AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

BVB-Geschäftsführer Watzke "Ich bin völlig fertig"

Der Terroranschlag. Der Angriff auf die RB-Leipzig-Fans. Der Konflikt mit Trainer Tuchel. Dortmunds Geschäftsführer Watzke hat turbulente Wochen hinter sich. Markus Feldenkirchen hat ihn in der Krise begleitet.

Borussia-Dortmund-Manager Hans-Joachim Watzke
Magics / action press

Borussia-Dortmund-Manager Hans-Joachim Watzke


Am Morgen vor dem Finale zündet sich Hans-Joachim Watzke schon um zehn die erste Zigarette an. Er sitzt im schwarz-gelben Trainingsanzug auf der Terrasse des Schlosshotels Grunewald, des Mannschaftsquartiers. Am Abend wird Borussia Dortmund im Berliner Olympiastadion um den DFB-Pokal spielen, für den Geschäftsführer könnte es ein wunderschöner Tag werden.

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Heft 23/2017
 

Watzke zieht an der Kippe und sagt: "Ich bin völlig fertig."

Ein paar Meter entfernt, im Hotelgarten, sitzt Zeitung lesend Thomas Tuchel, der am Abend den Pokal holen und den Watzke drei Tage danach entlassen wird. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, aber nichts ist in Ordnung. Watzke denkt in diesen Stunden über seinen Rücktritt nach, falls das Finale verloren geht, er hat bereits mit anderen Vereinsfunktionären darüber gesprochen.

Hinter ihm liegen die härtesten Wochen seit vielen Jahren. Anfang Februar greifen Dortmunder Chaoten Anhänger von RB Leipzig vor dem Stadion an. Es gibt Verletzte und schockierende Bilder. Watzke wird als geistiger Brandstifter dargestellt, weil er über das Leipziger Konstrukt gesagt hatte: "Da wird Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen."

Mitte April wurde kurz vor dem Champions-League-Viertelfinale ein Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB verübt. Das große Weltgeschehen und die hohe Politik drangen in den Alltag seines Vereins. Der Klub sollte im Namen der ganzen Gesellschaft ein Zeichen setzen: dass man sich von Terroristen nicht in die Knie zwingen lässt. Über den richtigen Umgang mit diesem Anschlag wird es dann zum Eklat mit jenem Mann kommen, der jetzt im Garten Zeitung liest.

Lange genoss Hans-Joachim Watzke den Ruf, die sympathische Alternative zu Uli Hoeneß zu sein, zumindest im speziellen Kosmos der Fußballbosse. Nach diesen Wochen aber hat er mehr Gegner denn je. Watzke weiß, dass ihn viele nun für einen Alleinherrscher halten. Für einen eitlen Fatzke, dem es nur um sich gehe.

Das treffe ihn, sagt Watzke. Vielleicht sei er ein bisschen zu verwöhnt gewesen. "Ich wollte am liebsten immer 99 bis 100 Prozent Zustimmung." Deshalb, sagt er, der seit Langem Mitglied der CDU ist, sei er auch nie Berufspolitiker geworden. Da müsse man schon mit 40 Prozent Zustimmung zufrieden sein.

Ein paar Zigaretten später betritt Thomas Tuchel, 43, die Terrasse, Zeit fürs Abschlusstraining. Tuchel erblickt seinen Boss, den einzigen Gast auf der Terrasse, er zögert kurz, dann läuft er auf Watzkes Tisch zu. Ein Händedruck, zweimal falsches Lächeln. "Na, hast du deinen Schlachtplan gemacht?" Jaja, murmelt Tuchel. "Viel Glück", ruft Watzke seinem Trainer noch nach. Dass er ihn drei Tage später entlassen wird, kann er nur mühsam verbergen.

Die Situation belaste ihn, sagt er, als Tuchel weg ist. "Weil ich eigentlich ein Harmoniemensch bin." Er wirkt jetzt nicht wie der forsche, kecke "Aki" aus dem Fernsehen, eher wie ein 57-jähriger Mann, der immer auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs war und sich nun fragt, was sich verändert hat. Wie etwas so aus dem Ruder laufen konnte.

In den Anfängen des Dramas, fünf Wochen vorher, steuert Watzke seinen silberfarbenen Mercedes Richtung Mönchengladbach. Es läuft Akis Musikmix, was bedeutet, dass auf Angelika Milster erst Guns N' Roses und dann deutsche Schlager folgen. "Ich hab alles", sagt Watzke, "3000 Lieder. Selbst geladen." Er grinst verschmitzt, die Wangen zerknittern. Kaum jemand kann sich herrlicher über sich selbst freuen.

Drei Tage zuvor ist der BVB in Monaco aus der Champions League ausgeschieden. Am Vortag präsentierte die Polizei den vermeintlichen Attentäter. Dortmund steht nur auf Rang vier der Tabelle, die direkte Qualifikation für die Champions League ist in Gefahr und mit ihr das Geschäftsmodell des Vereins. Er habe zum Glück einen sehr niedrigen Blutdruck, sagt Watzke hinter dem Steuer, "dass ich an Herzinfarkt sterbe, ist nicht sehr wahrscheinlich." Kurze Pause. "Es sei denn, es kommen noch einmal Wochen wie gerade."

Besonders krass sei die Sitzung des Krisenstabs gewesen, kurz nach dem Anschlag: "Maximaler Druck, komprimiert in 30 Minuten." Während Mannschaft und Trainer noch neben dem zerstörten Bus standen, musste er mit Vertretern der Uefa und des Gegners AS Monaco in einem fensterlosen Raum des Stadions entscheiden, wann gespielt wird. Watzke erwähnt die knapp 150.000 Mitglieder des Vereins, den politischen Druck, die eng getakteten Kalender im Turbokapitalismus namens Profifußball. "Die Entscheidung in dem Krisenstab, die treff ich ja nicht für mich."

Diese Entscheidung aber wird zur Keimzelle eines Dramas. Watzke beteuert, dass Trainer Tuchel keinerlei Einwand gegen den Plan, am Tag nach dem Anschlag zu spielen, artikuliert habe. Auch nicht, nachdem die Spieler Marco Reus und Gonzalo Castro in einer Mannschaftssitzung ihr Unbehagen zum Ausdruck gebracht hatten. Viermal habe er vor dem Spiel mit dem Trainer gesprochen, sagt Watzke. Immer habe dieser betont, dass man spielen solle.

Nach dem Spiel verfolgt Watzke auf dem Bildschirm seiner Stadionloge, was sein Trainer unten bei der Pressekonferenz sagt. "Wir hatten das Gefühl, dass wir behandelt werden, als wäre 'ne Bierdose an unseren Bus geflogen", klagt Tuchel, man sei, ohne gefragt zu werden, per SMS informiert worden. "Das Gefühl hat sich festgesetzt, dass die Termine vorgegeben werden und wir zu funktionieren haben."

Trainer Tuchel: "Als wäre 'ne Bierdose an den Bus geflogen"
Reinaldo Coddou H.

Trainer Tuchel: "Als wäre 'ne Bierdose an den Bus geflogen"

"Es war, als hätte Mike Tyson dir aus dem Nichts eine vor den Kopf geballert", sagt Watzke über diesen Moment. Er glaubt, dass Tuchel die Situation genutzt habe, um sich mit den Spielern, zu denen er bis dahin ein eher unherzliches Verhältnis pflegte, gegen die Vereinsführung zu verbrüdern. Mit seinem Statement, so empfindet es Watzke, habe der Trainer ihn neben die Gruppe gestellt. "Auf einmal war ich der seelenlose Technokrat. Ich!" Dabei habe er doch immer so großen Wert darauf gelegt, eine Art Vaterfigur für seine Spieler zu sein.

Auch andere Führungskräfte des Vereins fühlten sich von Tuchels Sprüchen verletzt. Schon vorher hatte es mehrere Vorfälle zwischen dem Trainer und der Vereinsführung gegeben, die Watzke für einen möglichen Kündigungsgrund hielt. Er möchte nicht, dass diese Dinge öffentlich werden, auch wenn sie manchem Fan Tuchels Entlassung vielleicht verständlicher machen würden. Es sei um Ehrlichkeit und den menschlichen Umgang miteinander gegangen. Trotzdem sei er entschlossen gewesen, den Vertrag mit Tuchel zu verlängern, sagt Watzke, das habe er zwei Tage vor dem Anschlag auch im Fernsehen bekundet. Tuchels Pressekonferenz aber war für ihn eine Zäsur.

Als sein Wagen auf den VIP-Parkplatz des Mönchengladbacher Stadions rollt, erzählt Watzke fröhlich, dass ihm die Sekretärin des Gladbacher Präsidenten etwas Gutes tun wollte, er habe einen noch besseren Parkplatz als sonst bekommen. Platz 70 statt 119, näher am Eingang. So was gefällt ihm. Er kurvt lange über den Parkplatz. "Wo ist denn die verdammte 70?" Als er sie gefunden hat, stellt Watzke fest, dass sie weit schlechter liegt als der alte Parkplatz. Er nimmt dann doch die 119.

Watzke öffnet den Kofferraum, um seine BVB-Jacke zu holen. Am rechten Rand steht eine Kiste mit Tabletten zum Magenaufräumen, Zigarettenschachteln und Grippostad. Was echte Kerle eben brauchen.

Das Spiel gewinnt Dortmund mit 3:2, der Siegtreffer fällt kurz vor Schluss, was zu ausgelassenen Tänzen Tuchels mit seinen Spielern führt. Watzke weiß, dass es mit jedem Sieg komplizierter wird, den Trainer am Saisonende zu entlassen.

Auf der Rückfahrt kommt er auf seine Anfänge als Geschäftsführer zu sprechen, den Gründungsmythos der Aki-Watzke-Saga. "Ich war damals ein Niemand", sagt er. "Ein Nichts. Mich kannte keine Sau." In seinem ersten Spiel habe man bei den Bayern nach 28 Minuten 0:3 hinten gelegen, am Ende stand es 0:5. Uli Hoeneß habe damals nicht mal seinen Namen gewusst. Neben Watzke auf der Tribüne saß, wie immer zu dieser Zeit, der Vorsitzende des Gläubigerausschusses.

Watzke stand einem Verein vor, der mehr Schulden hatte, als er Umsatz machte. Er hatte viele, teils windige Gläubiger am Hals, mit denen er Vereinbarungen treffen und die er bei Laune halten musste. Wäre einer abgesprungen, hätte er Insolvenz anmelden müssen. Das Szenario stand fest: Der BVB hätte den Rest der Saison 2004/2005 mit Geldern aus dem Nothilfe-Fonds der Deutschen Fußball Liga zu Ende gespielt und wäre dann, sagt Watzke, in die Kreisliga C abgestiegen.

"Es war, als wärst du zweimal auf der Wasserrutsche unterwegs gewesen und solltest nun den Mount Everest besteigen", sagt Watzke. Heute ist der Verein schuldenfrei, bald wird Watzke den nächsten Rekordumsatz verkünden. "Wir sind Platz sieben in Europa, und hinter uns fast nur Aasgeier mit viel mehr Kohle", sagt er. "Dass die Leute vor mir 'ne gewisse Hochachtung haben, ist mir nicht mal peinlich."

Momente fröhlicher Begeisterung über sich selbst können bei ihm binnen Sekunden in Demut umschlagen. Umgekehrt funktioniert das auch. "Ich habe mein ganzes Leben nur Glück gehabt. Tolle Familie, tolles Elternhaus. Ehe, Kinder, alles schön."

Sein Vater Hans war gelernter Maurer, die Familie wohnte in einer 34 Quadratmeter großen Mansardenwohnung in Erlinghausen, einem Dorf im Hochsauerland, aus dem seine Mutter stammt und in dem er noch heute mit seiner Frau wohnt. Watzke ist in seinem Leben ein paarmal umgezogen. Die Wohnungen wurden größer, aber sie liegen alle im Umkreis von wenigen Hundert Metern. Er bleibt dem Vertrauten treu. Mit seiner Frau Annette ist er seit über 30 Jahren verheiratet. Sein Sohn André, der in Dortmund BWL studiert, begleitet seinen Vater zu fast jedem Spiel, ein ruhiger, höflicher Mann, den der Vater seinen wichtigsten Berater nennt.

"Es gab nie einen Bruch im Leben", sagt Watzke. "Alles ist rundgelaufen."

Gegen halb elf abends biegt sein Wagen auf den Parkplatz eines Dortmunder Möbelhauses ein. Wie nach fast jedem Spiel wird gleich sein "inner circle" tagen, zu dem ein paar Freunde und Mitarbeiter gehören. Watzke betritt das dunkle Foyer des Möbelhauses und läuft links auf den Eingang eines Restaurants zu. Ein Restaurant im Möbelhaus? "Ja klar", sagt Watzke. "Weil da habe ich hinten ja den Raum, da können wir rauchen." Das klingt logisch.

Man darf nicht schreiben, was an diesem Abend besprochen wird, meist geht es um die großen Fragen des Vereins. Watzke sagt, er brauche diese Runde nach den Spielen, weil er da "Druck abbauen" könne und weil die Teilnehmer des Kreises keine Skrupel hätten, ihm offen die Meinung zu sagen. Was als Chef ja nicht unwichtig sei und was an diesem Abend tatsächlich der Fall ist.

Auch diese Runde lebt, wie vieles bei Watzke, von festen Ritualen. Die Zahl der Zigaretten. Der Wein. Das Essen. Watzke bestellt fast immer die Dorade mit Gemüse, sein Sohn die Dorade mit sehr viel Gemüse. André achtet auch darauf, dass sein Vater nicht allzu spät aufbricht und nicht zu viel raucht. Das macht er gewissenhaft, aber nicht immer erfolgreich.

BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang beim Pokalfinale Ende Mai in Berlin: Endlich keine Experimente
AFP

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Watzke liebt feste Gewohnheiten, Traditionen und klare Strukturen. Vielleicht erklärt dies seine aktuelle Krise am besten. Er ist ein Konservativer, der zuletzt in immer neue Konflikte mit der Moderne geriet. Erst mit dem Ultrakommerz des RB Leipzig. Dann mit dem Terror, dem Grundübel der Gegenwart. Schließlich mit einem Mann aus der neuen Trainergeneration, der zwar meist erfolgreichen Fußball spielen ließ, aber auch einen Hang zu Experimenten und zur Widerborstigkeit zeigte. Einem Mann, der Pep Guardiola zum Vorbild hatte, den Inbegriff des modernen Trainers - optisch, habituell, fußballerisch.

Als Konservativer will Watzke der Gegenwart so viel wie möglich vom guten Gestern abtrotzen. Er hält den Modernisierungskurs der Kanzlerin samt Flüchtlingspolitik für einen großen Fehler. Als Gemütsmensch ist er ohnehin näher bei seinem Kumpel Gerhard Schröder als bei der leidenschaftsarmen Merkel. In der Politik wurde Schröders Stil irgendwann von der Zeit überholt. Der Profifußball hat sich bislang dem Zeitgeist widersetzt, auch wenn sich die Dinge nun zu ändern scheinen.

Dass der konservative Watzke als Fußballboss die Aura eines Arbeitervereins mit sozialdemokratischen Wurzeln bewahren will, ist nur vermeintlich ein Widerspruch. Selbst in der kalten Welt des modernen Profifußballs, deren Regeln er perfekt beherrscht, hat ein Rest von Nostalgie und Melancholie in ihm überwintert. Er hadert oft mit der Entwicklung des modernen Fußballs, nicht nur wenn er das Modell RB Leipzig kritisiert. Und wenn sich dessen Vormarsch ein wenig verlangsamen lässt, ist Watzke mit von der Partie.

Vier Tage nach dem Gladbach-Spiel ist er in München, am Abend geht es im Halbfinale des DFB-Pokals gegen die Bayern. Vor der Abschlussbesprechung läuft Thomas Tuchel durchs Foyer des Mannschaftshotels. "Thomas", ruft Watzke. "Aki", ruft Tuchel und läuft weiter. "Da können Sie ja jetzt schreiben: Tuchel kommt nicht mal vorbei", sagt Watzke. Man könne Gift drauf nehmen, dass der Jürgen Klopp zum Tisch gekommen wäre.

Für ihn war Jürgen Klopp, der von 2008 bis 2015 Trainer des BVB war und der den Verein zu zwei Meisterschaften, einem DFB-Pokalsieg und ins Champions-League-Finale führte, der größte Beleg für das Aki-Watzke-Glück. Oft saßen sie abends beisammen, schauten Fußball und tranken ein paar Gläschen. Mit dem Asketen Tuchel konnte er sich bestenfalls auf einen Quinoa-Salat treffen.

Ihm sei schon bewusst, dass es unfair wäre, sein persönliches Verhältnis zu Klopp zum Maßstab für dessen Nachfolger zu machen, betont Watzke. Einen Trainer würde er nie, nie, nie aus persönlicher Befindlichkeit entlassen, das Interesse des Vereins gehe immer vor. Aber gemütlicher war's schon mit Klopp.

"Dass ich patriarchalische Züge habe, wird Ihnen ja nicht verborgen geblieben sein", sagt Watzke. "Aber es fühlen sich halt auch alle wohl bei mir." Wie alle guten Patriarchen, da ist Watzke Uli Hoeneß nicht ganz unähnlich, achtet er darauf, dass es den Menschen um ihn herum gut geht. Der Preis für diese Fürsorglichkeit ist Loyalität. "Sie hat für mich eine dramatische Wichtigkeit."

Auf der Fahrt zur Münchner Arena bekommt er die Aufstellung aufs Handy geschickt. Er nickt zufrieden. Endlich keine Experimente. Ein solides 4-4-2-System, die Missionarsstellung unter den Mannschaftsaufstellungen.

In der Arena eilt er die Rolltreppen nach oben, lässt die hypergeschminkten Hostessen rechts und links liegen, steuert schnurstracks auf die Raucherlounge zu und lässt sich in einem Ledersessel nieder. "Super hier." Er habe, trotz aller Rivalität, großen Respekt vor den Bayern. Was da auch politisch aufgebaut worden sei, wie der Verein als Marke eines ganzen Bundeslandes funktioniere, sei eine große Leistung. Vor allem von Uli Hoeneß.

Es mag eine Zeit gegeben haben, als Hoeneß eine Art Vorbild für Watzke war. Inzwischen wird er selbst von einigen als der neue Hoeneß bezeichnet. Es gebe da gewiss ein paar Parallelen, sagt Watzke. Aber auch vieles, was sie trenne. Und zwar? Watzke denkt lange nach. "Ich bin nicht so ein Killer", sagt er schließlich.

Das Spiel in München endet 3:2 für Dortmund, der BVB steht im Pokalfinale. Es scheint, als würde Tuchel nicht mehr aufhören zu siegen.

Am Mittwochnachmittag, vier Tage nach dem Pokalsieg in Berlin und einen Tag nach Tuchels Entlassung, sitzt er wieder beim Möbelhaus-Italiener. Er, der stets frisch Rasierte, hat nun einen Zwei-bis-drei-Tage-Bart. In all den Wochen wirkte er nie so verzweifelt und angeschlagen wie jetzt. Sohn André ist bei ihm, die Tochter ruft ihn alle paar Stunden an, aus Sorge um den Vater. Zwischendurch schickt sie ihm Screenshots mit üblen Beschimpfungen aus dem Netz, wo Watzke nach Tuchels Entlassung Spott, Häme und Hass entgegenschlägt, auch von BVB-Fans. Er hat selbst in ein paar Fanforen reingelesen.

Am häufigsten wird Watzke mit dem Vorwurf der Eitelkeit konfrontiert. Welcher Mensch in herausgehobener Position sei denn, bitte schön, nicht eitel, fragt er am Tisch. Und wenn er angeblich so eitel sei und keine starken Typen neben sich dulde, wie er jetzt überall lese, wie sei er denn dann, bitte schön, mit einem Alphatier wie Jürgen Klopp klargekommen? "Der hat mich doch ganz klar überstrahlt."

Natürlich, er habe bewusst daran gearbeitet, sich interessanter und bekannter zu machen, sagt Watzke. Vor einigen Jahren engagierte er dafür Thomas Steg, den früheren Regierungssprecher von Gerhard Schröder. Der sollte ihn mit interessanten Leuten zusammenbringen und in Imagefragen beraten.

Als Chef einer Aktiengesellschaft, die Borussia Dortmund nun mal sei, müsse man schon aus wirtschaftlichen Gründen einen gewissen Namen haben, erklärt Watzke. Sonst käme manches Geschäft nicht zustande. "Und das wird mir dann als Eitelkeit ausgelegt."

Er schüttelt den Kopf, klagt über die "heutigen Zeiten", in denen Wertschätzung und Dankbarkeit anscheinend keine Kategorien mehr seien. Wie sonst könne es sein, dass manche Fans jetzt zu einem Trainer hielten, der gerade mal zwei Jahre an Bord war, statt zu ihm, der sich seit zwölf Jahren für diesen Verein aufopfere, mit dem er sich über alles identifiziere, und den er vor nicht weniger bewahrt habe als dem Untergang.

Er kommt jetzt wieder auf die Anfänge zu sprechen, darauf, dass die Jugendarbeit des Vereins damals katastrophal gewesen sei. "Wir waren organisiert wie 'ne Pommesbude." Dass die A- und B-Jugend des BVB zuletzt viermal deutscher Meister geworden sei. "Ich bin ja jetzt in der Situation, mich immer selbst loben zu müssen", sagt Watzke. "Fällt mir aber auch nicht schwer."

Da offensichtlich ist, dass in den letzten Wochen etwas schiefgelaufen ist, dass viele beschädigt wurden, nicht zuletzt er selbst, stellt sich abschließend die Frage, was er selbst falsch gemacht hat.

Tja, sagt Watzke, er blickt seinen Sohn an. Darüber hätten sie vor ein paar Tagen lange gesprochen. Aber auch, wenn das jetzt nicht der allgemeinen Meinung entspreche: "Ich sehe keine gravierenden Fehler. Ich bin da in etwas reingeraten und wusste irgendwann nicht mehr, wie ich da rauskomme."

Watzke lehnt sich im Stuhl zurück, er bläst den Rauch in die Luft und schaut ihm lange hinterher. Er ahnt, dass gerade etwas geschieht mit ihm. Dass die Zeit, als sein Leben ohne Bruch auskam, nun vorbei ist.

Chronik einer Entfremdung: Der Anschlag auf den Bus, öffentliche Kritik am Trainer - sehen Sie im Video, wie und warum es beim BVB zur Trennung von Trainer Thomas Tuchel kam.

Bernd Feil / MIS


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