Türrahmen seines Büros, sagt laut: "Da ist 'ne Frau auf den Gleisen in Lenggries." Breuer nickt, er weiß, wie es jetzt läuft, greift nach seiner Jacke, eilt den Flur entlang, ruft dem anderen noch nach: "Verständige die Zugführer, die sollen langsamer fahren." Dann ist er raus aus der Tür und im Hof, steigt mit einem anderen Kollegen in den VW-Transporter, das Martinshorn und Blaulicht schaltet er an. Um 17 Uhr läuft der Verkehr zäh auf der Bundesstraße 13, die Fahrt zum Einsatzort dauert 20 Minuten. Der Zug fährt noch an ihnen vorbei, dann parken die Beamten an den Schienen.

Es ist bewölkt in Lenggries, als Ilse Raeder, 73, sich durch ein Wäldchen am Tratenbachweg tastet, unter ihren Stiefeln brechen Zweige. Die Frau trägt wetterfeste Kleidung: Arbeitsschuhe, langer Mantel, eine gestrickte Mütze mit blauen, roten, schwarzen Streifen über ihrem silbernen Haar. Dann geht Raeder in die Knie, rupft eine Pflanze raus mit pinkfarbenen Blüten, Springkraut. Die Samen schmeißt sie in eine Plastiktüte. Dann läuft die Frau den kleinen Hügel rauf auf die Gleise, bleibt oben stehen. Plötzlich sieht Raeder Scheinwerfer hinter sich aufblinken.

1406 Menschen starben im vergangenen Jahr auf Bahnschienen in Deutschland, durch Unfälle oder Suizide.

Der Polizist Markus Breuer, so erzählt er es am Telefon, ist seit fast 30 Jahren im Dienst und wurde häufig zu Einsätzen am Gleisbett gerufen. "Meistens ist es harmlos", sagt er, "manche laufen aufs Gleis, es gibt eine Verwarnung und ein Bußgeld wegen einer Ordnungswidrigkeit." Zehn, zwölf Mal aber in all seinen Jahren im Dienst wurden die Menschen überfahren. Ilse Raeder gehört nicht zu ihnen. Die Wahrheit ist: Als Markus Breuer an einem Septembernachmittag wegen einer potenziellen Selbstmörderin ausrückte, wollte Ilse Raeder lediglich Unkraut aus der Erde an den Bahnschienen reißen.

Der Vorfall ging durch die Lokalpresse, der "Münchner Merkur" schrieb: "Springkraut statt Selbstmord", die "Süddeutsche Zeitung" über die Pflanze: "Gefährliche Eindringlinge". Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Rentnerin Raeder, und die ist vernarrt in die Botanik, schon fast ihr ganzes Leben lang.

Am Nachmittag auf den Gleisen dreht sich Ilse Raeder um zum Scheinwerferlicht, stutzt. Der Zug zwischen München und Lenggries, das weiß sie sicher, fährt nur drei Mal in der Stunde. Sie weiß auch: Der nächste kommt erst wieder in 15 Minuten. Da gehen die Lichter plötzlich aus, Raeder bleibt stehen und sieht ein Polizeiauto an den Gleisen parken.

Ilse Raeder erzählt das alles Wochen später, da steht sie in demselben Wäldchen, nestelt an einem Adlerfarn. Schon im Studium, sie belegte Pharmazie, lernte sie 400 Pflanzenarten kennen. Dann schmiss sie hin, uninteressant sei es gewesen. Die Natur aber wird zu ihrem größten Hobby. Heute ist Raeder Mitglied im Gartenbauverein, verbringt ihre Zeit draußen, sooft es geht. Nur eine Pflanze kann sie nicht so recht leiden: Drüsiges Springkraut - das ist in deutschen Wäldern ursprünglich gar nicht heimisch, sondern im Himalaja. "Es wuchert wie verrückt", sagt die Rentnerin, "heimische Pflanzen können so kaum noch wachsen, vor allem die, die wichtig sind für unsere Insekten."

llse Raeder geht ein paar Schritte, hebt lose Tannenzweige auf, deutet auf verdorrte Heckenreste. Diese Abfallhaufen, sagt sie, seien typisch. "Die Menschen schmeißen ihre Gartenabfälle in den Wald, denken: 'Natur gehört zu Natur.' Das ist aber verboten." Das Springkraut nämlich, meint sie, siedelt sich an nährstoffreichen Flächen besonders gern an. Seit sechs Jahren rupft sie sooft es geht von Bachläufen, Bahnübergängen und aus Wäldern, hat eine eigene Initiative gegen das Springkraut gegründet, von denen gibt es ein paar in ganz Deutschland. Die Pflanze, ein Neophyt, ist so etwas wie ein Staatsfeind für Naturverbundene, einer, der bis zu drei Meter hoch werden und seine Samen bis zu sieben Meter weit schleudern kann.

An dem Nachmittag auf den Gleisen hält Ilse Raeder ihre Plastiktüte mit dem Springkraut noch umklammert, da knallen Autotüren, zwei Polizisten stürmen auf sie zu. Was machen die denn hier?, das dachte Raeder sich in dem Moment. Dann brüllt einer, Markus Breuer: "Sie da, sofort runter von den Gleisen!"

Ilse Raeder redet an diesem Tag minutenlang auf die Beamten ein, will ihnen die Sache mit dem Kraut erklären und warum es hier nicht wachsen darf. Die Polizisten aber hören gar nicht hin. Sie erzählen der Frau nur von dem Bußgeld, das sie jetzt wird zahlen müssen, vermutlich 25 Euro. Dabei führen sie Ilse Raeder langsam runter von den Schienen.

Der Zug, der von München nach Lenggries fährt, kommt erst einige Minuten später.



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