AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2017

Ungerechtes Benotungssystem Hier Einser-Abi, dort durchgefallen

Ein guter Notenschnitt ist die Voraussetzung für viele begehrte Studiengänge. Doch ist das gerecht? Der SPIEGEL-Ländervergleich beweist: Beim Abitur entscheidet Herkunft statt Leistung.

Abitur-Prüfung
DPA

Abitur-Prüfung

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Wenn Philipp über die anstehenden Abiturprüfungen spricht, beteuert er erst einmal seine Unschuld. Nein, er werde seine Eltern nicht um Hilfe bitten, so verführerisch das auch sei. Nein, er werde keinen Nachhilfelehrer damit beauftragen, ihm bei der Prüfung zur Hand zu gehen. Philipp, 18 Jahre alt, sagt: "Das muss ich schon selbst schaffen."

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Heft 18/2017
Der große SPIEGEL-Vergleich: Deutschlands ungerechte Schulen

Ja, wer denn sonst? Die Frage mag abwegig klingen, aber sie ist es nicht.

Denn Philipp wird sein Abitur in Hamburg ablegen, und da geht's anders zu als in weiten Teilen der Republik. Wer will, darf einen Teil der Abiturprüfung zwei Wochen lang zu Hause vorbereiten. Er muss nur die Mündliche durch eine "Präsentationsprüfung" ersetzen: eine Viertelstunde Vortrag, dann eine Viertelstunde Gespräch über diesen Vortrag, fertig.

"Referate halten ist sonst nicht so mein Ding", sagt Philipp. Am Ende hat er sich doch dafür entschieden, in Biologie. "Bei einer normalen Mündlichen können die dich kalt erwischen", meint er. "Wenn du mit der Aufgabe nichts anfangen kannst, hast du echt ein Problem." Das Thema der Präsentation erfahre er hingegen schon früher. "Dann kann ich in Ruhe alles nachschauen, was ich nicht weiß."

Seinen Nachnamen und auch seine Schule möchte der schlaksige Junge nicht nennen. Von sich und seiner Situation an einem Gymnasium im Hamburger Norden zu erzählen, das finde er "okay". Aber er möchte niemanden reinreiten. "Ich kenne einige, die sich von Nachhilfelehrern helfen lassen. Die bauen manchmal sogar die Präsentation." Verwerflich findet er das nicht. "Was spricht denn dagegen, solche Möglichkeiten zu nutzen?" Das Dumme ist nur, dass diese Möglichkeiten zwar den Schülern in Hamburg und Schleswig-Holstein offenstehen, den meisten anderen aber nicht.

Denn im Norden lässt sich die klassische mündliche Prüfung - eine (bis dahin unbekannte) Aufgabe, 30 Minuten Bearbeitungszeit, dann offener Fragenteil - komplett umgehen. Schüler aus Ländern, in denen es solche Regeln nicht gibt, sind mal wieder die Dummen. Sie erhalten auch ein Abiturzeugnis, das allgemein anerkannt und selbstverständlich überall in Deutschland gültig ist - nur leider unter ganz anderen Bedingungen zustande gekommen.

Die deutschen Schulen werden in den kommenden Monaten rund 340.000 jungen Menschen attestieren, die allgemeine Hochschulreife zu besitzen. Das Abiturzeugnis soll zeigen, was war.

Das Problem aber ist: Es entscheidet auch darüber, was wird - und was nicht. Das Zeugnis ist die Eintrittskarte in die akademische Welt. Wer es besitzt, darf eine Universität besuchen und hat gute Aussichten auf einen Ausbildungsplatz. Und je besser die Note, desto größer die Chancen, auch in den beliebten Fächern zugelassen und an den begehrten Hochschulen eingelassen zu werden. Knapp die Hälfte der Studiengänge in Deutschland unterliegt Zulassungsbeschränkungen. Heute strömen fast anderthalbmal so viele junge Menschen an die Hochschulen wie noch vor zehn Jahren. Wichtigstes und oft einziges Auswahlkriterium: der Abi-Schnitt.

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Die Hürden sind nicht nur an den renommierten oder traditionsreichen Universitäten hoch. Und nicht nur angehende Mediziner und Psychologen plagen sich mit der Sorge, trotz guter Noten keinen Studienplatz zu ergattern, und haben Angst, dass der Traumberuf ein Traum bleibt. An der Fachhochschule Eberswalde drängelten sich im Wintersemester 433 Bewerber um 48 Plätze im Fach Forstwissenschaft, alle mit einem Notendurchschnitt schlechter als 2,3 mussten draußen bleiben.

Daher wird das Zeugnis im ganzen Land nach gerechten und gleichen Kriterien vergeben, so könnte man denken. Und so würde man es gern auch verstehen, wenn die Kultusminister eine "Vereinbarung über Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung" treffen und sich eines "gemeinsamen Aufgabenpools" rühmen. Doch die Realität in dieser Republik ist eine andere.

Wie lässt sich erklären, dass Thüringer Abiturienten 2015 im Durchschnitt mit der Note 2,16 abschlossen, die im benachbarten Niedersachsen aber mit 2,59? Wie kann es passieren, dass in Mecklenburg-Vorpommern knapp sieben Prozent durchs Abitur fallen, anteilig dreimal so viele wie im Saarland?

Über alldem steht die Frage, was das Abitur überhaupt sein soll: ein Schulabschluss für die Elite, für die Leistungsspitze eines Jahrgangs? Oder ein Abschluss für die Masse, um vielen Schulabgängern den Weg an die Universität zu ebnen? Auch in dieser so grundlegenden Frage sind, so scheint es, die Bundesländer uneins. In Hamburg machen fast 58 Prozent eines Jahrgangs Abitur, in Sachsen-Anhalt und Bayern sind es weniger als 35 Prozent.

Föderalismus beruht auch auf Wettbewerb, doch ein ungerechter Wettbewerb kennt keine Gewinner. Den einen schadet er, weil ihnen mehr abverlangt wird, ihnen schlimmstenfalls das Abitur verwehrt bleibt, obwohl die Leistungen andernorts ausgereicht hätten. So denken manche Schüler in Bayern oder Baden-Württemberg, Sachsen oder Sachsen-Anhalt: Die da oben, die im Norden, in Hamburg oder Bremen oder Schleswig-Holstein, die haben es doch eh viel leichter.

Doch selbst dort erzeugte ein Wettbewerb, der unter ungerechten Bedingungen abliefe, keine echten Gewinner. Wer in diesen Ländern sein Abitur macht, womöglich ein sehr gutes, steht immer unter dem Verdacht: Liegt doch gar nicht an dir, sondern nur am System, anderswo hättest du es so nicht geschafft. Wie soll man sich da über die eigene Leistung freuen, gar stolz darauf sein?

"Zum Inbegriff bürgerlicher Bildungs- und Leistungsvorstellungen schlechthin" sei das Abitur im 19. Jahrhundert geworden, schreibt der Abiturforscher Rainer Bölling (siehe Interview Seite 18). Welche Bedeutung dem Abitur auch heute beigemessen wird, zeigt sich immer dann, wenn sein Wert mal wieder infrage gestellt wird.

Dann ist die Aufregung groß, wie zuletzt Mitte März, als 130 Professoren und Mathematiklehrer einen Brandbrief veröffentlichten. Da der Schulstoff ausgedünnt worden sei, reiche "das mathematische Vorwissen von vielen Studienanfängern nicht mehr für ein WiMINT-Studium aus", schrieben sie. Die Abkürzung WiMINT steht für Wirtschaft, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

"Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung (!), Potenz- und Wurzelrechnung, binomische Formeln, Logarithmen, Termumformungen, Elementargeometrie und Trigonometrie", schrieben sie. Und: "Die unzureichende fachliche Tiefe zeigt sich auch an den neuartigen Abituraufgaben."

Dabei sollte doch nun endlich alles besser, gerechter, fairer werden. Vor fünf Jahren einigten sich die Kultusminister der Länder auf den gemeinsamen Aufgabenpool. Die Idee: Alle Bundesländer können Aufgaben in den Pool geben. Das Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen überprüft unter anderem, ob das Niveau stimmt. Dann angeln sich die Länder einige Aufgaben aus diesem Pool.

Schon seit 2014 experimentieren sechs Bundesländer mit abgestimmten Aufgaben, in diesem Jahr würden dann alle mitmachen, heißt es von der Kultusministerkonferenz (KMK). Der Pool sei "ein wichtiger Schritt in Richtung Vergleichbarkeit", lobte KMK-Präsidentin Susanne Eisenmann (CDU). Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) nannte ihn "einen Meilenstein". Die Kultusminister feierten sich selbst, und so viel Euphorie ist anscheinend ansteckend: Medien berichteten von einem "bundesweiten Zentralabitur".

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Doch davon ist die Lösung weit entfernt. Das beginnt bereits damit, dass nicht einheitlich geregelt ist, wie viele Abi-Prüfungen Schüler überhaupt ablegen müssen: vier oder fünf?

Es folgt eine Reihe von Einschränkungen. Erstens: Es sind gar nicht alle Fächer erfasst. Der Pool enthält nur Aufgaben für Deutsch, Mathe, Englisch und Französisch. Und es geht - Einschränkung zwei - damit weiter, dass die Länder gar nicht verpflichtet sind, sich aus diesem Pool zu bedienen. Zwar haben alle Bundesländer für dieses Schuljahr guten Willen bekundet, aber ob alle mitziehen, bleibt abzuwarten. Einschränkung drei: Jedes Land kann die Aufgabe, die es dem Pool entnimmt, noch nach seinen Wünschen verändern. Und jeder Schüler kann dann, Einschränkung vier, wie bisher auch meist noch unter mehreren Aufgaben wählen, von denen längst nicht alle aus dem Pool stammen müssen.

So geht es mit den Einschränkungen weiter und weiter. Gemeinsame Prüfungen erfordern entweder einen gemeinsamen Prüfungstermin oder eine große Auswahl von Aufgaben. Denn ist eine Pool-Aufgabe verbraucht, kann ein anderes Land sie schlecht noch mal verwenden. Da hilft es nicht gerade, dass Rheinland-Pfalz als einziges Land die meisten seiner Gymnasiasten in 12,5 Schuljahren zum Abitur führt. Die schriftlichen Prüfungen finden hier bereits im Januar und nicht wie anderswo im April und Mai statt.

Manchmal fällt es schwer, hinter alldem noch die Idee zu erkennen: mit dem gemeinsamen Pool für mehr Vergleichbarkeit der Abiturprüfungen zu sorgen. Viel mehr wäre derzeit allerdings kaum möglich, denn die Voraussetzungen dafür fehlen. "Da die Lehrpläne bundesweit nicht aufeinander abgestimmt sind, können einzelne Länder überhaupt nur einen kleinen Teil der Aufgaben verwenden", erklärt Dieter Brückner von der Bundesdirektorenkonferenz der Gymnasien.

Eine Aufgabe aus Thüringen kommt für eine Abiturprüfung in Sachsen möglicherweise gar nicht infrage, weil sächsische Schüler im Unterricht andere Themen behandelt, andere Bücher gelesen, andere Schwerpunkte gesetzt haben. Es liegt nahe, dass einige Länder wohl diejenigen Aufgaben auswählen, die sie selbst in den Pool gegeben haben.

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Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, fällt ein vernichtendes Urteil: "Der Aufgabenpool ist reine Schaufensterpolitik." Kraus, der als Rektor eines bayerischen Gymnasiums 22 Abiturjahrgänge entlassen hat, verfolgt die Diskussionen um Vergleichbarkeit und Fairness seit Jahrzehnten. "Die Kultusminister lügen sich in die Tasche", sagt er. Ein bundesweit vergleichbares Abitur sei gar nicht von allen gewollt. "Dann würden nicht nur die Leistungen der Schüler, sondern auch die der Bildungsminister sichtbar", sagt Kraus. "Und das möchten manche Minister tunlichst vermeiden."

Zugleich erweist sich das neue System - auch wenn noch so wenige Schüler am Ende tatsächlich Pool-Aufgaben bearbeiten - als anfällig für Pannen. Wie anfällig, das zeigte sich in der vorvergangenen Woche, als unbekannte Täter in eine Schule im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf eindrangen und einen versiegelten Umschlag mit Prüfungsaufgaben öffneten. Neben Baden-Württemberg mussten mindestens sechs weitere Länder Teile des schriftlichen Abiturs ersetzen. Das Land Berlin muss sogar 10.000 bereits gedruckte Aufgabenhefte einstampfen.

Ein Test in Hamburg könnte die Zögerlichen bestärken. Das Abitur werde diesmal nicht leicht, hatte Schulsenator Rabe zu Beginn des Schuljahrs gewarnt und die Hamburger Vorabi-Klausuren Mitte Dezember als Probelauf angesetzt. Die Hamburger Schüler bearbeiteten Aufgaben, die denen aus dem Pool nachempfunden waren, vier Stunden auf Grundniveau, fünf Stunden auf erhöhtem.

Bei der Auswertung dann der Schock: Von 3201 Schülern erreichten mehr als zwei Fünftel, genau 1363 Schüler, nicht einmal ein Ausreichend. Notenschnitt insgesamt: 4,1. Die Schulbehörde sah sich genötigt, alle Ergebnisse um eine ganze Note heraufzusetzen. "Die Mathematikklausur war diesmal schwerer als in der Vergangenheit, weil wir Hamburgs Abiturienten frühzeitig auf die künftigen bundeseinheitlichen Mathe-Abituraufgaben vorbereiten müssen", sagte Rabe.

Auch Philipp, der redliche Abiturient aus dem Hamburger Norden, versuchte sich kurz vor Weihnachten an dieser Klausur. Seitdem sei er froh, dass es in Deutschland kein Zentralabitur gibt - und wohl auch in absehbarer Zeit nicht geben wird. Obwohl er es nicht ganz gerecht findet: "Ist doch unfair, wenn manche es leichter haben, auch wenn ich hier vielleicht selbst davon profitiere."

Zu einer ähnlichen Erkenntnis gelangte der Aktionsrat Bildung, ein Zusammenschluss renommierter deutscher Schulforscher, in einem Gutachten im Jahr 2011: "Die fehlende nationale Vergleichbarkeit der Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe der Abiturleistungen und des tatsächlichen Könnens von Schülerinnen und Schülern am Ende der Oberstufe erzeugt erhebliche Gerechtigkeitsprobleme beim Hochschulzugang und bei der Bewerbung insgesamt", schrieben die Wissenschaftler. Ihre Schlussfolgerung: Zentrale Prüfungen müssten her, zumindest in einigen Fächern, in einem Teil der Aufgaben, ein "gemeinsames Kernabitur".

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Das alles wäre leichter auszuhalten, wenn es wenigstens in den anderthalb Jahren davor gerecht zuginge: wenn die Schulzeit vor der Abiturprüfung unter halbwegs ähnlichen Bedingungen abliefe. Denn die gefürchteten Abi-Prüfungen sind am Ende nicht so wichtig, wie es erscheinen mag. Die Ergebnisse machen nur ein Drittel der Abschlussnote aus. Wichtiger sind die Punkte aus den vier Halbjahren zuvor, der sogenannten Qualifikationsphase.

Da aber geht es, man ahnt es, ebenfalls durcheinander. Die Ungerechtigkeit beginnt schon damit, wer sich der Ungerechtigkeit der Oberstufe überhaupt aussetzen darf. Während in einigen Bundesländern Schüler nicht nur an Gymnasien, sondern auch an Gesamtschulen Abitur machen können, bleibt ihnen dieser Weg in Ländern wie Bayern oder Sachsen verwehrt.

Der SPIEGEL hat die Oberstufen- und Prüfungsverordnungen sämtlicher Bundesländer ausgewertet. Im Kleinen ging es bei dem Vergleich um Notengewichtung und Stundentafeln, um Pflichtkurse, Minderleistungen und Fremdsprachenprofile. Im Großen aber ging es auch hier um die Frage, wie fair es eigentlich zugeht im deutschen Schulsystem mit seinen 16 Lösungen in 16 Ländern.

Der Wirrwarr fängt schon bei den Bezeichnungen an. Hier belegen die Schüler "Profilfächer", dort "Vertiefungsfächer", und je nachdem, wohin man in der Bildungsrepublik Deutschland schaut, sieht man "Kernfächer" oder "Hauptfächer" oder "Grundlagenfächer". Die alte Zweiteilung - Grundkurse plus zwei Leistungskurse - gibt es auch noch. Aber nur noch in einer Handvoll Bundesländer, andere haben sich davon verabschiedet.

Henrik Appel wünscht sich daher, er wäre ein paar Jahre früher geboren. Der 18-Jährige macht im Sommer sein Abitur an einem Gymnasium in Aschaffenburg. Als Bayern vom Abi-Jahrgang 2011 an die Zeit am Gymnasium auf acht Jahre verkürzte, schaffte es die Leistungskurse ab. Vorher konnten die Schüler zwei solcher Kurse wählen, nach Interesse und Talent. Nun sind drei der fünf Prüfungsfächer vorgegeben: Mathe, Deutsch, eine Fremdsprache, die sogenannten Grundlagenfächer.

Henrik mag lieber Geschichte, Wirtschaft, Ethik. Ginge er in Bremen oder Nordrhein-Westfalen zur Schule, hätte er eines dieser Fächer als Leistungskurs wählen können - was auch bedeutet, dass die Zensuren aus den Kurshalbjahren doppelt fürs Abitur gezählt und seinen Notenschnitt verbessert hätten.

Naturwissenschaften hingegen lägen ihm weniger, sagt Henrik, Mathe nerve ihn. "Manche Leute interessieren sich nicht für Binomialkoeffizienten und Riemann-Integrale", sagt er, "wer nicht gerade etwas in dem Bereich studieren will, wird das nie wieder brauchen." Grundsätzlich sei es ja gut, dass Mathe, Englisch und Deutsch durchgängig bis zum Ende gelehrt würden. Aber so ein großes Gewicht, findet Henrik, sollten sie nicht haben. "Müssen denn alle Schüler halbe Mathe-Studenten werden?"

Abiturient Henrik Appel
Tim Wegner / DER SPIEGEL

Abiturient Henrik Appel

Henrik erinnert sich an ehemalige Mitschüler, die vor der Oberstufe aus Aschaffenburg über die Landesgrenze auf eine hessische Schule wechselten. "Auf einmal gehörten sie zu den Klassenbesten, davon waren die vorher meilenweit entfernt." Er habe zwar nie über so einen Wechsel nachgedacht. "Trotzdem finde ich es doof, wenn ich sehe, dass andere mit weniger Einsatz ein besseres Ergebnis bekommen."

Dabei sollte es eigentlich ganz anders kommen. Die Kultusminister beschlossen schon vor Jahren, die Oberstufe umzubauen und drei Kernfächer - eben Deutsch, Mathe, eine Fremdsprache - zu stärken. Sie verabschiedeten sich schrittweise von vielen Neuerungen aus den Siebzigerjahren, als die sogenannte reformierte Oberstufe geschaffen wurde, die größte Veränderung auf dem Weg zur Hochschulreife seit fast einem Dreivierteljahrhundert.

Forscher sprechen von "Rekanonisierung" oder "Restandardisierung". Mehr Pflichtfächer, mehr Vorgaben, mehr Verbindlichkeit und mehr Vergleichbarkeit - so lässt sich dieser neue Kurs der Kultusminister zusammenfassen. Oder einfacher: Weg mit dem Sport-Leistungskurs.

Das klingt erst einmal so, als wäre die Oberstufe in Deutschland tatsächlich wieder einheitlicher geworden. Innerhalb der Bundesländer mag dies stimmen, in 15 Bundesländern gibt es inzwischen zentrale Abiturprüfungen in manchen Fächern.

Doch die Unterschiede zwischen den Ländern sind immer noch groß, weit über die Bezeichnungen der Kurse hinaus. Was sich auch daran ablesen lässt, dass der Sport-Leistungskurs nicht ganz totzukriegen war, in Bremen und Nordrhein-Westfalen etwa lebt er weiter.

Rebekka Grotjohann, 18, wird in wenigen Wochen am Professor-Friedrich-Förster-Gymnasium in Haldensleben bei Magdeburg zur Abiturprüfung antreten. In Sachsen-Anhalt gibt es keine klassischen Grund- und Leistungskurse mehr. Stattdessen werden gleich sechs Fächer "auf erhöhtem Niveau", wie es heißt, unterrichtet, mit mehr Stunden pro Woche.

Nirgendwo müssen Schüler mehr dieser anspruchsvollen Kurse in die Abiturwertung einbringen als in Sachsen-Anhalt. "Man muss knallhart filtern und nur das lernen, was in der Klausur drankommen könnte", sagt Rebekka. Sie engagiert sich trotzdem, im Landesschülerrat, in der Evangelischen Jugend, in der Linkspartei. "Ich finde es wichtig, mich einzubringen", sagt Rebekka. So viel Einsatz frisst Zeit. Diese Zeit sollte die junge Frau eigentlich ins Lernen investieren - findet ihre Mutter. "Sie hat sich gewünscht, dass ich kürzertrete, aber das möchte ich nicht", sagt Rebekka. Obwohl sie sich reinkniet, die Prüfungen ernst nimmt, hatte sie das Gefühl, sich zwischen einem passablen Notendurchschnitt und einem Leben neben der Schule entscheiden zu müssen: "Es gibt andere, die haben fast nur noch gelernt."

Wenn sie im Sommer ihren Abschluss hat, möchte sie studieren, in Magdeburg, ein Fach aus dem Bereich Sozialwissenschaften. Einen Numerus clausus muss sie nicht fürchten, in den letzten Jahren wurden alle Bewerber zugelassen, da hat sich Rebekka schon informiert. "Sauber durchkommen" beim Abi, das reicht ihr. Es ist eine Entscheidung für ihr außerschulisches Engagement und gegen den Kampf um einen erstklassigen Abiturschnitt. Denn sie als Sachsen-Anhalterin habe da "doch eh keine Chance".

Würde Rebekka die Reifeprüfung nicht in Sachsen-Anhalt, sondern in Hessen ablegen, müsste sie sich möglicherweise weniger anstrengen. Denn jenseits der Landesgrenze ist die Freiheit größer.

In Sachsen-Anhalt muss Rebekka sechs Fächer auf erhöhtem Niveau belegen, das ergibt 24 Wochenstunden Intensivunterricht. Mathe, Deutsch und Geschichte sind Pflicht, dazu entweder eine Fremdsprache plus zwei Naturwissenschaften oder zwei Fremdsprachen plus eine Naturwissenschaft.

Abiturientin Rebekka Grotjohann
Harald Krieg / DER SPIEGEL

Abiturientin Rebekka Grotjohann

In Hessen wählen die Schüler zwei fünfstündige "Leistungsfächer", das entspricht zehn Wochenstunden, nicht einmal halb so viele wie in Sachsen-Anhalt. Auch Pflichtkurse gibt es hier nicht: Fest steht nur, dass eines dieser Fächer eine Fremdsprache oder Mathe oder eine Naturwissenschaft sein muss. Hinzu kommt: Die Leistungskurse gehen in doppelter Wertung ins Abitur ein. Die Schüler können also stärker auswählen, welche Fächer ihnen liegen, und dann davon profitieren, dass die Noten aus diesen Fächern doppelt zählen.

In der Summe können sich all diese kleinen Regelungen zu einem großen Unterschied addieren, wie der pensionierte Mathematiklehrer Günter Germann aus Halle an der Saale seit Jahren beklagt. Er hat Hunderte Schüler durchs Abitur begleitet und wunderte sich, warum ausgerechnet in seinem Bundesland Sachsen-Anhalt nur so wenige Schüler zum Abitur zugelassen wurden und ihre Abschlussnoten eher im Durchschnitt lagen - obwohl die Ergebnisse in Leistungstests wie Pisa ordentlich ausfielen. Germann hegte einen Verdacht: "Es ist die Notenberechnung."

2013 ersann Germann deshalb einen fiktiven Schüler. Die Leistungen von Paul, so nannte er den angehenden Abiturienten, schwanken stark. In Mathematik und Deutsch schreibt Paul fast nur Einsen. In Kunst, Geschichte und Sport dagegen sind seine Leistungen oft mangelhaft.

Germann berechnete Pauls Notenschnitt nach den Regeln der jeweiligen Bundesländer. Das Ergebnis: In Bayern, Schleswig-Holstein und Sachsen erreichte Paul einen Durchschnitt von 2,3, in Hessen aber 2,0. In Nordrhein-Westfalen und Bremen erhielt Paul sogar ein Einserabitur, die Noten 1,8 und 1,7 - beide Länder haben nach wie vor Leistungskurse und gewichten die Noten in Deutsch und Mathematik doppelt. Ganz anders wäre es Paul hingegen in Brandenburg und eben Sachsen-Anhalt ergangen: Hier wäre er nicht mal zum Abitur zugelassen worden.

Mithilfe eines Journalisten schickte Germann seine Erkenntnisse an die Kultusministerien und bat um Stellungnahme. Fünf antworteten - und bestätigten Germanns Berechnungen.

So ist das eben, wenn 16 Bundesländer höchst unterschiedliche Regelungen dafür treffen, wie die Vornoten aus der Oberstufe für das Abitur zählen. Aber sollte, darf es auch so sein: hier Einserabiturient, dort Durchfaller?

Die Kultusministerkonferenz schreibt nur vor, dass mindestens 32 Noten im Endergebnis zu berücksichtigen sind. Die Schüler belegen aber überall mehr Kurse, meist über 40, und können deshalb schlechte Noten vielerorts streichen. Die Fünf in Geschichte, Kunst oder Sport verschwindet, wenn die Abiturnote ausgerechnet wird. "Schwache Schüler oder solche, deren Leistungen stark schwanken, haben hier einen Vorteil, die können ihren Schnitt anheben", sagt Germann. "Wer nur gute Noten schreibt, hat davon nichts."

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Die drei Stadtstaaten Hamburg, Berlin, Bremen sowie Hessen begnügen sich tatsächlich damit, 32 Noten zählen zu lassen. In Niedersachsen, dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern sind 36 Noten in die Wertung einzubringen, in Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen 40, in Brandenburg 42, in Sachsen-Anhalt waren es zum Zeitpunkt von Germanns Berechnung 44. Die Zahl der schlechten Noten, die man streichen lassen kann, sinkt also.

In Sachsen zählten sogar 52 Noten für die Wertung, was auch dazu führte, dass die Schüler dort deutlich mehr Wochenstunden ableisten mussten. "Eine absolute Frechheit", schimpft Germann. Eltern- und Schülerverbände griffen seine Ergebnisse dankbar auf. Sie saßen in Talkshows, gaben Interviews. Auf einmal war die Nachricht in der Welt: Schüler in Sachsen und Sachsen-Anhalt werden benachteiligt.

Marco Tullner, als neuer CDU-Kultusminister Sachsen-Anhalts gerade einmal wenige Wochen im Amt, musste sich plötzlich rechtfertigen - und senkte als eine seiner ersten Amtshandlungen im Sommer 2016 die Anzahl anzurechnender Kurse von 44 auf 36. Auch das strenge Sachsen nahm eine Anpassung vor, ab diesem Jahr zählen nur noch 40 Vornoten.

Dort hatte der Landesschülerrat viel Wirbel gemacht. "Hohe Anforderungen sind ja grundsätzlich gut", sagt Leonard Kühlewind, 18, Mitglied in dem Rat. "Aber die, die mehr leisten müssen, werden dadurch benachteiligt." In Ländern mit laxen Regeln käme ja auch niemand auf die Idee, das Abitur schwerer zu machen.

Bis vor Kurzem hatten er und seine Mitschüler besonders zu leiden. Eine Fremdsprache und eine Naturwissenschaft müssen Schüler in der Oberstufe durchgängig belegen, hat die Kultusministerkonferenz in ihren Mindeststandards festgelegt. Ein Drittel der Bundesländer begnügt sich damit, ein weiteres Drittel verpflichtet die Schüler, eine weitere Fremdsprache oder Naturwissenschaft hinzuzuwählen. Sachsen setzte noch eins drauf: Drei Naturwissenschaften und zwei Fremdsprachen standen verpflichtend auf dem Lehrplan.

"Viel zu viel", sagt Leonard. Schon lange hatte der Landesschülerrat sich über diese Ungerechtigkeit beschwert. Im Herbst schickten er und seine Mitstreiter einen Wutbrief an Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU). Nach Gesprächen mit Schülern, Lehrern und Eltern entschärfte Kurth die Anforderungen - wenn auch zaghaft. Zwei Naturwissenschaften und zwei Fremdsprachen sind nun vorgeschrieben oder drei Naturwissenschaften und eine Fremdsprache. "Sächsische Schüler dürfen im bundesweiten Vergleich keine Nachteile haben, Chancengleichheit und die Vergleichbarkeit der Abschlüsse sind ein hohes Gut", sagt Kurth.

Abiturient Leonard Kühlewind,
Sven Doering / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Abiturient Leonard Kühlewind,

Chancengleichheit, Vergleichbarkeit? Die Anforderungen in Sachsen sind immer noch deutlich höher als anderswo. Zumal Schüler hier keine nachträgliche Durchschnittskosmetik mehr betreiben können.

Schrammt ein Schüler in Bayern, Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen nach Abschluss aller Prüfungen um einige wenige Punkte an der Schwelle zu einer besseren Note vorbei, kann er in den drei schriftlichen Fächern eine freiwillige mündliche Nachprüfung ablegen und bei Erfolg die entscheidenden Punkte einsammeln. In Thüringen oder Hamburg hingegen ist so eine Zusatzprüfung nur möglich, wenn die Klausurleistungen erheblich von der Vornote abweichen. Und in Sachsen gibt es diese Chance gar nicht.

Wie viel Druck, wie viel Stress Jugendliche auf dem Weg zum Abitur ausgesetzt sind, kann sogar innerhalb eines Bundeslandes stark schwanken: wenn Schüler die Wahl haben, ob sie nach 12 oder 13 Schuljahren die Reifeprüfung ablegen möchten. Sarah Lafleur hat sich für den entschleunigten Weg entschieden. Die 18-Jährige besucht die 13. Jahrgangsstufe einer Gesamtschule in Solingen. Ihre Lehrer hätten schon in der elften Klasse begonnen, klassischen Oberstufenstoff zu unterrichten, sagt Sarah. "Wir haben die Themen im Unterricht sehr ausführlich behandelt."

Für Klausuren habe sie oft nicht extra lernen müssen, sagt Sarah, die sich als "einigermaßen gute Schülerin" bezeichnet. "Wir hatten ja alles im Unterricht schon x-fach besprochen." So sei genug Zeit geblieben, Freunde zu treffen und ihren Hobbys nachzugehen. "Mir ist es wichtig, genug Freizeit zu haben", sagt Sarah. "Jeder braucht doch einen Ausgleich." An einem G8-Gymnasium, da ist sie sich sicher, wäre es stressiger zugegangen.

So bleibt die Frage, was eine Abiturnote, und sei sie noch so gut, am Ende überhaupt aussagt. Da, wo es wirklich eng ist, haben sich ohnehin längst andere Spielregeln etabliert: bei den Studienplätzen für Medizin, Pharmazie und Tiermedizin. Sie sind knapp, weil sie den Staat viel Geld kosten, und sie sind so begehrt, dass auch Abiturienten mit der Traumnote 1,0 an manchen Universitäten nicht automatisch zum Zug kommen.

Abiturientin Sarah Lafleur
Oliver Tjaden / DER SPIEGEL

Abiturientin Sarah Lafleur

Heute vergibt die Stiftung für Hochschulzulassung, gegründet von den Bundesländern, 20 Prozent dieser begehrten Plätze ausschließlich nach der Abiturnote. Aber die Stiftung vergleicht die Schüler aus verschiedenen Ländern erst gar nicht miteinander, sie treten nicht bundesweit in Konkurrenz, sondern werden in Länderranglisten sortiert. Auf der Website heißt es unverblümt: "Bei einer bundeseinheitlichen Notenrangliste würden die unterschiedlichen Schulsysteme zu einer Verzerrung der Konkurrenz führen."

Direkter als die Stiftung kann man es nicht sagen. Im Stiftungsrat sitzen übrigens Vertreter der 16 Ministerien, die in den Bundesländern für Wissenschaft, also die Hochschulen, zuständig sind. Es sind teilweise dieselben Fachbeamten, die auch für die Schulen die Verantwortung tragen.

Wenn die Politiker schon nicht für mehr Gerechtigkeit sorgen und von Vergleichbarkeit schwadronieren, aber Verzerrung konstatieren, muss die Lösung notfalls anderswo liegen: bei den Hochschulen. Sie könnten eigene Tests durchführen, eine eigene Auswahl treffen, die sich gar nicht so sehr auf das Abitur stützt. Die Noten müssten dann nicht mehr vergleichbar sein, die Unterschiede zwischen den Ländern wären egal, wenn die knappen Studienplätze nach anderen Kriterien vergeben würden.

So läuft es in den USA. Der Notendurchschnitt des Highschool-Diploms spielt oft nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen zählen Referenzschreiben, Essays oder das Engagement in der Freizeit, vor allem aber standardisierte Prüfungen wie der Scholastic Assessment Test oder der American College Test. Sie ähneln weniger einer Fachprüfung als einem Intelligenztest - und sind für jeden und jede gleich.

Auch deutsche Hochschulen haben lange darauf gedrängt, mehr Autonomie zu erhalten und die Auswahl ihrer Studenten stärker zu beeinflussen. Einer der Pioniere ist Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München. Wer sich hier bewirbt, muss neben dem Reifezeugnis und einem Lebenslauf ein Motivationsschreiben einreichen - und sich in einem Einzelgespräch kritischen Fragen mindestens zweier Vertreter der Wunschfakultät stellen.

So könnten er und seine Kollegen nicht nur Ungerechtigkeiten eliminieren, die aus den unterschiedlichen Anforderungen in den Bundesländern rührten, meint Herrmann, sondern auch ausleuchten, was keine Durchschnittsnote der Welt direkt abbildet: Leidenschaft, Motivation, den persönlichen Hintergrund.

Herrmann erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der auf Basis seiner Abiturnote, einer schwachen 3,3, niemals in München zugelassen worden wäre, einer Topadresse für Naturwissenschaftler aller Art. Im Vorstellungsgespräch erzählte der Abiturient aber, wie er, ein Bäckerssohn, seinen Vater verloren und neben dem Gymnasium die Backstube übernommen hatte. Er sei fasziniert von Technik und wolle unbedingt Maschinenbau studieren - ob die TU ihm nicht eine Chance geben könnte? "Heute ist er ein erfolgreicher Ingenieur", sagt Herrmann.

Natürlich sei solch ein Auswahlprozess aufwendig. "Aber es lohnt sich", sagt der Präsident. In den Fächern mit dem "Eignungsfeststellungsverfahren" liegt die Abbrecherquote an der TU München im Schnitt bei 20 Prozent. In Fächern ohne diese Prüfung brechen 38 Prozent ihr Studium vorzeitig ab.

Solch ein Auswahlverfahren wie an der TU München gibt es allerdings nur an wenigen deutschen Universitäten. Ausnahmen bestätigen die Regel und erfassen immer nur einzelne Studiengänge einer Universität. Im "Hochschulkompass", der umfassendsten Übersicht über Studiengänge in Deutschland, geben die Hochschulen bei nur 170 Studiengängen an, ihre Studenten auch mit Tests oder Gesprächen auszuwählen. Das entspricht vier Prozent aller örtlich zulassungsbeschränkten Studiengänge. Und ob deren Tests ausgereift und die Ergebnisse deshalb gerechter sind als das Abitur, ist nicht bewiesen.

So bleibt am Ende die Erkenntnis: Mit ihrer undurchsichtigen Abiturpraxis vergeben die Bildungspolitiker eine einmalige Chance. Kein Test, kein Bewerbungsgespräch, kein Auswahlverfahren kann besser abbilden, was junge Menschen leisten können, als zwei Jahre Oberstufe am Gymnasien: Die Lehrer führen eine Langzeitbeobachtung durch, die Schüler müssen sich in Klausuren, Hausarbeiten, Referaten und täglich im Unterricht beweisen.

Ihr Abschluss, das Abitur, ist das beste Mittel, das wir haben. Aber so, wie es jetzt ist, nicht gut genug.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
crazy_swayze 04.05.2017
1.
Schulnoten und selbst die Einteilung in der 4. Klasse sind schon längst ein Politikum geworden. Während sich die Schulen in CDU-geführten Ländern als Hüter der Bildung sehen, und dementsprechend streng kontrolliert wird, so wird in SPD-geführten Ländern jedem eine gute Note hinterhergeschmissen. Beides ist nicht gerecht. Und weil die Bildung gerade der Spielball der Landesfürsten geworden ist, muss die Bildungspolitik endlich auf die Bundesebene gehoben werden. Denn wenn schon Änderungen, dann fair und für alle gleich. Dann ist auch wieder Vergleichbarkeit gegeben. Besonders ärgerlich ist die heutige Praxis nämlich bei Studiengängen mit NC. Da sind dann Studierende von SPD-geführten Ländern wahrscheinlich überproportional vorhanden - von Fairness kann hier wahrlich nicht die Rede sein.
rsbrueggemann 04.05.2017
2. schlecht recherchiert
Der Hintergrund zur sog. Präsentationsprüfung ist schlecht recherchiert. Auch in Baden-Württemberg wurde das eher bekannte mündliche Abitur durch die Präsentationsprüfung ersetzt - schon vor Jahren! Die Darstellung der Präsentationsprüfung im Artikel ist verniedlichend und entspricht nicht dem, was Schülerinnen und Schüler leisten müssen. Neben der Vorbereitung bzw. dem Vorschlag von 4 Prüfungsthemen, von denen dann eines ausgewählt wird, kommt dem Prüfungsgespräch noch eine wichtige Rolle zu. Erfahrene Lehrkräfte finden schnell raus, was jemand drauf hat und was abgekupfert wurde mit Hilfe von außen. Und als ob dafür gar kein Wissen verlangt wird. Dieser Schüler aus Hamburg hat die Prüfung ja noch nicht gemacht....er gibt sich Illusionen hin mit "Dann kann ich in Ruhe alles nachschauen, was ich nicht weiß." Das kann er z.B. für das Prüfungsgespräch nicht, das eben nicht NUR um sein Thema kreist. Er muss aufpassen, dass es nicht heißt "eine Viertelstunde Vortrag, dann eine Viertelstunde Gespräch, fertig, schlechte Note".
kindacool 04.05.2017
3.
'Verwerflich findet er das nicht. "Was spricht denn dagegen, solche Möglichkeiten zu nutzen?"' mit dieser Frage allein und dem Verständnis darüber, worum es beim Abitur geht, die sie offenbart, hat der junge Mann eigentlich seine mangelnde Reife (geschweige denn Hochschulreife !) bereits hinlänglich unter Beweis gestellt.
auf_dem_Holzweg? 04.05.2017
4. wer sich mit ein wenig Intelligenz und dafür mehr Charakterstärke
etwas auf den Hosenboden setzt schafft ein normales Abitur auch so. Fakt ist, dass auch schon früher nicht selten zu beobachten war, dass Schüler "aus gutem Hause", die vorab mässige oder schlechte Noten hatten, in der Abi-Prüfung brilliant darstanden. Und nicht selten nach den Zeugnissen fuhren manche Lehrer neue Autos. Das ist nie beweisbar, aber ein trauriger Tatbestand. Viel trauriger ist es jedoch, dass die Schule heutzutage nur dazu dient, die Lücken der Kinder aufzudecken und nicht deren Stärken zu fördern. Wer bitte braucht Bioligie oder Erdkunde wenn er später Physiker wird? Warum muss ein sprachbegabter Mensch Mathematik beherrschen? Diese Fragen sollte man sich stellen, alles andere ist nutzloses Gerede was zu nichts führt. Das beste Beispiel sind Politiker: sie brauchen grundsätzlich nie von irgend etwas Ahnung haben und machen doch immer den besten Job, zumindest bescheinigen sie es sich selbst so.
bananenrep 04.05.2017
5. Und jetzt ?
Also weiter zu Ärzten, die zwar grundsättzlich prasselblöd waren, sind, als zu Ärzten, die auch mit einer 3 im Abi einen besseren Job gemacht hätten. Ging meiner Tochter auch so. Die Angepassten, nach dem Munde redenden, vll. noch Öko oder anders den Lehrer passenden kommen weiter. Schlimmstenfalls gehen die in die Politik. Was sagte schon mein Professor: Lehrer und andere Halbgebildete. Es wird sich in D- Land nie etwas ändern.
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