AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 11/2018

Brigitte Bardot Das Rätsel BB

In ihrer jüngsten Autobiografie - ihre dritte - beschreibt Brigitte Bardot ihren Weg vom Filmstar zur Misanthropin, die allein in der Arbeit für Tiere wahren Trost findet.

Brigitte Bardot (1960)
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Brigitte Bardot (1960)

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Papa", fragt das kleine Mädchen auf dem Weg zur Schule, "warum lebe ich eigentlich?"

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

"Um mich glücklich zu machen", antwortet der Vater.

Eine Szene aus dem vergangenen Jahrhundert, aus grauer Vorzeit also. Und trotzdem: Sie habe lange Zeit an horrenden Selbstzweifeln gelitten, sagt die alte Frau, die einst das kleine Mädchen war.

Brigitte Bardot ist heute 83; fast 40 Jahre hat es gedauert, bis sie für sich einen Sinn in ihrer Existenz fand. Einen Zweck, der diese dann ganz ausfüllen sollte: den Tierschutz. Aus der eher brünetten Schülerin mit Entenschnute und Zahnlücke wurde, bloß ein paar Jahre später, B.B. - ein Mythos und der berühmteste Filmstar, den Frankreich je hervorgebracht hat. Doch dafür interessiert sich Bardot schon lange nicht mehr. "Was soll das überhaupt sein, mein Mythos?", schreibt sie fast zornig in einer soeben in Frankreich erschienenen Autobiografie, der dritten und wahrscheinlich letzten. Noch heute falle es ihr schwer zu verstehen, warum sie zur Ikone wurde. Bei Bardot, so viel steht fest, ist das keine Koketterie. "Die Tiere haben mein Leben gerettet", schreibt sie, und man darf das ruhig wörtlich nehmen. Vor den Menschen, "dieser arroganten Spezies", habe sie immer Angst gehabt.

In "Larmes de combat", Kampfestränen, dreht sich also viel um Hunde, Katzen, Esel und Robben; aber nicht nur. Vielmehr ist jedes ihrer Bücher aufs Neue ein Versuch, endlich Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu werden. Verständlich für jemanden, der die erste Hälfte seines Lebens damit zubrachte, Projektionsfläche für männliche Phantasmen zu sein. Davon abgesehen, kommt der Erlös des Buchs natürlich ihrer Stiftung zugute.

Bardot, das wohl erste globale Sexsymbol, empfindet ihr Leben als nicht besonders glücklich. Der Ruhm, ihre Prominenz hätten sie beinahe zerstört.

Brigitte Bardot, 1956
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Brigitte Bardot, 1956

Ist es absurd, eine Frau zu bedauern, weil ihr die Welt zu Füßen lag und sie damit nicht fertigwurde? Was sie schreibt, gibt auch Aufschluss darüber, wie sich das Bild einer Frau - im wörtlichen und im übertragenen Sinn - im Lauf der Zeit wandelte. Wie sie von einer der begehrtesten Frauen zu einer zänkischen Alten wurde, von der die Welt nurmehr - kopfschüttelnd und auch ein bisschen hämisch - die verbalen Ausreißer registriert. Liest man Bardot, dann hat dieses Abgleiten ins Misanthropische fast etwas Unausweichliches.

Der Fall Bardot ist auch interessant in einer Zeit, in der beinahe kein Tag vergeht, ohne dass Frauen und insbesondere Schauspielerinnen auf die Nebenwirkungen hinweisen, die das Frausein mit sich bringen kann. Und wenn Stars wie Uma Thurman oder Salma Hayek ihre Arbeitsbedingungen in einem von Männern dominierten Star-System als extrem beschreiben, dann gilt das für Brigitte Bardot ein halbes Jahrhundert früher umso mehr.

Für ihr Publikum, vielleicht auch für ihre Regisseure, war sie immer mehr Frau als Schauspielerin, egal ob sie mit Louis Malle drehte oder mit Godard.

Die Bardot zu sein, das bedeutete vor allem, platinblondes Haar zu haben und einen Körper, der sich so bewegte, dass es Männern, die versuchen, den "Mythos B.B." zu beschreiben, auch Jahrzehnte später noch den Schweiß auf die Stirn treibt.

Brigitte Bardot, 1971
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Brigitte Bardot, 1971

"Unerhört", stammelt der französische Fotograf Jean-Marie Périer, der ihr in den Sechzigern öfters in Saint-Tropez auflauerte, in einer Dokumentation des Fernsehsenders Arte. Und noch vor wenigen Jahren bedauerte ein Journalist in "Le Monde" Bardots politische Äußerungen vor allem deshalb, weil sie ihn daran hinderten, weiter davon zu träumen, einer ihrer Liebhaber zu sein: sie zu "erobern", wie er schrieb.

Wenn das Alleinstellungsmerkmal als Frau, als Schauspielerin, der Schmollmund ist, von dem alle geküsst werden wollen, dann wird es, das kann man sich zumindest heute ohne Weiteres vorstellen, schwierig mit dem Sinnhaften. Aber: "Ein Leben ohne Ziel, ohne Zweck ist unerträglich", schreibt Bardot und zitiert Madame de Staël: "Je besser ich die Menschen kenne, desto mehr liebe ich die Hunde." Der verzweifelte Versuch, aus der Objekt-Falle zu entkommen, zeichnet ihr Leben. Es gelingt ihr, und zwar aus eigener Kraft.

Sie ist im Ausland so bekannt wie sonst nur Charles de Gaulle oder der Eiffelturm; ihre Filme waren solche Kassenschlager, dass die Einnahmen zeitweise die Exporterlöse von Renault überstiegen. Sie hießen: "Und ewig lockt das Weib" oder "Une ravissante idiote", auf Deutsch nur unzulänglich übersetzt mit "Die Verführerin". Einer hieß auch: "Das Gänseblümchen wird entblättert". Nicht nur die Filmtitel muten, im Augenblick vielleicht mehr denn je, schrill anachronistisch an.

Dem Mythos Bardot jedenfalls setzte Brigitte selbst mit 38 Jahren ein Ende; als sie entschied, von nun an kein Star mehr sein zu wollen, keine Filme mehr zu drehen. Diese Welt sei unendlich leer gewesen, sagt sie auch heute noch. Nichts sei echt gewesen: "Alles nur Oberfläche." Als Schauspieler werde man regelrecht angestachelt, sich als Nabel der Welt zu betrachten: "Ich hasse jeglichen Personenkult."

Bardot versteigerte die Häuser und Autos, den Schmuck ihres Exmanns Gunter Sachs und das Brautkleid, in dem sie, 18-jährig, Roger Vadim ehelichte. Mit dem Geld gründete sie ihre Stiftung, für die "Rettung der Tiere in aller Welt", wie es im Statut heißt.

Seitdem kämpft sie gegen Robbenjagd und grausame Schlachtmethoden, und sie begann damit zu einer Zeit, in der das als bestenfalls exzentrisch galt.

Dass sie heute oft als "böse Hexe" oder üble Rassistin wahrgenommen wird, im Ausland mehr als zu Hause in Frankreich, daran ist sie auch selbst schuld. Aber Bardot, die von sich sagt, sie sei mehr Tier als Mensch, erinnert in ihrem Verhalten tatsächlich an eines. Gejagt, verletzt, in die Ecke getrieben. Wer die Menschen nicht mag, wird in Sachen Nächstenliebe eher nicht brillieren. Und so radikal, wie sie sich von Glamour und Ruhm abwandte, so radikal, ja extremistisch, hat sie sich ihrem später gefundenen Lebenszweck verschrieben.

Brigitte Bardot, 2001
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Brigitte Bardot, 2001

Ihre Logik dabei ist so simpel wie falsch, und natürlich kann man ihr vorwerfen, dass sie vom Prozedere des Schächtens Rückschlüsse über den Islam als solchen zieht. Dass in Frankreich geschächtet werde, liege an den Einwanderern, assoziiert sie. 2012 ruft Bardot deshalb zur Wahl Marine Le Pens auf. Fünfmal wird sie wegen Anstachelung zum Rassenhass verurteilt. Dass ihr Ehemann Bernard Front-National-Anhänger ist, macht die Sache auch nicht besser. Aber es macht Brigitte Bardot eben auch nicht zu einer rechten Galionsfigur.

Wird sie heute danach gefragt, sagt sie, sie wolle nie wieder mit irgendeiner politischen Vereinigung in Verbindung gebracht werden. Sie habe immer für jene gestimmt, die versprachen, ihre Causa voranzutreiben. Nach eigenen Angaben hat sie außer Le Pen auch Valéry Giscard d'Estaing unterstützt, später dann Jacques Chirac und den Sozialisten Lionel Jospin.

Bardot, die Frau, ist interessanter als das vermeintliche Politikum Bardot. Was sie sagt, kann man verachten oder auch missachten, wie selbstbestimmt sie ihr Leben lebte, kann man aber auch ein bisschen bewundern.

Sie ist wahrscheinlich der einzige weibliche Weltstar (nicht nur) ihrer Generation, der sich nie hat liften oder botoxen lassen oder sonst irgendwelche Korrekturen hat vornehmen lassen. Ab einem gewissen Alter stehe "ein Gesicht ohne Falten im Widerspruch" mit dem Inneren eines Menschen.

Brigitte Bardot, 2007
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Brigitte Bardot, 2007

In Zeiten des grassierenden Optimierungswahns ist das mindestens bemerkenswert. In einem Essay über Bardot beschreibt Simone de Beauvoir sie als "Lokomotive" für den Feminismus, als befreite Frau. "Das Lolita-Syndrom", erschienen 1959, heißt es im Titel, und sie nimmt darin einiges aus Bardots Leben vorweg. Deren Freiheitssinn nennt sie absolut und existenziell, genau wie ihre Natürlichkeit - samt der Verachtung für Schmuck, hohe Schuhe und Make-up. Dass de Beauvoir über sie schrieb oder Roland Barthes, dass sie von Marguerite Duras zur "Königin Bardot" gekrönt wurde, all das ließ sie kalt. Sie ist sagenhaft uneitel, es überwiegt das Unwohlsein über eine Rolle, die ihr von anderen - wem auch immer - zugeschrieben wird. Ihr Lebensgefühl, sagte sie einmal, sei das eines Gastes, der auf einem Fest herumsteht, zu dem er nicht eingeladen ist. Bardot gehört zu den wenigen Frauen, die sich nicht um das Tabu der Mutterschaft scherten. 1960 brachte sie, quasi unter den Augen der Weltöffentlichkeit, einen Sohn zur Welt und nannte diese Erfahrung "albtraumhaft". "Ich war zu jung, zu labil, zu durcheinander; ich habe es nicht geschafft, mich um so ein kleines Wesen zu kümmern." Ihr Sohn Nicolas wuchs bei seinem Vater auf.

Damals gab es keine Bücher über solche Situationen und schon gar keinen Hashtag. Niemand erzählte einem, dass Mutterliebe unter Umständen Zeit braucht und so etwas wie Mutterinstinkt im Zweifel gar nicht existiert. Bardot, die darunter litt, dass sie keine glückliche Mutter war, betrachtet sich als eine Art kranke Ausnahme und verglich ihre Schwangerschaft mit einem Tumor. Bei ihrem Sohn hat sie sich dafür entschuldigt. Im Buch beschreibt sie, wie eine ihrer in Norwegen lebenden Enkelinnen Französisch lernt. "Ich glaube, dass sie das meinetwegen macht", heißt es da vorsichtig.

Ihre Direktheit, die Art, sich auszudrücken, ohne Rücksicht zu nehmen - aber auch ohne gefallen zu wollen -, erscheint immer wie aus der Zeit gefallen. Damals und heute auch, wo sich jeder geschmeidig alle Türen offen hält, auf dass der Shitstorm einen anderen treffen möge.

Vielleicht merke man nach ihrem Tod, "dass ich auch eine Art Pionierin war", schreibt sie in ihrem Buch - und wünscht sich damit doch einmal Anerkennung: für ihr Engagement, für den Tierschutz.

So verwegen ist dieser Wunsch eigentlich gar nicht.



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