AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2018

Brescello In Don Camillos Dorf wird Italiens Zukunft erprobt

Durch die Filme über den gewitzten Pfarrer Don Camillo wurde Brescello weltbekannt. Doch die Welt von damals gibt es nicht mehr. Ein Besuch zeigt den dramatischen Wandel, der Italien seit Jahren erfasst hat.

Filmplakat mit Don Camillo und sprechendem Christus
Piero Oliosi / Polaris / Laif

Filmplakat mit Don Camillo und sprechendem Christus

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Da hängt er noch immer, nur sagt er nichts mehr: der berühmte "sprechende Christus", der holzgeschnitzte Heiland, der dem Dorfpfarrer Don Camillo Tipps gab für den Umgang mit dem kommunistischen Bürgermeister Peppone.

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Heft 18/2018
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Hier, in der Kirche von Brescello, wurden die Don-Camillo-Filme über das ländliche Nachkriegsitalien gedreht; über das zähe Mit- und Gegeneinander von Kommunisten und Kirchentreuen. Die Filme wurden weltweit zum Erfolg, und Brescello wurde zur Touristenattraktion. Aber das Dorf mit seinen 5600 Einwohnern ist auch und vor allem: Italien im Kleinformat, was das organisierte Verbrechen angeht und die große Politik.

Seit zwei Jahren gibt es wegen Unterwanderung durch die Mafia keinen Bürgermeister mehr. Und bei den Wahlen am 4. März lagen auch hier, wie landesweit, die vom Komiker Beppe Grillo gegründete Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) sowie die rechtsnationale Lega vorn. Und das, obwohl in Brescello nach dem Krieg noch 53 Prozent den Kommunisten und Sozialisten ihre Stimme gaben.

Während acht Wochen nach der Parlamentswahl noch immer unklar ist, wer künftig in Rom regieren wird, kann man in und um Brescello etwas erfahren über die Lage des Landes. Denn das verschlafene Nest im Schwemmland des Po-Flusses, wo Straßen noch nach Salvador Allende und nach dem 1. Mai benannt sind, zeigt en miniature den dramatischen Wandel, der Italien seit Jahren erfasst; zeigt den Nährboden, auf dem die simplen, nicht selten fremdenfeindlichen Rezepte der Wahlsieger gedeihen. Und weist vielleicht auch ein wenig die Zukunft.

In Brescello sind die Jungen nach Parma, Florenz oder ins Ausland abgewandert. Gekommen sind dafür Asylbewerber; zur Mittagszeit sieht man im Zentrum bisweilen weniger Einheimische als Einwanderer. Fast alle Bars im Ortskern werden mittlerweile von chinesischen Zuwanderern geführt. Und in der Nachbarschaft hat der zweitgrößte Sikh-Tempel Europas eröffnet. Dort beten nun die indischen Arbeiter, ohne deren Hilfe die umliegenden Käseproduzenten vor dem Ruin stünden.

KP und Kirche - das waren einmal die stabilen Säulen in dieser Region, in der "bassa", dem flachen Land am Po-Ufer mit seinen Reisfeldern, in den Filmen der Nachkriegszeit mythisch überhöht zum Herzland der Arbeiterklasse. Der Autor Giovanni Guareschi hat dieser "kleinen Welt", in der er groß wurde, mit seinen Romanfiguren Don Camillo und Peppone literarisch ein Denkmal gesetzt.

Doch diese Welt gibt es nicht mehr.

Das sagt der Dorfpfarrer Don Evandro, als Sohn eines hartleibigen Kommunisten geboren in einem Dorf, in dessen Mitte eine Lenin-Statue stand. "Brescello ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Die alte Ordnung hat sich aufgelöst: Zuerst verschwanden in den Neunzigerjahren die kommunistische und die christdemokratische Partei, nun ist die Linke als Ganzes am Ende."

Bürgermeister Coffrini, Dorfpriester Don Evandro 2014
Ermes Lasagna

Bürgermeister Coffrini, Dorfpriester Don Evandro 2014

Wer in Brescello nach Gründen für den politischen Erdrutsch sucht, muss nur raus aus Don Evandros Kirche, vorbei an den Bronzestatuen von Don Camillo und Peppone auf der Piazza und hinein ins prachtvolle Altstadthaus von Marcello Coffrini. Dem Anwalt mit der nackenlangen Mähne ist nicht anzusehen, dass er mit 18 Jahren in die Kommunistische Partei eintrat und auf die Diktatur des Proletariats setzte.

Schon sein Vater war KP-Mitglied und von 1985 an fast zwei Jahrzehnte lang der Peppone von Brescello - zugleich Bürgermeister und Mann des Volkes. Der Sohn übernahm das Amt dann 2014, blieb allerdings keine zwei Jahre am Ruder. Auf Anweisung des Innenministers wurde die von ihm geleitete Verwaltung abgesetzt und der gesamte Ort wegen Mafia-Begünstigung unter Zwangsaufsicht gestellt: Coffrini und seine Leute, so der Vorwurf, hätten dem in Brescello siedelnden 'Ndrangheta-Clan Grande Aracri öffentlichen Boden sowie Bauaufträge zugeschanzt.

Ein Grund dafür, dass die Linke in Brescello einbrach? Der Ex-Bürgermeister sagt, der Niedergang der Linken habe mit seinem persönlichen Verschulden nichts zu tun: "Die Gründe dafür sind offensichtlich, die Wirtschaftskrise sowie der Flüchtlingsansturm beuteln unser Land - und die Fünf Sterne wie auch die Lega reiten die Welle der Empörung, leider mit Erfolg."

Allein am Populismus allerdings kann es nicht gelegen haben. Denn in der Kunst, dem Volk nach dem Mund zu reden, waren auch die Konkurrenten Silvio Berlusconi mit seiner Partei Forza Italia und der Sozialdemokrat Matteo Renzi begabt. Sie landeten abgeschlagen im Feld.

Die Frage, warum Italiens Linke keine passenden Rezepte für die drängenden Probleme findet, führt in die Via Verdi. Dort haben die Sozialdemokraten ihren Sitz, die Tür zur Geschäftsstelle allerdings ist verschlossen. Den Schlüssel bringt schließlich ein freundlicher Student. Er sagt: "Ich war der letzte Parteisekretär hier am Ort, nach mir kam keiner mehr."

Drinnen sieht es aus wie in einer fluchtartig geräumten Kommandozentrale nach dem Einmarsch feindlicher Truppen. An der Wand hängen noch Porträts von Che Guevara und Antonio Gramsci, dem Mitbegründer der italienischen KP. In Eisenschränken lagern die gesammelten Werke von Marx und Engels sowie, gebündelt, alte Parteiausweise, Zeugnisse einer besseren Zeit. 70 Prozent der Mitglieder sind in den vergangenen zwei Jahren ausgetreten.

Also lieber auf zu den Wahlsiegern. Bei den Sondierungsgesprächen in Rom belauern sich M5S und Lega seit Wochen, überziehen einander mit unerfüllbaren Forderungen und strapazieren die Geduld ihrer Anhänger. Wie aber ist die Stimmung in Brescello, deutet sich hier eine Koalition an - oder eher eine Konfrontation?

Das herauszufinden erweist sich als schwierig. Denn die beiden siegreichen Parteien haben im Dorf kein Büro, ja: Es findet sich noch nicht mal ein ortsbekanntes Mitglied, das zu einer Stellungnahme fähig wäre. Geradezu so, als wäre man bereits in jener Zukunft angelangt, von der die Fünf Sterne träumen; einer Epoche, in der das Volk via Internet unmittelbar entscheidet und die repräsentative Demokratie samt Volksvertretern überwunden ist.

Filmplakat mit Don Camillo und sprechendem Christus
Piero Oliosi / Polaris / Laif

Filmplakat mit Don Camillo und sprechendem Christus

Was die Lega betrifft, ist zumindest eine ehemalige Aktivistin zu sprechen: Catia Silva. Sie war jahrelang das Gesicht der Partei in Brescello. Eine Aktivistin der ersten Stunde, aus der Zeit, da die Partei sich noch Lega Nord nannte und offen für die Abspaltung des reicheren Norditalien vom Rest des Landes eintrat.

Im Januar 2018 aber, kurz vor dem Wahltriumph ihrer Partei, kündigte Silva der Lega brieflich die Treue. Ausgerechnet sie, die Ikone der Anti-Mafia-Bewegung in Brescello; sie, die mit ihren Anzeigen fünf Mafiosi ins Gefängnis gebracht hat und mit Morddrohungen leben muss, mal mündlich, mal in Form einer Patronenhülse im Briefkasten. Warum hat also ausgerechnet sie der Lega den Rücken gekehrt?

"Weil Matteo Salvini Deals mit Berlusconi macht und nun landesweit Leute auf seine Wahllisten nimmt, die wegen ihrer Vorstrafen gar nicht kandidieren dürften", sagt Silva und steuert ihren Lancia, Zigaretten und Rosenkranz griffbereit, einmal quer durch Brescello, um zu erklären, was ihrer Meinung nach schiefläuft. Im Ort wie im ganzen Land.

Sie zeigt die nach dem kalabrischen Mafiadorf Cutro benannte Siedlung, wo sich die zugewanderten Clanmitglieder aus Italiens Süden niedergelassen haben; sie deutet auf illegale Bauten und die Unterkünfte der Asylbewerber, sie spricht vom Unterfutter der Organisierten Kriminalität. Die Linke im Ort habe "keine Antikörper gegen diese Epidemie", sagt Silva, auch an der Staatsspitze sehe es nicht besser aus. "Dass unser Präsident zu Koalitionsverhandlungen einen Mann wie Berlusconi empfängt, der jahrelang die Mafia finanziert hat, ist ein Schlag ins Gesicht für uns alle."

Bei Catia Silva zu Hause hängt die Auszeichnung der Polizei, in der ihr Kampf "an vorderster Front" gegen das Verbrechen gewürdigt wird. Und während im Fernsehen Berichte über die jüngsten Manöver ihres Ex-Parteichefs Matteo Salvini laufen, sagt die Aktivistin, sie gebe nicht auf - bei den anstehenden Lokalwahlen am 10. Juni werde sie wohl wieder antreten.

Silva telefoniert neuerdings regelmäßig mit der neuen Vize-Parlamentspräsidentin in Rom, Maria Edera Spadoni von den Fünf Sternen. Die stammt gleichfalls aus dieser Gegend und ist seit Längerem Silvas Mitstreiterin im Kampf gegen die Mafia im Don-Camillo-Dorf.

Eine langjährige Lega-Aktivistin und eine M5S-Abgeordnete Seite an Seite - ist das das neue Italien? Könnte Brescello einmal mehr zum Abbild werden für das, was im Land passiert?

So weit wolle sie noch nicht gehen, sagt Catia Silva. Aber eine gemeinsame Liste von lokalen Sympathisanten der Lega und der Fünf Sterne sei bereits geplant. Der Name: "Onestà". Ehrlichkeit.



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