AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2017

Bestsellerautor Tenenbom auf Deutschlandreise Gott sagt: "Fuck you"

Tuvia Tenenbom wollte wissen: Wer sind seine deutschen Fans? Er stritt mit Juden und Israelhassern, trank Whisky mit Linksautonomen und ließ sich von AfD-Vordenker Götz Kubitschek zeigen, wie man Ziegen züchtet.

Gast Tenenbom (M.), Gastgeber Kubitschek, Kositza in Schnellroda
Sven Döring / DER SPIEGEL

Gast Tenenbom (M.), Gastgeber Kubitschek, Kositza in Schnellroda

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Deutschland, das kann ein Wort mit fünf Buchstaben sein: Beton. Eine Mischung aus sozialistischer Trostlosigkeit und kapitalistischer Tristesse, ein Ort wie der Breite Weg in Magdeburg. Zerstört im Januar 1945, in der DDR neu gebaut, nach der Wende saniert, wirkt diese Fußgängerzone mit ihren Billigläden wie ein ungeplantes Denkmal für ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte. Es ist nach Mitternacht. Es ist dunkel, und es ist kalt. Ob hier noch mal eine Straßenbahn durchrumpelt? Vielleicht ist schon Betriebsschluss.

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Heft 20/2017
Emmanuel Macron rettet Europa ... und Deutschland soll zahlen

Doch die deutsche Geschichte, sie kennt keine Ruhepause. Diese Geschichte ist es, der Tuvia Tenenbom begegnet, wohin er auch kommt. "Geschiechte", er spricht das Wort mit kehligem "ch". Tenenbom lebt in New York, geboren wurde er 1957 in Israel. Das Land aber, in dem sein Erfolg als Autor begann, ist Deutschland. Die Gesamtauflage seiner vier Reportagebücher beziffert Suhrkamp auf 100.000 Stück. Mittlerweile erscheinen sie auch in den USA und in Israel.

Angefunzelt vom Schein einer Leuchtreklame, sitzt Tuvia Tenenbom auf einer Bank. Ein dicker Mann in einer schwarzen Jacke, mit schwarzer Kappe auf dem Kopf. In der deutschen Übersetzung tragen seine Bücher allesamt das Wörtchen "allein" im Titel. "Allein unter Deutschen", "Allein unter Juden". Doch so wie Tenenbom in diesem Moment aussieht, wirkt es, als wäre er allein auf der Welt.

Er schaut auf sein iPhone. Gerade hat die veranstaltende Antifa-Gruppe seine Lesung, die am nächsten Tag in Leipzig stattfinden sollte, abgesagt, per Mail. Weil Tenenbom am Wochenende in Schnellroda bei einem Frühschoppen von Götz Kubitschek auftreten will, bei einem Mann, den man je nach Sichtweise als deutschnationalen Bildungsbürger, als Spezialisten für die autoritäre Denkschule der Vorkriegszeit oder als Netzwerker der extremen Rechten bezeichnen könnte. Die Leipziger Antifaschisten schreiben Tenenbom, sie hätten ihn um "ein Statement" zu Kubitschek gebeten. Weil das ausblieb, könne die Lesung nicht stattfinden. Tenenbom sagt, er habe diese Aufforderung nie erhalten. Warum man ihn nicht angerufen habe oder per Mail noch mal nachgefragt? Zweimal sei er schon bei den Leipziger Antifa-Leuten aufgetreten, man habe sich gut verstanden, über Stunden geredet. Und jetzt diese Absage, fast in letzter Minute. Eines fehlenden "Statements" wegen.

Der Kampf zwischen politischen Extremen, mittendrin ein Rechter wie Kubitschek, Linke wie die Leipziger Antifa, ein streitbarer Jude wie Tenenbom, der sich mit all dem beschäftigt - und dann noch die Diskussion darüber, wie dieses Land zu Israel steht, all das hat mit Deutschland zu tun, mit den Folgen der "Geschiechte".

Begonnen hat dieser Abend ein paar Plattenbauten entfernt, in der Magdeburger Stadtbibliothek. Tenenbom stellte sein neues Buch vor, "Allein unter Flüchtlingen". 2016 waren Tenenbom und seine Frau Isi mehrere Wochen durch Deutschland gereist. Sie hatten mit Flüchtlingen gesprochen, mit Bürgern, mit Politikern. Mit den Befürwortern und mit den Gegnern von Merkels Flüchtlingspolitik. Mit Gregor Gysi, Volker Beck und Frauke Petry, mit Lutz Bachmann von Pegida und mit Götz Kubitschek.

Der Bibliothekar, der die Veranstaltung eröffnete, erwähnte die Debatte um die Leitkultur, bezeichnete seinen Gast als "überzeugten Provokateur". Tenenbom schmunzelte. Neben ihm ein Banner der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Seine Frau übersetzte, Tenenbom spricht kaum Deutsch. Das Publikum repräsentierte jenen Teil der Gesellschaft, der sich einig ist, auf der richtigen Seite zu stehen: wohlmeinend, fremdenfreundlich - und das in einer Stadt, in der alljährlich ein Naziaufmarsch stattfindet.

OHNE

Dass die Lage komplizierter ist, zeigte sich, als nach der Lesung die Diskussion begann. In einer Passage des Buchs geht es um eine flüchtige Begegnung mit einem Münchner Politikwissenschaftsstudenten. Der bezeichnet Israel als "aggressiven", "unmenschlichen" Staat. Tenenbom tut ihn als "Judenhasser" ab.

Eine Frau, dunkelrot getöntes Haar, dunkelrot gemustertes Kleid, erhob sich: Sie finde dieses Urteil befremdlich. Schließlich könne man über die "Problematik Israel/Palästina" geteilter Meinung sein. Ob sie damit sagen wolle, dass Israelkritik nicht gleich Antisemitismus sei, fragte Tenenbom. Und die dunkelrote Frau antwortete: "Genau."

Da ist sie wieder, die deutscheste aller Debatten. Tenenboms Auftritt fand nur ein paar Tage nach der Israelreise von Sigmar Gabriel statt, nach einem Eklat um die Absage des Treffens mit Benjamin Netanyahu. Im Raum steht die Frage, ob ein deutscher Außenminister sich mit Regierungskritikern, mit den Vertretern von Breaking the Silence und B'Tselem, treffen sollte. B'Tselem habe einen Holocaust-Leugner in seinen Reihen geduldet, meint Tenenbom. Und Breaking the Silence vergleiche israelische Soldaten mit der SS. Finanziert werden beide von europäischen Institutionen.

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Tuvia Tenenbom:
Allein unter Flüchtlingen

übersetzt von Michael Adrian und Bettina Engels

Suhrkamp; 234 Seiten; 13,95 Euro

Auch er möge Netanyahu nicht und habe ihn nicht gewählt. Doch er habe ein Problem damit, wenn Israel einseitig herausgegriffen und angeklagt werde. Gerade von Deutschen erwarte er ein wenig mehr Feingefühl. "Bitte." Er sagte dieses Wort auf Deutsch.

Die deutschen Juden hätten Angst, sich zu äußern. Er aber sei kein deutscher Jude. Er sei Jude. Er wehre sich. "Und wenn Sie ein Problem mit Juden haben, dann habe ich ein Problem mit Ihnen. Punkt." Die dunkelrote Frau grummelte, stand auf und verließ den Raum.

Einen Monat zuvor, Anfang April, war Tuvia Tenenbom bei diesen deutschen Juden zu Gast, in der Synagoge in Düsseldorf. Ein heller Bau mit leuchtend bunten Fenstern, idyllisch gelegen in einem Altbauviertel, hat sie nur wenige Schönheitsfehler: das Polizeiauto an der Straßenkreuzung, die beiden vierschrötigen Wachleute vor der Tür, die sich die Taschen der Besucher und die Ausweise zeigen lassen, die Sicherheitsschleuse aus Stahl und Panzerglas. Wo in Deutschland würden Kirchen oder Moscheen derart bewacht, fragte Tenenbom bei seinem Auftritt. "Wir Juden sind eine gefährdete Art, wie Pandas im Zoo." Die in Deutschland häufig geäußerte These, die deutschen Juden seien vor allem durch muslimischen Antisemitismus gefährdet, ließ er nicht gelten: Er habe mehr Antisemitismus bei Deutschen erlebt als bei Syrern. "Der arabische Antisemitismus ist aus Europa importiert."

Viele junge Menschen aus der Gemeinde waren gekommen, sie feierten ihn wie einen Popstar, umringten ihn am Büchertisch, zwei dunkelhaarige Mädchen verkauften seine Bücher, die Schlange war lang. Tenenbom wirkte euphorisch, signierte, posierte für Selfies, im Stehen, im Sitzen, mit Buch, ohne Buch. Doch irgendwann stand er allein vor der Tür.

Redner Tenenbom, in Düsseldorfer Synagoge
DER SPIEGEL / Rüdiger Nehmzow

Redner Tenenbom, in Düsseldorfer Synagoge

Wochen später wird er erzählen, wie sehr der Auftritt in Düsseldorf ihn bewegt habe: "Weil ich die Begeisterung der Juden über einen Juden sah, der den Mund aufmacht."

Aufgewachsen ist Tenenbom in Bnei Brak, einer israelischen Stadt, die selbst von den Ultraorthodoxen als "Vatikan" bezeichnet werde. Sein Vater war orthodoxer Rabbiner. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg war er aus Polen ins damalige Palästina ausgewandert. Der Großteil von Tenenboms Familie starb im Holocaust. Gesprochen wurde darüber kaum. Seine Mutter sei wohl in einem Konzentrationslager gewesen, doch sie habe darüber geschwiegen. "Die Schande war so groß, man konnte es nicht einmal zugeben." Nachts hörte er sie manchmal schreien. "Ich wusste nur, dass irgendwas nicht stimmt." Das genaue Geburtsdatum des Vaters, der Geburtsort, alles ein Rätsel. Als Tenenbom viel später nach Polen reiste, erzählte ihm eine Frau, sie habe damals beobachtet, wie sein Urgroßvater, einer der bedeutenden Rabbiner des Landes, abgeholt worden sei. Er selbst wurde dazu erzogen, Rabbiner zu werden. Während seines Wehrdienstes emanzipierte er sich, ging Anfang der Achtziger nach New York, um zu studieren: Mathematik, ein Fach, das er in der Schule nie gehabt hatte, später englische Literatur. "Für meine Mutter war das, als ob ich an der 42. Straße auf den Strich gehen würde." Als er einmal verpasste, in Williamsburg, wo er wohnte, aus der U-Bahn zu steigen und einige Haltestellen zu weit fuhr, sprach ihn ein Passagier an, weil er damals noch eine Kippa trug: Die Gegend sei gefährlich für Juden. Dass es das geben könnte, davon hatte er bis dahin keine Ahnung gehabt.

Tenenbom ist begeistert vom Abstraktionsgrad der jüdischen Religion. "Wir haben keinen Jesus, keinen Mohammed. Wir haben eine sehr schwierige Beziehung zu Gott. Einen Gott, der uns nach Auschwitz geschickt hat, einen Gott, der 'Fuck you!' zu uns sagt." Im Judentum könne man im gleichen Augenblick Atheist und religiöser Extremist sein. "Deshalb liebe ich es."

Er spricht von seinem Vater: "Eines Tages kam ein Mann aus der Gemeinde zu meinem Vater, der als Rabbi auch der Heiratsvermittler war. 'Die Frau, die Sie mir vorgeschlagen haben, ist zu hässlich.' Mein Vater aber wollte ihm keine andere Frau vorschlagen, und so ging der Mann davon, um sein Glück selbst zu versuchen. Doch er hatte kein Glück. Ein Jahr später kam er wieder zum Rabbi, er suche noch immer eine Frau, aber bitte nicht die hässliche vom letzten Jahr. 'Diese Frau lebt nicht mehr', sagte mein Vater, 'sie ist bei einem Unglück gestorben.'" Tenenbom strahlt. Was für ein Trick! Der Mann habe es geglaubt, er habe es glauben wollen. Erzählt habe ihm diese Geschichte der Sohn der beiden. "Mein Vater war unglaublich!"

Mitte April war Tenenbom in Frankfurt am Main. Die Lesung fand im Literaturhaus statt, einem prächtigen Bau mit Säulen vor der Tür. An der Tür Security-Männer aus Israel. Im Saal ein bourgeoises Publikum, Frauen mit Perlenketten, die Begrüßungsansprache hielt ein Herr im Nadelstreifenanzug, der Kulturreferent der jüdischen Gemeinde. Nach der Lesung gab es ein Abendessen im Literaturhausrestaurant. Am Tisch Tenenboms Frau Isi, die ihn auf der Reise begleitet und ihn bei seinen Recherchen unterstützt. Seine Schwiegermutter, die in Hamburg lebt. Der Übersetzer seiner Bücher, Journalisten, die Leiterin des Jüdischen Museums, der Kulturdezernent. Sein Name Marc Grünbaum. Als er erfuhr, dass Grünbaum Anwalt ist, sprach Tenenbom ihn mit "Lawyer" an. In welcher Branche er tätig sei? "Immobilien." Beide lachten.

Judentum, das sei jenseits derartiger Klischees für die meisten heute doch nur noch "The Fiddler on the Roof", meint Tenenbom. Er aber habe noch das wahre Judentum kennengelernt. Er zitiert aus dem Talmud: Als beim Auszug der Israeliten die ägyptischen Krieger vom Meer verschlungen wurden, hätten die Israeliten vor Freude gesungen. Gott aber sprach: Wie könnt ihr nur singen? Auch die Ägypter sind mein Volk. Das, sagt Tenenbom, sei für ihn die Essenz des Judentums.

Nach Tuvia Tenenbom gefragt, antwortet Marc Grünbaum einige Tage später am Telefon, dass der eine "jüdische Sicht auf die Flüchtlingsthematik biete", und das mit "einem gewissen Unterhaltungswert". Aber: "Inhaltlich gehe ich nicht in allen Schlussfolgerungen d'accord. Den Antisemitismus, den er festgestellt hat, würde ich nicht in dieser Allgemeinheit postulieren."

Ob man auf Tenenboms Lesereise mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf spricht, mit dem gutbürgerlichen Literaturhauspublikum Frankfurts, mit den Linken aus Magdeburg oder den Rechten in Schnellroda, das Fazit ist ähnlich. Die Besucher loben Tenenboms Humor, seine Beobachtungsgabe, seinen außergewöhnlichen Blickwinkel, den Umstand, dass er sich nicht auf eine Sichtweise festlegen lasse, den Umstand, dass er den Deutschen einen Spiegel vorhalte. Wer Tenenbom kritisiert, findet seine Schlussfolgerungen zu holzschnittartig, findet, dass er sehr verallgemeinere.

Bestsellerautor Tenenbom in Düsseldorf
DER SPIEGEL / Rüdiger Nehmzow

Bestsellerautor Tenenbom in Düsseldorf

Am nächsten Morgen wird Tenenbom auf dem Leipziger Hauptbahnhof von einem schmalen, dunkel gekleideten jungen Mann erwartet, der sich Max nennt. Er sieht aus wie der Archetyp des Antifa-Aktivisten: Max trägt drei Ringe in der Nase, große Ohrringe. Er war es, der die Lesung in der Nacht zuvor per Mail abgesagt hatte. Nun will sich ein Teil seiner Gruppe zumindest mit Tenenbom treffen. Die Fahrt geht nach Connewitz, in den Leipziger Alternativstadtteil. Tenenbom und seine Frau checken im Hotel ein. An der Wand hängt ein Kalender mit Sinnsprüchen: "Nichts ist gefährlicher als die Schere im eigenen Kopf."

Draußen an der Mauer ein Graffito: "Nazis boxen". Max führt Tenenbom in ein nahe gelegenes Lokal, ironisch Waldfrieden genannt. Innen wirkt es wie die Parodie einer altdeutschen Gaststube: ein Wildschweinkopf aus Plüsch, ein Bild von einem Rehkitz. An einem Pfeiler die emblematischen Sticker der Szene: "Kein Mensch ist illegal", "FCK AFD". Tenenbom, der sonst kaum Alkohol trinkt, bestellt einen Whisky. Im Lauf des Nachmittags gesellen sich zwei junge Männer dazu, Johannes und Jan. Wie Max hatten sie dafür plädiert, die Lesung nicht abzusagen. Warum sie dann trotzdem nicht stattfindet? Die Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses ist kompliziert: Über sechs Stunden habe man in verschiedenen Konstellationen beraten, irgendwann saßen wohl 30 Personen um einen großen Tisch, doch es konnte kein Konsens gefunden werden. Ob es richtig sei, Tenenbom noch eine Bühne zu bieten? Einem Mann, der vorhabe, in drei Tagen nach Schnellroda zu fahren, dazu aber nicht einmal ein "Statement" abgibt?

"Was ist dein Plan?", will Max von Tenenbom wissen, er müsse doch einen Plan haben, wenn er zu Kubitschek fahre. "Mein Plan? Ich habe keinen Plan. Ich fahre dorthin und rede!", ruft Tenenbom. Er klingt ein bisschen verzweifelt. "Man muss schon ein Idiot sein, um zu glauben, ich hätte etwas mit deutschen Rechtsextremen zu tun. Ich bin Jude."

Die Zeit sei vorbei, als die Rechte antisemitisch war, die Linke aber nicht, meint Tenenbom. "Schaut euch Gabriel an. Was er gemacht hat, war ekelhaft." Er selbst sei gestern bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung aufgetreten, obwohl er wisse, was die in Israel tun: "Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist an Aktivitäten beteiligt, die ich für antisemitisch halte." Dass deutsche Parteistiftungen und NGOs durch ihr starkes Engagement im Land längst Akteure im innerisraelischen Konflikt seien und sich dabei in aller Regel einseitig gegen Israel positionierten, weil sich das Bild vom Israeli als Täter und vom Palästinenser als Opfer längst verselbstständigt habe, das ist eine der zentralen Thesen in seinem 2014 erschienenen Bestseller "Allein unter Juden". Die größte Gefahr für sein Volk und ihn, sagt er zu den Leipziger Antifaschisten, komme heute von der Linken oder aus der Mitte.

In der Woche zuvor ist der Antisemitismusbericht des Bundestags erschienen. Dort steht, dass 40 Prozent der Deutschen einem "israelbezogenen Antisemitismus" anhängen. 24 Prozent der Deutschen stimmen der These zu: "Was der Staat Israel heute mit Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im 'Dritten Reich' gemacht haben." Ein eigener Abschnitt des Berichts ist der Israelkritik als einer neuen Form des Antisemitismus gewidmet: Nur schwer könne zwischen kritischen und antisemitischen Äußerungen unterschieden werden. "Dies gilt vor allem in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Politik Israels."

Die Autofahrt von Leipzig nach Schnellroda dauert eine gute Stunde. Götz Kubitscheks Frau Ellen Kositza begrüßt die Besucher. Sie führt in den Garten hinter dem Haus und zeigt die Tiere: "Weiße deutsche Edelziege." Dann die Kaninchen: Von den Katzen, die hier Asyl genössen, würden häufig Jungtiere gerissen. "Das sind die Katzenasylanten", sagt Isi Tenenbom. Ellen Kositza lacht gequält. Die Lesung findet in der Gaststätte Zum Schäfchen statt, es sind nur ein paar Schritte die Straße hinunter. Die Wirtsstube wirkt, als wäre sie Vorbild für das Waldfrieden in Leipzig: ländliche Malereien, ein Wagenrad an der Decke als Kronleuchter. Auf den Tischen das Biobier "Neumarkter Lammsbräu". Ellen Kositza moderiert. Götz Kubitschek spricht kaum Englisch. Er war auf dem altsprachlichen Gymnasium. Neben dem Podium ein Plakat von Kubitscheks Antaios-Verlag: "Ein Buch im Haus nebenan ist wie ein scharfgeladenes Gewehr." Es ist ein Zitat aus Ray Bradburys Roman "Fahrenheit 451". Das Gespräch verläuft in freundlichem Respekt. Letztlich hält Tenenbom die deutsche Rechte für politisch bedeutungslos. "Hat Kubitschek Macht?", hatte er auf dem Weg nach Schnellroda gefragt. Er selbst scheint es nicht zu glauben.

Besucher Tenenbom in der Gaststätte Zum Schäfchen in Schnellroda
Sven Döring / DER SPIEGEL

Besucher Tenenbom in der Gaststätte Zum Schäfchen in Schnellroda

Rund 70 Leute sind gekommen. Nur wenige entsprechen dem Klischee vom kurz geschorenen Rechten. Ein blonder Bursche gibt sich feindselig, "mit Ihnen spreche ich nicht, weil Sie von der Presse sind". Ein Langhaariger mit stattlichem Vollbart belehrt auf der Toilette seinen Nachbarn: "Was ist mit Spülen? Junger Mann! Was ist denn das für ein undeutscher Geist!" Es sind derartige Journalistenbeobachtungen, die Kubitschek missfallen und die er in seiner Begrüßungsrede anspricht. Von Tenenbom hingegen fühlt er sich fair behandelt: Dessen Arbeit unterscheide sich vom "interpretatorischen Journalismus", weil der nicht nur O-Töne einfange, die das bestätigten, was er schon gewusst habe.

Tatsächlich geht Tuvia Tenenbom in seinem Buch weder mit Kubitschek noch mit Frauke Petry sonderlich kritisch um. Er weiß nicht, wer Björn Höcke ist und kennt nicht die Ideengeschichte der deutschen Rechten, auf die Kubitschek sich bezieht. Anders als in seinen früheren Büchern stößt hier seine Methode, sich in einer Art Kamikaze-Interview scheinbar unvoreingenommen auf sein Gegenüber zu stürzen, an ihre Grenzen, weil seine Gesprächspartner medial geschult sind und wissen, wer er ist. Kubitschek nennt er "einen netten Kerl", über Frauke Petry schreibt er, "ich mag diese Lady". Das ist kein politisches Urteil, doch es wurden ihm Freundschaften gekündigt deswegen. Der Suhrkamp Verlag hat sich geweigert, Kubitschek ein Rezensionsexemplar zu schicken.

Nach der Lesung sitzen die Gäste in Kubitscheks Haus. Tenenbom isst eine Bockwurst. Neben ihm ein Mann in kariertem Hemd. Er hat eine grüne Kladde mitgebracht, die er Tenenbom vorlegt. Schriftstücke, unter anderem ein Bescheid der Rentenversicherung. Er fühlt sich ungerecht behandelt, es wirkt ein bisschen wie die Sprechstunde beim Rabbi. Unterhält man sich mit den anderen Männern an Tenenboms Tisch, entsteht der Eindruck: Sie alle wählen AfD - und sie alle fühlen sich ausgegrenzt deswegen. Offenbar halten auch sie sich für eine bedrohte Art, für Pandas im Zoo. Hier geht es weniger um Politik als um Befindlichkeiten. Seine Frau und er seien "überrascht" gewesen, hätten sich "gefreut", als Tenenbom sie zu einer Feier ins Berliner Adlon-Hotel eingeladen habe, so Kubitschek. Warum? "Weil wir nicht an Normalität gewöhnt sind."

Auch Ellen Kositzas Schwester, deren Mann und ihre Mutter sind da. Die Mutter kommt schnell darauf zu sprechen, dass sie aus Schlesien stammt und erst nach dem Krieg in die Bundesrepublik übergesiedelt ist.

So gesehen wären auch Ellen Kositza und ihre Verwandten Refugees. Von den Flüchtlingen aber, die in den Jahren 2015 und 2016 die innenpolitische Debatte geprägt haben, ist hier nur am Rande die Rede, wie auch auf den anderen Stationen von Tenenboms Lesereise. Was das Land über Monate aufgewühlt hat, das ist nun "Geschiechte". Die Rechten in Schnellroda sind, wie die Leipziger Linken, längst wieder mit sich selbst beschäftigt - und unterscheiden sich darin kaum vom Rest der Bevölkerung.



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hedele 17.05.2017
1. Jovel
Warum ist Tenenbbom in Deutschland? Um der Geschichte nachzuspüren? Nicht sein Ding, er lebt heute. Um uns für eine heiße Story in den USA durch den Kakao zu ziehen? Dafür sind wir den Amerikanern mittlerweile zu egal. Nein. Die Antwort ist, dieser Rabbienkel ist Zionist. Er will das beste für Israel und glaubt, wir wären in diesem Match ein wichtiges Mitglied. Das ist ein großes Kompliment, offenbar kennt dieser Mann wirklich keine Vorurteile. Und es ist ein großer Spaß. Erstmals kann ich ein bisschen des jiddische Humors meiner Großelternnachbarn durchblitzen sehen. Auch wenn es wehtut, was er sagt, wirkt es erhellend. Tatsächlich ändert es meinen Blick auf Israel, denn - Hand auf's Herz - wer von uns versteht den Nahen Osten? Wir ahnen ja nach Syrien, dass auch ein Palästinenserstaat nicht automatisch den Frieden auf der Welt ausbrechen lässt, sondern die Menschen dort und hier alle anders zu denken lernen müssen. Vielleicht ist es richtig, einfach wie ein Kind mit großen offenen Augen durch die Welt zu laufen und keine Urteile zu haben, sondern immer nur diese Fragen: Warum machst Du das so? Warum bist Du so und nicht anders? Was lehrt mich das?
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