AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 12/2018

Bizarrer Gerichtsfall Der Chirurg, der seine Initialen eingravierte

Der britische Arzt Simon Bramhall signierte Organe bei der OP heimlich mit seinem Kürzel. Das Gericht verurteilte ihn - eine Patientin nicht.

Bramhall
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Barbara Moss, eine freundliche ältere Dame, saß vor ein paar Wochen in dem roten Backsteingebäude des Crown Court, des Strafgerichts in Birmingham, und versuchte, zur Ruhe zu kommen. Sie hatte eben als Zeugin ausgesagt und war dabei ziemlich nervös gewesen. Sie wusste, dass das, was sie zu sagen hatte, vielen hier nicht gefallen würde.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Jetzt hatte sie es hinter sich und betrachtete die Besucherreihen im Gerichtssaal. Sie sah zahlreiche vertraute Gesichter unter den Zuschauern. Viele von ihnen waren, genauso wie sie selbst, früher Patienten von Doktor Simon Bramhall gewesen, von jenem Mann, um den es bei dieser Verhandlung ging.

Die meisten waren hier, um ihn leiden zu sehen. Einen Chirurgen, der zum Perversen geworden war.

Doktor Bramhall hatte sich, als er am Morgen ins Gerichtsgebäude gekommen war, einen Schal vor den Mund gezogen, offenbar wollte er nicht erkannt werden. Die Leute vom Fernsehen hielten ihm die Mikrofone vor den Schal und fragten: "Warum haben Sie das getan, Doktor Bramhall? Warum?" Doktor Bramhall antwortete nicht.

Er saß nun auf der Anklagebank, kahler Schädel, rosa Hemd, dunkler Anzug, und er tat Barbara Moss unendlich leid.

Sie kannte diesen Mann schon seit zwölf Jahren. Sie war damals 53 Jahre alt, so alt wie der Doktor heute.

Sie hatte damals keine Hoffnung mehr gehabt. In ihre Leber hatte sich ein Tumor gefressen, er war bereits in andere Organe hineingewuchert. Der letzte Arzt, mit dem sie geredet hatte, sagte: Sie haben noch drei Monate. Und er hatte ihr geraten, sich eine gute Palliativklinik zu suchen, er sagte, es gebe "ganz hervorragende" im Land.

Dann kam Doktor Bramhall. Er war der Einzige, der sich zugetraut hatte, diese Sache zu operieren. Er redete ruhig und klar mit ihr. Er erklärte, was er machen würde und welche Gefahren das hätte.

Barbara Moss wollte nur eine Zahl hören. Eine Zahl, die größer war als null.

"Die Chance, dass Sie nicht sterben, liegt bei 50 Prozent, Miss Moss", sagte Doktor Bramhall.

Als die Operation vorbei war, sagte er, dass er noch lange an Barbara Moss denken werde. An die Patientin, die während der ganzen Operation gelächelt habe.

Es war kein gewöhnlicher Fall für den Richter. Die Staatsanwaltschaft sprach sogar von "Justizgeschichte". Zum Glück hatte Doktor Bramhall gerade gestanden. Das erleichterte dem Gericht die Arbeit.

Im Februar und im August 2013 hatte Bramhall, jeweils nach langer, schwieriger Operation, bei der er den Patienten die Leber transplantiert hatte, etwas gemacht, was schwer zu erklären ist. Mit einer kleinen Apparatur, die im Normalfall dafür benutzt wird, Blutungen zu stoppen, hatte er seine Initialen in dem eben eingesetzten Organ hinterlassen. SB. Wie ein Künstler, der sein Bild signiert.

Bei einer der betroffenen Patientinnen wurde die Leber nach der Operation vom Körper abgestoßen. Als ein anderer Chirurg den Bauch der Frau kurz darauf wieder öffnete, blickte er auf die Leber, und darauf stand, eindeutig und gut lesbar: SB. Der zweite Fall wurde von Zeugen bestätigt.

Danach ging es hoch her in der englischen Öffentlichkeit. Manche zeichneten das Bild eines Monsters. Andere machten Späße. Männer markieren nun mal gern ihr Revier, twitterte jemand. Die Initialen kommen ans Hemd, ans Nummernschild, an die Klowand der Kneipe. Was kann der arme Arzt dafür, dass gerade nur eine transplantierte Leber verfügbar war?

Doktor Bramhall hatte vor Gericht nichts zu seiner Verteidigung vorzutragen. Er schwieg. Die Patientin, deren Körper die signierte Leber abgestoßen hatte, sagte, dass sie sich wie nach einer "Vergewaltigung" gefühlt habe. Sie sei erschüttert, fürs Leben traumatisiert. Die Staatsanwaltschaft versuchte, eine posttraumatische Belastungsstörung nachzuweisen. Die Gutachter konnten das nicht bestätigen. Der Vorgang hatte auch keinerlei medizinische Folgen, schon gar nicht war er für die Abstoßreaktion des Körpers verantwortlich. Experten hatten das bestätigt.

Der Richter verurteilte Simon Bramhall zu 10.000 Pfund Geldstrafe und 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Er fühlte sich aber erkennbar nicht wohl bei der Urteilsverkündung.

Über 200 Patienten hatten dem Gericht geschrieben und erklärt, wie Bramhall ihnen das Leben gerettet habe. Außerdem war der Fall juristisch nicht leicht zu bewerten. Ihn wegen Körperverletzung zu verurteilen war schwierig, schließlich war kein Körperteil wesentlich verletzt. Und einen bleibenden Schaden für die Patientin konnte kein Psychologe feststellen.

Barbara Moss hatte als Zeugin der Verteidigung gesprochen. Sie stand in der Mitte des Gerichtssaals, ihre Augen wanderten durch die Reihen, dann sagte sie mit brüchiger Stimme: "Schauen Sie sich um. In diesem Gerichtssaal sitzen 300 Zuschauer. Wissen Sie, warum? Weil dieser Arzt uns das Leben gerettet hat. Diese Bänke wären leer ohne diesen Arzt. Wir wären alle tot."

Doktor Bramhall hat seine Stelle kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls gekündigt. Er ist umgezogen und arbeitet jetzt als "Berater", es bleibt unklar, für wen.

Barbara Moss hat im Internet einen Spendenaufruf gestartet. Sie wollte damit die 10.000 Pfund sammeln, zu deren Zahlung Doktor Bramhall verurteilt worden war. Der ließ seine alte Patientin wissen, dass er das Geld nicht annehmen werde. Wenn sie es zusammenbekomme, solle sie es spenden. An die Britische Leber-Stiftung.



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