AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2016

Zu hoher Spritverbrauch Wie eine Polo-Fahrerin einen Weltkonzern in Erklärungsnot brachte

Tricksten die Autohersteller auch beim Spritverbrauch? Eine neue Untersuchung zeigt: Manche Wagen verbrauchen 35 Prozent mehr als angegeben.

Polo Sondermodell Edition
Volkswagen

Polo Sondermodell Edition


Alexander Dobrindt, der Bundesverkehrsminister, könnte viel lernen von Karin Davidheimann, einer Besitzerin eines Polo in Essen. Sie hat gezeigt, wie man mit den mächtigen Autoherstellern umgehen muss, wenn diese unrealistische Angaben über den Benzinverbrauch ihrer Fahrzeuge machen. Frau Davidheimann hat ihren Kampf gegen den Volkswagen-Konzern gewonnen, der ihr am Ende eine Entschädigung zahlte.

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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Minister Dobrindt scheut die Auseinandersetzung mit der Autoindustrie. Er lässt Gutachten über den Treibstoffverbrauch von Automodellen erstellen. Die Ergebnisse sind erschreckend. Viele Modelle verbrauchen über 20 Prozent mehr als von den Herstellern angegeben.

Aber der Minister zieht daraus, vorerst zumindest, keine Konsequenzen. Er hält die Liste bislang geheim. Der SPIEGEL veröffentlicht sie jetzt.

Beginnen wir mit der Polo-Fahrerin. Karin Davidheimann stellte wie so viele Autobesitzer fest, dass der Benzinverbrauch ihres Wagens deutlich über den angegebenen Werten liegt. Im Durchschnitt soll der Polo TSI 5,1 Liter verbrauchen. Ihr Auto schluckte im Schnitt 7,5 Liter. Und das war Frau Davidheimann zu viel. Also handelte sie.

Über einen Anwalt forderte Frau Davidheimann Volkswagen am 30. April vergangenen Jahres auf, das Auto zu überprüfen. Der Konzern antwortete, dafür sei der "Volkswagen Partner" zuständig, sprich: das Autohaus vor Ort. Mit diesem vereinbarte Davidheimann einen Termin, bei dem man sie erst lange warten ließ, um ihr dann mitzuteilen, dass man die Prüfung nicht vornehmen könne, weil unklar sei, wer die Kosten trage.

Volkswagen wollte dafür nicht aufkommen. "Eine Kostenübernahme für die Untersuchung der geschilderten Beanstandung wird nur erfolgen, wenn ein Mangel im Sinne der Garantie festgestellt wird", heißt es in einem Schreiben des Konzerns.

An dieser Stelle wäre die Geschichte von dem Polo, der auffällig viel Benzin verbraucht, üblicherweise zu Ende gewesen. Welcher Autokunde will ein paar Tausend Euro für Verbrauchsmessungen bezahlen, ohne zu wissen, ob er das Geld später erstattet bekommt? Der Konzern hätte gesiegt, ohne dass der Sachverhalt überprüft worden wäre.

Doch Karin Davidheimann hat eine Rechtsschutzversicherung, die einen Test bei der Dekra finanzierte. Das Fahrzeug wurde laut Dekra auf dem Rollenprüfstand exakt so getestet, wie es die einschlägigen Verordnungen der EU vorschreiben. Im simulierten Stadtverkehr verbrauchte der Polo 16,4 Prozent mehr, als Volkswagen angibt, im außerstädtischen Bereich 6,6 Prozent und insgesamt 12,8 Prozent mehr.

Der Polo belastete die Umwelt also stärker als von VW angegeben, und er war teurer. Hochgerechnet auf die Lebensdauer des Autos und die Fahrleistung müsste die Besitzerin 1016,71 Euro mehr für Benzin ausgeben, errechneten die Dekra-Experten.

VW war nun zu einer außergerichtlichen Einigung bereit. Der Konzern zahlte seiner Kundin 2500 Euro, übernahm ihre Anwaltskosten und die Rechnung für das Dekra-Gutachten in Höhe von gut 5700 Euro. Das Unternehmen, schrieb VW, "teilt die Feststellungen des Sachverständigen nicht", es verzichte "aus prozessökonomischen Gründen auf die weitere Durchführung des Verfahrens".

Der Weltkonzern will nicht mehr mit der Polo-Besitzerin streiten. Aus Furcht vor einem Gerichtsurteil, auf das andere Autobesitzer sich berufen könnten?

Dass Autos im normalen Straßenverkehr mehr Benzin verbrauchen, als die Hersteller angeben, ist lange bekannt. Dass Fahrzeuge aber selbst auf einem Prüfstand die offiziellen Herstellerangaben um mehr als zehn Prozent überbieten, bringt die Autoindustrie in Erklärungsnot. Zumal es sich nicht um einen Einzelfall handelt.

Das Verkehrsministerium von Alexander Dobrindt (CSU) hat schon seit geraumer Zeit Hinweise darauf, dass die Branche bei vielen Modellen Verbrauchswerte angibt, die sich später nicht mehr nachvollziehen lassen. Es hatte das Kraftfahrtbundesamt (KBA) angewiesen, bei seinen Prüfungen in Sachen Dieselgate auch den CO2-Ausstoß der 53 untersuchten Fahrzeugtypen zu messen.

Das Ergebnis war desaströs. So desaströs, dass der Verkehrsminister es bei der Vorstellung des KBA-Berichts zum Dieselskandal verschwieg. Die Messungen zum Klimagas seien noch nicht abgeschlossen, sie würden später veröffentlicht, hieß es auf Anfrage der Grünen.

Die Liste der knapp 30 Dieselmodelle, die bei den Messungen des KBA die Angaben der Hersteller um mehr als zehn Prozent überschreiten, ist brisant. Bei erhöhten CO2-Werten geht es nicht nur um den Klimaschutz und die Täuschung der Autofahrer, die deutlich mehr Geld für Sprit ausgeben müssen, sondern auch um die Steuereinnahmen des Staates. Die Kfz-Steuer bemisst sich auch an den CO2-Werten - und zwar bislang an denen, die die Hersteller selbst angeben.

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Angaben zum Spritverbrauch: Bei diesen Autos stimmt was nicht

Audi nennt für seinen A6 mit Zwei-Liter-Motor 115 Gramm. Nach den Messungen der Behörde pustet der Wagen allerdings 156,81 Gramm des Treibhausgases in die Luft. Er verbraucht damit 36,4 Prozent mehr Sprit als von den Ingolstädtern versprochen, nämlich rund 6 Liter auf 100 Kilometer statt der angegebenen 4,4.

Audi erklärt, der Hersteller kenne Messverfahren und -bedingungen nicht und könne sich deshalb zu den Werten nicht äußern.

Große Abweichungen zwischen den Angaben der Hersteller und den Messungen des KBA finden sich beispielsweise auch beim Jaguar XE, dem Mercedes C220, dem Opel Zafira 1,6, dem Volvo V60 und dem Porsche Macan.

Jaguar, Daimler, Opel, Volvo und Porsche teilten dem SPIEGEL auf Anfrage mit, sie könnten zu den Ergebnissen des KBA nicht Stellung nehmen, weil ihnen die Grundlage der Messung unbekannt sei.

Auffällig wurde bei den KBA-Tests auch der BMW 216d GT mit einem Mehrverbrauch von 19 Prozent. BMW erklärt, das KBA habe das Unternehmen über die Werte informiert. Aus den Prüfprotokollen habe sich ergeben, dass der Test aufgrund technischer Probleme nicht ordnungsgemäß abgelaufen sei. Weitere Messungen unter Aufsicht des KBA hätten ergeben, dass das BMW-Modell die CO2-Vorgaben erfülle.

Offenbar um solche Fehler zu vermeiden, hat Verkehrsminister Dobrindt angeordnet, von den 30 Modellen weitere Autos zu untersuchen. Üblicherweise müssen drei Fahrzeuge getestet werden, damit Ungenauigkeiten beim Prüfverfahren ausgeschlossen werden können. Möglicherweise verändern sich dann die Werte für einzelne Modelle.

Die generelle Tendenz, dass Fahrzeuge deutlich mehr verbrauchen als von den Herstellern angegeben, bleibt nach Ansicht von Experten bestehen.

Minister Dobrindt
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Doch wie kann es sein, dass Fahrzeuge bei der Zertifizierung auf dem Prüfstand bestimmte CO2-Werte produzieren und später, erneut auf dem Prüfstand, deutlich höhere?

Abgasexperten bieten eine mögliche Erklärung für die Diskrepanz an. Autohersteller würden die Untersuchung auf Abgase wie Stickoxide teilweise von der Gesamtprüfung, die unter anderem den Verbrauch umfasst, trennen. Bei den Messungen für die Typgenehmigung präparierten sie die Fahrzeuge so, dass sie möglichst wenig CO2-ausstoßen. Bei der Prüfung auf Stickoxide würden die Autos für diesen Schadstoff optimiert. Ein geringerer Stickoxidausstoß aber führt in der Regel zu einem höheren CO2-Ausstoß. "Weil niemand beide Messwerte zu sehen bekommt, fällt dem jeweils anderen Prüfer nicht auf, dass sie manipulierte Wagen zertifizieren", sagt Axel Friedrich, pensionierter Beamter aus dem Umweltbundesamt.

Bei den Autos, die das Kraftfahrtbundesamt zuerst auf Stickoxidwerte und dann auf den CO2-Ausstoß überprüfte, sind solche Tricksereien nicht möglich.

Sollten sich bei weiteren Tests die bisherigen Ergebnisse bestätigen, steht Verkehrsminister Dobrindt allerdings vor einem Problem. Er kann nur von jenen Herstellern eine Korrektur der Verbrauchsangaben fordern, die beim Kraftfahrtbundesamt die Typgenehmigung für ihre Modelle eingeholt haben.

Bei Modellen aber, die in Luxemburg oder Irland zertifiziert wurden, kann der deutsche Verkehrsminister nur die jeweiligen Länder auffordern, die Verbrauchsangaben zu ändern. Die Neigung dazu, heißt es im Verkehrsministerium, sei dort allerdings recht gering. Es wäre jedoch eine Wettbewerbsverzerrung, wenn Autohersteller, die ihre Modelle in Deutschland zertifizieren lassen, höhere und damit realistischere Verbrauchswerte nennen müssten als ihre Konkurrenten, die ihre Fahrzeuge im Ausland anmelden.

Das mag so sein. Aber es kann keine Ausrede dafür sein, dass Autohersteller weiter mit unrealistischen Verbrauchsangaben die Kunden täuschen und den Staat um Steuereinnahmen bringen können.

Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer sagt: "Dobrindt macht sich hier zum Kumpanen der Trickser und Betrüger in der Autoindustrie."

Der Volkswagen-Konzern, der mit dem Dieselskandal die Untersuchungen des Kraftfahrtbundesamtes erst auslöste, will sich in diesem Fall nicht vorwerfen lassen, munter weiterzutricksen. Die Wolfsburger wollen künftig nicht mehr alle zulässigen Möglichkeiten nutzen, um bei der Verbrauchsmessung möglichst niedrige Werte zu ermitteln. Als Erstes erhöhen sie die offiziell angegebenen Verbrauchsdaten für die Modelle Touareg und Passat.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
al3x4nd3r 12.11.2016
1.
Wenn man legal Prüfstands"optimierung" betreiben darf, ist das Ergebnis ja wohl kein Wunder.
johannesfranck 12.11.2016
2.
es wird Zeit füe eine zentrale unabhängige Europäische Zulassungstelle, die nicht vor den heimischen Herstellern zusammenzuckt.
tailspin 12.11.2016
3.
Bei Hyundai zumindest in den USA ist eine Entschaedigung fuer Falschangaben beim Spritverbrauch schon lange ueblich. Vor etwa 4 Jahre wurden eine ganze Reihe von Wagen aller Fabrikate auf Spritverbrauch geprueft, und siehe da, die verbrauchten mehr als der Verkaufssticker angab. meine Frau hatte auch einen. Hyundai zog die Notbremse. Stichwort: Retention of Clients. Keine ueberfluessige Ueberlegung angesichts unverkaufter Halden von Neufahrzeugen. Seitdem gibts jedes Jahr einen Check von denen iHv Verbrauchsdifferenz x an Hyundai gemeldete gefahrene Meilen x durchschnittlicher Spritpreis fuer das Jahr.
Herbert Diess VW 12.11.2016
4. Lächerlich diese billigen VW-Kisten
Da braucht ja sogar mein alter, schwerer BMW weniger Sprit. Die Politik MUSS endlich handeln und diesen ganzen Betrugskarren, besonders natürlich aus dem unsympathischen Vw-Konzern, konsequent die Zulassung entziehen!
firefox34 13.11.2016
5. Audis Märchenstunde
Bei meiner letzten Dienstwagensuche bin ich bei Audi und dem A6 auch stutzig geworden. Ein A6 3.0 TDI S tronic und einem Verbrauch von 4,8 - 4,6 l/100km... das schafft unser Prius bei fast nur Kurzstrecke... knapp. Der Prius hat aber nur 136PS, keine 218PS wie der Audi und wiegt noch gut 300kg weniger. Die C -Klasse als 250d ist mit 4,5 l angegeben und verbraucht bei mir 5,9l, ca. 30% mehr. Es wird Zeit für realistische Messungen.
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