AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2018

Barbara Schöneberger und ihr Erfolgsrezept "Wir sind im Fernsehen, da soll gefälligst eine geil aussehende Alte auf die Bühne kommen!"

Barbara Schöneberger ist die erfolgreichste Entertainerin im Fernsehen - und die geschäftstüchtigste. Wie schafft sie das? Unser Autor hat sie begleitet.

Showstar Schöneberger
Peter Rigaud / DER SPIEGEL

Showstar Schöneberger

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Noch zwei Stunden bis zum Auftritt. Zeit, sich in Barbara Schöneberger zu verwandeln. In die aus dem Fernsehen.

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Heft 19/2018
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Berlin, Hotel de Rome, Zimmer 202. Schöneberger verschwindet im Bad, Haarewaschen. Wasser rauscht, sie ruft: "Der Strahl ist hart wie ein Laserschwert, damit kannst du dir einen Arm abtrennen!" Auf dem Bett liegen blonde Extensions. Schöneberger hat ihr Haar heute eigentlich so voluminös tragen wollen, wie sie es neulich bei US-Popstar Jennifer Lopez gesehen hat. Sie hat das Foto ihrem Visagisten weitergeleitet, er ist ihr Schatten; wer sie bucht, muss ihn mitbuchen. Aber vielleicht ist das hier kein passender Anlass, um sich aufzubrezeln. Der Liberty Award. Eine Auszeichnung für Journalisten, die aus Krisengebieten berichten. Günther Jauch moderiert, sie singt.

Ein Vertreter der Zigarettenfirma Reemtsma, die den Preis stiftet, hat bei der Probe unten im Saal angemahnt, Schönebergers Lieder sollten nicht zu flapsig sein. Kurios: Schöneberger buchen, aber sie nicht lustig haben wollen. Also alles etwas dezenter. Sie packt ihren Petticoat weg, zieht eine weiße Bluse und einen schwarzen Rock an. Keine Extensions. Und glatte Haare, "mein Tribut an die Menschenrechte".

Matthias, der Visagist, föhnt, bürstet, legt ihr eine Augenmaske auf, tuscht die Wimpern, sie lackiert ihre Nägel rot. Nach anderthalb Stunden steht sie am Fenster, den Kopf leicht angehoben, eine Diva im Abendlicht. Sie zieht den Rock ein Stück hoch, stimmt "Smile" von Barbra Streisand an, ihr Visagist kniet sich vor sie und rasiert ihre Beine. Es klopft. Ihr Auftritt.

Schöneberger, 44, ist die einzige Entertainerin im deutschen Fernsehen, die alles kann. Und die erste, mindestens seit Caterina Valente, und das ist ein halbes Jahrhundert her. Sie albert, talkt, singt und macht aus der lahmsten Veranstaltung eine Schau.

Womöglich ist sie auch die Letzte ihrer Art. Das Fernsehen, für das sie steht, wird es nicht mehr lange geben. Jenes, für das sich um 20.15 Uhr Familien auf Sofas versammeln, weil sie das Gefühl haben, etwas Bedeutendem beizuwohnen.

Die deutsche Fernsehunterhaltung geht ihrem Ende entgegen. Jedenfalls in ihrer Wirtschaftswunder-Anmutung als bunter Abend für die ganze Nation.

Umso mehr lässt Schöneberger es krachen. Sie nimmt mit, was geht. Sie moderiert und moderiert, als gäbe es kein Morgen. Wann immer es etwas zu verleihen gibt, ist sie da. Deutscher Radiopreis. Deutscher Fernsehpreis. Deutscher Computerspielpreis. Deutscher Parfumpreis. Gegen Geld kommt sie auch zu Firmenveranstaltungen.

Nächsten Samstag moderiert sie auf der Hamburger Reeperbahn wieder die ARD-Party zum Eurovision Song Contest, dem ESC, am Tag zuvor erscheint ihr viertes Album. Sie hat eine eigene Zeitschrift: "Barbara". Eine Tapetenkollektion. Seit ein paar Wochen gibt es Barbara-Koffer. Willst du was gelten, mach dich selten - Schöneberger hat dieses Showgesetz ins Gegenteil verkehrt.

Berlin, ein Freitagmorgen im Januar. Vor Schönebergers Haus wartet ein Fahrer, der sie nach Hamburg bringt. Der Zug, den sie sonst für diese Strecke nimmt, fährt nicht, schuld ist ein Sturmtief. Um 7.20 Uhr kommt Schöneberger aus dem Haus, in der einen Hand eine Tasse Kaffee, in der anderen eine Tasche, sie winkt ihrem Kind, das in der Tür steht, und setzt sich auf die Rückbank des Autos.

Schöneberger ist auch dann auf Sendung, wenn keine Kamera dabei ist. Schon frühmorgens purzeln lustige Sätze aus ihr heraus, kein Publikum ist ihr zu klein. Bei Proben oder Fototerminen redet sie auch mal unvermittelt schwäbisch oder sächsisch. Ist jemand in ihrem Umfeld eine Weile still, bezieht sie ihn ins Gespräch ein, wie in der Talkshow.

Es gibt zwei Arten von Unterhaltern. Die einen, die mit sich und der Welt hadern, aber den Entertainer anknipsen können, sobald sie im Rampenlicht stehen. Jan Böhmermann gehört dazu und Hape Kerkeling. Und jene - zu ihnen zählt Schöneberger -, die auch im Alltag unbeschwert sind. Oder zumindest so wirken. "Sie ist eine der wenigen Fernsehfiguren, die ich angstfrei erlebe", sagt Günther Jauch. "Es gibt Menschen, die total in sich ruhen. Franz Beckenbauer war früher so. Dem war auf sympathische Weise immer alles egal. So ist sie auch."

Schöneberger moderiert die RTL-Show "Die 2", in der Jauch und Thomas Gottschalk gegen ihre Zuschauer antreten. Jauch und sie siezen sich, was selten ist in der Branche, aber er hat eine Duz-Phobie, sie findet's lustig.

Sie hat keine Mission. Sie will nicht die Welt verbessern mit ihrer Kunst, sie will den nächsten Job gut erledigen. Sie sieht sich als Dienstleisterin. Dabei gelingt es ihr, nichts von dem, was sie tut, nach Arbeit aussehen zu lassen. Ist der Dienst zu Ende, verschwindet sie rasch. Anstatt zur After-Show-Party geht sie nach einem Auftritt lieber nach Hause.

In Hamburg stehen heute an: Termine beim Verlag Gruner+Jahr, der Schönebergers "Barbara"-Magazin herausgibt; danach ein Videodreh für ihren Instagram-Account; eine Besprechung für eine Show zu Ehren von Paola und Kurt Felix; ein Interview für die NDR-Sendung "DAS!"; um 22 Uhr schließlich der eigentliche Grund der Reise, die "NDR Talk Show", die sie und Hubertus Meyer-Burckhardt alle 14 Tage moderieren, diesmal live.

Warum macht sie so viel? "Ich bin nicht gierig, auch wenn es so aussehen mag", sagt Schöneberger. "Weder nach Geld noch nach Aufmerksamkeit. Ich brauche Zwänge und Termine. Wenn ich freihabe, komme ich ins Schlingern. Ich habe mal beschlossen: Wenn schon meine Inhalte nicht anspruchsvoll sind, dann muss es wenigstens mein Arbeitspensum sein."

Sie kann das gut: kokettieren. Mit ihrem mangelnden Tiefgang, ihrem angeblich zu üppigen Hintern ("Eine sehr lange Perücke würde helfen"). Sie ist sich auch für kaum etwas zu schade - sofern es der Komik dient. Für "Barbara" ließ sie sich mit einer Rakete auf dem Rücken fotografieren und, für eine Anti-Diät-Ausgabe, als Kuchen futternde Marie Antoinette.

Auf der Bühne ist Schöneberger eine mondäne Erscheinung. Doch tritt sie nie als Verführerin auf, sondern immer als Parodie einer solchen. Räkelt sie sich beim Singen lasziv hinterm Mikrofonständer, dann tut sie es mit übergroßer Gestik und Mimik. Ansonsten bemüht sie sich, nicht zu perfekt rüberzukommen. Bei Instagram postet sie Fotos, die sie ungeschminkt zeigen oder in der Maske. Bisschen blass, die Augen klein. Mit, Selbstbeschreibung, "den tiefsten Augenringen Deutschlands".

Das wirkt jedes Mal, als zeigte Schöneberger sich ihren Fans privat. Aber natürlich ist sie auch dann im Dienst, nur eben ohne Kajal. Es ist ihre Botschaft an Millionen deutsche Frauen: Ich bin wie ihr.

So funktioniert auch ihr Album. Da singt sie von Liebeskummer und Einsamkeit und dem Wunsch, lieber eine andere zu sein. Die Platte klingt wie eine vertonte Frauenzeitschrift. Zwölf Lieder, zwölf fiktive Biografien. Alle in Ichform, als erzählte Schöneberger von sich.

Manchmal tut sie das. Im Fernsehen. Oder in ihren Videos auf Instagram. Da verrät sie, dass sie Spargel am liebsten mit Butter isst. Und dass sie ihre Ohren mit Wattestäbchen reinigt, jedoch nicht zu tief bohrt. In Wahrheit erfährt man: nichts. Man merkt es nur nicht gleich.

Schöneberger sei zu Hause nicht anders als draußen. Das beteuern jene, die sie näher kennen. Sie selbst zieht es vor, ihr Privatleben nicht mit dem ganzen Land zu teilen. Ihre Probleme behält sie für sich, ihre Tiefe weiß sie zu verbergen. So erhält sie ihren Status als Star - und beschützt zugleich den Menschen Schöneberger.

Früher hat sie zumindest noch ihre Partner vorgezeigt. Illustriertenleser kannten Paul, den Studenten. Oder den Berater Mathias. Mann und Kinder bleiben heute unsichtbar. Der Berliner Unternehmer, mit dem sie seit 2009 verheiratet ist, meidet die Öffentlichkeit, was wiederum die Fantasie der Klatschblätter anregt.

"Barbara Schöneberger. Dramatische Trennung. Jetzt steht sie vor den Scherben ihres Glücks", titelt "Woche heute" im Januar, dazu ein Foto, das sie mit Kartons auf dem Arm zeigt, aufgenommen offenbar in ihrer Straße. Ist ihre Ehe am Ende?

Das wüsste Schöneberger auch gern. Sie kauft die Zeitschrift an einer Raststätte auf dem Weg nach Hamburg. Im Auto liest sie daraus vor, mit gespieltem Entsetzen.

Die Geschichte: Getrennt haben sich nicht etwa Schöneberger und ihr Mann. Sondern sie und der NDR. Zumindest für einen Abend. Anders als in den Vorjahren moderiert sie 2018 nicht den Vorentscheid des ESC - aus Termingründen. Das vermeintliche Auszugsfoto? Zeigt, wie sie Päckchen abholt, die beim Nachbarn abgegeben wurden.

Wer als Entertainer herausstechen will, muss Grenzen austesten. Er darf sie aber nicht überschreiten, jedenfalls nicht, wenn er Massen erreichen will. Zwei Regeln, die Schöneberger beherzigt. Als sie hochschwanger den Deutschen Radiopreis moderierte, Robbie Williams auf die Bühne kam und ihren Bauch küsste, rief sie: "Die Milch schießt ein!" Das schon. Sie würde auf der Bühne aber nicht "Fotze" sagen, wie Carolin Kebekus. Erziehungssache, womöglich.

Laudatoren Schöneberger, Williams beim Deutschen Radiopreis 2012
Imago

Laudatoren Schöneberger, Williams beim Deutschen Radiopreis 2012

Schönebergers Vater war Soloklarinettist der Bayerischen Staatsoper, die Mutter Hausfrau. Bildung wurde hochgehalten, ebenso klassische Werte. Als sie in der Pubertät war, sagten die Eltern: Wenn du nicht rauchst und trinkst, bezahlen wir deinen Führerschein. Ihren ersten Rausch habe sie mit 32 gehabt, sagt Schöneberger.

"Ich bin so gestrickt: Wenn einer sagt, das geht nicht, dann geht das nicht. Wenn es hieß, du bist um neun zu Hause, dann war ich das. Die alte Lederjacke vom Secondhandshop und eine zerrissene Jeans waren alles, womit ich rebelliert habe."

Vor einigen Monaten saß sie mit ihren Eltern vor dem Fernseher. Es lief "Hart aber fair", es ging um Sexismus und Feminismus. Mit manchem, was geäußert wurde, fremdelten Schönebergers, aber sie erduldeten es. Als sich jedoch eine Teilnehmerin der Talkrunde darüber beschwerte, dass Bauarbeiter ihr hinterherpfeifen, entschied Mutter Schöneberger, dass es Zeit sei auszuschalten.

Auch Schöneberger hätte sich zu #MeToo äußern können, Anfragen für Interviews gab es, sie lehnte ab. Sie ist eine Virtuosin des Oberflächlichen, sagt aber selten etwas, womit sie anecken könnte. Sie geht auch nicht in Polittalks. Zur #MeToo-Debatte hätte sie allenfalls beitragen können, dass sie nie mit einem Mann auf einem Hotelzimmer war, mit dem sie dort nicht sein wollte. Hätte nur Ärger eingebracht. So wie ihr Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis im Januar in Köln.

Schöneberger eröffnete die Gala mit einer Hommage an die Serie "Babylon Berlin" von ARD und Sky, die in den Zwanzigerjahren spielt. Sie mit Fliege und Zylinder, um sie herum Tänzerinnen mit Röckchen aus goldenen Bananen, nacktem Oberkörper und Troddeln an den Brüsten à la Josephine Baker. Einer der raren Höhepunkte eines recht trostlosen Abends. Nicht jedoch für Anja Reschke. Die NDR-Journalistin empörte sich einige Tage später auf Twitter über den angeblichen Sexismus der Darbietung. Sie erhielt viel Zustimmung, auch weil nur wenige die Einlage in Gänze gesehen hatten, da ausgerechnet der Fernsehpreis nicht im Fernsehen übertragen wird.

Sexismus beim Fernsehpreis? "Ich bin nicht ins Showbusiness gegangen, um politisch korrekt zu sein", sagt Schöneberger. "Ich habe das Gefühl, man muss da ein bisschen dagegenarbeiten. Wenn selbst die Openings von Eventshows unter politischen Gesichtspunkten durchanalysiert werden, dann können wir gleich einpacken. Mein Gott! Wir sind im Fernsehen, da soll gefälligst eine geil aussehende Alte auf die Bühne kommen!"

Sexistisch? War das Fernsehen gewiss in seiner Frühzeit. Damals wurde der Job der Assistentin erfunden, deren Aufgabe es war, gut auszusehen. Oder dem Showmaster Wasser und Seife zu reichen, wenn er einen Hund angefasst hatte. Assistentinnen hießen Gabi oder Beate, Nachnamen hatten sie nie. Schönebergers TV-Karriere fing auch noch so an, Ende der Neunziger.

In der Show "Bube, Dame, Hörig" assistierte sie Moderator und Zotenkönig Elmar Hörig. Fünf Aufzeichnungen am Tag, für 800 Mark. Hörig sagt, ihm seien damals, anstelle eines Castings, Fotos mehrerer Frauen vorgelegt worden. Er habe auf die "mit den größten Brüsten" gedeutet. Schöneberger.

Heute ist sie die, auf die sich alle einigen können. Die Bundesbabs. Womöglich hätte sie sogar "Wetten, dass..?" retten können.

New York, Mitte April. Thomas Gottschalk öffnet die Tür. Er wohnt auf der anderen Seite Amerikas, in Malibu, ist aber ein paar Tage zu Besuch hier, im Apartment seines Sohns. Gottschalk lässt sich auf eine große Couch fallen und schlägt die Beine übereinander. "Ich habe Barbara erst sehr skeptisch gesehen, weil mir klar war, dass da eine Konkurrenz heranwächst", sagt er. "Als sie bei 'Wetten, dass..?' auf meiner Couch saß, habe ich gespürt, wie sie brennt. Die brachte Dampf in die Bude. Ich dachte nur: Moment! Wenn hier einer brennt, dann ich! Und dieser Blick. Sie hat Augen, da denkst du, die ploppen gleich raus. Und fragst dich nur noch, ob dich das rechte oder das linke trifft."

Gottschalk sagt, Schöneberger sei die Einzige gewesen, die er dem ZDF als Nachfolgerin empfohlen habe. Doch der Intendant wollte Hape Kerkeling, der sagte ab. Schöneberger signalisierte früh, dass sie nicht interessiert sei. Am Ende wurde es Markus Lanz.

"Wenn ein Kandidat gewettet hat, er kann 100 Liegestütze, dann hat Markus gesagt, er schafft 90. Barbara hätte gesagt, sie kann einen und hätte den auch gleich vorgemacht. Sie hat die Freude am Unsinn und dem Chaos, die zu diesem Geschäft gehört", sagt Gottschalk.

Ist sie trotzdem so etwas wie seine Nachfolgerin? "Wenn ich Papst war, dann ist sie in Richtung Kardinalin unterwegs. Pech für sie, dass im Fernsehen die Zeiten vorbei sind, in denen alle Wege irgendwann nach Rom geführt haben." Gottschalks Smartphone meldet sich. Sein Klingelton ist "Smoke on the Water", wirklich. Er muss jetzt los.

RTL entwickelt gerade eine neue Show, in der Gottschalk, Jauch und Schöneberger gleichberechtigt antreten sollen. Sie auf Augenhöhe mit den beiden großen alten Männern des deutschen TV, nun auch offiziell. Aber bedeutet das noch etwas?

Schöneberger sagt, früher hätten Freunde oder Bekannte ihr Glück gewünscht für große Shows. Heute erhalte sie am Tag einer wichtigen Sendung Nachrichten wie: "Schon was vor heute Abend?"

Wenn die Fernsehunterhaltung ein Stern ist, dann ist Schöneberger ihre Supernova: das kurze, aber heftige Aufleuchten des Sterns am Ende seiner Lebenszeit.



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