AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Digitalisierung Wie wir endlich schnelles Internet für alle bekommen

Behörden, Medizin, Arbeitsplätze: Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche. Nur Deutschland ist wie abgehängt. Doch noch ist es nicht zu spät. Was jetzt passieren muss.

Glasfaserkabel
DPA

Glasfaserkabel

Von , Armin Mahler, und


Autos werden smart, Häuser und ganze Städte, doch wie smart ist der Staat? Kaum etwas im Alltag ist noch so analog wie der Umgang mit Behörden. Zum Bürgeramt fahren, Nummer ziehen, warten, Formulare ausfüllen - so sieht er aus, der Alltag in den Kommunen, seit Jahrzehnten kaum verändert. Während wir selbstverständlich online einkaufen, Geld überweisen und den nächsten Urlaub buchen, wiehert allerorts der analoge Amtsschimmel.

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Heft 55/2017
Nach der Wahl: Die AfD überrollt die Volksparteien

Zwar hat der Bundestag 2013 schon ein "E-Government-Gesetz" beschlossen, geändert hat sich seither indes wenig.

Wie es um die digitale Verwaltung hierzulande bestellt ist, hat Michael Boberach gerade wieder selbst erfahren: Der 41-Jährige ist Vater geworden, musste eine Geburtsurkunde beantragen, einen Kinderausweis und Kindergeld. Das freudige Ereignis bedeutete Wartezeiten in mehreren Ämtern, stets musste er dieselben Daten aufs Neue eintragen und unterschreiben.

In Zukunft könnte das Krankenhaus die Geburt bestätigen und damit alles Weitere auslösen: Die notwendige Urkunde würde erstellt, ein erster Ausweis und das Kindergeld würden beantragt, die jungen Eltern an die notwendigen Erstuntersuchungen und die Möglichkeiten des Elterngelds erinnert.

Für den Alltag in Städten und Gemeinden könnte die Lösung ein Bürgerportal sein, in dem man sich digital anmelden, ummelden, Ausweise beantragen, Mülltonnen bestellen und vielleicht sogar schnell und unbürokratisch Firmen gründen kann - so, wie das in Estland schon seit Jahren möglich ist: online, in teils unter einer Stunde.

Boberach kennt sich da aus. Er arbeitet bei der Marktforschungsfirma Kantar TNS und betreut dort den jährlichen E-Government-Monitor, der von der Initiative D21 in Auftrag gegeben wird. Deutschland ist seit Jahren Schlusslicht, rangiert deutlich hinter den beiden Vergleichsländern, den Nachbarn Schweiz und Österreich.

Noch weiter ist Estland, das oft als Modellstaat für eine Verwaltung 2.0 gepriesen wird. Angela Merkel bemerkte bei einer Demonstration der digitalen Bürgerservices in Tallinn spitz, da könne man schon neidisch werden. Auch der Normenkontrollrat und die EU stellten deutschen Behörden wiederholt miserable Zeugnisse aus - europaweit lagen sie nach Zahlen der EU-Kommission zuletzt weit abgehängt auf Platz 20.

Das soll, das muss sich in den nächsten Jahren ändern. Im Sommer verkündete Angela Merkel in Berlin vor den Vertretern von Gemeinden und Kommunen den Aufbruch in eine "moderne Verwaltungskultur", sie klang fast mahnend: Es gehe nun darum, nicht mehr nur zu sagen, was nicht geht, "sondern wirklich zu schauen, wie es woanders auf der Welt auch geht". Und es dann auch umzusetzen.

Wie weit der Weg ist, wird auch der neue E-Government-Monitor wieder zeigen, wenn er Ende Oktober vorgestellt wird. Danach ist die Zufriedenheit der Deutschen mit den Onlineangeboten von Behörden zuletzt sogar gesunken - von 62 auf nur noch 54 Prozent.

Es gibt viel zu tun für die neue Regierung, wenn sie das Land tatsächlich fit machen will für die Zukunft. Die Verwaltung ist dabei nur ein Beispiel, denn die digitale Revolution erfasst nahezu alle Bereiche des Lebens, sie verändert Bildungs- und Gesundheitswesen, die Art zu wirtschaften und zu arbeiten.

Schon in wenigen Jahren wird die Welt eine andere sein, es wird Gewinner und Verlierer geben. Wo Deutschland dann stehen wird, entscheidet sich heute.

Veraltete Infrastruktur

Noch ist Deutschland ein "digitales Entwicklungsland", wie die Bertelsmann-Stiftung vor Kurzem feststellte, und die Defizite lassen sich vor allem in der Infrastruktur besichtigen, quer durch die Republik, in vielen Industriearealen von Lindlar in NRW über Lichtenfels in Hessen bis nach Wilthen in der Oberlausitz. In Thüringen kriechen die Bytes besonders langsam: Gerade einmal 23 Prozent der Gewerbegebiete dort bieten superschnelle Verbindungen - obwohl die für viele Firmen heute teils schon wichtiger sind als ein Autobahnanschluss.

Im Wahlkampf wurde viel über das langsame Internet gesprochen, alle Parteien versprachen Abhilfe. Und das ist auch gut so: Ohne eine entsprechende Infrastruktur kann Deutschland den digitalen Umbruch nicht meistern.

Neben einer schwachen Politik trägt vor allem der Ex-Monopolist Telekom Schuld an Deutschlands Anschluss-Misere, denn er verlegt Glasfaser seit Jahren nur bis in die grauen Verteilerkästen und setzt für "die letzte Meile" in die Haushalte auf eine neue Technologie für seine alten Kupferdrähte ("Vectoring"). Das ist gut fürs Konzernergebnis, von dem auch Berlin profitiert, aber schlecht für den Standort.

Ein großer Teil der bisher vom Verkehrsministerium bereits ausgegebenen Milliardenförderungen flössen in diese "Übergangstechnologie", monieren Kritiker wie Stephan Albers vom Bundesverband Breitbandkommunikation, der von der neuen Bundesregierung deshalb einen radikalen Kurswechsel fordert: "Sie muss endlich Digitalcourage zeigen und auf ein langfristiges 'Glasfaser only'-Infrastrukturziel setzen: Bis 2025 müssen wir alle Gebäude in Deutschland an zukunftssichere, reine Glasfaser anschließen." Die Kosten für superschnelle Glasfaseranschlüsse in allen Haushalten werden auf rund 80 Milliarden Euro taxiert.

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Vodafone, als Hauptwettbewerber der Telekom, hat in der vorvergangenen Woche angekündigt, bis 2021 ein Drittel der deutschen Haushalte, 100.000 Unternehmen und 2000 Gewerbeparks mit gigabit-fähigen Verbindungen auszustatten. Auch die Telekom hat ein spezielles Programm für Gewerbezonen angekündigt.

Der Deutschland-Chef von Vodafone, Hannes Ametsreiter, fordert von der neuen Bundesregierung vor allem Chancengleichheit: "Bei der Glasfaser dürfen nicht wieder Monopolstellungen entstehen, wir brauchen auch weiterhin echten Wettbewerb." Fördermittel sollten künftig "ausschließlich für Zukunftstechnologien" eingesetzt werden - also nicht mehr für das Telekom-Vectoring.

So oder so handelt es sich dabei um das wichtigste Infrastrukturprojekt der kommenden Bundesregierung - und es geht um mehr als Glasfaserkabel. Überfällig ist ein kohärentes und vorausschauendes Konzept für die digitale Gesellschaft und Wirtschaft: Es muss die Netze für die nächste Mobilfunkgeneration 5G ebenso umfassen wie die Funkmasten für das autonome Fahren entlang der Autobahnen und ausreichend Kapazitäten für das Internet der Dinge.

Regeln für die Wirtschaft

Immerhin, bei der Infrastruktur passiert etwas. "Aber das reicht nicht aus", sagt Chris Boos, Gründer der Softwarefirma Arago, deren Produkte auf künstlicher Intelligenz basieren. Vor Kurzem erst hat er neue Dependancen im Silicon Valley und im indischen Bangalore eröffnet.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft habe sich total gedreht, die Skeptiker zum Thema Digitalisierung und künstliche Intelligenz seien verstummt - "der Riese erwacht". Nun wünscht sich der Unternehmer von der Regierung einen Rahmen für die künftige Entwicklung: Regeln, wie man mit Branchen umgeht, die nicht mehr gebraucht werden, und Gesetze, die nicht aus Angst vor den Risiken die Zukunft verbauen.

Die Sorge, dass die Politik gerade die Zukunft verschläft, treibt auch Johannes Reck um. Der 32-Jährige hat 2008 das Reise-Start-up GetYourGuide gegründet. Heute macht er mit rund 400 Mitarbeitern von seinem Hauptsitz Berlin aus einen dreistelligen Millionenumsatz im Jahr damit, Urlaubern Ausflüge und Events an ihren Reisezielen zu vermitteln.

Die Politik habe es sich zuletzt angesichts der aktuell guten Daten gemütlich gemacht, sagt der junge Unternehmer, er finde das, was er beobachte - und was eben nicht - "brandgefährlich".

Das beginnt für ihn mit einem Blick in den Dax: "Ich sehe da außer SAP nur alte, reife Konzerne, die im Zenit stehen oder ihn schon überschritten haben." In den USA dominierten junge, stark wachsende Techgrößen wie Amazon, Apple, Google und Facebook, China habe Tencent, Alibaba und andere.

Das liege nicht nur an der Politik, klar. Unternehmergeist, den Mut, groß zu denken und Risiken einzugehen, kann eine Regierung nicht verordnen. "Sie muss jetzt aber sehr schnell innovationsfreundliche Rahmenbedingungen schaffen", so Reck. "Sonst sehe ich die riesige Gefahr, dass wir in zehn Jahren aufwachen und abgehängt sind." Konkret fordert er ein einfacheres Wirtschaftsrecht: Es müsse leichter werden, Firmen zu gründen, Kapitalerhöhungen durchzuführen und Mitarbeiterbeteiligungen anzubieten. "Sonst verlieren wir den Kampf um die Talente, die wir brauchen."

Tatsächlich bewegt sich schon einiges, es gibt Existenzgründer-Foren und Förderfonds für junge Start-ups. Allerdings reichen die Mittel meistens nur für die Frühphase. Der Zugang zum großen Kapital ist und bleibt eines der großen Probleme. Reck gehört zu denen, die ihn bekamen: Unter der Führung der US-Beteiligungsgesellschaft KKR investierten vor zwei Jahren Kapitalgeber 50 Millionen Dollar, derselbe Investor stieg auch bei Boos' Arago ein. Zuletzt konnte sich das Münchner Start-up Lilium, das senkrecht startende, fliegende Autos entwickelt, gar 90 Millionen Dollar sichern - aber das sind die Ausnahmen.

Und diese Summen kommen in aller Regel von Risikokapitalgebern aus den USA, was etwa Klaus Hommels kritisiert, der selbst mit Lakestar einen der größten europäischen Wagnisfonds steuert. Die wesentlichen Geschäftsentscheidungen besonders erfolgreicher deutscher Start-ups würden damit schon heute im Silicon Valley getroffen, monierte er zuletzt wieder auf der Noah-Konferenz in Berlin. In der digitalen Wirtschaft, hat der Investor ausgerechnet, ergebe sich für die Exportnation Deutschland gegenüber den USA schon heute eine negative Außenhandelsbilanz - ein Alarmsignal, denn die Dominanz der US-Plattformen wächst weiter.

Viele Digitalunternehmer hierzulande sehen den Umgang mit Quasimonopolisten wie Google, Facebook und Co. als eine der Hauptaufgaben für die neue Bundesregierung. "Wir schauen seit Jahren dabei zu, wie Monopole aus anderen Ländern sich bei uns breitmachen und dabei unsere Gesetze brechen", sagt GetYourGuide-Gründer Reck, "wenn nicht bald etwas geschieht, wird das unsere Industrie hinwegraffen."

Tatsächlich gehört es zu den Erfolgsgeheimnissen der Plattformunternehmen, international Milliarden umzusetzen, ohne sich beispielsweise an die jeweiligen nationalen Datenschutzvorgaben gebunden zu sehen oder die sonst fälligen hohen Steuern zu zahlen - dabei haben ihre Aktivitäten massive Auswirkungen auf die lokalen Anbieter, die diesen Regeln unterworfen sind. Airbnb macht nicht nur Hotels Konkurrenz, sondern verschärft die Wohnungsknappheit in den Innenstädten, Uber bedroht das Taxigewerbe, die Facebook-Tochter WhatsApp mit einer Milliarde Nutzern täglich ist zu einem der schärfsten Wettbewerber für Deutsche Telekom & Co. aufgestiegen.

Die Lobbyisten der heimischen Digital- und Techkonzerne fordern daher seit Jahren zu Recht "gleiche Regeln für alle" oder ein "level playing field", wie sie es nennen.

Angst um Jobs

Die Digitalisierung durchdringt alle Sphären der Arbeitswelt. Erst hat sie das Geschäft von Buchhandlungen, Reisebüros, Banken und Medien revolutioniert; dann folgten Einzelhandel, Maschinenbau und die Autoindustrie; jetzt ist das Handwerk an der Reihe. Selbst in der Glasbläserei halten nun die Roboter Einzug.

"UR 5" und "UR 10" heißen die mattglänzenden Hightechmaschinen, die neuerdings bei der Firma Hofmann Glastechnik im Einsatz sind, einem Familienbetrieb mit 23 Mitarbeitern im Westerwald, der technische Gläser für Labore, Medizin und Industrie produziert.

Die dreigelenkigen Roboterarme greifen sich hochempfindliche Glasküvetten und führen sie einer Maschine zu; darin werden die Röhren verformt: präzise, konstant, fehlerlos. In diesem Produktionsschritt sei die Effizienz um die Hälfte gestiegen, sagt Geschäftsführer Robert Hofmann: "Die monotonen Aufgaben übernehmen jetzt die Roboter."

Automatisiert werden allerdings nicht nur einfache Tätigkeiten in Handwerk und Industrie, nun erfasst die Digitalisierung auch relativ anspruchsvolle Büro- und Servicejobs. Algorithmen und Computer übernehmen Aufgaben, die bislang Menschen vorbehalten waren: Callcentermitarbeiter konkurrieren mit Sprachcomputern, U-Bahn-Fahrer mit autonomen Transportsystemen, Zahntechniker mit 3-D-Druckern. Die Furcht geht um, dass Roboter immer mehr Jobs übernehmen.

In seiner Firma bestehe diese Gefahr nicht, versichert Hofmann, der aus einer alten Glasbläserfamilie stammt. Vielmehr kämpfe er heute damit, in seiner Region überhaupt Arbeitskräfte zu finden, sagt der Unternehmer, schon gar welche, die solch eintönige Tätigkeiten übernehmen wollten. Für das produzierende Gewerbe, ist Hofmann überzeugt, seien Roboter ein Segen.

DER SPIEGEL

Ob die Maschinen also tatsächlich die Jobkiller sind, als die sie verschrien sind, ist umstritten. Immerhin gehört Deutschland zu den Industrienationen mit der größten Roboterdichte weltweit - und dennoch sind heute so viele Bundesbürger erwerbstätig wie nie zuvor.

Fest steht aber auch, dass die Digitalisierung die Anforderungen an die Mitarbeiter grundlegend verändert: Sie müssen mobiler, flexibler, unabhängiger arbeiten. Die Frage ist nur, ob sie sich auf diesen Wandel einlassen, ob sie neue Fähigkeiten erwerben und so ihre Beschäftigung sichern. Der Politik kommt die Aufgabe zu, Hilfestellung zu leisten.

Im vergangenen November legte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das "Weißbuch Arbeiten 4.0" vor, ein 234-Seiten-Konvolut darüber, wie die Arbeitsgesellschaft in Zukunft zu gestalten sei. Vorgeschlagen wurde unter anderem, Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen, die Bundesagentur für Arbeit stärker auf den Qualifizierungsservice zu fokussieren und die Arbeitslosen- zu einer Arbeitsversicherung weiterzuentwickeln, die ebenfalls bei der Weiterqualifizierung mithelfen soll. Dem Verband Bitkom, der Vertretung von rund 2400 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, widerstrebt schon der Ansatz.

Das Weißbuch setze zu sehr auf korporatistische Institutionen wie die Bundesagentur und die Tarifpartner und orientiere sich zu wenig an den Bedürfnissen von Betrieben und Beschäftigten, moniert Bitkom. Auch stelle das Papier neue Arbeitsmodelle allzu negativ dar. So könne die Flexibilität in der Selbstständigkeit auch Vorteile bieten, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Befragungen legen jedenfalls nahe, dass viele sogenannte Crowdworker ihre Freiheit durchaus schätzen. Sie erledigen Projekte, wann und wo immer sie wollen.

Digitaler Analphabetismus

Durch die Digitalisierung verändert sich die Arbeitswelt schneller denn je, lebenslanges Lernen ist nötig, um sich beschäftigungsfähig zu halten. Arbeitnehmern muss es möglich sein, sich kontinuierlich mit Wissen zu versorgen. Das Weißbuch bringt auch dafür die Bundesagentur ins Spiel - zum Missfallen von Bitkom.

Der Verband plädiert dafür, dass Arbeitnehmer und Unternehmen selbst Verantwortung für die Weiterbildung übernehmen. Und dass Schulen und Hochschulen dazu passende Qualifizierungsmodule anbieten sollten - nur gibt es die fast nirgends. Dazu müssten sich die deutschen Bildungseinrichtungen einem umfassenden Update unterziehen.

Was die digitale Kompetenz dort angehe, bestehe "erheblicher Nachholbedarf", konstatiert der Aktionsrat Bildung, ein mit zehn Wissenschaftlern besetztes Expertengremium, in seinem diesjährigen Gutachten. Das Problem betreffe alle Ebenen, von der Frühpädagogik bis zur Hochschule, die Frage sei, "wie ein digitaler Analphabetismus vermeidbar ist".

Eine Vergleichsstudie von 21 Bildungssystemen weltweit ergab, dass nirgendwo Lehrer so selten Computer im Unterricht einsetzen wie in Deutschland. Die Bildungspolitik dürfe nach Ansicht des Aktionsrats nun aber nicht einfach analoge Lehrmittel durch digitale ersetzen, sondern müsse neue pädagogisch-didaktische Ansätze entwickeln, sonst führe der IT-Ausbau "schlimmstenfalls bloß zu mehr Elektroschrott".

Diesen zweigleisigen Ansatz hatte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) vorgeschlagen, als sie vor knapp einem Jahr ankündigte, innerhalb von fünf Jahren fünf Milliarden Euro in die digitale Infrastruktur von Schulen zu investieren. Im gleichen Zug sollten die Länder didaktische Konzepte entwickeln. Bis heute aber hat der Finanzminister kein Geld dafür eingeplant. Die groß angelegte Bildungsoffensive namens "DigitalPakt#D" kommt nicht in Gang.

In anderen Staaten Europas steht das Vermitteln digitaler Kompetenzen höher im Kurs. In Großbritannien oder Estland werden schon Erstklässler ans Programmieren herangeführt. Auch viele ausländische Universitäten, insbesondere Managementschulen, spielen da in einer anderen Liga. Datenanalyse oder Programmieren gehöre hierzulande noch immer nicht zum Standard in den Curricula, kritisiert Uve Samuels, Geschäftsführer der Hamburg School of Business Administration (HSBA), einer von Unternehmen gegründeten Wirtschaftshochschule.

Die HSBA bildet in berufsbegleitenden Programmen Nachwuchskräfte aus und Führungskräfte weiter. Seit gut einem Jahr wird dazu auch das "Di-Lab" genutzt, ein digitales Labor. Dort entwickeln Firmen unter Moderation von Professoren Konzepte für die digitale Wirtschaft, bislang sind hier rund 20 Projekte entstanden.

So hat kürzlich erst eine Hamburger Reederei im "Di-Lab" ihr Geschäftsmodell überarbeitet. Statt Güter nur von Kaikante zu Kaikante zu transportieren, will das Unternehmen künftig die gesamte Kette vom Lager bis zum Kunden abbilden, mithilfe von Rechnern und Sensoren. In drei Tagen habe man die Idee formuliert, berichtet Samuels, nun werde sie umgesetzt.

Der wahre Schatz liege heute in den Daten, die Maschinen generierten, und in deren Interpretation, sagt Samuels. Dieses Verständnis setze sich erst allmählich bei Unternehmen durch, viele trauten nur dem, was sie sehen und anfassen können: "Sie denken noch sehr in Hardware."

Gläserne Verbraucher

Daten machen auch den Kunden gläsern, andererseits verfügt der Konsument über so viele Informationen wie nie zuvor.

"Das Netz sorgt auf der einen Seite für wirkliche Verbrauchertransparenz, genauso aber ermöglicht es findigen Unternehmen, den Kunden noch professioneller auszutricksen, als es bisher möglich war", sagt Klaus Müller, Deutschlands oberster Verbraucherschützer und Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands. Zwar kann heute per Mausklick nach Stromtarifen, Internetverträgen oder Preisen für elektrische Zahnbürsten gesucht werden, die Auflistung bei Vergleichsportalen ist aber oft nur scheintransparent. Keineswegs steht immer der günstigste Anbieter von allen an der Spitze, es kann auch jener sein, der Provisionen an die Vergleichsplattform zahlt.

Viele Onlineunternehmen werten alle verfügbaren Daten aus, um Informationen über potenzielle und tatsächliche Käufer zu gewinnen - und ihre Preise entsprechend zu gestalten. Sind Menschen mit der drittletzten Browserversion, aber einem hochwertigen Handy wenig pedantisch und deshalb eher bereit, höhere Preise zu zahlen? Haben Menschen, die in Hyatt-Hotels buchen, mehr Geld zur Verfügung und bekommen andere Konditionen angezeigt, wenn sie Lebensmittel online kaufen, als solche, die in Pensionen absteigen?

Wer glaubt, sich durch die Benutzung von Fake-Benutzernamen gegen eine derartige Vorauswahl schützen zu können, täuscht sich: Firmen wie Drawbridge haben es sich zur Aufgabe gemacht, verschiedene Geräte einem konkreten Nutzer zuzuordnen, etwa indem sie Daten von Websites und Apps zusammenführen, die Uhrzeit der Nutzung auswerten und den Standort tracken.

Zwar sollte das Bundeskartellamt nach dem Willen der Großen Koalition eine Art Verbraucherschutzbehörde für das Internet werden und sich mit genau solchen, oft komplexen Fragen befassen, doch die Reform blieb halbherzig. Die neue Abteilung darf nur untersuchen, hat aber keine Durchsetzungsbefugnis. Verbraucherschützer Müller geht mehrere Schritte weiter und fordert einen Algorithmen-TÜV. "Nur wenn eine unabhängige Aufsichtsbehörde Einblick in die oft sehr komplexen Algorithmen von Anbietern bekommt, ist es beispielsweise möglich, Verbraucherdiskriminierung oder Datenmissbrauch aufzudecken", sagt er.

Doktor App

Wenn der Chef-Unfallchirurg vormittags für die Visite über die Station Stromeyer des Universitätsklinikums Freiburg läuft, um seine frisch operierten Patienten zu sehen, kann er auf einem Smartphone Patientendaten aufrufen oder MRT-Aufnahmen per Fingerwisch großziehen. Sein Assistenzarzt hat die Daten über den Verlauf der Operation auf seinem Tablet parat.

Der behandelnde Arzt, der seinen Patienten in die Universitätsklinik zur Operation überwiesen hat, bekommt die Operationsbefunde jedoch in aller Regel per Briefpost zugeschickt. Genauso der Patient. Er kann seine MRT-Aufnahmen auf einer CD mitnehmen, wenn er sie zu Hause archivieren will. Denn Deutschlands digitale Infrastruktur hinkt auch in der Medizin hinterher. Immer mehr Insellösungen entstehen, der große Wurf fehlt.

Es gibt Praxen, die noch immer nicht an das Internet angeschlossen sind.

Seit 2006 sollte die elektronische Gesundheitskarte eingeführt sein. Elf Jahre und mehr als 1,7 Milliarden ausgegebene Euro später gibt es sie noch immer nicht.

Das Projekt, entstanden noch vor Einführung des iPhones, ist schon veraltet, bevor es verwirklicht ist. Die Zukunft sieht anders aus: Algorithmen sollen Krebspatienten helfen; ein Facebook-Messenger-Bot bietet einen Zika-Virus-Test an; eine App erleichtert zu diagnostizieren, ob eine Gehirnerschütterung vorliegt oder nicht - dafür misst sie Pupillenbewegungen. Schon bald wird dem Patienten ein Bündel zertifizierter Apps empfohlen, bevor er die Klinik betritt. Diese kommunizieren wiederum mit den Krankenhaussystemen.

Noch aber können sich vielerorts Ärzte glücklich schätzen, wenn sie an einer Onlinefortbildung teilnehmen dürfen. Notfallprotokolle aus dem Rettungswagen werden oft noch per Tablet erfasst, dann aber als Fax ans Krankenhaus übertragen. Dem deutschen Gesundheitssystem fehlt für Investitionen ins Digitale das Geld. Die Bundesländer kommen ihrer Investitionspflicht schon seit Jahren nicht nach.

Deutschland hat da eine Menge aufzuholen, wie in den anderen Gebieten der Digitalisierung auch. Die Parteien haben im vergangenen Wahlkampf das Thema zwar entdeckt, sie haben versprochen, die Chancen die Digitalisierung zu nutzen und die Risiken zu begrenzen.

Nun aber müssen sie den Worten Taten folgen lassen. Bevor Deutschland endgültig abgehängt ist.



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