AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Botschafter Heusgen "... dass meine Frau Ina eine Stelle in deinem Büro bekommt"

Wie der deutsche Uno-Botschafter Christoph Heusgen seine Beziehungen spielen ließ, um seiner Frau einen Job bei der Uno in New York zuzuschanzen.

Merkel-Berater Christoph Heusgen
DDP

Merkel-Berater Christoph Heusgen

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Draußen im Land war Christoph Heusgen all die Jahre nur einer von diesen "Noch nie gehört"-Namen. Er gab fast keine Interviews, hielt nur selten eine Rede, saß nicht bei Anne Will herum. Dem diskreten Herrn Heusgen reichte es völlig aus, dass er die größten Geheimnisse der Bundesregierung kannte und die wichtigste Frau des Landes auf ihn hörte: Kanzlerin Angela Merkel. Schon seit 2005 war Heusgen im Kanzleramt ihr Chefberater für Außen- und Sicherheitspolitik, flog bei jeder Auslandsreise mit, einer der engsten vier, fünf Getreuen. Während andere draußen nur redeten, hatte Heusgen im Amt was zu sagen. Der Rest war Diplomatie, Bescheidenheit, die Stille der Macht.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Umso überraschender, dass nun ausgerechnet der so dezente Heusgen eine Grenze des Anstands verletzt hat. Seit ein paar Monaten ist der Rheinländer der neue deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York. Es war ein Traum, den ihm die Kanzlerin zum Ende seines Berufslebens, mit 62, erfüllt hat. Doch Heusgen ging nicht allein, er ging mit seiner Frau. Und damit sie in New York bei der Uno einen gut dotierten Posten ergatterte, wollte Heusgen offenbar mit einer anmaßenden Mail mehr Einfluss nehmen, als sich das mit seinem Amt verträgt. Die Mail liest sich so unverschämt, als wäre die Uno seiner Gattin die Stelle schuldig, weil Deutschland zu den größten Zahlern der Weltorganisation gehört. Und tatsächlich bekam Heusgens Frau ihren Arbeitsplatz in Manhattan.

Die Ausgangslage war dabei die gleiche wie bei vielen Botschaftern, die mit Familie um die Welt reisen. Nur dass Heusgen eben seine Beziehungen spielen lassen konnte. Tatsächlich ist das Leben eines Botschafters schwerer, als es das Klischee vom Cocktailempfang in der Residenz vermuten lässt. Reisen über Staubpisten in Gegenden, die aus Dreck, Ärger und diplomatischen Notfällen bestehen; Kinder, die jeden Tag mit dem Panzerwagen zur Schule gebracht werden müssen, damit sie nicht entführt werden. Und alle paar Jahre das nächste Land, das nicht viel besser ist, bevor man endlich mal in Paris oder London landet. Das größte Risiko aber ist, mit einem anderen Partner in den Job hineinzugehen als wieder heraus. Das Auswärtige Amt weiß schon, warum es nicht über die Scheidungsrate spricht: Die Zahl der Ehen, die kaputtgehen, dürfte stark über dem Beamtendurchschnitt liegen. Heusgen ist auch schon in der zweiten.

Seine Frau Ina, Anfang 40, ist promovierte Spitzenbeamtin, hatte zwei Jahre lang im Bundeskanzleramt gearbeitet, war dann im Auswärtigen Amt zur stellvertretenden Referatsleiterin aufgestiegen. Eine Turbokarriere, auch dank CDU-Ticket, wie man im Auswärtigen Amt flüstert. Die sollte nicht abbrechen, nur weil der Mann nach New York wollte. Allerdings mochte sich Ina Heusgen da wohl nicht allein auf die Kraft ihrer eigenen Bewerbung verlassen. Ihr Mann half nach.

Am 21. Dezember 2016 schickt Christoph Heusgen von seiner Dienstadresse im Kanzleramt eine Mail an Maria Luiza Ribeiro Viotti; vorher hatte er sie auch schon angerufen. Die Brasilianerin war bis 2016 Botschafterin ihres Landes in Berlin, eine gute Bekannte von Heusgen, aber vor allem: seit sechs Tagen die designierte Kabinettschefin von António Guterres, dem neuen Uno-Generalsekretär in New York. Es sei schön zu wissen, schreibt Heusgen, dass auch Viotti in New York sein werde, wenn er im nächsten Sommer als deutscher Botschafter komme; er kenne ja bisher "kaum jemanden bei der UN".

Und natürlich sei es sehr nett von "dear Maria Luiza", dass sie sich bei all dem Trubel um ihre Berufung zur Kabinettschefin auch noch die Zeit nehme, sich um sein Anliegen zu kümmern. "Ich danke für die Bemühungen, dabei zu helfen, dass meine Frau Ina eine Stelle in deinem Büro/im Büro des Generalsekretärs bekommt." Anbei der Lebenslauf seiner Frau. Dabei hätte es Heusgen dann besser belassen. Doch es geht weiter, zu weit. "Wenn man bedenkt, welchen Beitrag Deutschland zur UN leistet, könnte es attraktiv für dich sein, jemanden in deinem Stab zu haben (auf der Gehaltsstufe P5, die, wie ich höre, für Ina passen würde), der beides hat: einen direkten Draht zum Kanzleramt und zum Büro des Außenministers (und zu Deutschlands künftigem Botschafter bei der UN, der die Ambition hat, 2019/2020 im Sicherheitsrat zu sitzen)."Tatsächlich sind die Zaunpfähle, mit denen Christoph Heusgen hier wedelt, unübersehbar: Deutschlands Uno-Beitrag ist mit 161 Millionen Dollar im Jahr zurzeit der viertgrößte, hinter dem der USA, Japans und Chinas. Die engen Verbindungen zum Kanzleramt hat vor allem er selbst; dass auch seine Frau dort mal gearbeitet hat, ist einige Jahre her. Und der künftige deutsche Botschafter, zu dem Ina Heusgen einen so guten Draht hat, ist natürlich wieder ihr Mann, der zudem noch betont, dass er mit Deutschlands Kandidatur für einen Sitz im Sicherheitsrat künftig noch mehr zu sagen haben könnte als ohnehin schon.

Da können andere Bewerber um eine Stelle bei der Uno nur schwer mithalten. Die gewünschte Gehaltsstufe P5 bringt in New York im Jahr mindestens 107.459 Dollar brutto. Plus 56.000 New-York-Zuschlag. Den aber netto. Ein satter Gehaltssprung, selbst wenn die Lebenshaltungskosten am Hudson deutlich höher sind als an der Spree.Immerhin schreibt Christoph Heusgen, er habe ein schlechtes Gewissen, Viotti zu belästigen. Aber wenn die Brasilianerin in New York sei, könne sie vielleicht nach geeigneten Positionen schauen, auf die sich Ina Heusgen bewerben könne. "Außerdem ist unser Auswärtiges Amt bereit, Inas Gehalt zu übernehmen, falls nötig."

Viottis Antwort, zwei Tage später, fällt etwas unverbindlich aus. Der Lebenslauf sei beeindruckend. Schon in den nächsten Tagen würden Stellen ausgeschrieben, Ina Heusgen solle sich doch im Karriereportal der Uno registrieren und bewerben. Mit besten Grüßen. Wie auch immer, am Ende bekam Ina Heusgen ihre Stelle. Seit August sitzt sie nun in New York als Referentin in der Hauptabteilung Friedenssicherungseinsätze der Vereinten Nationen. Sie untersteht damit tatsächlich Generalsekretär Guterres. Beim Auswärtigen Amt läuft sie unter "entsendet", also als beurlaubt. Damit hat sie ein Rückkehrticket, um ihre Karriere später fortzusetzen, etwa als Botschafterin an einer kleineren deutschen Auslandsmission.

Von der Uno kam auf eine Anfrage des SPIEGEL nichts zurück. Auch das Kanzleramt wollte sich nicht äußern. Dafür Christoph Heusgens Sprecher: Dass der Botschafter die Mail von seiner Dienstadresse verschickt habe, sei nicht zu beanstanden. Als Abteilungsleiter im Kanzleramt habe es zu Heusgens Aufgaben gehört, sich "für deutsche Kandidatinnen und Kandidaten in Internationalen Organisationen einzusetzen". Dazu habe auch Frau Dr. Heusgen gehört. Auch das Auswärtige Amt antwortete. Kein Wort allerdings zur Mail des Botschafters, dem offensichtlichen Versuch, Einfluss zu nehmen. Ina Heusgen, so das Amt, sei "hoch qualifiziert" und verfüge über das "optimale, für diese Stelle notwendige Profil". Dass sie auf dem New-York-Posten gelandet sei, liege daher "im außenpolitischen Interesse der Bundesregierung". Gespräche soll es darüber mit der Uno auch schon im Oktober 2016 gegeben haben - vor der Mail ihres Mannes. Fragt sich nur, warum Christoph Heusgen sie dann hätte schreiben sollen, wenn alles sowieso schon klar gewesen wäre, im Interesse der Nation.

Bezahlt wird Ina Heusgen nun offiziell von der Uno, aber finanziert vom Bund. Das sei in manchen Fällen so üblich, behauptet das Auswärtige Amt. Zum P5-Gehalt hat es nun allerdings nicht mehr gereicht, nur zu P4. Dafür weisen die Tabellen in der untersten Stufe 88.351 Dollar brutto aus, plus 46.697 netto New-York-Zuschlag. Auch davon können die daheimgebliebenen Kollegen in Berlin nur träumen.



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