Der SPIEGEL

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26. Dezember 2017, 07:25 Uhr

Hohe Preise, lange Wartelisten

Wie der Handwerkermangel Wohnträume platzen lässt

Von Benedikt Becker und

Bauherren müssen lange auf Klempner, Maurer und Dachdecker warten - und die Preise steigen sprunghaft. Wird Bauen zum Luxus?

Er ist hundertfacher Millionär, hat Zigtausende Wohnungen gebaut, Tausende Handwerker beschäftigt, selbst Maurer gelernt. Er kennt alle Tricks und sieht jeden Pfusch - aber an diesem Sonntagnachmittag kam selbst der Baulöwe Dieter Becken an seine Grenze, was den Umgang mit Handwerkern angeht.

Becken, 68, stand im fast fertigen Konferenzraum seiner neuen Unternehmenszentrale mitten in Hamburg und versuchte, einem Handwerker verständlich zu machen, dass der gerade dabei war, Mist zu fabrizieren. Die Decke solle nicht so weit abgehängt werden. Das sei falsch. Irgendjemand habe die Pläne nicht richtig gelesen.

Der angesprochene Mann war mit Elan bei der Sache, verstand aber leider kein Deutsch. Und niemand war in der Nähe, der hätte übersetzen können. Dutzende schufteten übers Wochenende für den Multimillionär, aber niemand wusste, wer Becken war, niemand sprach seine Sprache. Er tigerte durch das Haus, er fuchtelte mit den Armen, er übte sich in Zeichensprache. Umsonst. Becken war so hilflos wie irgendein x-beliebiger Bauherr.

Erst am nächsten Tag, als Becken in sein neues Büro kam, ein paar Meter von jenem Konferenzraum entfernt, konnte sich der Unternehmer Luft verschaffen und einem seiner Manager die Anweisung geben, das Deckendesaster zu beheben. Wieder rückten Handwerker an. Sie rissen heraus, was ihr Kollege am Wochenende hineingebaut hatte. "Ein Irrsinn", sagt Becken. "Babylon auf der Baustelle." Und dann legt er los.

Das komme dabei heraus, wenn kaum noch ein Deutscher auf dem Bau arbeiten wolle, wenn kaum noch ein junger Mensch Handwerker werden wolle in diesem Land, jedenfalls nicht Maurer, Betonbauer oder Stahlbieger. Die Deutschen, ruft Becken, seien einmal die Baumeister der Welt gewesen. Und jetzt? Kein Bauunternehmen von Weltrang mehr. Philipp Holzmann - lange untergegangen. Bilfinger Berger - verlegt sich auf andere Geschäftsfelder. HochTief - ein Witz.

Becken geht es, abgesehen von jenem Sonntagnachmittag, keineswegs darum, dass auf seinen Baustellen besonders viel Deutsch gesprochen werden soll. Er bekommt auch sonst den Handwerkermangel jeden Tag zu spüren, bemerkt, wie der Bauboom allmählich seine Schattenseiten selbst für ihn zeigt. Die Preise steigen von Monat zu Monat. Oft ist er froh, überhaupt Handwerker zu bekommen, und wenn deren Termine zu seiner Planung passen, kann er sein Glück kaum fassen.

"Das Verhältnis hat sich komplett gedreht", sagt er. Früher standen die Handwerksbetriebe Schlange und kämpften um jeden Auftrag. Heute diktieren sie die Bedingungen. "Und bei mir geht es um große Auftragsvolumina. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es einem kleinen Bauherrn geht, der heute auf der Suche nach Handwerkern ist."

Überhitzung nennen es die Ökonomen, was sich gerade in der Bauwirtschaft abspielt. Und Nachfrageüberhang, was im gesamten Handwerk geschieht. Nirgends sonst in der deutschen Wirtschaft zeigt sich plastischer, was Boom bedeutet. Überall sieht man Baugerüste, Baustellen, Bauwagen. Städte lassen Straßen aufreißen, der Staat zieht Autobahnbrücken hoch, Investoren stampfen Neubau um Neubau aus dem Boden, Privatleute lassen Fassaden sanieren, Dächer decken, Wände streichen.

Die Wartezeiten bei Handwerkern haben sich im Jahr 2017 vor allem in den Metropolen enorm verlängert - auf durchschnittlich mehr als zehn Wochen. Zugleich steigen die Preise. Vor allem in den Großstädten können besonders nachgefragte Gewerke, wie etwa Dachdecker oder Heizungs- und Sanitärinstallateure, ihre Preise fast nach Belieben kalkulieren.

Die Stadt Oberhausen hat wegen der gestiegenen Kosten mehrere Projekte gestoppt. Für ein geplantes Kinderland im Schwimmbad standen rund zwei Millionen Euro zur Verfügung. Auf die Ausschreibung reagierte ein einziges Unternehmen und forderte mehr als den doppelten Preis. Für den Ersatz zweier Brücken fand sich überhaupt keine Firma.

Mancherorts ist die Marktposition der Handwerker so gut, dass sie Angebote für geplante Arbeiten nur gegen eine Bearbeitungsgebühr herausrücken. Und mancher Kunde, der mit der erledigten Arbeit nicht zufrieden ist, rennt den Betrieben monatelang hinterher, bis der Mangel behoben wird. "Leider", sagt der Hamburger Rechtsanwalt Klaus von der Heydt, "zieht der Boom auch schwarze Schafe an." Vor allem private Bauherren und Auftraggeber, die wenig von Bauabnahme verstünden und auch sonst kaum über ihre Rechte Bescheid wüssten, würden nicht selten über den Tisch gezogen. "Da muss einer nur den Eindruck erwecken, ein netter Kerl zu sein, und oberflächlich alles ordentlich machen, und schon winkt der Normalkunde alles durch." Die Mängel zeigten sich erst später, und wenn die Rechnung bezahlt sei, sei es für die meisten Privatleute zu spät. "Wenn der Preis auffallend niedrig ausfällt, ist immer Vorsicht geboten", sagt von der Heydt, der sich auf Bau- und Architektenrecht spezialisiert hat. "Denn für manche dieser Anbieter liegt die Marge vor allem im Pfusch."

Doch was heißt schon niedrig angesichts der aktuellen Marktlage? Über die Summen, die aktuell für Handwerkerleistungen verlangt werden, staunen nicht nur die Stadt Oberhausen und so mancher private Bauherr, der einen Klempner beauftragt. Auch Großinvestor Becken hat Mühe, seine Kalkulationen aufrechtzuerhalten.

"Wir haben im Bauhandwerk eine gewaltige, nie da gewesene Kostenexplosion", sagt er. Noch vor fünf Jahren habe er seine Bauaufträge an Generalunternehmer vergeben. "Da traf man sich bei der Grundsteinlegung, beim Richtfest und bei der Abnahme - das war's." Allein in den vergangenen zwei Jahren seien die Preise um 50 Prozent angehoben worden, "einfach, weil der Markt es hergibt". Als Bauherrn "bleibt mir da nichts anderes übrig, als selbst Generalunternehmer zu spielen".

Jedes einzelne Gewerk wird bei Becken nun in Einzelverträgen vergeben. Ein Vertrag für die Türen, einer für die Elektriker, einer für den Maler, einer für den Teppich - insgesamt 24 Gewerke. "Eigentlich", so Becken, sei das "der Albtraum jedes Bauherrn". Hunderte Menschen gilt es zu koordinieren. Wenn es irgendwo hakt, löst das andernorts Dutzende Nachwirkungen aus. Und jede Katastrophe fängt simpel an. Wenn eine Firma sagt, ihre Leute kämen leider erst 14 Tage später, kommt der ganze Terminplan durcheinander. "Und das ist noch nicht einmal Bösartigkeit oder gar Faulheit", sagt Becken. "Die Firmen sind bis zum Überborden mit Aufträgen voll, die arbeiten mehr, als sie eigentlich können, und da braucht es nur eine Winzigkeit - und alles bricht zusammen."

Das Problem am Boom ist: Niemand weiß, wie weit man ihm trauen kann. Vor allem dem Bauhandwerk stecken die Krisenjahre nach der Jahrtausendwende noch in den Knochen, als nach dem Wiedervereinigungsboom die Nachfrage eingebrochen war und die Handwerksbetriebe zu Tausenden pleitegegangen waren. Jetzt einfach Leute einzustellen und zu hoffen, dass die Auftragslage immer so gut bleibe, mag kaum ein Betrieb. Da lässt mancher Meister lieber den einen oder anderen Auftrag ziehen.

Und selbst wenn er einstellen will - woher nehmen, wenn nicht stehlen? Handwerker in besonders gefragten Bereichen werden bereits mit Prämien von ihren alten Betrieben weggelockt. Und Nachwuchs gibt es kaum. 15.000 Lehrstellen blieben dieses Jahr nach Angaben des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) unbesetzt. "Wir kämpfen um jeden Jugendlichen, und das auf allen Ebenen und über alle Kanäle", sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. "Die fehlenden Fachkräfte drohen das Wachstum auszubremsen - nicht nur im Handwerk, sondern in der Wirtschaft insgesamt." Es hat lange gebraucht, bis der Verband mit seinen Forderungen bei der Politik überhaupt auf Gehör stieß. Jahrzehntelang galt die Aufmerksamkeit dort vor allem den Hochschulen und deren internationaler Konkurrenzfähigkeit.

Wollseifer spricht nun von einer "Überakademisierung" und will Studium und Ausbildung "wieder in ein vernünftiges Verhältnis bringen". Abiturienten müssten wissen, dass auch im Handwerk erfolgreiche Karrieren möglich seien.

Der Handwerkspräsident wünscht sich "nach dem erfolgreichen Hochschulpakt" jetzt einen "Berufsbildungspakt". Berufsschullehrer müssten besser ausgebildet, die technische Ausstattung müsse modernisiert werden. "Die Lehrlinge müssen dort lernen können, wie ein Roboter arbeitet."

Auf dem aktuellen Arbeitsmarkt ergeht es Handwerkern sogar besser als Akademikern. Laut Berechnungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind Personen mit Meister- und Technikerausbildung am wenigsten gefährdet, arbeitslos zu werden. Ihre Erwerbslosenquote lag 2016 bei 1,7 Prozent, bei Hochschulabsolventen betrug sie hingegen 2,4 Prozent.

Auch die Karriereaussichten für potenzielle Absolventen sind gut: Rund 200.000 Betriebe, schätzt der ZDH, brauchen in den nächsten zehn Jahren einen neuen Chef, weil der alte in Rente geht. Deutschland könne es sich nicht leisten, dass diese Firmen verschwänden, sagt ZDH-Präsident Wollseifer. "Dann bricht das soziale Gefüge besonders im ländlichen Raum zusammen."

Nun ist Handwerk nicht gleich Handwerk. Gut fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in etwa einer Million Handwerksbetrieben. Mehr als 130 Berufe zählen zu diesem Bereich. Das Nahrungsmittelgewerbe macht gerade einmal 3,5 Prozent der Betriebe aus, vom Bäcker bis zum Fleischer. Mehr als die Hälfte ist mit dem Bau oder Ausbau von Häusern beschäftigt. Eine starke Gruppe sind auch Firmen, die für den gewerblichen Bedarf arbeiten, also etwa Elektromaschinenbauer, Kälteanlagenbauer oder Modellbauer. Sie stellen 13,5 Prozent aller Unternehmen im Handwerk.

Der Betrieb von Klaus Peter Abel ist ein gutes Beispiel dafür, welche Karrieren im Handwerk möglich sind. Aus der kleinen Metallfirma seines Vaters hat er ein mittelständisches Unternehmen mit 80 Mitarbeitern gemacht. "Hätte mir das vor 20 Jahren jemand gesagt, ich hätte ihm den Vogel gezeigt", sagt Abel, 47, und tippt sich an die Stirn.

Sie seien immer ein klassischer Familienbetrieb gewesen, sagt Abel und zeigt auf ein altes Schwarz-Weiß-Foto. Darauf sind hölzerne Karren und Bollerwagen zu sehen. Im Hintergrund erkennt man die Werkstatt, die Abels Großvater 1920 im thüringischen Geisa gegründet hatte. Dort, in der Grenzregion zu Hessen und Bayern, hat die Firma bis heute ihren Sitz.

Mit industrieller Holzbearbeitung fing es damals an. Später wechselte Abels Vater zu Metallwaren: Schrauben, Muttern, kleine Unterlegscheiben. Nach der Wende war damit Schluss, zu groß die Billigkonkurrenz aus Asien. "China hat gedrückt ohne Ende", sagt Abel.

Andererseits kamen mit der Wiedervereinigung auch Chancen. Zu DDR-Zeiten hatte die Firma nie mehr als vier Mitarbeiter. Sie wäre sonst womöglich in einer Produktionsgenossenschaft aufgegangen. Im wiedervereinigten Deutschland aber konnte die Familie investieren: in größere Werkstätten und mehr Personal. Und vor allem in neue Produkte.

1995 übernimmt Abel die Firma von seinem Vater und steht wenige Jahre später nicht mehr selbst an der Drehmaschine. Er ist jetzt vor allem Erfinder, plant und zeichnet Prototypen. 15 Patente hat er in den vergangenen zehn Jahren angemeldet.

Sein Erfolgsprodukt ist eine Absturzsicherung, die verhindern soll, dass Menschen in Hochhäusern aus dem Fenster fallen. Dafür wird vor dem Fenster eine weitere Glasscheibe auf eine Schiene gesetzt. Für die Verankerung sorgt ein spezieller Dübel.

Abels Strategie geht auf: Zuletzt wuchs der Umsatz der Firma um bis zu 30 Prozent jährlich.

Wer mit dem Chef durch die Produktionshalle seiner Firma geht, spürt, dass er sich trotz allem immer noch als Handwerker und nicht als Manager sieht. "Das Handwerk ist die Grundlage für alles", sagt er und steuert auf eine Drehmaschine zu, die in einer Ecke steht: "Damit hat schon mein Großvater gearbeitet."

Abel, der seine Erfolge zuvor eher sachlich referiert hat, kommt jetzt in Fahrt, erklärt die einzelnen Teile der Maschine, "Futter", "Antrieb", "Spindel", "Reitstock". Dann zeigt er auf die computergesteuerten Geräte am Ende der Halle. "Die funktionieren nicht viel anders, nur mit Bildschirm."

Julian Pfaff lernt im zweiten Lehrjahr bei Abel. Er wohnt zwei Dörfer weiter, er hat es nicht weit bis zur Arbeit. Aber wenn er eine Woche im Monat zur Berufsschule muss, ist er morgens fast zwei Stunden unterwegs. Pfaff ist erst 17 Jahre alt, daher auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Er nimmt die erste Busverbindung nach Eisenach und kommt trotzdem zu spät. Er habe sich daran gewöhnt, sagt er.

Acht Auszubildende hat Abel momentan. Gern würde er mehr einstellen. Es ist jedoch schwer, in der Region gute Bewerber zu finden. Viele Jugendliche verlassen die ländliche Region, ziehen in nahe gelegene Städte wie Fulda oder Bad Hersfeld. Abel hat viel versucht: Lehrlingsbörsen, Speeddating an Schulen. Vor zwei Jahren war trotzdem niemand da, den er einstellen konnte. Was auch daran lag, dass mancher den beschwerlichen Weg zur Berufsschule nicht auf sich nehmen wollte. Manchmal scheitert die Zukunft des Handwerks auch an banalen Dingen.

Abel will jedenfalls nicht warten, bis sich mehr Abiturienten gegen die Universität und für das Handwerk entscheiden. Ab 2018 bietet er in Kooperation mit einer Fachhochschule ein duales Studium an, das technisches Wissen mit kaufmännischem Verständnis verknüpfen soll.

Die Internetbörse MyHammer vermittelt Auftraggeber und Handwerker. Die Idee ist simpel. Der Kunde stellt eine Auftragsbeschreibung ein, die Handwerker bewerben sich. Der Kunde wählt aus. Doch in den 18 Jahren, in denen das Portal besteht, hat sich die Welt drum herum komplett geändert. Die Ursprungsidee war eine Preisbörse und funktionierte wie ein umgekehrte Versteigerung. Jeder Handwerker versuchte, den anderen zu unterbieten.

Heute nutzten Auftraggeber den Onlinedienst nicht mehr, weil sie den Preis drücken könnten, sondern weil sie so noch an Handwerker kämen, die den Auftrag ausführen können, sagt MyHammer-Chefin Claudia Frese. "Wir gleichen ein bisschen den Mangel aus." Über die Börse erfahre etwa ein Tischler in Thüringen, dass jemand in Hamburg eine Küche aufgebaut haben will. "Der Radius, in dem Auftraggeber aus der Großstadt einen Handwerker suchen und beauftragen, wächst immer weiter." Und natürlich machten sich die Betriebe aus der Provinz die Not in den Städten zunutze. "Die Preise, die in den Großstädten für dieselben Leistungen aufgerufen werden, sind oft doppelt so hoch."

Frese hat einen guten Überblick über Nachfrage und Angebot im Handwerkermarkt. Derzeit würden die Wartezeiten enorm steigen, am Ende immerhin bekomme so gut wie jeder Auftraggeber zumindest ein Angebot. "Der Markt ist eng, aber im Internet funktioniert er", sagt sie.

Sie beobachte jedoch, dass sich die Firmen in diesem Boom auf ihr angestammtes Geschäft verlassen würden. "Aufträge, die über das Übliche hinausreichen, sind nur sehr schwer zu vergeben", sagt sie. Einen Betrieb zu finden, der sich etwa mit Smarthome-Installationen auskenne, sei "vielleicht nicht aussichtslos, aber doch eine ziemliche Herausforderung".

Macht der Boom manche Betriebe also träge, weil auch mit dem vor Jahren Erlernten gerade gut zu verdienen ist?

Der Immobilienentwickler Christoph Gröner, Gründer und Vorstandschef der Berliner CG-Gruppe, kritisiert seine Kollegen schon lange wegen deren Innovationslahmheit. Er glaubt, dass Trägheit der tiefer liegende Grund des Fachkräftemangels der Branche sei. "Das Problem ist doch nicht, dass wir zu viel bauen, sondern dass wir es versäumt haben, Innovationen einzuführen, die Produktivität zu erhöhen und den Übergang zu einer gut organisierten Industrie zu bewerkstelligen. Es ist so, als ob in der Automobilindustrie die Türen noch von Hand geschweißt und zusammengesetzt würden."

Der Fachkräftemangel zumindest des Bauhandwerks hänge auch damit zusammen, dass die Jobs unattraktiv und schlecht bezahlt seien, meint Christoph Gröner. "Tatsächlich ist es für einen Handwerksbetrieb überhaupt erst seit rund fünf Jahren möglich, auskömmlich zu kalkulieren."

Fast zwei Jahrzehnte lang habe es überall Not leidende Betriebe gegeben, die durch die schlechte Auftragslage mit niedrig kalkulierten Preisen ihre Existenz bestreiten mussten. "Jetzt kann der Maurer endlich mal Preise verlangen, die ihn in die Lage versetzen, nicht jeden Tag von morgens um fünf bis abends um zehn zu schuften. Er kann jetzt auch am Freitag um 14 Uhr die Kelle hinwerfen, so wie es andere Arbeitnehmer schon lange tun."

Was jedoch würde geschehen, wenn der Boom vorbei wäre, die Nachfrage sänke und die Produktivität eines Handwerkers immer noch dieselbe wäre wie vor Jahren? Dann kehrte das alte Elend zurück.

Jetzt verdient der Handwerker nur mehr, weil es gerade mehr Nachfrage als Angebot gebe. Das Bauhandwerk müsse jedoch die Digitalisierung nutzen, weil sie der Produktivität einen deutlichen Schub geben könne. Und dann, sagt Gröner, "könnten die Löhne weiter steigen, weil jeder einzelne Handwerker an jedem einzelnen Tag mehr leistet, ohne mehr arbeiten zu müssen. Dann werden Jobs im Bauhandwerk eines Tages so attraktiv wie Arbeit in der Automobilindustrie".

Ein Fliesenleger, sagt Gröner, arbeite heute im Grunde noch genauso wie vor 20 Jahren. Er kauere auf den Knien, schneide Fliese um Fliese, mache jede Menge Dreck mit der Flex und brauche für ein Bad, das 20 Quadratmeter Kacheln habe, zwei Tage.

"Absurd", sagt Gröner. Und noch einmal: "Absurd." Wenn der Fliesenleger den Raum digital vermessen und einen Roboter den Zuschnitt vorab erledigen lassen würde, brauchte er "nicht ein Viertel der Zeit". Er hockte nicht so viel auf den Knien und atmete weniger Staub ein.

"Oder ein Parkettverleger", sagt Gröner. Wenn das Parkett fertig geschnitten und nummeriert auf die Baustelle käme, würde der Handwerker nur noch 30 Prozent der Zeit benötigen.

Doch das sei die Schattenseite des Booms: Den Unternehmen gehe es durch die außergewöhnliche Auftragslage gerade gut, und da werde das Nachdenken über Innovationen eben meist in die Zukunft verschoben.

Allerdings gibt es - oft auch außerhalb des Bauhandwerks - viele Betriebe, die deshalb erfolgreich sind, weil sie Neues wagen. Elektroinstallateur Christoph Kynast etwa hat sein Unternehmen im thüringischen Dermbach an die Entwicklungen der Digitalisierung angepasst. Das heißt beispielsweise: Er verkauft nicht bloß Produkte und baut sie ein. Seine Elektroanlagen können alle von einem Büro in seiner Firma aus überwacht und gewartet werden. Wenn es in England ein Problem gibt, muss kein Mitarbeiter seines Unternehmens mehr ins Flugzeug steigen. Er kann den Fehler am Computer erkennen und notfalls einen Elektriker vor Ort instruieren, welches Bauteil ausgetauscht werden muss.

Aus seinem Büro blickt Kynast auf die grüne Hügellandschaft der Rhön. Er fühle sich verwurzelt in der Region, sagt er, hier, "wo die Leute handwerklich geprägt sind". Seine Geschäfte jedoch haben sich von der Heimat entkoppelt. Teile seines Umsatzes macht er längst im Ausland. In Italien oder Rumänien, vor allem in Großbritannien, wo eine Tochterfirma für einen deutschen Discounter Elektroanlagen plant und installiert.

"Deutsche Wertarbeit wird überall geschätzt", sagt Christoph Kynast. Die duale Ausbildung im Handwerk sei einzigartig. Was er anbiete, sei vor allem im Ausland gefragt. "Bei uns wird alles individuell angefertigt, nichts kommt von der Stange."

Kynast hat seine Anlagen in prestigereichen Bauobjekten installiert, in Sportstadien und Luxushotels, deren Namen er nicht in der Presse lesen will. "Das Handwerk kann nicht nur klein", sagt er. "Wir können auch groß."

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