AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2017

Empfindliches Naturparadies Und plötzlich färbt sich der Bodensee rot

Klimawandel und die Invasion fremder Tier- und Pflanzenarten verändern Deutschlands größtes Binnengewässer. Und die Fischer beklagen ein Zuviel an Umweltschutz: Das Wasser ist so sauber, dass es an Nährstoffen mangelt.

Fischer Stohr
Philip Bethge / DER SPIEGEL

Fischer Stohr

Von


Eine Mehlschicht umhüllt den Fisch, in Öl brät er kross, dazu gehören Zitronenbutter, Petersilie und Salzkartoffeln. Felchenfilet "Müllerin-Art" ist eine Delikatesse. Kaum ein Restaurant am Bodensee, das den Fisch nicht kredenzt.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

"Die Gäste legen Wert auf die kulinarischen Genüsse der Region", sagt Roland Stohr. In graugrüner Wathose steht der Fischer im Heck seines Bootes. Mit gleichmäßigen Bewegungen lässt er seine Netze Meter für Meter in den See gleiten, ein fast archaisch anmutendes Ritual, um den dunklen Wassern die silbrig glänzenden Leiber zu entreißen.

Seit mehr als 30 Jahren fährt Stohr, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft der Bayerischen Bodenseeberufsfischer, fast jeden Morgen und jeden Abend hinaus auf den See. Barsch, Saibling, Seeforelle, vor allem Felchen gehen ihm ins Netz. Doch wie lange noch? Stohr weiß es nicht. "Jedes Jahr müssen Kollegen von mir aufgeben", klagt er, "seit dem Jahr 2000 haben sich unsere Fänge mehr als halbiert."

Stohr ist Opfer einer Welt im Wandel. Der Bodensee verändert sich; schon länger beklagen die Fischer den geringen Nährstoffgehalt des Sees und die rückläufigen Fänge. "Rettet den Bodensee - ein Juwel hungert", so haben sie ihre Kampagne genannt.

Die Transformation des Sees indes geht weit über die Nahrungsverknappung für Fische hinaus: Fremde Arten wie der Dreistachlige Stichling breiten sich aus. Eine bislang im Bodensee rare Blaualge, die Burgunderblutalge, färbte das Wasser im letzten Herbst rot. Fremdlinge wie der nordamerikanische Signalkrebs oder die Quagga-Muschel, ursprünglich am Schwarzen Meer heimisch, machen Bodensee-Ureinwohnern Konkurrenz.

Und: Der See erwärmt sich. Gut 1,5 Grad höher als im langjährigen Mittel lag die durchschnittliche Oberflächentemperatur im vorigen Jahr. "Anlass zur Sorge" sieht deshalb Harald Hetzenauer, Leiter des staatlichen Instituts für Seenforschung in Langenargen. Denn was die Badetouristen erfreut, könnte dem Bodensee langfristig die Luft zum Atmen nehmen. "So wenig Sauerstoff wie im letzten Jahr gab es am Seegrund seit mehr als 20 Jahren nicht", sagt Hetzenauer.

Der Bodensee ist ein gewaltiger Wasserkörper. Die Langenargener Forscher haben ihn mit Fächerecholot und Lasertechnik im Projekt "Tiefenschärfe" neu vermessen. Von Südosten kommend, trägt der Rhein über sieben Milliarden Kubikmeter Alpenwasser jährlich in den See. Tiefe Kanäle gräbt der Fluss in das Sediment; bis auf 251 Meter fällt das Becken ab. Eisige vier bis fünf Grad hat das Wasser am Seegrund, und das seit Jahrtausenden.

Oben jedoch steigt die Temperatur, eine Folge des Klimawandels, die Forscher weltweit beobachten. Ob Zürichsee, Wörthersee, Müggelsee oder Großer Stechlinsee - die Oberfläche vieler Binnengewässer erwärmt sich schneller als Luft und Ozeane, berichten Wissenschaftler im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Sie haben Temperaturveränderungen von weltweit 235 Seen analysiert.

Am Bodensee ist das Phänomen deutlich ausgeprägt. Der See ist im Sommer geschichtet wie eine Sahnetorte. Die obersten 15 Meter sind warm und lichtdurchflutet. Weil warmes Wasser leichter ist als kaltes, liegt diese Schicht wie ein Deckel auf dem kalten Wasser darunter.

Die beiden Wasserkörper vermischen sich kaum, Forscher sprechen von Stagnation. Und die hat Folgen. Einerseits nämlich gelangt Sauerstoff, der in der oberen Wasserschicht durch Algen- und Planktonwachstum entsteht, nicht mehr in die Tiefe.

Andererseits kommen Nährstoffe, die am Seegrund aus abgestorbenem Material frei werden, nicht nach oben in jene Regionen, in denen Lebewesen sie nutzen könnten.

Das Ergebnis ist ein Gewässer im Schichtbetrieb. Unten gammelt es, oben fehlt es an Nahrung. "Wir haben schon seit zehn Jahren keine gute Durchmischung", sagt Hetzenauer. Früher sei der Bodensee zumindest am Ende des Winters komplett durchgekühlt und umgewälzt worden. Aber das sei vorbei: "Inzwischen bleibt die Schichtung das ganze Jahr über bestehen."

Welche Folgen hat das Temperaturdebakel? Die Forscher sind sich noch nicht sicher. Hetzenauer vermutet, dass beispielsweise die Burgunderblutalge von der unzureichenden Durchmischung des Sees profitieren könnte. Regelmäßige Blüten des schleimigen Organismus jedoch würden die Berufsfischer noch stärker unter Druck setzen. Die Blaualge produziert nämlich Giftstoffe, die Fischen übel zusetzen.

Video: Wer mit Fischer Martin Meichle auf den Bodensee rausfahren will, muss früh aufstehen: Eine Stunde vor Sonnenaufgang legt er ab. In der Videoreportage erzählt er, warum er weniger Fisch fängt - und was er deswegen fordert.

DER SPIEGEL

Müssen also die sinkenden Fischerei-Erträge auch dem Klimawandel zugerechnet werden? Die Fischer glauben nicht daran. Sie haben eine andere Erklärung für die Nährstoffarmut des Wassers: Ein künstlich herbeigeführter Phosphatmangel sei schuld daran, dass Barsch, Felchen und Forelle hungern.

Solche Phosphorverbindungen befördern das Algenwachstum in Gewässern. Vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren wurden die Chemikalien massenhaft als Enthärter in Waschmitteln eingesetzt, mit der Folge, dass viele Seen so reichlich gedüngt wurden, dass sie beinahe umkippten.

Auch der Bodensee enthielt Ende der Siebzigerjahre rund zehnmal mehr Phosphor als heute. Die Fischausbeute war entsprechend hoch. Die Trendwende brachten erst der Verzicht auf Phosphat in Waschmitteln und die Phosphatfällung in den Kläranlagen, die heute bis zu 95 Prozent des Phosphors aus dem Abwasser entfernen.

Die Fischer wollen die Behörden nun dazu bringen, die Reinigungsleistung der Kläranlagen zu drosseln. Fast 90 Mikrogramm Phosphor pro Liter Seewasser enthielt der Bodensee vor 40 Jahren. Heute liegt der Wert bei etwa 8 Mikrogramm. "Zeitweise haben die Fische im See einfach nichts zu fressen", klagt Fischer Stohr. Von gut 1800 Tonnen Fisch jährlich in der Mitte der Siebzigerjahre sei der Ertrag auf 326 Tonnen im Jahr 2016 eingebrochen.

Auch Stohr will keinen überdüngten See. Aber eine "moderate Anhebung des Phosphatgehalts" auf 12 bis 14 Mikrogramm pro Liter sei notwendig, damit die traditionelle Fischerei am Bodensee nicht verloren gehe.

Mehr Phosphor bedeutet mehr Algen bedeutet mehr Fische - so lautet die einfache Formel der Fischer. Doch ist es wirklich so simpel? Eine zusätzliche Phosphordüngung wäre riskant, sagt der Chemiker Hetzenauer, "niemand kann genau vorhersagen, wie der See reagiert". Dafür sei das System zu komplex.

Bodensee
DPA

Bodensee

Aus Sicht der Gewässerschützer ist der geringe Phosphorgehalt ein großer Erfolg. Vier Millionen Menschen in Baden-Württemberg beziehen ihr Trinkwasser aus dem Bodensee. Darüber hinaus verpflichtet die EU-Wasserrahmenrichtlinie dazu, Gewässer möglichst naturnah zu halten. "Die Fischer sagen, der See sei zu sauber", sagt Hetzenauer, "im Naturzustand hätten wir jedoch Phosphorkonzentrationen, die noch niedriger lägen als zurzeit."

Der Rückgang der Felchenerträge könnte außerdem auch noch andere Gründe haben. "Statt der Felchen dominieren derzeit die Stichlinge das Ökosystem", sagt Hetzenauer, "außerdem leben immer mehr Kormorane am See", natürliche Konkurrenten der Fischer. Manche Edelfischarten kämen außerdem mit dem nährstoffarmen See gut zurecht, meint er, sie vermehrten sich.

Vor allem warnt Hetzenauer, dass zusätzliche Nährstoffe die Lage weiter verschärfen könnten. "Alles, was oben nicht gefressen wird, rieselt runter und verursacht am Seegrund noch mehr Sauerstoffzehrung", sagt der Gewässerschützer. Dadurch könne sogar der Felchenlaich Probleme bekommen. Die Eier der Fische nämlich sinken bis auf den Grund hinab. Ist dort zu wenig Sauerstoff, entwickeln sie sich nicht.

Haben Fischer wie Roland Stohr also das Nachsehen? Um die Erträge zu stabilisieren, werden Felchen und andere Fische seit Jahren in Brutanlagen rund um den Bodensee herangezogen, die Jungfische im Frühjahr ausgesetzt. Der See ist also längst nicht mehr das, was er einmal war. "Rettet den Bodensee" klingt wie ein sehnsüchtiger Ruf nach einer Vergangenheit, die sich nicht zurückholen lässt.

Der Bodensee wandelt sich, weil sich die Welt wandelt, machtvoll und unaufhaltsam. Und Roland Stohr, Fischer von Kindesbeinen an, kann nur hilflos zusehen.

Für Stohr ist es nun an der Zeit, die Netze wieder einzuholen. Der See ist unruhig an diesem Morgen. In der Nacht hat es gestürmt. Das frühe Tageslicht bricht golden durch einen wolkenwilden Himmel. Hand über Hand holt Stohr die Netze, gefertigt aus dünnstem Draht, an Bord, löst mit geübtem Griff die zappelnden Fische aus den Maschen. Platschend landen sie in schwarzen Plastikbottichen.

Barsche und Rotaugen sind Stohr heute in die Netze gegangen. Etwa sechs Kilogramm Fisch hat er an diesem Morgen gefangen, "macht zwei Kilo Filet", schätzt Stohr. Rund 50 Euro wird er dafür bekommen, ein Job für Idealisten. Längst gelingt es den noch etwa hundert Bodenseefischern nicht mehr, die Nachfrage zu decken und ihr Einkommen aus dem eigenen Fang zu bestreiten.

"Ein Drittel meiner Fische kommt aus anderen Seen", räumt Stohr ein, der selbst räuchert und an Restaurants und Hofläden verkauft, "vom Ammersee, vom Chiemsee oder von noch weiter her."

Aus Tschechien, Finnland, sogar aus Kanada würden die Fische importiert, berichtet Stohr. Das eine oder andere Felchenfilet "Müllerin-Art" hat eine weite Reise hinter sich.

Virtueller Tauchgang: Sehen Sie, wie die Forscher im Rahmen des Projekts "Tiefenschärfe" den Bodensee mit Fächerecholot und Lasertechnik vermessen haben.

OHNE


insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mitch72 25.07.2017
1. Schöner See
Ich wohne auch mittlerweile hier mit Seeblick - kann über die Fischer nur den Kopf schütteln. Wie bereits im Artikel gesagt, vor 1000 Jahren war der See noch sauberer. Ihn jetzt wieder zuzudüngen wäre, als wenn man den Kraftwerksbetreibern erlauben würde, ihren Dreck wieder ungehindert in die Luft zu schleudern, damit sie ihr Einkommen haben. Meines Wissens nach sind Bodenseefelchen ursprünglich gar nicht im Bodensee heimisch gewesen, also what? Zurück zur Natur, auch wenn es manchmal hart ist.
dliblegeips 25.07.2017
2. Kondominium
Der Bodensee ist nicht Deutschlands grösstes Binnengewässer, sondern ist ein Kondominium. Er gehört gleichzeitig zu Österreich, Deutschland und zur Schweiz. Es gibt auch keine Grenze in der Mitte wie sonst bei Binnengewässer üblich.
Sal.Paradies 25.07.2017
3. Kein zurück zur negativen Vergangenheit
Ich habe als Kind am Bodensee gelebt und ihn im Sommer täglich zum schwimmen benutzt, was dann aber immer schwieriger wurde. Irgend wann sagten uns unsere Eltern, wir sollen im See nicht mehr schwimmen, weil das Wasser zu schlecht wäre. Und richtig ist, dass immer mehr Kinder temporär Hautausschläge bekamen, nach dem sie zu lange im See geschwommen sind, abhängig auch davon, wo wir schwimmen waren. Eine Zeit lang wurde von der Stadt sogar erwägt das Strandbad temporär zu schließen, weil gesundheitliche Schäden gerade bei Kindern befürchtet wurden, weil wir beim tollen im Wasser natürlich immer ein gerüttelt Mass Bodensee-Wasser schluckten. Es gab große Bemühungen und es dauerte lange, bis der See endlich wieder relativ "normal" war. Man darf auch nicht vergessen, dass zu dieser Zeit viele Firmen ihren Dreck oft ungefiltert in den See ableiten konnten. Eine Schweinerei ohne Ende, was dann natürlich in einem extremen Phosphat-Gehalt mündete. Auf dem Weg zu einer Badestelle mussten wir mit dem Rad immer aufpassen, dass wir nicht über dieses dicke Rohr stürzten. Was das Rohr eigentlich bedeutete und was da raus kam, wurde uns erst später klar. An manchen Stellen bildeten sich Schaumblasen und über die Rotach, von der wir nur wenige Meter entfernt wohnten, kam auch jede Menge zusätzlicher Dreck nach. Und jetzt, wo der See endlich ohne diese eklige Brühe von früher klar daher kommt, möchten unsere Fischer Phosphate künstlich in den See einleiten? Lieber nicht. Davon abgesehen, dass sich Fische über viele Jahre verändern und anpassen, kommt es eben auch vor, dass bestimmte Populationen gänzlich verschwinden, denn genau so hat die Natur das vorgesehen und eingerichtet. Die kümmert sich einen Quark darum, ob der werte Herr Tourist auch in 100 Jahre noch sei Felchenfilet "Müllerin Art" bekommt. Und so wie unsere Bergleute, müssen sich vielleicht auch die Fischer vom Bodensee daran gewöhnen, dass sie eine aussterbende Spezies sind. Wäre traurig, klar, weil ich früher als Bub oft mit genau diesen Fischern raus gefahren bin, was ein echtes Abenteuer war. Aber deswegen den See wieder mit Phosphor zu malträtieren, halte ich für keine gute Idee.
susuki 25.07.2017
4.
Also eigentlich hat das Wasser da unten genau 3.98 Grad und nicht 4-5 Grad. Und das Wasser wurde zu einem guten Teil im Winter ausgetauscht. Details googeln "Dichteanomalie des Wassers"
frankheilab 26.07.2017
5. Unsinniges Gejammer.
So ein hanebüchener Unsinn. Der Bodensee als oligotropher Voralpensee hat endlich wieder den Zustand, den er zu Beginn der 50er Jahre hatte. Er hat sich von den Sünden der Vergangenheit (Phosphathaltige Waschmittel, Nährstoffeintrag durch Düngung und ungeklärte Abwässer) erholt. Die Fischer haben jahrzehntelang davon profitiert, dass der Bodensee verschmutzt wurde und den See wie einen großen Fischteich benutzt. Nach den Beschlüssen der Bodenseekonferenz Ende der 70er war klar, dass der Nährstoffgehalt zurückgehen würde. Die Fischer hatten also mehr als 40 Jahre Zeit, sich darauf einzustellen. Mal davon abgesehen, dass auch die Fischer über den Beschluss froh waren, weil in den Siebzigern die Verschmutzung so groß war, dass der Fischfang zurückging, drastisch. Das ausgerechnet ein Landtagsabgeordneter der Grünen (Martin Hahn, Landwirt) sich seit Jahren dafür stark macht, Umweltschutz zu reduzieren ist ein zusätzlicher Treppenwitz. Der See ist nicht "zu" sauber, er ist endlich wieder sauber, weitgehend. Immerhin dürfen noch Motorboote auf dem See fahren, der, by the way, einen großen Teil Baden-Württembergs ganz oder teilweise mit Trinkwasser versorgt. Ein See ist ein hochkomplexes System, in das nicht "mal eben" ein bischen Phosphat eingeleitet werden kann, ohne Gefahr zu laufen, erneut den Eutrophierungsprozess anzustoßen. Als ich 1982 zum Studium der Biologie nach Konstanz kam, war das Umkippen des Sees in eine stinkende Kloake gerade verhindert worden. Seit wann übernimmt der Spiegel unrecherchiert Ausdrücke wie "der See ist zu sauber"?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 30/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.