AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2017

Banker warnt vor Crash "Ein von Algorithmen gesteuertes Finanzsystem zerstört sich selbst"

Der Banker und Vermögensverwalter Leonhard Fischer hat den Glauben an den Finanzkapitalismus verloren. Warum?

Autor Fischer
peter-juelich.com / DER SPIEGEL

Autor Fischer

Ein Interview von


Leonhard Fischer, 54, polarisiert: Die einen halten ihn für einen Blender, die anderen sehen in ihm einen genialen Banker und Denker. Sicher ist auf jeden Fall: Kein Zweiter stieg in Deutschland so jung zum Bankenstar auf wie er. Mit 35 wurde er Vorstand bei der Dresdner Bank, später führte, sanierte und verkaufte er die Versicherungsgruppe Winterthur. Sein Versuch, mit dem Finanzinvestor RHJI rund um die BHF-Bank eine europäische Privatbankengruppe aufzubauen, endete 2016 mit dem Verkauf an den französischen Bankier Philippe Oddo. Jetzt plant Fischer mit Ex-"Bild"-Chef Kai Diekmann eine digitale Vermögensverwaltung und hat ein Buch über den Niedergang des Finanzsystems geschrieben. Titel: "Es waren einmal Banker".

SPIEGEL: Herr Fischer, Sie erklären in Ihrem Buch den modernen Finanzkapitalismus für gescheitert. Eine erstaunliche Aussage für einen Investmentbanker, der bis vor Kurzem in diesem System mitgewirkt hat.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 50/2017
Wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert

Fischer: In den Neunzigern haben wir Banker uns an der Idee begeistert, globale Finanzmärkte zu schaffen, dadurch die Risiken - etwa von Immobilienkrediten oder Anleihen - breit zu streuen und sie über Computeralgorithmen zu kontrollieren. Darauf sollte eine Ära globalen Wachstums gründen. Der Fehler war, dass wir den Algorithmen zu sehr vertrauten, deshalb ist uns das Bankensystem 2008 um die Ohren geflogen. Erstaunlich ist, dass die USA dafür gesorgt haben, dass das System im Grunde nach ihren Regeln weiterläuft.

SPIEGEL: Welche Regeln meinen Sie?

Fischer: Die Globalisierung der Finanzmärkte besteht im Wesentlichen darin, dass die Amerikaner sich in ihrer eigenen Währung verschulden können und den Dollar so in die ganze Welt exportiert haben, um ihr riesiges Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Ich habe als junger Banker bei J.P. Morgan selbst erlebt, wie die Investmentbanker in Scharen erst nach London flogen, dann nach Tokio und schließlich nach China, um Dollaranleihen für Schuldner aus den USA zu platzieren. Gleichzeitig investierten wir das Geld amerikanischer Fonds weltweit in Unternehmen und Immobilien. Ganz Amerika hat sich wie ein gigantischer Hedgefonds verhalten. So entstand die globale Finanzmarktmaschinerie, die in Wahrheit vor allem eine amerikanische ist.

SPIEGEL: Die Finanzkrise hat dieses System beinahe implodieren lassen. Warum dreht sich das Rad bis heute weiter?

Fischer: Die Alternative wäre eine schwere Anpassungskrise mit Banken-, Firmen- und Staatspleiten gewesen. Diesen Preis waren und sind wir bis heute nicht bereit zu zahlen, weshalb die Zentralbanken in Amerika, Europa und Japan die Zinsen auf null und sogar darunter senkten. Wir haben uns für eine fortgesetzte Rettung entschieden und so das Verschuldungsproblem in der Welt noch schlimmer gemacht.

SPIEGEL: Immerhin haben die Notenbanken erreicht, dass die Wirtschaft in Amerika und Europa wieder wächst, in Asien sowieso. Wo ist das Problem?

Fischer: Es gibt eine Inflation der Aktien-, Immobilien- und Rohstoffpreise. Diese Sachwerteinflation wird früher oder später in echter Inflation münden. Und das Gefährliche ist, dass gleichzeitig die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft.

SPIEGEL: Was könnte eine neue Krise auslösen?

Fischer: Ich sehe drei mögliche Auslöser: Erstens: Die Eurozone löst sich auf. Im Moment gleicht die Krise hier einer chronischen Erkrankung in einer stabilen Phase. Aber wehe, der nächste Fieberschub kommt, solange Deutschland führungslos ist und sich in der Eurofrage für keine klare Richtung entscheidet. Zweitens: China bekommt ein Problem mit seinen extrem hohen Inlandsschulden, eine Gefahr, die unterschätzt wird. Drittens: Linke Regierungen greifen die bestehenden Verhältnisse an. Ich nenne das mal das Corbyn-Phänomen.

SPIEGEL: Nach dem britischen Oppositionsführer Jeremy Corbyn. Im Moment erleben wir aber eher den Aufstieg rechter Populisten.

Fischer: Die Ursachen für den Erfolg von Rechtspopulisten und Linken sind ähnlich. Wir leben in einem System, in dem die Finanzspekulation eine viel zu hohe Bedeutung hat und leider nur die obersten fünf Prozent von der Sachwerteinflation profitieren. Die Mittelschicht hingegen kommt nicht mehr richtig vom Fleck oder hat real sogar weniger Geld zur Verfügung. Zum Beispiel treten heute viele Studienabgänger in den USA wegen der dramatisch gestiegenen Ausbildungskosten mit hohen Schulden in das Berufsleben ein. Sie haben es schwer, aus ihrer Lage herauszukommen, und so sieht heute die Mehrheit der jungen Amerikaner den Kapitalismus kritisch.

SPIEGEL: Aber in Deutschland sind die Verhältnisse doch anders.

Fischer: Wir haben ein gutes Schul- und Gesundheitssystem. Aber auch hier bekommt das System Risse. Schon heute gibt es immer mehr Privatschulen. In England verlangen die besten Schulen mehr als 20.000 Euro pro Jahr und Kind. Die Eliten weichen aus. Die Vermögen entwickeln sich ähnlich ungleich wie in Amerika. Weltweit haben von den Rettungsaktionen infolge der Finanzkrise vor allem die Vermögenden profitiert. Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands schlägt sich in erster Linie in den Unternehmensgewinnen nieder, weniger in den Realeinkommen der Angestellten. Und dann kommt Mario Draghi, muss zur Eurorettung die Zinsen auf null setzen, und die Leute begreifen, dass sie wieder einmal das knappe Ende der Wurst abbekommen haben.

SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, dass es in Deutschland im Fall einer Neuwahl zu einem Linksruck kommt?

Fischer: Der systemverändernde Politikwechsel wird von links kommen, sobald sich die Linke konzeptionell erneuert hat. In England hat Labour das unter Corbyn getan. Dort könnte die Mehrheit bei der nächsten Wahl kippen und Corbyn das System infrage stellen.

SPIEGEL: Wie müsste ein Finanzsystem aussehen, das der globalisierten Welt gerecht wird und der von Ihnen beschriebenen Spaltung entgegenwirkt?

Fischer: Eines ist klar: Der freie Markt allein ist kein funktionierender Steuerungsmechanismus für das Finanzsystem, weil wir Pleiten großer Banken weiterhin nicht zulassen werden. Wenn es nur noch ein Bankenoligopol oder fünf Fondsmanager auf der Welt gibt, dann funktioniert Adam Smiths unsichtbare Hand des Marktes nicht mehr.

SPIEGEL: Sollte man Banken zerschlagen?

Fischer: Vielleicht kommen wir irgendwann an den Punkt. Meine Empfehlung wäre, mehr Vielfalt ins Finanzsystem zu bringen. Im Moment treibt uns die Digitalisierung aber in die entgegengesetzte Richtung, zu immer größeren Plattformen, die alles aufsaugen. Alibaba-Gründer Jack Ma hat kürzlich gesagt, die Planwirtschaft habe eine Zukunftsperspektive, weil digitale Algorithmen und künstliche Intelligenz jene unsichtbare Hand des Marktes entschlüsseln, die Angebot und Nachfrage über den Preis zusammenbringt.

SPIEGEL: Sie meinen, wenn alle Verbraucher und Firmen an Plattformen hängen und ihre Konsumwünsche offenlegen, kann eine zentrale Instanz diese Bedürfnisse bedienen und die Produktion entsprechend steuern?

Fischer: Das wäre theoretisch vorstellbar. Aber wenn es so wäre, brauchte man auch die Finanzmärkte heutiger Prägung nicht mehr. Weil dann auch die Finanzierung automatisch auf Basis der Algorithmen erfolgen könnte. Ich bezweifle aber, dass das funktionieren würde.

SPIEGEL: Warum? In vielen Industrien haben Algorithmen enorme Fortschritte ermöglicht.

Fischer: Wenn man ganz London mit selbstfahrenden Autos ausstatten und den Verkehr über eine Plattform steuern würde, dann stiftet das einen gesellschaftlichen Nutzen. Aber da steuert man Maschinen. Das Verhalten von Milliarden Menschen an den Finanz- und Gütermärkten kann man so nicht erfassen und steuern. Weil die Menschen ihr Verhalten unvorhergesehen ändern. Mehr noch: Ein von Algorithmen gesteuertes Finanzsystem zerstört sich selbst.

SPIEGEL: Warum?

Fischer: Nehmen Sie die Vermögensverwalter: Heute raten viele Experten dazu, passiv zu investieren, also rein automatisch in Indexfonds. Das ist preiswerter. Aber es führt auch zu gleichgerichtetem Verhalten und schafft den Markt ab. Wenn es aufwärtsgeht, wie jetzt, entstehen Übertreibungen. Wenn sich der Trend aus irgendeinem Grund dreht, droht ein Sturz ins Bodenlose. Das hat die Finanzkrise von 2008 gelehrt.

SPIEGEL: Sie haben angekündigt, selbst eine digitale Vermögensverwaltung zu gründen, die auf aktivem Management basiert. Wollen Sie so die Finanzwelt vor dem Untergang retten?

Fischer: Ich bin nicht größenwahnsinnig. Aber ich möchte im Kleinen umsetzen, wovon ich zutiefst überzeugt bin: Märkte funktionieren nur, wenn sich dort eine Vielfalt von Meinungen und Angeboten begegnet, wir wollen eines davon sein. Ich halte nichts von Indizes, unsere Messlatte ist die Nulllinie. Wenn die Zinsen auf diesem Niveau sind, wollen wir den Leuten ihr Vermögen erhalten und einige Prozent Verzinsung bieten. Es ist ein Unding, dass die Leute in einem Land mit mehr als 250 Milliarden Euro Leistungsbilanzüberschuss mit ihrem Geld nichts Besseres anzufangen wissen, als es zu Nullzinsen bei den Banken liegen zu lassen.

SPIEGEL: Immer noch besser, als es in einem weiteren Fonds zu verbrennen, der glaubte, besser zu sein als der Markt.

Fischer: Im Gegenteil, unser Fonds soll risikoarm und zu niedrigen Kosten andere Anlagemöglichkeiten für die Sparer erschließen.



© DER SPIEGEL 50/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.