AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Zu Besuch bei Starautorin Arundhati Roy "Die Nachbarn aufwecken, darum geht es"

Zwanzig Jahre nach ihrem Welterfolg "Der Gott der kleinen Dinge" veröffentlicht die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihren zweiten Roman. Warum hat es so lange gedauert? Und hat sich das Warten gelohnt?

Literatin Roy: "Wie kann jemand einfach danebenstehen?"
Rena Effendi

Literatin Roy: "Wie kann jemand einfach danebenstehen?"

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Schon viele haben diese Frau unterschätzt, die nun vorsichtig die Tür öffnet. Auch der Schriftsteller Christian Kracht, der sie 1997 für den SPIEGEL getroffen hat. Er nannte sie "einen zerbrechlichen Vogel".

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Heft 30/2017
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Arundhati Roy lacht schallend. "Herrje, damit hatte er wirklich nicht gerechnet."

Willkommen bei Roy, 57 Jahre alt, veröffentlichte Bücher bislang: mehrere Dutzend Essays und ein Weltbestseller. Indiens berühmteste Schriftstellerin und zugleich umstrittenste; wahrscheinlich mehrfache Millionärin und leidenschaftliche Kapitalismuskritikerin. Sie wird wahlweise als Aktivistin, Stimme der Dritten Welt, Feministin oder Volksfeindin beschrieben. Sie wird geliebt wie gehasst und immer wieder angeklagt: wegen Verbreitung unsittlicher Schriften und Volksverhetzung (beide fallen gelassen) und Missachtung des Gerichts (verurteilt). Und nicht alle Gerüchte sind übertrieben: Roy lebt in einer atemberaubenden Wohnung.

Allein die Lage: traumhaft. Inmitten Delhis, zehn Minuten vom Diplomatenviertel entfernt, um die Ecke des Lodi-Gartens, in dem - gewollt heimlich, aber nicht besonders geschickt - Pärchen zwischen Mausoleen Händchen halten. Roys Wohnung liegt im zweiten Stock, die Filmplakate im Treppenhaus weisen den Weg. An der vergitterten Haustür geben drei Aufkleber dem Besucher eine Warnung auf den Weg: "Wir müssen in diesen Tagen sehr vorsichtig sein..."

Roy, die Augen mit schwarzem Kajal umrahmt, rollt sich aufs weiße Stoffsofa, zieht die Beine an die Brust und knetet sich die schwarzgrauen Locken. Sie wartet.

Kinder im indischen Allahabad: "Niemand wusste, zu wem es gehörte"
picture alliance/ NurPhoto

Kinder im indischen Allahabad: "Niemand wusste, zu wem es gehörte"

Man muss Kracht nun in Schutz nehmen. Roy hat in der Tat etwas Verträumtes an sich, fast Esoterisches. Sie ist die Art Person, die häufig das "Universum" erwähnt, ohne auch nur im Entferntesten von Physik zu sprechen. Sie ist klein, fast zierlich. Sie spricht so leise, dass der Zuhörer sich zu ihr hinüberbeugen muss.

Sie ist nervös, und sie hat Grund dazu. Anfang August wird ihr neuer Roman in Deutschland veröffentlicht, 20 Jahre nach ihrem Welterfolg "Der Gott der kleinen Dinge". Mehr als sechs Millionen Mal hat sich die Geschichte der Zwillinge Rahel und Estha aus dem kleinen Ayemenem in Kerala verkauft. Ein solcher Ausnahmeerfolg provoziert unweigerlich Vergleiche mit dem Nachfolger, besonders dann, wenn die Autorin zwei Jahrzehnte verstreichen lässt. Es stellt sich die Frage: Kann sie es noch?

Die Antwort: ja und nein.

"Das Ministerium des äußersten Glücks" ist ein düsteres Werk geworden. Oft brutal und doch voller Liebe. Es zeigt Indiens schlimmste Seiten und seine schönsten. Das ist manchmal lustig und meistens zum Heulen. Es geht um jene, die Macht ausüben, und solche, die darunter leiden. Es gibt skurrile Charaktere, manche von ihnen so absurd, sie müssen ausgedacht sein (viele sind es nicht) - kurz gesagt: Alles ist ganz genauso wie damals in "Der Gott der kleinen Dinge".

Das Buch machte die damals 37-Jährige über Nacht zum Weltstar. Für internationale Rechte bekam sie einen Vorschuss von einer Million Dollar. Innerhalb von sechs Tagen war "Der Gott der kleinen Dinge" in Delhi vergriffen. Noch im gleichen Jahr bekam sie den Booker Prize. Es war eine Sensation: Zum ersten Mal ging der wichtigste britische Buchpreis nach Indien ( Salman Rushdie, der den Preis 1981 für "Mitternachtskinder" erhielt, lebte zu dem Zeitpunkt schon lange in Großbritannien). Das Land jubelte, und eine neue Generation indischer Schriftsteller, die auf Englisch schrieb, ergriff das Gefühl: Alles ist möglich; die Zukunft gehört Asien.

Es waren die Jahre, als Indien für seine Callcenter bekannt wurde und Beobachter alsbald anfingen, von der "neuen Supermacht" zu träumen, und Roy, bis dahin Aerobictrainerin, studierte Architektin, Drehbuchautorin und Schauspielerin, auf einmal das Gesicht des neuen Indien wurde: klug, elegant, erfolgreich.

Aber die Frau, an der den Magazinjournalisten damals vor allem ihre Schönheit auffiel ("Augen so groß wie Unterteller"), hatte eine Meinung. Und dachte nicht daran, sie für sich zu behalten.

Sie veröffentlichte Essays, eines wütender als das andere. Sie kritisierte die Außenpolitik der USA, den Kapitalismus und den Bau von Staudämmen in ihrem Land. Sie verglich politische Wahlen mit der Entscheidung zwischen zwei Waschpulvern, die zur selben Firma gehören. Sie warf Mahatma Gandhi vor, Bewahrer des Kastenwesens zu sein, und nannte Osama Bin Laden den dunklen Doppelgänger George W. Bushs. Sie unterschrieb eine Boykottaktion gegen Israel.

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Arundhati Roy:
Das Ministerium des äußersten Glücks

Roman

Aus dem Englischen von Anette Grube

S. Fischer; 560 Seiten; gebunden; 24,00 Euro

Ihre Kritiker fragten, was diese Frau eigentlich so wütend mache. Fans wollten wissen, wann sie endlich wieder einen Roman schreibe. Nur langsam dämmerte es beiden, dass nicht Roys Aktivismus die Ausnahme bildete, sondern die Tatsache, dass sie jemals etwas anderes getan hatte.

"Ich war dieser indische Exportschlager", sagt Roy. "Meine Stimme hatte Gewicht und mein Schweigen ebenso." Das Dilemma aus still sein wollen und nicht können ist der Grund, warum sie so viele Jahre keinen Roman schrieb. Es gab wahrlich Wichtigeres in der Welt.

Sie verbrachte nun viel Zeit in Jantar Mantar, einer 300 Jahre alten Sternwarte im Herzen Delhis, nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, bekannt als Treffpunkt für Kundgebungen. Es war hier, dass Roy zum ersten Mal wieder das Bedürfnis spürte, etwas anderes zu schreiben als eine Streitschrift.

"Ich besuchte eine Demo, und auf einmal tauchte dieses Baby auf", erzählt Roy. "Niemand wusste, zu wem es gehörte. Wir riefen die Polizei. Keine Ahnung, was aus dem Kind wurde. Aber es ließ mich nicht los."

Von da an schrieb sie, nicht von Anfang bis Ende, sondern parallel hier und da, "wie Rauch, den ich ausstieß", zehn Jahre lang. "Ich war geradezu neugierig, was ich schreiben würde."

Das sei das Größte am literarischen Schreiben: das Außer-Kontrolle-Sein. Dann steuert nicht sie den Verlauf der Geschichte, sondern die Figuren, deren Stimmen sie hört und deren Anweisungen sie folgt. Sie sei entspannter, die Wut stecke sie in ihre Essays. So entstand "Das Ministerium des äußersten Glücks", eine Geschichte über - ja worüber?

Es ist nicht ganz leicht zu sagen, wovon dieses mehr als 500 Seiten starke Buch handelt. Irgendwie von allem.

Roys Gesicht hellt sich bei diesen Worten auf. Das sei ihr Ziel gewesen: ein Buch über alles. Sie ist nun wirklich froh.

Zu Beginn lernen wir Anjum kennen, eine als Junge geborene Frau, eine sogenannte Hijra, die in Delhis Altstadt lebt und sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind. Es folgt ein harter Schnitt. Wir treffen auf Tilo, eine Frau der Mittelschicht, die drei Verehrer hat und einem von ihnen, einem Rebellen, nach Kaschmir folgt. Inmitten all dessen taucht jenes Baby auf, schwarz wie die Nacht und eingewickelt in Abfälle, das letztendlich alle Protagonisten und Schauplätze verbindet.

Dazwischen handelt Roy die großen und die ganz großen Themen unserer Zeit ab: den Irakkrieg ("eine ganze Region war vorsätzlich und systematisch in eine Hölle auf Erden verwandelt worden"), Indiens Problem mit Vergewaltigungen ("jede indische Sprache kennt das Wort 'rapevictim'") und die Gentrifizierung Delhis ("es war der Sommer, als Großmutter zur Hure wurde"). Darüber hinaus kommen unter anderem vor: Massaker an Muslimen; Journalisten, denen die Wahrheit nichts bedeutet; die Privatisierung des Müllsektors; der Hindu-Nationalismus und das Gasunglück in Bhopal, jene schlimme Katastrophe von 1984, bei der Tausende Menschen starben und noch mehr bis heute an den Folgen leiden ("die Journalisten interessierten sich nicht für sie; ihr Kampf war zu alt, um als Neuigkeit gemeldet zu werden"). Die Welt ist ein Trümmerhaufen, und da sind gerade einmal knapp 150 Seiten vorüber.

Roy sieht es als ihre Pflicht an, kein Übel auszulassen. Sie sagte einmal: "Es gab eine Zeit, da waren Schriftsteller gefährliche Menschen. Heute sollen wir Bestseller schreiben und - wenn möglich - gut aussehen."

Kunst und Aktivismus stellen für sie keine Gegensätze dar, im Gegenteil. Ein Roman oder ein politischer Aufsatz sind zwei Varianten ein und derselben Sache. "Jeder, der etwas kreiert, tut dies in dem Glauben, Macht zu haben", sagt sie.

Aktivistin Roy in Neu-Delhi 2016: "Die Nachbarn aufwecken"
imago/ Hindustan Times

Aktivistin Roy in Neu-Delhi 2016: "Die Nachbarn aufwecken"

In "Der Gott der kleinen Dinge" kritisiert sie die indische Gesellschaft, allen voran das Kastenwesen. Der neue Präsident Indiens allerdings ist ein Dalit, ein Unberührbarer, zum zweiten Mal in der Geschichte des Landes, auch wenn das nicht im Entferntesten heißt, dass die Diskriminierung der sogenannten Kastenlosen ein Ende hat. Indien ist reicher geworden und ungleicher, mächtiger und nationalistischer. Auch Roy ist eine andere geworden. Sie ist durch Kaschmir gereist und mit Maoisten im Wald marschiert. Sie saß im Gefängnis, nur für einen Tag, aber lang genug, um sich die Haare abzuschneiden. Es gibt Aufnahmen einer kurzhaarigen Roy mit Blumensträußen in der Hand, die bei ihrer Freilassung in der Menge badet, Frauen, die nach ihr greifen, sie berühren. Viele feiern Roy als Heldin.

Ihr Buch ist Roys eigene Reise. Es ist der Versuch, die Erlebnisse der vergangenen 20 Jahre in einer Erzählung zu verarbeiten. Es ist ein ehrgeiziges Experiment, nicht immer gelungen. Zu pathetisch, zu ausschweifend, zu bemüht: "In seinem Traum verdiente er genügend Geld, um sich zu ernähren und eine kleine Summe an seine Familie im Dorf zu schicken. In seinem Traum gab es das Dorf noch. Es befand sich nicht auf dem Grund eines Stausees. Es schwammen keine Fische durch seine Fenster."

Die Figur, die ihr Leben an einen Staudamm verlor, verschwindet, wie sie gekommen ist. So ist es oft. Die Botschaft erdrückt die Menschen. Es ist dann ein Buch, das es gut meint, aber kein gutes Buch.

Brillante Momente hingegen sind die, in denen sie beschreibt und nicht belehrt. Ihre Erzählung über Tilo und ihre drei Schulfreunde zum Beispiel, die sich als Erwachsene in Kaschmir wiedertreffen: Der erste ist mittlerweile Journalist geworden, der zweite Soldat, der dritte Rebell. Ihre Analogien - wie schon in ihrem Erstlingswerk - sind manchmal abstrus, aber immer markant: "Wimpern, die aussahen, als hätten sie in einem Fitnessstudio trainiert." Und sie kann lustig sein: "Ein Chaos aus Autos, Bussen, Rikschas und Tongas, gefahren von Menschen, die es irgendwie schafften, sich bei unerträglich langsamem Tempo fahrlässig zu verhalten."

Roy ist eine der besten Schreiberinnen auf dem Subkontinent. Eine geniale Beobachterin Indiens, ironisch im Ton, herzhaft in der Sache. Aber Roy, die sich ein Lektorat verbittet, ist auch eine Schriftstellerin ohne Selbstzweifel. Das ist beneidenswert und wahrscheinlich Teil des Problems.

Da wäre die seltsame Vorliebe für Vergleiche mit dem "Dritten Reich". Eine Figur fabuliert unter Bezugnahme auf das Hakenkreuz davon, wie "die safrangelbe Flut des Hindu-Nationalismus in unserem Land so populär wird wie die Swastika einst in einem anderen"; der Krieg, aus dem Bangladesch hervorging, ist "der Holocaust in Ostpakistan".

Der Nazivergleich als Stilmittel ist populär, wenig originell und selten passend. Indien ist vieles vorzuwerfen. Sein Umgang mit Minderheiten und der Meinungsfreiheit zum Beispiel. Der Aufstieg der Nationalisten ist besorgniserregend. Aber Indien ist kein faschistischer Staat, schon gar nicht Nazideutschland, sondern - wenn auch mit Makeln - eine Demokratie.

Roy verschränkt die Arme. "Es mag keine Gaskammern im Land geben. Aber Muslime werden gettoisiert. Unangepasste Professoren aus Universitäten gedrängt. Der Geheimdienst, die obersten Gerichte, überall werden die Schachfiguren in Position gebracht." Sie fürchtet, sobald die Regierung auch eine Mehrheit im Oberhaus erlangt, werde sie sich daranmachen, die Verfassung zu ändern.

Roy sieht sich als Frühwarnsystem ihres Landes, und dass sie dabei nicht gerade subtil vorgeht, ist ihr egal. Schon vor Jahren hat sie einem ihrer Kritiker, der sie schrill nannte, ausrichten lassen: "Ich schreie es von den verdammten Dächern. Ich will die Nachbarn aufwecken, darum geht es."

Auch in Kreisen, die ihr durchaus gewogen sind, hat sich mit den Jahren eine gewisse Distanzierung breitgemacht. Ihre romantische Sicht auf Widerstandskämpfer eckt bei vielen an. Dass sie zu allem eine Meinung haben muss. Dass sie - und keiner der anderen großartigen Intellektuellen des Landes - diese Aufmerksamkeit im Ausland bekommt. Dass westliche Zeitungen gern über Roys schwere Kindheit schreiben, aber nicht, dass sie eines der besten Internate Indiens besuchte. Dass Roy alles infrage stellt, aber es sich oft selbst zu leicht macht.

Der indische Journalist Hartosh Singh Bal nannte es einmal Roys "magischen Journalismus" in Anlehnung an den magischen Realismus, jene Strömung in der Literatur, zu der viele auch Roy zählen. Sie hat, durchaus erfolgreich, die Zahl der 33 Millionen durch Staudämme vertriebenen Inder in die Welt gesetzt, eine Aussage, die Bal stark bezweifelt. Sie schwöre zu leichtfertig Massengräber und Genozide herauf, schreibt Bal: "Ihre Übertreibungen schaden der Sache mehr, als sie helfen." Die Wirklichkeit sei schlimm genug.

Warum tut Roy das? Warum redet ein so kluger Mensch so dumm daher?

Es klingelt. Ihr Fahrer kehrt von einem Spaziergang mit den beiden Hunden heim. Begum Filthy Jaan und Maati Ka Lalla springen auf die Couch, Roy verteilt Küsse. Der Fahrer hat die beiden Streuner als Welpen in der Gosse aufgelesen. Auch er selbst ist mehr durch Zufall in dieser Wohnung gelandet. Eines Tages sprach er Roy vor dem Taxistand ihrer Tür an: ob er nicht für sie arbeiten könne? Roy machte der Gedanke wenig Freude. Aber Hilfe verweigern?

Der Fahrer, ein Muslim aus Bangladesch, wie sie erzählt, lebt nun bei ihr unterm Dach. Sie hat ihn zur Schule geschickt, damit er lesen und schreiben lernt, und sie zahlt ihm, nach indischen Standards bemessen, ein fürstliches Gehalt. Neulich ist er mit dem Zug verreist und ging tagelang nicht an sein Handy. Roy sorgte sich immens. "Als Muslim in Indien? Es hätte sonst was passiert sein können."

So ist Roy. Sie fürchtet das Schlimmste, und sie liebt jene, die sich nicht ins Bild fügen. Als Tochter einer geschiedenen Frau passte sie selbst nicht hinein in dieses Land, das chaotisch wirkt, aber starren Regeln folgt. Sie lernte früh, die Welt durch die Augen der Schwachen zu sehen. Dieser Blick speist ihre Wut: "Überall werden Menschen drangsaliert, und es ist furchtbar anzusehen. Wie kann jemand einfach danebenstehen?"

Das muss man an Roy mögen. Sie hat keine Angst. Sie beschützt die Kleinen und attackiert die Großen.

Solche, die ihr nahestehen, sagen, Roy kämpfe durchaus die richtigen Kämpfe, nur schieße sie dabei übers Ziel hinaus. Es sei nun einmal die einzige Art, sich mitzuteilen, die sie kenne: leise und doch bei voller Lautstärke.

Roy hat einmal Angela Merkel getroffen. Die Kanzlerin gefiel ihr. Eine Frau, die leise spricht und dennoch gehört wird.

Und wahr ist auch: Für ihren Mut muss Roy viel erleiden. Ein Mob belagerte im Jahr 2010 ihr Haus, ein Parlamentarier äußerte kürzlich, man solle Roy an einen Militärjeep in Kaschmir fesseln. Die Klagen vor Gericht gegen sie sind ein Versuch, eine Kritikerin mundtot zu machen. Ihre Gegner von rechts beschimpfen sie als antinational.

Sie hätte nach London ziehen können, nach Manhattan, wie so viele vor und nach ihr. Sie hätte einen Roman nach dem anderen schreiben können und ihren Millionen ein paar mehr hinzufügen, anstatt einen Großteil ihres Geldes zu spenden. Sie entschied sich zu bleiben.

Nur einmal, vergangenes Jahr, hielt sie es nicht mehr aus. Sie wusste, es würde nicht mehr viel fehlen, um ihren Roman zu beenden. Sich jetzt nur nicht in einen Kampf verwickeln lassen. Eines Tages saß sie auf diesem Sofa, wo sie auch jetzt sitzt. Das Fernsehen zeigte die Studentenproteste an einer von Delhis Universitäten. Die Stimmung war aufgeheizt. Ein Fernsehsender fragte: Wer steckt hinter der Hetze? Der Moderator nannte Roys Namen.

Da packte Roy ihren Koffer und floh. Zog in ein Hotel in London. Sie sagt: "Ich schäme mich für das, was ich getan habe." Weil sie Indien verließ oder weil sie einem Kampf aus dem Weg ging? "Beides."



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