AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Ein deutsches Schicksal Ein Mord, viele Lügen

Der Schuss auf Benno Ohnesorg hat vor 50 Jahren die Republik verändert. Lügen, Ermittlungspannen und Verschleierungsversuche haben lange den Blick auf den Fall erschwert. Manches kommt erst jetzt ans Licht.

Hinterbliebener Sohn Lukas Ohnesorg
Karsten Thielker/ DER SPIEGEL

Hinterbliebener Sohn Lukas Ohnesorg

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Lukas Ohnesorg gehört nicht zu den Gewinnern im Leben. Der arbeitslose Programmierer aus Hannover hadert mit seinem Schicksal. Er sagt: "Es wäre schön gewesen, einen Vater gehabt zu haben."

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Ohnesorg, 49 Jahre alt, trauert darüber, dass sein Vater vor seiner Geburt starb; von einem Polizisten erschossen, bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien, am 2. Juni 1967 in Westberlin. Benno Ohnesorg wurde gerade mal 26 Jahre alt. Sein Sohn Lukas kam vier Monate später zur Welt.

"Es ist eine Familientragödie", meint Lukas Ohnesorg. "Unsere ganze Familie ist traumatisiert. Meine beiden Onkel und meine Mutter, die ihr Trauma an mich weitergegeben hat, wir alle." Lukas Ohnesorg sagt über seinen Vater: "Er wurde nur dadurch bekannt, dass er tot war."

Das ist richtig, aber gleichzeitig hat der Tod des Benno Ohnesorg vor 50 Jahren das Land verändert. Der Schuss, den der Kriminalobermeister Kurras auf ihn abgefeuert hat, hallte vielfach nach. Er markiert - so lässt es sich heute erkennen - eine Zäsur zwischen dem noch vom Krieg geprägten westdeutschen Nachkriegsdeutschland und der modernen Bundesrepublik.

Tausende Studenten wussten damals: Es hätte auch sie treffen können. Noch am selben Abend versammelten sich einige von ihnen, um die dramatischen Ereignisse zu verarbeiten. Gudrun Ensslin, damals 26 Jahre alt und Doktorandin der Germanistik, später Mitgründerin der RAF, drückte die Stimmung vieler Mitstudenten aus: "Mit denen kann man nicht diskutieren, sie werden uns alle umbringen", rief Ensslin: "Das ist die Generation von Auschwitz!"

Im Video: Vertuschung statt Aufarbeitung - SPIEGEL-Reporter Peter Wensierski über den heutigen Umgang mit dem Fall Benno Ohnesorg bei der Berliner Polizei und die Forderungen von Ohnesorgs Familie.

DER SPIEGEL

In den folgenden Tagen bekam der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), bis dahin eine kleine linksradikale Gruppe, enormen Zulauf. Der SDS entwickelte sich zur intellektuellen Avantgarde einer Bewegung, die so gut wie alles infrage stellte und sich die Umwälzung der Verhältnisse auf die Fahnen schrieb - nicht nur in der Bundesrepublik, sondern gleich in der ganzen Welt.

Studenten in Westberlin hatten schon im Jahr 1966 gegen den Krieg der USA in Vietnam und für eine Reform der in undemokratischen Hierarchien erstarrten Universitäten demonstriert. Mit dem Tod Ohnesorgs sprang der Funke des antiautoritären Aufbegehrens von Westberlin, der Mauerstadt inmitten der DDR, auf die gesamte Bundesrepublik über. Die von Soziologen bis dahin als unpolitisch klassifizierte junge Generation begann eine Revolte, die in den folgenden Jahren und Jahrzehnten das Bewusstsein der bundesdeutschen Gesellschaft transformierte.

Die Gesinnungsgenossen Benno Ohnesorgs bildeten jene Bewegung, die die Bundesrepublik langsam in das liberale, tolerante Land verwandelte, das aus dem Schatten des Holocaust treten konnte und heute in aller Welt beliebt ist.

Was aber damals wirklich geschah, blieb jahrzehntelang umstritten. Täter, Opfer, Motive, Tatablauf, Hintergründe: Lange haben Lügen, Halbwahrheiten, Ermittlungspannen und Verschleierungsversuche einen klaren Blick auf den 2. Juni 1967 erschwert. Manches kommt erst jetzt, 50 Jahre später, ans Licht.

Um 20.07 Uhr kommt der Befehl an die Polizisten auf dem Mittelstreifen: "Knüppel frei. Räumen!"

Benno Ohnesorg, der an der Freien Universität Romanistik und Germanistik studierte, heiratet sechs Wochen vor seinem Tod. Auf einem Hochzeitsbild strahlen beide. Seine Frau Christa mit dem hochgesteckten langen Haar ist schwanger und schaut ihn verliebt an. Bennos Bekannte schilderten ihn als politisch besonnenen und privat liebevollen Menschen.

Er ist keiner, "der mit der Fahne in der ersten Reihe" steht, wie es sein Sohn Lukas sagt; sondern einer, der sich Theaterstücke von Bertolt Brecht ansieht, die "Carmina Burana" hört oder Liebesgedichte von François Villon, vorgetragen von Klaus Kinski.

Im Mai 1967 schenkt seine Frau ihm ein neues Hemd, ein leuchtend-karminrotes, das er sich am Freitag, dem 2. Juni 1967, morgens zum ersten Mal anzieht.

Viele Westberliner freuen sich an diesem Tag darüber, einer echten kaiserlichen Hoheit zujubeln zu können. Der Schah von Persien kommt, Resa Pahlewi, mit weißer Paradeuniform und einer Gemahlin, die eine ganze Juwelensammlung in ihrem Haar trägt.

Benno Ohnesorg hat, wie zahlreiche Studenten, ein anderes Bild vom Schah. Er sieht ihn als grausamen, von der CIA an die Macht geputschten Diktator, der reihenweise Oppositionelle in den Kerkern seiner Geheimpolizei verschwinden lässt, wo sie zu Tode gefoltert werden. Das iranische Terrorregime empört ihn so sehr, dass er dagegen demonstrieren will. Er nimmt sich einen weißen Kissenbezug; "Autonomie für die Teheraner Universität", schreibt er darauf. Später, als er schon tödlich getroffen ist, wird er dieses Banner immer noch umklammern.

Rund 4000 uniformierte Schutzpolizisten sind am Abend des 2. Juni 1967 im Einsatz. Die Kripo schickt 250 Mann, darunter 88 Kriminalbeamte aus der Abteilung I, dem Staatsschutz. Sie sollen "wilde Demonstrationen rechtzeitig erkennen" und "Störungen verhindern", wie es im Einsatzbefehl heißt.

Tödlich getroffener Benno Ohnesorg "Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?"
Ullstein Bild

Tödlich getroffener Benno Ohnesorg "Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?"

Die Kripoleute sehen sich als Elitetruppe, sie tragen keine Uniformen, sondern leichte Sommeranzüge und sind deshalb nicht sofort als Polizisten zu erkennen. Nur bei einigen beult die Dienstwaffe das Jackett aus: eine schon zur Nazizeit bei der Wehrmacht beliebte Walther PPK, wie sie auch der Kriminalobermeister Karl- Heinz Kurras an diesem Tag trägt.

Gegen 19 Uhr erreicht Ohnesorg die Deutsche Oper, wo dem persischen Staatsgast und seiner Gattin zu Ehren Mozarts "Zauberflöte" aufgeführt werden soll. Die Demonstranten können sich nur auf dem Bürgersteig gegenüber der Oper versammeln. Es ist wie in einer Falle: vor ihnen ein Absperrgitter, im Rücken ein Bauzaun.

Ohnesorg steht mit seinem Transparent mitten unter ihnen. Sein Blick ist ernst und ein wenig ängstlich. Kurz vor acht Uhr fahren der Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz, Bundespräsident Heinrich Lübke und dann der Schah, begleitet von einer Polizeieskorte, vor und eilen unter Buhrufen und Pfiffen der Demonstranten ins Opernfoyer. Es fliegen einzelne Tomaten, Mehltüten und Eier Richtung Oper.

Hinter dem Bauzaun patrouillieren Polizisten mit Hunden. Dort sind keine Studenten. Aber aus dieser Richtung werfen ein paar Männer Hartgummiringe in Richtung Oper, offenbar um die Stimmung weiter anzuheizen. Die Baufirma wird ihre Rechnung für die Hartgummiringe später an den Berliner Innensenator senden.

Um 20.07 Uhr kommt der Befehl an die Polizisten auf dem Mittelstreifen: "Knüppel frei! Räumen!" Die Beamten schlagen ohne weiteren Anlass auf die Schah-Gegner hinter dem Gitter ein. Die versuchen, in die nächstgelegenen Seitenstraßen zu fliehen.

Eine davon ist die Krumme Straße. Dort werden sie von einer Kette aus 30 Schutzpolizisten gestoppt. Unter ihnen, in Zivil mit Anzug und Schlips, steht Helmut Starke, als Einsatzleiter des Westberliner Staatsschutzes, ein Kommunisten- und Studentenhasser. Seine Männer schauen, wer auf der anderen Seite der Kette wie ein Anführer wirkt. Dann prescht immer wieder ein Greiftrupp nach vorn, zerrt den vermeintlichen "Rädelsführer" zurück hinter die eigene Linie, zum Abtransport als Gefangener.

Um nicht das Schicksal der anderen Festgenommenen zu teilen, läuft einer der gejagten Studenten in Panik in einen benachbarten Innenhof. Staatsschützer Karl-Heinz Kurras und ein Kollege rennen hinterher. Sofort strömen Demonstranten und ein Dutzend Reporter, Fotografen und Kameramänner nach, mit ihnen Ohnesorg, 30 oder 40 Personen, die sehen wollen, was passiert.

Es ist 20.30 Uhr. Der Innenhof ist klein, 26 Meter breit, es gibt ein paar Parkplätze, einen Schotterstreifen, dahinter wenige Meter Rasen, auf denen eine Teppichklopfstange steht. Der Anführer der Kripomänner schnappt den entwischten Studenten an der Teppichstange, reißt ihn nach unten, ins Gras. Ein Zivilbeamter bewacht den am Boden Liegenden, ein Schutzpolizist prügelt hasserfüllt auf ihn ein. Gegenüber stehen zwei Demonstranten, etwas unschlüssig, einer ist Benno Ohnesorg, die linke Hand umklammert sein Transparent. Der andere brüllt: "Hören Sie doch auf, Sie schlagen ihn ja tot!"

Ein acht Jahre alter Junge, Hans Brombosch, beobachtet die Szene vom Fenster einer Parterrewohnung aus. "Polizisten schlugen wie wild auf junge Menschen ein", erzählt er später: "Meine Augen rasten hin und her. An meiner Turnstange fiel mir ein Mann im roten Hemd und mit Schnurrbart auf - wie ich später lernte: Benno Ohnesorg. Er war ganz ruhig, stand einfach da. Andere flüchteten bereits wieder aus dem Hof, um nicht verprügelt zu werden. Er blieb stehen."

Weil plötzlich noch mehr Polizisten mit gezückten Schlagstöcken in den Hof rennen, fliehen die Studenten unter Prügel wieder hinaus zur Krummen Straße. Ohnesorg ist als einer der letzten noch im Hof. Dann will auch er zurück zum Ausgang, doch noch vor den parkenden Autos erwischen ihn Polizisten und prügeln auf ihn ein.

Eine Filmaufnahme zeigt, wie Karl-Heinz Kurras ganz unbehelligt, mit ruhigen Schritten vom Rasen kommend über den Schotter geht, direkt auf Ohnesorg zu, seine Waffe in der Hand.

Waffennarr Kurras im Schießstand, um 1960 Bis zu 400 Mark monatlich für Munition
Wolfgang Schöne

Waffennarr Kurras im Schießstand, um 1960 Bis zu 400 Mark monatlich für Munition

Was dann passiert, bezeugt später Hans Brombosch, der kleine Nachbarsjunge: "In diesem Moment hörte ich einen Knall, sah den Mann mit dem roten Hemd wanken und umfallen. Ich dachte, der ist gestolpert und steht gleich wieder auf. Aber er blieb liegen. Ich schaute, wo der Knall hergekommen war, und sah vor ihm einen Mann stehen, ohne Uniform, mit einer schwarzen Pistole in der Hand. Aus meinem Blickwinkel stand er vollkommen frei da, war unbedrängt. Da wurde mir klar, dass der Knall ein Schuss gewesen und der Mann im roten Hemd deswegen liegen geblieben war."

"Die Studenten bei den Krawallen werden sich wundern, was ihnen blüht."

Eine Fotoserie und Filmaufnahmen erlauben es, die letzten Sekunden von Ohnesorg zu rekonstruieren. Auf einem Bild sind die Füße einer Gruppe uniformierter und ziviler Polizisten zu sehen. Zwei Füße aber sind nackt, sie stecken in Sandalen, es sind die Füße von Ohnesorg, und er steht. Es ist das letzte Foto mit ihm, das vor dem Schuss aufgenommen wird. Ohnesorg muss den Mann mit der Pistole im letzten Moment wohl noch gesehen haben. Zeugen hören den Ruf: "Bitte, bitte nicht schießen!"

Es ist ein Schuss in den Kopf, aus kurzer Distanz. Kurras ist umgeben von seinen Kollegen und Vorgesetzten, die Waffe in seiner Rechten. Er stützt sich mit dem linken Arm auf einen Polizisten. Ein anderer Beamter steht so nah bei Kurras, dass er ihn anschreit. "Bist du denn wahnsinnig, hier zu schießen?" Kurras stammelt nur: "Die ist mir losgegangen."

Sofort beginnen Polizisten, die Tat ihres Kollegen zu vertuschen. Auf der Radio-Tonaufnahme vom Ort des Geschehens ist 64 Sekunden nach dem Schuss ein Befehl zu hören: "Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!" Es wurde nie aufgeklärt, wer dem Todesschützen diese Order zurief. Wer außer seinem Vorgesetzten kann so einen Befehl gerufen haben? Im ersten Prozess gegen Kurras wegen fahrlässiger Tötung spielte das Gericht das Tonband gar nicht erst ab, nach dem zweiten Prozess verschwand das Beweismittel spurlos.

Es spricht einiges dafür, dass der Kurras-Vorgesetzte Helmut Starke den Rückzugsbefehl gab. Starke war in der Wehrmacht Fallschirmjäger, ein Kriegsheld, Träger des Eisernen Kreuzes Erster Klasse. Wir gegen den Feind - dieses Denken prägte ihn offenkundig auch in der Nachkriegszeit. In seinem Dienstzimmer beim Westberliner Staatsschutz führte er als Verantwortlicher die Bearbeitungsakte gegen den verhassten Sozialistischen Deutschen Studentenbund.

Ein Westberliner Freund berichtete damals der Stasi, was er von Starke erfahren hatte. Laut Starke habe sich die Lage der Polizei gegenüber den Studenten "so weit verhärtet, dass er von den verantwortlichen Männern des Senats die Erlaubnis bekommen hätte, bei großen Ausschreitungen von Demonstranten, wo diese Leib und Leben von Polizeibeamten bedrohten, Schießbefehl zu erteilen".

Starke habe, so steht es in den Stasiakten, außerdem gezürnt, "dass sich die Herren Studenten bei den nächsten Krawallen wundern werden, was ihnen blüht, die Zeit der weichen Welle wäre endgültig vorbei".

Kurras und Starke stehen im Moment des Schusses nah beieinander. Trotzdem behauptet Starke später, er habe nichts gesehen. Stattdessen hört Starke angeblich erst Minuten später, als er längst wieder auf der Krummen Straße steht, dass ein Schuss gefallen sein soll. Dass die Kugel getroffen hat, will er erst am nächsten Tag erfahren haben. Und der junge Mann am Boden, das ganze Blut? Da habe er nur an einen Steinwurf gedacht.

"Kripo erschoß Student in Notwehr", titelte die Springer-Zeitung "Welt am Sonntag" zwei Tage später. "Erst Fußtritte, dann zogen sie die Messer ..." Es war ein Lügengeflecht.

Starke ist nicht der Einzige, der plötzlich blind und vergesslich wird. "Die haben alle um Kurras herumgestanden, die wussten doch genau, was passiert war durch den Schuss", erinnert sich Wolfgang Schöne - er war damals als Fotograf im Hof dabei.

Im Krankenhaus Moabit, wohin Ohnesorg eingeliefert wurde, geht die Vertuschung offenbar auf makabre Art weiter. Noch in der Nacht wird Ohnesorg in der Klinik das Haar über der Einschussstelle wegrasiert, wird das Schädelstück mit dem Einschussloch herausgebrochen, mit einer Zange.

Das belastende Schädelstück ist am nächsten Tag verschwunden, die Haut über dem Loch zugenäht. Im Totenschein steht: "Tod durch Schädelverletzung durch stumpfe Gewalteinwirkung."

Der SPIEGEL hat mit dem Arzt, der damals den Totenschein ausstellte, gesprochen. Er habe den Befund, sagt der Mediziner heute, "nicht aufgrund eigener Feststellungen, sondern auf Anweisung meines damaligen Chefs gemacht".

Es sollte nicht der letzte Täuschungsversuch bleiben. Er sei von zehn oder elf Demonstranten brutal zu Boden geschlagen worden und habe Messerbewaffnete gesehen, behauptet Kurras später in einer Falschaussage.

Auch die Polizei steht weiter hinter ihm. In einem Vermerk vom August 1967 heißt es, man wolle sich am 23. September 1967 mit dem Anwalt von Kurras treffen, um sich mit ihm die "aufgezeichneten Tonaufnahmen" des Abends anzuhören. Warum ein Treffen mit dem Anwalt des Beschuldigten? Und welche Aufnahme? "Liegt im Panzerschrank", hat ein Unbekannter handschriftlich dazu notiert.

Das klingt so, als hätte die Polizei Beweismittel bei sich versteckt. Wer hat das entschieden? Staatsschützer Starke? Hat er die Vertuschung veranlasst - oder der damalige Innensenator?

Die Studenten sind schockiert, nicht nur wegen des Verhaltens der Polizei. Ausgerechnet der protestantische Pastor und Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz greift sie nach dem 2. Juni an und macht sie sogar für den Tod Ohnesorgs verantwortlich. "Die Geduld der Stadt ist am Ende", sagt Albertz: Auf das Konto der Demonstranten gingen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte. "Ich sage ausdrücklich und mit Nachdruck, dass ich das Verhalten der Polizei billige und dass ich mich durch eigenen Augenschein davon überzeugt habe, dass sich die Polizei bis an die Grenzen der Zumutbarkeit zurückgehalten hat."

Ähnlich sieht es Axel Springers "Bild"-Zeitung. Am 3. Juni 1967 schreibt sie über Ohnesorg. "Er wurde Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten". Den Demonstranten wirft der "Bild"-Kommentator vor: "Ihnen genügte der Krach nicht mehr. Sie müssen Blut sehen." Und Springers "B.Z.", das auflagenstärkste Blatt Westberlins, meint: "Wer Terror produziert, muß Härte in Kauf nehmen."

Demonstrantin Ensslin (M.) am Berliner Flughafen Tempelhof im Juli 1967: "Sie werden uns alle umbringen - das ist die Generation von Auschwitz"
DPA

Demonstrantin Ensslin (M.) am Berliner Flughafen Tempelhof im Juli 1967: "Sie werden uns alle umbringen - das ist die Generation von Auschwitz"

Die Studenten sind fassungslos: Einer der ihren, der friedlich demonstriert hat, wird erschossen - und sie sollen dafür verantwortlich sein? "Einflußreiche Leute in dieser Stadt verhindern, daß die Bevölkerung die ganze Wahrheit erfährt", heißt es in einem Flugblatt der Evangelischen Studentengemeinde der Freien Universität. "Die Berliner Zeitungen haben es dahin gebracht, daß niemand mehr den Studenten glaubt, daß die Bevölkerung sie haßt und sich freut, wenn sie geprügelt und durch Disziplinarmaßnahmen eingeschüchtert werden."

Welche Geschichte und welche Prägungen die Verantwortlichen der Polizei im Fall Ohnesorg mitbringen, stellt sich erst nach und nach heraus. Geplant wurde der Einsatz vom 2. Juni von Hans-Ulrich Werner, dem Kommandeur der Westberliner Schutzpolizei. Werner war NSDAP-Mitglied und hatte sein Handwerk im Zweiten Weltkrieg bei der "Bandenbekämpfung" in der Ukraine und in Italien gelernt. SS-Chef Heinrich Himmler hatte ihn mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Der höhere Vorgesetzte von Kurras, der Westberliner Kripochef Wolfram Sangmeister, war - wie der SPIEGEL jetzt herausgefunden hat - ebenfalls NSDAP-Genosse und außerdem SA-Mitglied. Als junger Jurist hatte Sangmeister im Krieg für die Deutsche Umsiedlungs- und Treuhandgesellschaft gearbeitet, eine dem Reichsführer SS unterstellte Einrichtung, die in Polen den Holocaust mitvorbereitet hatte. Sangmeister bescheinigte Kurras, "dass er sich völlig korrekt verhalten" habe.

Im November 1967 begann die Hauptverhandlung gegen Kurras. Für Otto Schily, später RAF-Verteidiger, Grünen-Politiker und SPD-Innenminister, war es der erste politische Prozess, den er als junger Anwalt bestritt. Er vertrat den Vater Benno Ohnesorgs und war fassungslos darüber, dass Beweismittel verschwanden und vernichtet wurden. Der Angeklagte Kurras saß wieder mit einer Dienstpistole bewaffnet im Gerichtssaal.

Am 21. November sprach das Landgericht Berlin den Kripobeamten vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Nachdem Schily Revision eingelegt hatte, kam es zu einer Neuauflage des Prozesses. Im Dezember 1970 sprach das Landgericht Kurras erneut frei.

Er wäre wohl verurteilt worden, hätte das Gericht damals gewusst, was im Mai 2009 bekannt wurde: Kurras war nicht nur Westberliner Kriminalbeamter, sondern auch bezahlter Informant für die Ostberliner Stasi. Da der manische Waffennarr jeden Monat Munition im Wert von bis zu 400 D-Mark auf dem Schießplatz verballerte, reichte sein Polizistengehalt nicht für das kostspielige Hobby.

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Peter Wensierski (Hg.):
2. Juni 1967

Der Schuss auf Benno Ohnesorg

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Kurras wurde bei der Kripo befördert und bezog, nachdem er 1987 pensioniert worden war, 27 Jahre lang, bis zu seinem Tod im Dezember 2014, seine Beamtenpension. Einmal erklärte er dem Berliner Journalisten Uwe Soukup noch am Telefon: "Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus, Feierabend."

Das macht Lukas Ohnesorg bitter. "Jeder, der sich mit dem Fall beschäftigt hat", sagt er, "weiß, dass mein Vater ermordet wurde. Ich finde es schwer erträglich, dass die Berliner Polizei und der Senat das vertuscht und bis heute nicht aufgearbeitet haben." Kurras gelte offiziell bis heute als unschuldig.

Lukas Ohnesorg fände es "ein gutes Symbol", wenn tatsächlich in Berlin ein Platz nach seinem Vater benannt würde, wie grüne Politiker es vorgeschlagen haben. Für ihn wäre dies allerdings nur ein erster Schritt: "Ich bestehe auf einer Entschuldigung und einer Entschädigung."

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
wolfi55 28.05.2017
1. Vertuschung geht ja weiter
Es gibt bis heute kein Eingeständnis des Senats, dass hier ein Mord von Seiten eines Polizisten begangen wurde und dies von den oberen Stellen gedeckt wurde. Da sollte man mal ansetzen. Und wer noch lebt, wird nachträglich aus dem Dienst entfernt und verliert so seine Pensionsansprüche. Davon sind wir aber weit entfernt.
murksdoc 28.05.2017
2. F-News
Das Kurras IM des Stasi war, gehört für Sie in einem solchen Artikel nicht erwähnt?
pauschaltourist 28.05.2017
3.
Rückblickend liegen nur zwei Hypothesen nahe: 1. Todesschütze Kurras, der Agent des DDR-Geheimdienstes, beging diese Tat in der taktischen Absicht, die linken Studentenproteste in der BRD/Westberlin zu befeuern und eine Art linksradikale Studentenrevolution im Sinne der DDR herbeizuführen, absichtlich oder 2. Kurras zeigte durch den Schuss den gleichartig struktierten Hass der DDR-Sympathisanten gegenüber den Proteststudenten wie die zutiefst verknöcherten Konservativen es taten. Deren Law&Order-Sympathie gleicht sich nämlich enorm.
manicmecanic 28.05.2017
4. Vertuschungsversuche ?
Wie kann man das Wort bei den mittlerweile vom Staat zugegebenen Fakten noch nutzen?Es wurde nicht nur versucht zu vertuschen,sondern es wurde Jahrzehnte erfolgreich getan.Die Wortwahl ist unerträglich,denn es entschuldigt den glasklaren MORD,den Kurras beging.Der Lohn ?Er wurde schön wie meist von seinen Kollegen gedeckt und hat bis zum Tod wie ein guter Beamter seine Pension kassiert.So sieht der deutsche Rechtsstaat aus,Animal Farm in Reinkultur.
P.Delalande 28.05.2017
5.
Die Frage ist eigentlich nur noch, hat Kurras diesen Mord im Auftrag der Staatssicherheit der DDR begangen um Westberlin zu destabilisieren.
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