AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Nobelpreiskandidat Antunes Er lässt nun auch die Verben weg

Wie übersetzt man einen Dichter, der vielleicht alle 20 Seiten mal einen Punkt macht? Ein Besuch bei António Lobo Antunes, dem Magier der portugiesischen Sprache, und seiner Nachdichterin Maralde Meyer-Minnemann.

Schriftsteller Antunes: "Das Schreiben soll sich ins Knie ficken"
Lars Hinsenhofen / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Schriftsteller Antunes: "Das Schreiben soll sich ins Knie ficken"


Da kommt er, das muss er sein. Er biegt um die Ecke, überquert den Platz, geht auf den Hauseingang zu, Nummer zehn, langsam, schlurfend, zwei Packungen Zigaretten in der Hand, Jeans, ein kariertes Hemd, weißes Haar.

Mister Antunes?
Er bleibt stehen, schaut fragend.
Mister Antunes?
Er nickt.

Wir gehen zur Tür, er schließt auf, dann der Aufzug, er drückt auf den Knopf mit der Zwölf. Ein rotes Licht blinkt auf, der Aufzug fährt, Antunes schweigt.

Es ist heiß, sage ich.
Es ist nicht heiß, sagt er, in Afrika ist es heiß, 40, 45 Grad. Nachts wird es kalt.
Wir schweigen. Das Licht blinkt bis zum zwölften Stock.

António Lobo Antunes, Portugiese, Schriftsteller, lebt in Lissabon, am 1. September wird er 75 Jahre alt. Als die Nobelpreisträgerin Herta Müller gefragt wurde, welche Kollegen sie am meisten bewundert, nannte sie zwei Namen. Einer war Antunes.

Ich will hier gleich die Position klären, aus der ich diesen Text schreibe, nicht als ein Kritiker, sondern als Junkie: über den Mann, der mich mit Stoff versorgt. Mit "Fado Alexandrino" fing es an, vor 15 Jahren. Ich las diesen Roman, verstand erst gar nichts, am Ende war ich verloren. Es gibt nicht viele Schriftsteller, die über ihre Sprache, ihren Blick einen eigenen Kosmos erschaffen. Herta Müller gehört dazu, Claude Simon. Antunes ist der König. 27 Romane hat er geschrieben, jährlich kommt einer hinzu.

Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, ringsum Bücher, Bücher, Bücher. Neben ihm liegt ein Kissen mit Papageienaufdruck. Eine Porzellankatze zeigt ein grimmiges Gesicht. In Antunes' Welt schauen nicht die Menschen auf die Dinge, sondern die Dinge auf die Menschen. Was sieht jetzt der Papagei? Was denkt die Katze? Ich bin ein bisschen nervös.

19 Fragen, brav ausgearbeitet, notiert auf einem Blatt der Größe DIN A4; dem Gespräch eine Struktur geben, einen Bogen schlagen und so weiter. Ein Wort steht hier nicht: Nobelpreis. Es ist ein Wort, das die Großen klein macht, wenn sie ihn noch nicht gewonnen haben, Philip Roth, Don DeLillo. Antunes ist schon lange Kandidat.

Er zieht eine Zigarette aus einer der beiden Schachteln. Ein Bild zeigt eine Verstümmelung, das andere ein krankes Kind.

Mister Antunes, Sie haben einmal geschrieben ...
Ich sehe nicht aus wie ein Engländer, sagt er, auch nicht wie ein Portugiese. Ich sehe aus wie ein Deutscher.
Stimmt. Er sieht aus wie ein Deutscher, blaue Augen, helle Haut. Er zündet die Zigarette an, raucht.
Mister Antunes, Sie haben ...

Meine Großmutter war Deutsche, sagt er. Ich könnte Deutsch mit Ihnen reden, aber ich hasse meinen Dialekt, Schwarzwalddialekt. Meine Großmutter war aus dem Schwarzwald. In Angola ...

Er redet dann lange über Angola. Er war dort als Militärarzt, von Januar 1971 bis März 1973, 27 höllische Monate. Die Untergrundarmee MPLA trieb damals die portugiesische Kolonialmacht aus dem Land.

Meinen Fragenkatalog kann ich vergessen. Das liegt vielleicht daran, dass Antunes' Hörgerät einen schwarzen Tag hat. In Angola ist eine Granate in seiner Nähe explodiert, er hört schlecht. Vielleicht liegt es auch daran, dass er Fragen nicht hören will. Fragen stören den Erzählfluss.

So wie Punkte. Antunes setzt in seinen jüngeren Romanen vielleicht alle 20 Seiten mal einen Punkt. Wenn man Glück hat. Seine Bücher sind Polyfonien, einer erzählt, dann der Nächste, fünf, sechs Sprecher und mehr. Es wechseln die Sprecher ohne Übergang, es wechselt die erzählte Zeit ohne Übergang, es wechseln Sprecher und erzählte Zeit ohne Übergang. Das klingt dann so, Auszug aus dem Roman "Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?":

- Mama
sagen möchte, und sofort blitzschnell verschwindet, das erzählt nicht derjenige, der das Buch schreibt, ich bin es, der vom Buch fügt Wörter zusammen, und was bedeuten schon Wörter, überzeugt, dass sich die Stimme von allein bewegt, aber das tut sie nicht, Cousin Fernando stammt nicht von der Marques-Seite ab, von der anderen, von denen mit den runden Nasen, Mercilia überreichte mir das Geld, das ihr mein Vater gab, in ein Taschentuch gewickelt, und derjenige, der die Drogen verkaufte, während er die Münzen einzeln ansah

- Das ist für 'nen hohlen Zahn
trotz des Monsters
(ein Geier?)
das mir in den Magen hackte
- Das ist für 'nen hohlen Zahn
sogar Transvestiten im Stadtteil, nicht
der Sohn von Dona Ema, der wie ein
Pferd schuftete ...

Man muss das über viele, viele Seiten lesen, und dann spürt man den Sog und ist verloren. Oder man spürt ihn nicht. Die meisten wohl eher nicht, was ich gut verstehe. Antunes' Bücher wurden, wie er sagt, in 60 Sprachen übersetzt, aber Bestseller sind es meistens nicht.

Je näher mein Termin mit Antunes rückte, desto mehr drängte sich der Gedanke nach vorn, dass ich in Wahrheit nicht weiß, wie er schreibt. Das einzige portugiesische Wort, das ich kenne, heißt obrigado. Und wie will man Antunes' komplexe Sprache treffend ins Deutsche übertragen?

Ein anderes Wohnzimmer, in einem Haus in Hamburg, etwas versteckt hinter Bäumen und Sträuchern. Auf dem Sofa liegt ein Hund, ein zweiter Hund auf dem Boden, beide lebendig. Es sind Shih Tzus, tibetische Löwenhunde.

Periphrastischer Infinitiv, sagt Maralde Meyer-Minnemann, die neben dem Hund auf dem Sofa sitzt, eine schicke Frau in Antunes' Alter. Sie hat 23 der 27 Romane übersetzt, dazu die drei Chroniken, die seine Zeitungskolumnen versammeln, und den Briefwechsel mit seiner Frau aus der angolanischen Zeit. António, hat sie einmal zu ihm gesagt, ich habe mehr Zeit mit dir verbracht als mit jedem anderen Mann.

Einer ihrer Großväter war nach Brasilien ausgewandert und heiratete dort eine Frau, die von den Azoren stammte, also ursprünglich Portugiesin war. Mit dem periphrastischen Infinitiv ist Maralde Meyer-Minnemann aufgewachsen.

Maralde spricht Portugiesisch wie eine Portugiesin, sagt António Lobo Antunes irgendwann zwischendurch in seinem Wohnzimmer, in dem die Tiere nicht lebendig sein müssen, weil er alles mit Leben füllen kann.

Antunes liebt den periphrastischen Infinitiv, seitenlang periphrastischer Infinitiv, und das ist ein Problem für Meyer-Minnemann, weil es den periphrastischen Infinitiv im Deutschen nicht gibt. Sie sagt, dass er eine Handlung beschreibt, die sich gerade abspielt, ungefähr wie die Verlaufsform im Englischen. Sie muss das irgendwie anders ausdrücken. Portugiesisch und Deutsch gehen überhaupt nicht zusammen, sagt sie.

Schreibblock von Antunes: Umschreiben, umschreiben, umschreiben
Lars Hinsenhofen / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Schreibblock von Antunes: Umschreiben, umschreiben, umschreiben

Das ist das eine. Das andere ist Antunes. Es geht ihr da nicht anders als anderen Lesern. Sie liest die ersten 30 Seiten und weiß nicht, was los ist. Sie vermisst eine zeitliche Orientierung, Antunes hält das in der Schwebe, seine afrikanische Zeit, sagt Meyer-Minnemann. Einer der Hunde schnarcht, der auf dem Sofa.

Mit abgewinkelten Händen zeigt sie, wie sich die Zeitebenen verschränken, wie die Sprecher wechseln. Es sieht aus wie der Liebestanz von zwei Schwänen, ihre Hände wie Schnäbel, auf und ab, aufeinander zu, voneinander weg. Aufdröseln, sagt sie, sie müsse das alles aufdröseln, müsse deutsche Entsprechungen finden. Und das einmal pro Jahr, mit wenig Zeit.

Wie ein Wortschwamm laufe sie durch die Gegend, lausche hier und dort, um ein Wort aufzuschnappen, das dem Wort entspreche, das Antunes geschrieben hat, für das es aber keine direkte Übersetzung gibt. Am Abend sei sie völlig fertig, könne nichts mehr sagen.

In Angola, sagt Antunes in Lissabon, wenn ihre Einheit durch den Busch gelaufen sei, hätten die Jungs von der MPLA immer gewusst, wer der Anführer gewesen sei, der Leutnant, der Hauptmann, und den hätten sie abgeschossen, ein Schuss und Chaos.

In den Chroniken hat er geschrieben: Und unvermittelt kommt das wieder hoch wie beim Erbrechen, die gleiche Übelkeit, das gleiche Unwohlsein, der gleiche Ekel. Der Gefangene ohne Beine, den sie an den Kotflügel des Minensprengwagens festgebunden hatten und der die ganze Zeit schrie. Die Kaserne der Pide mit den Gefangenen darin und die Frau des Inspektors, die ihnen Elektroschocks in die Eier gab.

Die Pide war die Geheimpolizei der Diktatur, die Portugal vom Militärputsch 1926 bis zur Nelkenrevolution 1974 beherrschte.

Noch einmal die Chroniken, eine andere Stelle: Aber ich hatte das Blut meiner Kameraden an den Händen, an den Armen, auf dem Hemd. Blut. Menschenblut. Es ist nicht richtig rot, es ist dunkler. Einen Helden habe ich nicht gekannt. Ich kannte nur arme Männer, nicht einmal Männer
(wir hielten uns für Männer)
kleine Jungs. Die Literatur soll sich ins Knie ficken
(Entschuldigung)
Das Schreiben soll sich ins Knie ficken
noch einmal Entschuldigung. Jetzt werde ich, versprochen, die Hände waschen und dann ordentliche Sachen schreiben.

"Fado Alexandrino" handelt von Angola und der Diktatur, "Der Judaskuss" handelt von Angola und der Diktatur, in vielen, vielen seiner Bücher spielen Angola und die Diktatur eine Rolle. In seinem jüngsten Buch "Ich gehe wie ein Haus in Flammen" (niemand versteht diesen Titel) erzählen die Bewohner eines Hauses aus ihrem Leben. Einer war in Angola, einer wurde während der Diktatur gefoltert, unter dem Dach lebt Diktator António de Oliveira Salazar, obwohl er längst tot ist. Ansonsten: zerrüttete Familien, Gewalt, Einsamkeit. Das sind seine Themen.

Die Menschen in seinen Büchern sind ohne Liebe, sagt Meyer-Minnemann. Sie macht das ganz fertig, tagein, tagaus muss sie sich in Menschen ohne Liebe reindenken.

Ich habe mit meinem Vater nie über Literatur gesprochen, sagt Antunes. Er raucht, er ascht in eine der Packungen. Es ist warm, aber es sind nicht 45 Grad, nur 30, der Papagei schnarcht, die Wutkatze blinzelt, auf dem DIN-A4-Blatt schimmeln die Fragen.

Unter der Überschrift "Abrechnung" heißt es in den Chroniken: Ein Verdienst haben mein Vater und meine Mutter, und ich bin ihnen deswegen dankbar: sie haben mich nicht mit Liebe und Aufmerksamkeit überschüttet, was den Künstler in mir getötet hätte; was die geheimsten Gefühle betrifft, war ich immer allein.

Sein Vater wollte, dass der kleine António mit dem Fahrrad Achten fährt, aber er schaffte nur Nullen. Sein Vater war ein bekannter Arzt, adeliger Abstammung, der Familie ging es materiell gut, sechs Kinder, alles Jungs. Antunes' Vater hat gern Schildchen angefertigt und im Haus verteilt. Auf einer Tube: "Diese Klebe gehört Vater. Nicht anfassen." Auf einer Farbdose: "Dies ist kein Aschenbecher."

Nach dem Tod seines Vaters hatte Antunes den Wunsch, ein Schild auf den Sarg zu stellen: "Das ist nicht mein Vater." Weil er sich anders an ihn erinnern wollte, als 30-jährigen Mann, "der in Urgeiriça Tennis spielt und die Engländerinnen neckt". Er hat ihn gesiezt, das war so üblich in Portugal in diesen Kreisen.

An einem Tag im Oktober war Antunes einmal in Hamburg, es war der Tag, an dem verkündet wurde, wer jenen Preis gewonnen hat. Zur Mittagszeit hielt er sich in seinem Hotelzimmer auf, gut erreichbar, Meyer-Minnemann wartete draußen.

Er kam raus, wieder nichts. Wegen des Vaters würde er den Preis gern gewinnen, hat er gesagt.

Er habe so viel Glück gehabt in seinem Leben, sagt Antunes. Da hat er die zweite Packung Zigaretten angebrochen, die mit der Verstümmelung. In unglaublichen Ländern seien seine Bücher erschienen. Korea! Seine Stimme ist tief, rauchig.

So viele Preise, sagt er.

Das Wort sagt er nicht, aber es schwebt durch den Raum wie ein Heißluftballon, der manchmal faucht und flackert.

Übersetzerin Meyer-Minnemann: Am Ende geräuchert
Phillipp Schmidt / DER SPIEGEL

Übersetzerin Meyer-Minnemann: Am Ende geräuchert

Es gab Jahre, da habe ich den aktuellen Antunes nicht gelesen. Ich konnte nicht, wollte nicht. Da waren mir diese Bücher zu anstrengend, die Geschichten einander zu ähnlich, zu ähnlich traurig.

Ich habe Phasen, da lese ich zwei, drei Bücher hintereinander, irgendwie kranke Phasen. Ich habe dann diesen Gesang im Kopf, komme nicht mehr raus, wiederhole ständig die Wörter und Sätze, die er ständig wiederholt.

Jaime. Alexandra. Komm her. Die da. Idiot. Vater. Junger Herr. Du liebst mich doch nicht wahr Isabel. Meyer-Minnemann nennt das die Leitmotive. Ich bin froh, wenn sie wieder verschwinden.

Andererseits beruhigt es mich, dass ich einen kleinen Vorrat Bücher habe, ungelesene Antunes. Falls er nicht mehr schreibt.

Manche Bilder vergehen ohnehin nicht, wie die Glöckchen aus "Mein Name ist Legion". Sie hängen, nicht wirklich natürlich, an den kranken Organen eines alten Mannes, und wenn sie bimmeln, heißt das: Ich funktioniere nicht. Seitdem horche ich in stillen, verzagten Stunden.

Einmal im Jahr macht sich Maralde Meyer-Minnemann auf den Weg nach Lissabon. Sie hat eine Mappe dabei, in der die Fragen stehen, die sie zum neuen Roman hat. Wo sie nicht durchgestiegen ist. Wo sie wissen muss, was er meint. Wer da spricht. Wann gesprochen wird.

Sie holt eine dieser Mappen, die Shih Tzus folgen ihr. Viele Seiten mit vielen Fragen. Sie hat Bilder von Vögeln auf eine Seite geklebt. Mit der Biologie hat es der Herr Antunes nicht so, sagt sie. Er soll ihr genau sagen, welchen Vogel er meint. In seinen Büchern wimmelt es von Vögeln, Kakadus, Tauben, Papageien, Albatrossen, Raben.

Die beiden setzen sich in sein Wohnzimmer, er raucht ununterbrochen, und sie fragt und fragt, und er hat bald keine Lust mehr. Mach doch, was du willst, brummt er, ist doch dein Buch. Am Ende sei sie geräuchert, sagt Meyer-Minnemann.

Sie verbringen nur diese Arbeitsstunden miteinander, reden kaum privat. Er hat keine Zeit. Lesen, Schreiben, das ist sein Tag.

Sie ist eine Lady, sagt er, eine echte Lady, so wie Christa Wolf.

Er mag Gottfried Benn, Heinrich Böll, er ist begeistert von Helmut Schmidt, sehr attraktiv, und wie hieß noch der Kanzler davor?
Willy Brandt.
Auch sehr gut, sagt Antunes, es gibt in Portugal eine Statue von ihm.
Und Angela Merkel?
Fragen Sie mich das nicht.

Die Deutschen seien beinahe zärtlich zu ihm, aber sie hätten eine seltsame Angewohnheit. Sie würden ihm seine Bücher schicken, damit er sie signiert. Dann müsse er zur Post gehen und die signierten Bücher zurückschicken. Alle anderen würden warten, bis er eine Lesereise in ihrem Land macht.

Er lächelt, er kann sehr schön lächeln, manchmal unvermutet. Eben noch hat er von Angola geredet. Dann lächelt er. Dann redet er weiter, vom Schrecken der Diktatur. So viele Morde. Selbstmord, hieß es dann. Es habe damals einen Witz gegeben: Er hat sich mit einem Schuss in den Rücken getötet. Ein Lächeln.

Seine Frau kommt. Sie hat ein Bündel Stifte dabei, billige Plastikstifte. Man kann ihm kein schöneres Geschenk machen, sagt sie. Er schreibt mit diesen Plastikstiften auf kleine Blöcke, ungefähr DIN A5, die den Aufdruck eines Krankenhauses zeigen: Hospital Miguel Bombarda - Serviços Clínicos. Er hat dort gearbeitet, als Psychiater, aber er mochte das nicht, und als er vom Schreiben leben konnte, hat er nur noch geschrieben.

Ich habe noch einen hübschen Vorrat dieser Blöcke, sagt er zufrieden.

Seine Frau erzählt, dass sie am 1. Oktober bei der Kommunalwahl antreten wird.

In seinem Arbeitszimmer stehen in den Regalen ausschließlich seine Bücher, Originale und Übersetzungen. Es sind Hunderte. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Block vom Hospital Miguel Bombarda, er hat das oberste Blatt beschrieben, in einer unglaublich kleinen Schrift. Daneben liegt eine große Lupe.

Ich habe keinen Computer, sagt er.
Er schreibt das immer wieder neu, sieben, acht Durchgänge.
Umschreiben, umschreiben, umschreiben, sagt er.

Direkt hinter dem Haus steht ein Gefängnis, hohe Mauern, Stacheldraht. Er schaut von seinem Arbeitszimmer drauf. Weit hinten ist der Fluss, der Tejo.

Blick aus Antunes' Wohnzimmer: Ein knarziges Portugal, verschissen, duftend, dröhnend
Lars Hinsenhofen / Agentur Focus / DER SPIEGEL

Blick aus Antunes' Wohnzimmer: Ein knarziges Portugal, verschissen, duftend, dröhnend

Das Haus, in dem er lebt, ist eine Überraschung. Seine Bücher sind durchdrungen von einem alten, knarzigen Portugal, ländlich auch in der Stadt, barock, überfüllt, wuselig, verschissen, duftend, dröhnend. Aber als ich auf ihn wartete, vor der Nummer zehn, saß ich auf einem toten Platz, umgeben von glatten Hochhäusern, kein Geschäft, keine Bar, kein Leben. Als hätte er manchmal selbst genug von der Welt seiner Bücher.

Für Meyer-Minnemann ist Antunes der Chronist Portugals. Aber stimmt das? Ist dieses Land wirklich so knarzig, so wenig modern? Ich glaubte das nicht, aber dann ging ich stundenlang durch Lissabon, sah all die halb verfallenen Häuser, selbst in der von Touristen überfluteten Innenstadt, sah die zugemauerten Fenster, die Armut.

Sagen Sie nicht Armut, sagt er, meine Landsleute mögen dieses Wort nicht.

Es gibt bestimmt ein strahlendes, ein modernes Portugal, sagt Meyer-Minnemann, aber da drunter ist immer noch das Land, das António beschreibt.

Sie übersetzt gerade seinen neuen Roman. Er lässt nun auch die Verben weg. Ein Wahnsinn, sagt sie, im Portugiesischen ginge das noch, im Deutschen nicht. Manchmal setzt sie Verben ein, damit ihn seine deutschen Leser verstehen können. Je komplexer Antunes wird, desto mehr liest man Meyer-Minnemann.

Ich erfinde eine neue Sprache, sagt er.

Die Pointe ist, dass Meyer-Minnemann auch Paulo Coelho übersetzt. Da kann sie sich erholen, eine schlichtere Sprache gibt es kaum.

Das Gespräch mit Antunes ist zu Ende, wir stehen auf. Er sagt: Jetzt haben wir gar nicht über das Schreiben geredet.

Ich hätte noch Zeit.

Bücher verteidigen sich selbst, sagt er.

Zum Glück gibt es die Chroniken, da steht: Nummer fünf ist ein Esel. Das hat sein Portugiesischlehrer gesagt. Nummer fünf war der kleine António, der womöglich den periphrastischen Infinitiv nicht auf Anhieb verstanden hat.

Dennoch: Am 22. Dezember 1955 um fünf Uhr nachmittags hat sich António Lobo Antunes, damals 13 Jahre alt, entschieden, Schriftsteller zu werden. In einem Bus, auf dem Weg nach Hause.

Über das Schreiben schreibt er in den Chroniken: Ich sitze hier herum und warte, durchlebe die seltsame und irgendwie magische Zeit, in der das Buch sich fast gegen meinen Willen allein zu formen beginnt, angedeutete Fasern, zufällige Substantive schweben aufs Geratewohl hier und dort herum, Gerüche, Gestalten, die mal Schatten, mal Licht sind, Belangloses, das an Umfang zunimmt und am Ende doch nichts ist, etwas, was ich gehört, was ich erlebt, was ich erahnt habe.

So arbeitet er. Mehr muss man vielleicht nicht wissen.

Der Fotograf hat noch einen Wunsch. Er möchte, dass sich Antunes im Profil vor das Fenster stellt.
Rrrrrrrrrrrrrr.
Ein Knurren, nicht der Papagei, nicht die Katze, sondern Antunes.
Sind Sie jetzt ein Löwe?, frage ich.
Eine blöde Frage, ich weiß, aber nach so viel Afrika ist mir das rausgerutscht.
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.
Seine Frau lacht, er stellt sich ans Fenster, lässt sich im Profil fotografieren.
Ich hoffe, dass Maralde noch lange lebt, sagt er.

Sie hat das auch gesagt, auf dem Sofa in Hamburg: Ich hoffe, dass António noch lange lebt. Er hatte Krebs, sie ist in Sorge, dass er wieder krank wird, dass ein Glöckchen bimmelt. Sie brauchen einander.

Dann ist es vorbei, knapp zwei Stunden mit António Lobo Antunes. Er steht in der Tür, seine Frau neben ihm. Der Aufzug nähert sich rauschend.

Wann kommen Sie nach Deutschland?, frage ich, sehr laut.

Mal sehen, was der Oktober bringt, sagt er.

Du meinst, was mit meiner Wahl ist, sagt seine Frau. Sie lächelt, sie weiß, dass er das nicht meint. Das Wort, sie sagen es nicht.

Aber so kann das hier nicht enden. Es muss mit ihnen enden, mit diesen beiden, Antunes/Meyer-Minnemann, mit meiner Lieblingsstelle aus den Chroniken:

Ich kann mir nicht vorstellen, eine Frau zu sein, vor allem wenn ich die hässlichen Füße der Männer sehe, all diese Zehen, die sich am Ende des Bettes bewegen. Die Gespräche. Die Äuglein. Die Meinungen. Die Zähne, von denen sie beim Lächeln zu viele haben. Die Liebe zu den Zeitungen.

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Manollo 24.08.2017
1. Korrektur
"Er redet dann lange über Angola. Er war dort als Militärarzt, von Januar 1971 bis März 1973, 27 höllische Monate. Die Untergrundarmee MPLA trieb damals die portugiesische Kolonialmacht aus dem Land." Das ist unzutreffend. Die MPLA zerfiel in den 70er Jahren in drei konkurrierende Bewegungen (Revolta Activa, Revolta do Leste und Ala Presidencial) und hatte es noch mit den verfeindeten Guerrillagruppen UPA/FNLA und UNITA zu tun. Die MPLA war der portugiesischen Armee militärisch zu keinem Zeitpunkt gewachsen und pfiff 1973 auf dem letzten Loch. Die Nelkenrevolution, die am 25. April 1974 in Lissabon ausbrach und zum Sturz des Caetano-Regimes sowie zur Aufnahme von Unabhängigkeitsverhandlungen für die portugiesischen Kolonien in Afrika führte, rettete die MPLA, die in dem darauf folgenden Bürgerkrieg von Kuba und der Sowjetunion über Wasser gehalten wurde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 34/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.