AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Ein Alltagsforscher erklärt Warum wir unseren Geburtstag feiern

Jahrhundertelang spielte der Geburtstag keine besondere Rolle, dann wurde er zum Spektakel und Pflichttermin. Ein Philosoph erklärt, warum wir uns einmal im Jahr selbst feiern.

Kleinkind mit Festtagstorte in den Sechzigerjahren: "Himmlische Ordnung"
H. A / ClassicStock / akg-images

Kleinkind mit Festtagstorte in den Sechzigerjahren: "Himmlische Ordnung"

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Es ist ein Datum, dem niemand entkommt - irgendjemand gratuliert immer. Und selbst wenn alle es vergessen, bleibt es ein Fest von durchschlagender Wucht.

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Heft 13/2018
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"Zum Geburtstag", so sagt es der Philosoph und Medienwissenschaftler Stefan Heidenreich, "feiern wir die Idee vom modernen Menschen. Anders als die übrigen Feste im Kalender hebt dieser Tag das Individuum aus der Masse seiner Mitmenschen heraus. Dass man die bloße Existenz jeder x-beliebigen Person jemals so wichtig nehmen könnte, war lange unvorstellbar."

Wie eine doppelte Entwicklungsgeschichte liest sich, was Heidenreich in einem neuen Buch über die Tradition des Geburtstagfeierns in Mitteleuropa erzählt. Der Mensch löst sich von göttlichen und weltlichen Herrschern, entdeckt sein individuelles Schicksal und damit den Wert der eigenen Geburt - und zugleich erfassen Staatsapparate immer umfassender die Lebensdaten und bekräftigen damit ein neues Bewusstsein.

"Bereits im Römischen Reich nutzte die Verwaltung Geburtenregister, um Steuern einzuziehen oder junge Männer für Kriege zu rekrutieren", sagt Heidenreich. "Auch Geburtstagsfeste gehörten zum Alltag. Aber man feierte damals längst noch nicht sich selbst, sondern stellvertretend einen persönlichen Schutzgott und damit die himmlische Ordnung."

Erst die Anleihe bei den Göttern wertete das Individuum auf; die Kirche folgte mit ihren Heiligen und Namenstagen später einem ähnlichen Prinzip. Und ebenso wie der katholische Brauch nach der Reformation an Bedeutung verlor, verschwanden mit dem Ende des Römischen Reichs auch erst einmal Geburtstagsfeiern von den Kalendern. Nach wie vor notierten zwar vor allem Adlige die Lebensdaten in ihrer Familie, um die Erbfolge abzusichern. Die großen Feste aber kehrten erst mit der Renaissance zurück.

Überall wurde in dieser Zeit des Umbruchs vom Mittelalter zur Neuzeit der Mensch als eigenständiges Individuum sichtbar. Maler bildeten Porträtierte mit charakteristischen Gesichtszügen ab, der Buchdruck ermöglichte es, obrigkeitskritische Schriften zu verbreiten, und die katholische Kirche leistete sich, wie Heidenreich sagt, einen folgenschweren Unfall. "Mit ihrem Ablasshandel macht sie aus passiven gläubigen Seelen eigenverantwortlich handelnde Vertragssubjekte, die in der Lage sind, sich von ihren Sünden freizukaufen. Auch das stärkt die Idee vom Individuum."

Und so begann der Mensch inmitten der Religionskriege des 15. und 16. Jahrhunderts damit, sich selbst zu feiern. Schriften aus dem 17. Jahrhundert berichten erstmals von den bis heute üblichen Ritualen: Gäste bringen Geschenke und erhalten, wie im Gegenzug, Speisen und Getränke. Es sind Gesten, die zeigen, wie persönliche und emotionale Bindungen immer bedeutender wurden.

Bis der Geburtstag sich jedoch in allen Schichten ausbreitete, verstrichen weitere 400 Jahre. Erst einmal feierten nur Adel und Bürgertum, Heidenreich spricht von "Überbietungswettbewerben wie heute wieder bei manchen Kinderpartys". Mit der Französischen Revolution ebbte der absolutistisch eingefärbte Prunk jedoch zunächst ab, und protestantisch-bildungsbürgerliche Ideen beschlagnahmten den Tag. Häufig mit dabei: das gut gemeinte Gedicht.

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Stefan Heidenreich:
Geburtstag

Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern

Hanser Verlag; 224 Seiten; 19 Euro

"Lieber Vater, du bist kein Kater, sondern ein Mann, der nichts Fettes vertragen kann", reimte der spätere Schriftsteller Theodor Fontane im Schulalter. Zahlreiche Ratgeber beschrieben, wie dem Datum die rechte Form zu geben sei. "Seine Freunde und Bekannten setze man nicht durch übertrieben kostbare Geburtstagsgeschenke in Verlegenheit", hieß es im "Guten Ton". Solche Festtage seien ein teures, absurdes Tamtam der Bessergestellten, urteilten zahlreiche Arbeiter und Kleinbürger, in deren Milieu Geburtstage noch bis ins späte 19. Jahrhundert eher untergingen.

Dass sie dem Fest am Ende doch nicht entkamen, war der neuen Pädagogik geschuldet. Mit der Aufklärung hatten Erzieher und Philosophen Kinder als empfindsame Wesen entdeckt, deren Hineinwachsen in die Welt behutsam begleitet werden müsse. Geburtstage entwickelten sich zum wichtigen symbolischen Datum kindlicher Entwicklung, sie zu feiern gehörte schließlich zum Programm von Kindergärten und anderen Bildungsinstitutionen. "Dem Druck, der daraus erwuchs, haben auch skeptische Eltern nicht standgehalten", meint Heidenreich. "Am Ende übernahmen die Erwachsenen die kindlichen Rituale für das eigene Leben."

Denkbar allerdings ist auch eine andere Lesart. Kein anderes Datum markiert so eindringlich, dass ein Menschenleben verstreicht - und so lässt sich das Spektakel um den Geburtstag auch als Abwehrkampf begreifen. Wer jedes Jahr an die eigene Endlichkeit erinnert wird, muss sein Wissen vielleicht mit lautem Jubel verdrängen.



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