AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2018

Umstrittene Hauswand in Berlin Der irrwitzige Streit über ein angeblich sexistisches Gedicht

Jahrelang prangt ein Gedicht an der Hauswand einer Berliner Hochschule, es handelt von "Alleen, Blumen, Frauen". Nun muss es weg, weil es "potenziell sexistisch" sein soll. Ist das richtig?

Hochschulfassade in Berlin-Hellersdorf: Ein Unwohlsein mit Worten
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

Hochschulfassade in Berlin-Hellersdorf: Ein Unwohlsein mit Worten

Von Jochen-Martin Gutsch


Vor ein paar Tagen sah es schon so aus, als würde das Gedicht verschwinden. Ein Lieferwagen hielt vor Berlins umstrittenster Hauswand, Männer in Overall stiegen aus, Leitern wurden aufgestellt, die Arbeiten begannen. Aber dann war es nur ein Reinigungstrupp, der Graffiti entfernte.

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Heft 5/2018
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Seit 2011 steht das Gedicht auf dieser Hauswand in Berlin-Hellersdorf. Damals vergab die Alice-Salomon-Hochschule, eine Ausbildungsstätte für soziale Berufe, ihren Poetik-Preis an den Autor Eugen Gomringer. Und nicht nur das: Als besondere Ehrung wurde auch ein Gedicht des Autors an der Südfassade der Hochschule monumental verewigt: 15 Meter hoch, 14 Meter breit. Riesige schwarze Buchstaben auf weißer Wand. Kommt man von der nahen U-Bahn-Station und geht Richtung Hochschule, läuft man quasi in das Gedicht hinein.

Es heißt "ciudad" (Stadt). Es ist kurz und sehr einfach. Es hat keine Verben. Es besteht im Grunde nur aus sechs spanischen Wörtern. Die deutsche Übersetzung lautet: Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer.

In der Pressemitteilung der Hochschule hieß es damals, 2011: "Wir freuen uns sehr über diese bleibende Erinnerung an unseren Preisträger Eugen Gomringer und sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule und den Bezirk Hellersdorf hinausgeht." Heute, sieben Jahre später, im Januar 2018, ist an der Hochschule von "Strahlkraft" kaum mehr die Rede.

Nur noch von der "sexistischen Lesart", die das Gedicht ermögliche. Und davon, dass es von der Wand wieder verschwinden muss.

Uwe Bettig, der heutige Rektor, sagt, die ersten "unterschwelligen" Diskussionen hätten an der Hochschule schon begonnen, kurz nachdem das Gedicht an die Fassade gekommen sei. Fest steht jedenfalls, dass im April 2016 drei Studentinnen einen offenen Brief an die Hochschulleitung verfassten. Darin hieß es, Gomringers Gedicht reproduziere eine "patriarchale Kunsttradition" und erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung" sowie daran, "dass wir uns als Frauen nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches 'Frau(*)-Sein' bewundert zu werden". Der Brief fand schnell Unterstützer bei Studentinnen, beim Asta, bei der Frauenbeauftragten, bei Dozenten und Professoren. Er endete mit der Forderung an die Hochschulleitung nach "Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung".

Bettig hat lange überlegt, wie er mit dem offenen Brief und den Forderungen umgehen soll. Eine Entfernung des Gedichts? Anders als kurze Zeit später in Hollywood, im Fall Weinstein und in der darauf folgenden #MeToo-Debatte, war ja hier erst mal nichts Konkretes passiert. Es ging nicht um einen Übergriff, nicht mal um einen Altherrenwitz. Es ging vielmehr um ein Gefühl. Um ein Unwohlsein mit Worten, die für sich genommen völlig unverfänglich sind. Alleen, Blumen, Frauen, ein Bewunderer. Was macht man also? Bettig schaltete die Gremien ein.

In diesem Fall: den Akademischen Senat, das höchste Hochschulgremium. Lange wird die Sache dort diskutiert, Kunstdebatten werden geführt, das kurze Gedicht wird auf seinen sexistischen Gehalt abgeklopft. Schließlich entscheidet der Akademische Senat mit knapper Mehrheit, dass ein "Ideenwettbewerb" an der Hochschule ausgerufen wird. Das Ziel: eine Alternative für das umstrittene Gedicht finden.

Hinweis auf Asta-Veranstaltung an der Hochschule in Berlin
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

Hinweis auf Asta-Veranstaltung an der Hochschule in Berlin

Im Spätsommer 2017 bekommen die Medien Wind von der Geschichte. Anschließend explodiert die Empörung. Es erscheinen Dutzende Kommentare in Zeitungen, im Fernsehen, im Radio. Der Hochschule werden Zensur, Bilderstürmerei, Säuberung und Gesinnungskontrolle vorgeworfen. Der Schriftsteller Christoph Hein spricht von "barbarischem Schwachsinn".

Der Spätsommer 2017 ist auch der Moment, in dem Eugen Gomringer, der Autor, zum ersten Mal davon erfährt, dass es seit Monaten eine Debatte um sein Gedicht gibt. Er erfährt das aus der Presse.

"Kommunikativ haben wir sicher Fehler gemacht", sagt Uwe Bettig, der Rektor.

Gomringer wohnt gut 300 Kilometer von Berlin entfernt in Rehau, Oberfranken. Er ist 93 Jahre alt, ein kleiner, eleganter Mann, der noch immer mit dem Schweizer Dialekt seiner Jugend spricht.

"Ich war über die Vorwürfe der Studenten total verblüfft", sagt er. "Sexistisch? Das ist völlig absurd."

Er stemmt sich hoch aus der Ledercouch, holt ein Buch aus seinem Büro, schlägt es auf. "Hier, mein Gedicht wurde sogar im Schulunterricht verwendet. Die Schüler sollten Variationen schreiben."

Wann war das? "In den Siebzigerjahren, in Freiburg", sagt Gomringer. Er legt das Buch auf den Tisch wie ein alt gewordenes Beweismittel. Er ist am Ende seines Lebens in diese seltsame Geschichte geraten, die kaum zu greifen ist. Sein Gedicht soll von einer Fassade verschwinden, aber niemand kann ihm richtig erklären, warum. Niemand wirft ihm vor, ein Sexist zu sein, aber es fühlt sich trotzdem so an. Irgendwas bleibt immer hängen. Wer ist Gomringer? Der Typ mit dem sexistischen Gedicht!

Gomringer erzählt, dass er das kleine Gedicht 1951 geschrieben habe. Er sei viel gereist damals. Der Krieg war vorbei, und es gab überall diese große Sehnsucht nach Schönheit, nach Freiheit. In Barcelona ging Gomringer über die Ramblas, die berühmte Flaniermeile. Was er dort sah und spürte, das Großstadtflirren, den Sommer, die vielen Händler mit ihren Blumen, versuchte er in wenigen Worten zu konzentrieren. So entstand das Gedicht.

Es wurde schnell berühmt und gilt heute als ein Klassiker der modernen Literatur.

Nichts wies in den folgenden Jahrzehnten darauf hin, dass die acht Zeilen einmal einen erbitterten Streit über Kunstfreiheit, politische Korrektheit und Genderfragen entfachen könnten.

"Mein Gedicht beschreibt eine kleine Straßenszene", sagt Gomringer. "So wie man sie überall sehen kann. Ein Flaneur bewundert die Schönheit der Welt. Was bitte ist daran sexistisch?"

Das ist die große Frage.

Debora Antmann, die hauptamtliche Frauenbeauftragte der Alice-Salomon-Hochschule, hat ihr Büro im dritten Stock. "Es gibt zwei Momente in dem Gedicht, die mich irritieren", sagt Antmann. "Da ist erst mal diese Reihung: Blumen, Alleen, Frauen. Dadurch wird eine Frau, die immer ein Subjekt sein sollte, zum Objekt gemacht, ganz klar. Und dann gibt es den Moment des Beobachters. Oder Bewunderers. Der ist hier aber nicht neutral. Er ist ein Maskulinum."

Und das heißt?

"Die Frau läuft an dem Beobachter vorbei, sie wird gemustert. Sie wird auf ihr Potenzial als Sexualpartnerin gescannt."

Also ist der Bewunderer aus Gomringers Gedicht eigentlich ein Belästiger? "In diesem Kontext der öffentlichen Straße: ja. Viele Frauen werden das jedenfalls so empfinden."

Würde sich das Gedicht denn anders anfühlen, andere Assoziationen wecken, hieße es am Ende, weiblich: eine Bewunderin? "Oh ja!", sagt Antmann. "Es bliebe zwar problematisch wegen der Blumen und Alleen, der Objektivierung der Frau. Aber der Schluss würde ganz anders wirken. Es gibt kein Machtgefälle mehr."

Leider kann man ein Gedicht, das fast 70 Jahre alt ist, nachträglich nicht mehr umschreiben. Antmann sagt, dass niemand an der Hochschule Gomringer unterstellt, sein Gedicht sei sexistisch. "Aber eine sexistische Lesart des Gedichts liegt eben nahe." In einer veröffentlichten Stellungnahme zum Gedichtsstreit schrieb Antmann, das Gedicht habe einen "potenziell sexistischen Inhalt".

Autor Gomringer: "Mein Gedicht beschreibt eine kleine Straßenszene"
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

Autor Gomringer: "Mein Gedicht beschreibt eine kleine Straßenszene"

Potenziell sexistisch - das ist nun eine ganz neue Stufe der Debatte. Potenzieller Sexismus bedeutet auf jeden Fall: extrem unterschwellig. Für die meisten Menschen kaum noch wahrnehmbar. Gibt es dann auch "potenzielle Diskriminierung"? Und wenn ja: Ist nach diesem Maßstab einer "potenziellen Diskriminierung" nicht so gut wie alles irgendwie verdächtig? Jedes Gedicht, jeder Film, jeder Popsong, jede Karikatur, jeder Witz?

Uwe Bettig, der Rektor, hat in den vergangenen Monaten rund tausend Mails bekommen, den Gedichtsstreit betreffend. Die wenigsten waren positiv. Es gab Hassmails, üble Beschimpfungen. Er konnte meinen: Seine Studenten werden gendermäßig immer empfindsamer. Während ein anderer Teil der Gesellschaft, außerhalb der Hochschule, immer aggressiver wird, auch gendermäßig.

Bettig sagt, dass er persönlich mit dem Gedicht ja nie ein Problem hatte. "Ich halte es nicht für sexistisch. Aber wir sind eine demokratisch verfasste Hochschule, und als Rektor fühle ich mich an die Beschlüsse der gewählten Gremien gebunden." Bettig zieht die Schultern hoch. Er ist seit vier Jahren Rektor, von denen er anderthalb Jahre immer wieder mit der Debatte um ein Acht-Zeilen-Gedicht verbracht hat. Bettig hat ein paarmal versucht, einen Ausweg aus der Geschichte zu finden, Kompromisse aufzuzeigen. Aber es fanden sich keine Mehrheiten.

Im Sommer 2017 begann an der Hochschule der "Ideenwettstreit" für die Neugestaltung der Fassade. Vorher wurde jedoch erst mal wieder diskutiert, diesmal über die Ausschreibungskriterien. Niemand sollte sich ja durch die neue Fassade verletzt fühlen. Der Asta schlug in einem Schreiben vor: "Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert." Aber welches Kunstwerk könnte dem entsprechen? Ein weißer Fleck?

"Wir entschieden uns dann im Akademischen Senat für die Formulierung: grundgesetzkonform", sagt Bettig.

Sitzt man bei ihm im Büro, hat man zuweilen das Gefühl, in eine Satire geraten zu sein. Vielleicht von Helmut Dietl. Vielleicht von den Monty Pythons. So muss es aussehen, wenn politische Korrektheit, auch die gut gemeinte und im Grunde unzweifelhaft angebrachte, maßlos wird.

Es ist November 2017, als eine Abordnung der Hochschule nach Rehau reist, um Eugen Gomringer zu besuchen. Es ist der erste wirklich persönliche Kontakt in diesem ganzen Streit. Gomringer hofft auf eine Annäherung, vielleicht sogar auf eine Entschuldigung der Hochschule. Aber das passiert nicht. "Ich hatte das Gefühl, sie waren gekommen, damit ich ihnen die Absolution erteile", sagt Gomringer.

Vor ein paar Tagen, Ende Januar, gibt es dann ein vorerst letztes Telefonat. Uwe Bettig ist in der Leitung und teilt Eugen Gomringer die finale Entscheidung des Akademischen Senats mit: Das Gedicht wird von der Fassade der Hochschule verschwinden. Zukünftig soll ein Gedicht der Dichterin Barbara Köhler dort zu sehen sein. Welches genau? Darüber müsse man nun erst mal beraten, sagt Bettig.

Gleichzeitig, und das ist die nächste interessante Entwicklung, soll aber unter dem neuen Gedicht noch eine Tafel angebracht werden, die an das alte Gedicht und die Debatte erinnert, sagt Bettig. "Wir laden Herrn Gomringer dazu ein, die Tafel mitzugestalten." Es klingt nach einer Art Sexismus-Debatten-Opfer-Gedenkstätte.

Und was sagt Eugen Gomringer? Er will über alles nachdenken. Er ist 93 Jahre alt, der ewige Streit hat ihn ermüdet. Aber eine Consultingfirma habe ihm jetzt das Angebot gemacht, sein Gedicht zukünftig auf ihrer Fassade zu präsentieren.

In Berlin?

In Bielefeld, sagt Gomringer.



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