AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Rätselhafte Informantin Bea und die Salafisten

Schon zum zweiten Mal schlug eine Bremer Journalistin Terroralarm - doch von den angeblichen Maschinenpistolen fand sich wieder keine Spur. Wie kommt die Frau dazu?

Spezialkräfte beim Einsatz im Februar 2015 in Bremen: Déjà-vu bei der Polizei
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Spezialkräfte beim Einsatz im Februar 2015 in Bremen: Déjà-vu bei der Polizei

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Die schwer bewaffneten Polizisten des Sondereinsatzkommandos warteten in der Wohnung der Goldschmiedin. Als die beiden Verdächtigen den winzigen Schmuckladen in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen betraten, stürmten sie die Treppe hinunter und nahmen die Männer fest.

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Heft 46/2017
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Für die 67-jährige Ladenbesitzerin war der Einsatz ein Schock: "Ich bin immer noch ganz fertig." Für die Bremer Polizei war der Einsatz der Höhepunkt des größten Staatsschutzverfahrens der vergangenen Jahre.

Jedenfalls zunächst.

Vorausgegangen war eine aufwendige Ermittlung. Die Beamten hatten etliche Telefone abgehört, ein Auto und einen Imbiss in Bremen-Gröpelingen verwanzt. In der Schlussphase der Ermittlungen, Ende September, überwachten Observationsteams aus Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sechs Verdächtige rund um die Uhr. Auch Spezialkräfte aus Niedersachsen und Beamte des französischen Staatsschutzes machten mit.

Die Polizei war überzeugt, dass die Männer, allesamt Mitglieder der Salafistenszene, Juweliere ausrauben wollten, um mit den Einnahmen Waffen zu kaufen. So schildert es der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade. Der Verdacht: Die Maschinenpistolen könnten für einen Terroranschlag eingesetzt werden. Seit Juni führt die Behörde ein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Doch inzwischen stellt sich die Frage: Gab es überhaupt eine Terrorgefahr?

An jenem 29. September fanden die Bremer Beamten keine Kriegswaffen, nicht bei den Festgenommenen und nicht bei den anschließenden Wohnungsdurchsuchungen. Sie fanden nicht mal eine Pistole. Und keinen einzigen Beleg, dass es überhaupt einen Waffendeal gab. Was sie fanden, waren kriminelle Salafisten aus Bremen und Nizza.

Krafft-Schöning: Uzis für "Kamal"
Christina Kuhaupt

Krafft-Schöning: Uzis für "Kamal"

Für die Polizisten der Hansestadt muss es ein unangenehmes Déjà-vu gewesen sein. Denn zweieinhalb Jahre zuvor, im Februar 2015, hat es schon einmal einen großen Terroreinsatz in Bremen gegeben - der sich im Nachhinein als falscher Alarm erwiesen hat. Die wichtigste Hinweisgeberin der Behörden war in beiden Fällen dieselbe: Beate Krafft-Schöning, 52, eine Journalistin und Buchautorin.

2015 hatte Krafft-Schöning von Uzis berichtet, Maschinenpistolen israelischen Typs, die in der Bremer Salafistenszene verteilt worden sein sollen. Die Journalistin hatte keine Belege, sie habe mit einem Informanten aus dem Miri-Clan gesprochen, der in die Geschichte verwickelt sei. Die Miris sind eine libanesischstämmige Großfamilie, die in Bremen für Organisierte Kriminalität bekannt ist. Ein V-Mann des Zolls schien die Geschichte zu bestätigen.

Nach diesen Hinweisen zogen bis an die Zähne bewaffnete Polizeibeamte am Bahnhof und in der Bremer Innenstadt auf, sie besetzten Verkehrsknotenpunkte. Eine Familie, die irrtümlich unter Terrorverdacht geriet, wurde stundenlang festgehalten.

Die Bremische Bürgerschaft beleuchtete den falschen Terroralarm in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, sie stellte "strukturelle Mängel" und "individuelle Fehler" bei den Behörden fest. Auch der Umgang mit Informanten wurde kritisiert.

Im Juni dieses Jahres begann der zweite Einsatz damit, dass sich ein Libanese bei der Polizei meldete und erzählte, ein Bremer Salafist namens "Kamal" sei mit mehreren Franzosen bei einem hochrangigen Miri-Mitglied gewesen, um Kalaschnikows zu kaufen. Die Waffen sollten in Frankreich eingesetzt werden. Er selbst, sagte der Informant, habe das nicht direkt mitbekommen, sondern nur davon gehört.

Der Mann, den die Salafisten aufgesucht hätten, sei Alaeddine M. Der ist eine schillernde Figur der Bremer Unterwelt, mehrfach vorbestraft. M. heißt nicht Miri, gehört aber zu den Führungsfiguren des Miri-Clans und ist ein Vertrauter des Chefs der verbotenen Rockerbande Mongols.

In der Bremer Polizei entschied man sich, Alaeddine M. zu besuchen. Er bat die Beamten ins Wohnzimmer, wollte aber keine Aussage machen. Nur so viel: An dem Waffendeal sei schon was dran. Und Bea wisse darüber Bescheid.

Beate Krafft-Schöning ist bei den Miris als Bea bekannt. Sie hat vor Jahren ein Buch über den in weiten Teilen kriminellen Bremer Clan geschrieben: "Der Miri-Komplex". Viele Mitglieder der weitverzweigten Familie kennt sie persönlich - auch Alaeddine M.

Als ein Polizist sie daraufhin anrief, erzählte Krafft-Schöning von der angeblichen Waffengeschichte, die Alaeddine M. ihr mitgeteilt habe. Sie dürfe davon berichten, das sei mit ihm abgesprochen. Auch sie erwähnte einen Algerier namens "Kamal", der Alaeddine M. 8000 Euro Provision geboten habe, falls er den Kauf von Maschinenpistolen vermitteln könne. Es sei nicht um Kalaschnikows, sondern um Uzis gegangen.

Genau wie 2015.

Dann sagte sie noch, sie glaube, es gebe bereits einen möglichen Lieferanten für die Waffen, vielleicht einen Albaner. Es habe ein Treffen in einer Garage gegeben, womöglich seien die Uzis schon bei den Salafisten. Solche Waffendeals kämen häufiger vor. Aber offiziell aussagen, das wolle sie nicht.

Die Story der Journalistin ähnelte der von 2015 ziemlich stark, aber skeptisch machte das die Polizei nicht. Die Staatsschützer waren wie angefixt. Vielleicht war ja doch etwas dran, an den Hinweisen über brisante Waffenkäufe im Salafistenmilieu. Und war es nicht ohnehin geboten, jeden noch so absonderlich klingenden Hinweis ernst zu nehmen? Die Bremer unterrichteten das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum von Bund und Ländern in Berlin. Die Ermittlung erhielt den Codenamen "Theo".

Und tatsächlich schienen sich die Hinweise diesmal zu verdichten. Schnell fanden die Ermittler den verdächtigen "Kamal", einen bekannten Bremer Salafisten. Der heute 50-jährige Algerier war 1992 nach Deutschland eingereist, hatte mit 21 falschen Identitäten hantiert und war unter anderem wegen Passfälschung und Bandenhehlerei aufgefallen. Die Behörden hörten die Telefone von "Kamal" ab. Irgendwann rief ein Mann aus Nizza an: "Kamal" sagte ihm, er solle ein Motorrad mitbringen.

Die Bremer Ermittler schalteten die französischen Behörden ein. Der Mann aus Nizza, ein Frankoalgerier namens Ataf K., war ebenfalls als Salafist aufgefallen. Er betrieb in der südfranzösischen Stadt eine Shishabar und eine kleine Baufirma.

Am 24. September brachen K. und sein Bruder mit einem Transporter an der Côte d'Azur auf. In Freiburg kontrollierten Streifenbeamte die Franzosen und beschlagnahmten einen gestohlenen Motorroller im Laderaum. Die vermeintlichen Terroristen durften weiterreisen.

Vier Tage lang fuhren die beiden Brüder aus Nizza mit "Kamal" durch die Gegend. Mal trafen sie Alaeddine M., mal fuhren sie nach Osterholz-Scharmbeck zu dem Schmuckladen. Sie prüften die Entfernung zur nächsten Polizeistation. Sie unterhielten sich über Gold und Silber, über einen Container, dessen Inhalt man stehlen könnte. Nur nicht über Waffen oder Terroranschläge.

Beate Krafft-Schöning betrieb eine Kneipe in Osterholz-Scharmbeck: Bea's Pub. Als verdächtige Miri-Leute auf einen Whisky bei ihr vorbeikommen wollten, ließ sich die Polizei auch für dort einen Lauschangriff genehmigen.

Das Haus der Journalistin am Stadtrand von Osterholz-Scharmbeck ist mehrfach gesichert: ein hoher Holzzaun, eine Überwachungskamera am Eingang und ein großer Dobermann. Krafft-Schöning sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer und erzählt, sie sei mehrfach bedroht worden. Mal von Salafisten, mal von Albanern. Manchmal habe sie nachts merkwürdige Gestalten auf ihrem Grundstück gesehen.

"Vielleicht", sagt sie, "liegt das daran, dass ich immer wieder Hinweise an die Polizei und den Verfassungsschutz gegeben habe." Sie kenne sich gut aus in der Szene und vertraue einem Beamten bei der Bremer Polizei besonders. Mit ihm habe sie oft telefoniert. Das sei losgegangen, als sich vor einigen Jahren die Rockerbanden Hells Angels und Mongols bekämpften. Krafft-Schöning sagt, die Führung des Clans habe von den Kontakten gewusst: "Die Miris waren immer einverstanden."

Die Waffendeals, sagt Krafft-Schöning, habe es sehr wohl gegeben. 2015 und in diesem Jahr. "Es waren dieselben Leute beteiligt", sagt die Journalistin, nur die Salafisten seien andere gewesen. Warum wurden dann keine Uzis gefunden? Die Polizei habe eben nicht an den richtigen Stellen gesucht.

Alle Beschuldigten bestreiten Waffenkäufe. Alaeddine M., gegen den die Staatsanwaltschaft ebenfalls ermittelt, sagte dem SPIEGEL, die Geschichte sei "Unfug", es habe nie einen Waffendeal gegeben. Der Polizei erklärte er, sein silberner Mercedes habe 100.000 Euro gekostet. "Daran sehen Sie, dass ich kein Krimineller bin. Welcher Kriminelle kann sich so ein Auto leisten?"

"Kamal" wurde inzwischen nach Algerien abgeschoben. Ataf K. aus Nizza sitzt wegen des mutmaßlich geplanten Überfalls noch in Haft. Beate Krafft-Schöning hat ihren Pub geschlossen, ihre Szenekontakte will sie weiter pflegen.



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