AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2016

Bruce Springsteen Die Ruhe im Lärm

Bruce Springsteen ist einer der größten Rockstars der Welt: Er schreibt epische Songs, gibt epische Konzerte. Nun erzählt er in einer Autobiografie schonungslos von seinen Ängsten und Depressionen.

Bruce Springsteen 2013 im Borussia Park in Mönchengladbach
Jo Lopez/Ullstein Bild

Bruce Springsteen 2013 im Borussia Park in Mönchengladbach


Cleveland, Ohio, ist schon ein paar Jahre her. Unten, in den Katakomben des Gund-Stadions bereiten sich Bruce Springsteen und seine Band auf das Konzert vor. Clarence Clemons, der inzwischen verstorbene Big Man am Saxofon, hat in seinem Raum afrikanische Tücher aufhängen lassen. Steven Van Zandt, Sideman an der Gitarre und Schauspieler in der Fernsehserie "Die Sopranos", hört Garagenrock vom Band und trinkt einen Cappuccino.

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Heft 39/2016
Entspannen und bewegen - in gesundem Gleichgewicht

Nur der Chef sitzt im Neonlicht allein in seiner Garderobe und schreibt neue Songs. Nichts dort, was ihn ablenken könnte oder betäuben. Nur seine Arbeit und ein Gitarrenhalter, an dem seine Instrumente hängen wie in einem Musikgeschäft. Er nennt sie seine Werkzeuge, seine Hämmer. Springsteen, der Handwerker, gönnt sich ungern eine Pause.

Er ist höflich, den Besucher nennt er "Sir". Auf die Frage, ob da auch die Fender Esquire dabei ist, die damals 1975 auf dem Cover seines wichtigsten Albums "Born to Run" um seinen Hals hängt und vernarbt aussieht wie ein alter Koffer, greift Springsteen hinter sich.

"Da", sagt er, "ich spiele das Ding immer noch."

Weiß er noch, wo und wann er sie gekauft hat?

"1969, Phil Petillos Gitarrenshop in Belmar, New Jersey, 185 Dollar."

Es gibt Musiker wie Pete Townshend von The Who, die zertrümmern ihre Instrumente oder zünden sie an, sie suchen im Rock'n'Roll den Rausch, den Exzess, die Zerstörung, das Vergessen. Und es gibt Männer wie Springsteen, die etwas aufbauen wollen. Eine kleine Gemeinschaft, ein gutes Gefühl, Wärme. Sie schleppen ihre Instrumente durchs Leben wie einen alten Kumpel.

Musiker wie Springsteen nehmen ihren Job ziemlich ernst. Sie sind sehr fleißig. Ihre Songs sind mehr als nur ein paar Zeilen, die sich reimen. Es sind Geschichten, die sie erzählen müssen. Und Bruce Springsteen wurde zu einem der größten amerikanischen Geschichtenerzähler der vergangenen 50 Jahre.

Sein Werk, seine vielen, vielen Alben, seine Tausende Konzerte, sind eine Art "Great American Novel", sie beschreiben die amerikanische Gegenwart, das Bewusstsein einer Zeit, einer Gesellschaft, eines Landes - die Hoffnungen, Enttäuschungen, Konflikte.

Sie erzählen von der lähmenden Misere der Nixon-Jahre, vom Krieg in Vietnam und von denen, die ihn überlebt haben im Rollstuhl. Von dem Desaster, das Aids anrichtete. Von den Abrissbirnen des Neoliberalismus, die die amerikanische Arbeiterklasse zerschlugen. Von den Morden der Polizei an den Schwarzen in den Gettos. Vom 11. September. Von der Zerstörungskraft der Finanzkrise und von dem Ende des amerikanischen Traums für so viele.

Springsteen hat das alles beschrieben. Den Niedergang eines Landes und eines Mythos, den jetzt Donald Trump mit Lügen, Hass und schlechten Witzen ausbeutet. In der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft steht Springsteen auf der anderen Seite. Und weil er, der Sohn eines Fabrikarbeiters aus Freehold, New Jersey, seinen Job seit Jahrzehnten mit Menschenfreundlichkeit, zäh und nachdenklich tut, nennen ihn viele schlicht den "Boss". Sie haben ihm diesen Titel auch gegeben, weil er sich trotz seiner gewaltigen Erfolge nie so benommen hat, als wäre er etwas Besseres.

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Seine Stimme beschreibt er als die Stimme eines "Kneipensängers", von seinen Fähigkeiten als Gitarrist hält er auch nicht viel. Also feilte er jahrelang an Platten, die er auch dann nicht freigab, wenn ihn Schulden drückten, weil irgendwie der Sound nicht stimmte. Ganze Alben hat er einstampfen lassen, still und leise. Kapitel, die gestrichen werden mussten in der Great American Novel.

Seine Konzerte dauern drei, vier Stunden, er verlangt sich und seiner Band das Maximum ab. Das ist der Deal zwischen ihm und dem Publikum: immer nur das Beste und so lange wie möglich. "Völlig durchnässt verlässt er die Bühne, als wäre er in Kleidern durch die Halle geschwommen, von Barrakudas gehetzt", hat David Remnick, Chefredakteur der Zeitschrift "The New Yorker", über diesen Leidenschaftsmenschen geschrieben.

"Für einen Erwachsenen besteht die Welt meist aus Knebeln", sagte Springsteen damals. "Routine, Verantwortung, Niedergang der Institutionen, Korruption: Darauf läuft's doch raus. Die Musik aber, wenn sie richtig gut ist, die bricht das Ganze wieder auf und lässt die Leute rein, lässt Licht rein und Luft und Energie."

Wieder ein Leben spüren jenseits von Rechnungen und Kleingedrucktem, Hoffnung haben. Hope. Bei der Amtseinführung von Barack Obama sang er: "This Land Is Your Land".

Bei aller Kraft und Mühe und Hitze, die Springsteen in seine Musik legt, sein Ringen um Relevanz und Lebenswirklichkeit, ist er, wenn es um ihn selbst ging, stets seltsam wortkarg geblieben. Es gab Gerüchte, dass der Mann, der alles darauf anlegt, dass es seinem Publikum gut geht, es oft nicht leicht habe mit sich selbst. Dass hinter der Frohnatur mit den hochgekrempelten Hemdsärmeln Abgründe warten. Aber es blieben Gerüchte, er selbst hielt sich zurück.

Damit hat es nun ein Ende. Springsteen hat ein Buch über sich und sein Leben geschrieben, 672 Seiten lang. Seine Autobiografie heißt "Born to Run" - ein Beichtstuhl aus Papier, eine Great American Novel.

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  • Bruce Springsteen:
    Born to Run

    Eine Autobiografie.

    Aus dem amerikanischen Englisch von Teja Schwaner, Alexander Wagner, Urban Hofstetter, Daniel Müller.

    Heyne Verlag; 672 Seiten; 27,99 Euro.

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Der Mann, der jeden Abend bei seinen Konzerten die Grenzen sprengen, über sich hinauswachsen, die anderen mitnehmen möchte ins Promised Land, ist ein Leidender, ein Mann auf der Flucht.

Unwohlsein, Furcht, manchmal Panik treiben ihn an. Weg von seinem Vater, seinen Genen, sich selbst. Nur im Lärm der Band findet er so etwas wie Ruhe: Born to Run.

Das klingt, so knapp zusammengefasst, ein wenig nach Selbststilisierung, nach Showbiz-Legendentum, zurechtgeschminkt gar. Aber das ist es nicht. "Born to Run" ist kein Prominenten-Seelen-Porno, kein Dschungelcamp für Superstars. Born to Run ist der vielleicht wichtigste Schlüssel zu Springsteens Werk. Er schildert einen seit 30 Jahren andauernden Kampf gegen Depressionen, seine Therapien, den Versuch, seine Psyche mit Antidepressiva zu stabilisieren.

Besonders die Jahre seit seinem 60. Geburtstag scheinen ein Jammertal zu sein. Er ist jetzt 67, auf der Bühne gibt er den Elder Statesman des Rock'n'Roll, in schwarzer Weste, schlank und fit wie ein Spaten. Tatsächlich aber kämpft der scheinbar unerschütterliche Optimist gegen Selbstmordgedanken. "So würde ich nicht weiterleben können", schreibt Springsteen über seine Phasen der Verzweiflung, "nicht für immer. Zum ersten Mal verstand ich, was Leute auf den letzten Abgrund zutreibt. Dass ich es nachvollziehen, dass ich es nachempfinden konnte, machte mir das Herz ganz leer und erfüllte mich mit kaltem Schrecken. Ich hatte kein Leben mehr - an seine Stelle war eine fürchterliche Existenzangst getreten."

Vor allem der lange Schatten seines Vaters Doug Springsteen legt sich finster über ihn während dieser Phasen. "Paranoide Schizophrenie", hatte man dem Vater diagnostiziert, ziemlich spät erst, lange nachdem er über Jahrzehnte hinweg die Familie mit Schweigen, Alkoholismus und Wutanfällen terrorisiert und gelähmt hatte.

Bruce' Vater wuchs auf im proletarischen New Jersey, genannt die "Irische Riviera", weil hier die Einwandererwelten der Italiener und Iren aufeinanderprallen. Vor allem die italienischstämmigen Töchter suchten die irischen Jungmänner, weil sie sich eine Befreiung von der strengen patriarchischen Kultur des Südens versprachen. Doug Springsteen heiratete Adele Zerilli.

Doug arbeitete am Band bei Ford, Adele war Sekretärin, es war eng zu Hause, Bruce wurde bei den Großeltern abgestellt. Iren gegen Italiener und über allem Gott und die St. Rose of Lima Catholic Church. "Man geht nicht unfreundlich miteinander um", schreibt Springsteen, "aber die jeweiligen Clans überqueren auch nicht gerade häufig die Straße, um Zeit miteinander zu verbringen."

Besonders weit entfernt von der Bettelarmut sei man nicht gewesen, aber davon spürte der Junge anfangs wenig, die Großeltern vergötterten ihn. "Ich war Herr, König, Messias in Personalunion", schreibt Springsteen, "mir wurde nichts verwehrt."

Heizung gab es nur in der Küche, also schlief der Junge bei der Großmutter im Bett. Er empfand absolute Sicherheit und Narrenfreiheit zugleich. Als die Großmutter starb, fühlte er sich "ausgelöscht".

Es wurde dunkel in Springsteens Leben, sein Vater übernahm die Regie. Doug Springsteen hatte keine Freunde, die Welt draußen empfand er als Feindesland. Nach der Arbeit saß er allein in der stockdunklen Küche und hielt seine Strafgerichte.

Einen russischen Einwandererfreund seines Sohns beschimpfte er als Spion, der Mutter warf er vor, ihn mit puerto-ricanischen Männern zu betrügen, alles und alle waren Teil einer großen Verschwörung. Die größte Enttäuschung: sein Sohn Bruce. Er beschimpfte ihn als "Weichei", als "Sissy-Boy". Abend für Abend musste der Junge antreten in der Küche. Er entwickelte Störungen. Blinzelte hundertmal pro Minute, knabberte an seinen Fingergelenken, es wuchsen ihm "braune Schwielen, groß wie Glasmurmeln".

Oft lag er in seinem Zimmer, träumte von Rettung. Trost fand er in den Geräuschen der Mutter, die sich voller Optimismus morgens zurechtmachte für den Arbeitstag, das Klackern der Kosmetikdosen und der Absätze. Nur retten konnte ihn die Mutter nicht, obwohl der Sohn sie eines Abends mit einem Baseballschläger vor dem Vater schützen wollte. Unumstößlich stand Adele zum gewalttätigen Ehemann. Eine Trennung? Unmöglich. Sie, die sonst alles zu schaffen schien bei ihrem Job in einer Anwaltskanzlei, schaffte das nicht.

Die Medizin gegen all diese Verletzungen kam für Bruce aus der Kultur der Schwarzen und anderer nicht wünschenswerter Elemente. Früher Rhythm'n'Blues, natürlich Elvis, später die Beatles. Springsteen schildert die Erfindung und Verbreitung des Rock'n'Roll Mitte der Fünfzigerjahre als existenziellen Moment, als "Urknall", als tiefe Erlösung. "Es wurde eine freudige Forderung gestellt, eine Kampfansage getroffen, und plötzlich öffnete sich die Tür aus dieser scheintoten Welt, die Befreiung aus dem Kleinstadtgrab, in dem all die Menschen, die ich von ganzem Herzen liebte und fürchtete, mit mir zusammen beerdigt lagen."

Für die Herrschenden, das spürte er, gab es nur zwei Wege, mit dieser kulturellen Revolution umzugehen. "Diese Scheiße abzuwürgen oder schnellstens unter Vertrag zu nehmen."

Die Gitarre wurde das Schwert für diesen Jungen aus der Arbeiterklasse. Die Antwort auf seine Entfremdung, seinen Kummer. "Sie benannte einen Lebenszweck und würde dabei helfen, mit all den anderen Seelen zu kommunizieren, die in der gleichen miesen Lage waren wie ich selbst."

Springsteen-Fotos, 1975
Barbara Pyle

Springsteen-Fotos, 1975

Er hatte dieses Loch gefunden im Zaun und ahnte, dass es dahinter irgendwo heller sein würde, er zwängte sich hindurch und machte sich auf den Weg.

Es wurde eine lange Strecke, teils Pilgerreise, teils Treck nach Westen, die katholische und amerikanische Mythologie, seine beiden zentralen Bilderwelten ergänzten sich, wenn es darum ging durchzuhalten auf dieser Mission, die Rückschläge wegzustecken, dranzubleiben wie ein Boxer, ein Siedler, ein Kreuzritter.

Fast zehn Jahre lang spielte Springsteen in Bands, die nur ein bisschen Geld zum Überleben abwarfen. Es war zäh, 1972, zum Beispiel, konnte er am Lincoln Tunnel kaum die Maut nach Manhattan bezahlen. Sie kostete nur einen Dollar, aber er hatte diesen Dollar nicht. Also zählte er Penny-Münzen zusammen, hinter ihm eine tobende Schlange von Autofahrern. Einmal, als Springsteen seine Band wieder durch eines seiner Vier-Stunden-Konzerte gejagt hatte, hörte er statt Lob nur den Satz: "Das ist eine Bar, ihr Idioten." Die Musik sei zu mitreißend gewesen. Es sei nicht wünschenswert, wenn die Zuschauer der Band mehr Aufmerksamkeit schenken als dem Saufen.

Es war einer dieser Gigs, den auch der junge Musikjournalist Jon Landau sah. Landau war alles, was Springsteen nicht war. Er kam aus der gebildeten jüdischen Mittelschicht von Boston, ein Bücherwurm, der in Scheidung von einer Kritikerin der "New York Times" lebte und unter Morbus Crohn litt. Landau formulierte in seiner Konzertbesprechung einen der berühmtesten Sätze der Rockgeschichte: "Ich habe die Zukunft des Rock'n'Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen."

Die beiden trafen sich und redeten die Nächte durch. Sie teilten eine Vorliebe für die Hits der Motown-Schule und der Beatles. Landau fütterte seinen ungebildeten Helden mit Filmen von John Ford und Howard Hawks, mit Büchern von John Steinbeck und Ernest Hemingway. Und riet Springsteen, weniger eklektizistisch zu sein, konzentrierter, mehr der pure Stoff.

Springsteen wollte jetzt alles. Epos, Mythos, Gänsehaut, Tiefe. "Ich wollte ein Album schaffen, das sich anhörte wie das ultimative Album der Menschheit: das Album, das man sich kurz vor dem Untergang anhörte - anhören musste", schreibt er in seinen Memoiren.

Der Titel dieses größenwahnsinnigen Projekts: "Born to Run".

Das klang verrückt, überspannt, aber wenn man sich Amerika Mitte der Siebzigerjahre anschaut, dann traf Springsteen den Zeitgeist perfekt. "Born to Run" war der Versuch, den sich verflüchtigenden amerikanischen Traum noch einmal zu beschwören und einzufangen, ein Unternehmen ohne große Chance, aber auch ohne echte Alternative. Die zentrale Frage: Willst du etwas riskieren? Die letzten Zeilen des Eröffnungssongs "Thunder Road" heißen: "Mary, it's a town for losers, we're pulling out of here to win." Das ist eine Stadt für Verlierer, wir wollen gewinnen, wir müssen hier raus.

Kurz nach der Veröffentlichung von "Born to Run" erschien Springsteens Porträt gleichzeitig auf dem Cover von "Time" und "Newsweek". Mit den folgenden Alben, mit "Darkness on the Edge of Town" und "The River" wurde er zum Superstar.

Rockstar Springsteen mit Ehefrau Scialfa 2014
Ullstein Bild

Rockstar Springsteen mit Ehefrau Scialfa 2014

Sogar Ronald Reagan versuchte, sich an den Glanz dieses tief sozialdemokratisch empfindenden Helden der Arbeiterklasse zu hängen: "Amerikas Zukunft liegt in der Botschaft der Hoffnung in den Songs, die so viele junge Amerikaner bewundern: von New Jerseys Bruce Springsteen."

War Springsteen jetzt glücklich, oben angekommen zu sein in einem Land, das Geld und Ruhm vergöttert?

Na ja.

Er hatte geglaubt, mit dem Rock'n'Roll seine Probleme lösen zu können, jetzt war ihm seltsam. Er fühlte sich bedroht. Vor allem von Frauen, die mehr wollten als einen One-Night-Stand. Echte Intimität versetzte ihn in Panik. Er versuchte es trotzdem, heiratete die Hollywoodschauspielerin Julianne Phillips und wachte nachts schweißgebadet auf. Seine Villa in den Hügeln von Los Angeles gefiel ihm nur, wenn er sie verließ. Er konnte das nicht. Wohnen. Leben. Lieben. Am besten ging es ihm, wenn er unterwegs war. Und unter Druck.

"Hart bleiben, hungrig bleiben, lebendig bleiben", schreibt Springsteen, das sei sein Credo gewesen. Die ewig dauernden Konzerte, die immer wieder überarbeiteten Platten, die immer neuen Höchstleistungen, die er von sich fordert, sie spiegeln seine Angst, sich wieder wie der Sissy-Boy fühlen zu müssen, den der Vater früher in der finsteren Küche Abend für Abend runterputzte.

Als "manisch-depressiven Trapezkünstler" beschreibt sich Springsteen in seinen Memoiren. "Ich wollte vernichten, was mich liebte, weil ich es nicht ertragen konnte, geliebt zu werden."

In der Flucht vor dem Vater fürchtete er, schließlich selbst wie der Vater zu werden. "Ich war gemein, hässlich, Gift verpestete meine Gene", schreibt er. Er war Mitte der Achtzigerjahre mit seinem Album "Born in the USA" der größte Rockstar der Welt, aber innerlich so weit unten wie noch nie in seinem Leben. Er konnte nicht mehr.

Es war wieder Jon Landau, der großstädtische, aufgeklärte Landau, der Springsteen mit etwas half, das im proletarisch-provinziellen Milieu seines Helden so viel Platz hatte wie eine Krawatte. Landau schickte Springsteen zu einem Psychologen.

Es war so etwas wie die Grundidee der berühmten Fernsehserie "Die Sopranos" - 15 Jahre bevor sie geschrieben wurde: Ein depressiver italoamerikanischer Kraftkerl muss auf die Couch, um über seine würgenden Ängste zu sprechen.

Bruce Springsteen bei Dreharbeiten zum Film "Hunter Of Invisible Game"
Sony Music

Bruce Springsteen bei Dreharbeiten zum Film "Hunter Of Invisible Game"

Die eigentliche Arbeit begann: der Bau eines Privatlebens, das einen solchen Namen verdient. Ein Anti-Hollywood-Privatleben. Springsteen fand es zusammen mit einer Frau namens Patti Scialfa. Italoirische Wurzeln, ebenfalls aus New Jersey, Rockmusikerin.

In Springsteens E Street Band spielte sie Geige und Gitarre und sang. Er konnte Hunderte Meilen mit ihr im Auto sitzen, ohne sich seltsam zu fühlen. "Wir bedrängten einander nicht, ließen es ruhig angehen. Patti kochte, ich aß. Wir ließen einander Raum", schreibt Springsteen. "Der Rest war nur mehr Papierkram."

Aber selbst der Schutzschild einer funktionierenden Familie, drei inzwischen erwachsene Kinder, die mit ihren Jobs bei der Feuerwehr und im Hintergrund des Musikgeschäfts einen eher soliden Eindruck machen, schützten Springsteen nicht vor neuen Abstürzen. "Die manisch-depressive Erkrankung, die bipolare Störung: Sie steckt in unserer Familie wie der Gimmick in der Cornflakes-Schachtel", schreibt er. "Ich muss auf der Hut bleiben."

Noch immer ist sein Kleine-Jungs-Traum, die E Street Band, ein Bollwerk, das ihn stabilisiert, aber gerade hier erlebt Springsteen in den vergangenen Jahren, wie das echte Leben Einzug hält - mit Krankheiten, mit Todesfällen.

2008 erlag der Organist Danny Federici dem Hautkrebs, 2011 starb Springsteens Alter Ego, der Saxofonist Clarence Clemons, an einem Schlaganfall. Manager Jon Landau musste eine Gehirn-OP über sich ergehen lassen, Gitarrist Nils Lofgren ist mittlerweile mit zwei kaputten Schultern und zwei neuen Hüften unterwegs, der Drummer Max Weinberg wurde am offenen Herzen operiert und ohne Erfolg am Rücken. Am Morgen nach einem Konzert kann er sich kaum bewegen.

Nur der Chef ist äußerlich fit wie ein Athlet. Gewichte pumpen, auf dem Meer paddeln, stundenlange Konzerte geben - das alles kann eine Depression im Zaum halten. Manchmal, schreibt er, bettele er seinen Manager förmlich an, ihn zu retten. "Mr. Landau, buch mir bitte irgendwo ein Konzert. Und gleich darauf brach ich natürlich in Tränen aus. Buhääääääh!"

Der Schriftsteller Nick Hornby, ein lebenslanger Melancholiker, kein Depressiver, hat über den Mann aus New Jersey einmal geschrieben: "Bei Springsteen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du bleibst, wo du bist, und verrottest. Oder du machst dich auf den Weg und verbrennst."

Springsteen kämpft nun seit Jahrzehnten um einen dritten Weg. Getrieben von einer Krankheit, vor der er nie sicher sein wird. Es ist ein schwerer Rucksack, den er lange mit sich rumschleppte. Und die Last wurde nicht leichter, wenn alle Welt ihm zusah und zugleich alles geheim bleiben sollte.

Mit seiner Autobiografie legt er diesen Rucksack beiseite. Möglicherweise geht es sich jetzt leichter.

Zum Autor
  • Thomas Hüetlin hat Bruce Springsteen zweimal getroffen. Als ihn Hüetlin nach nach der legendären Fender Esquire fragte, die Springsteen auf dem Cover von "Born to Run" umhängen hat, griff Springsteen bloß hinter sich und drückte sie Hüetlin in die Hand. "Ein bisschen zerschunden, das Ding", sagte Springsteen, "aber ich spiele sie immer noch."
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sucramotto 28.09.2016
1. Ausgezeichneter Artikel über einen bewundernswerten und immer bodenständig gebliebenen Rock-Superstar
Ein großes Lob an Thomas Hüetlin für diesen großartigen Artikel. Ich habe das Buch seit Montag und habe die ersten Kapitel dieses Mammutwerkes gelesen und freue mich jetzt um so mehr auf den Rest. Als großer Fan von Springsteen weiß man natürlich doch schon sehr viel, aber es aus der Feder von Springsteen zu lesen ist dann doch nochmal etwas anderes. Eine absolut bemerkenswerte, interessante, spannende und zum Teil lustige Autobiografie, die Bruce da geschrieben hat und Herr Hüetlin gibt das alles sehr gut wieder. Nur ein kleiner Fehler ist ihm wohl unterlaufen: Mir ist nicht bekannt, dass seine Frau Patti Scialfa auch Geige spielt. Die Violinistin auf der Bühne ist seit vielen Jahren Soozie Tyrell, die aus der Ferne allerdings in der Tat Ähnlichkeit mit Patti hat. Patti wiederum ist nur noch sehr selten mit der E Street Band auf der Bühne und begleitet stattdessen lieber Tochter Jessica zu deren Reitturnieren weltweit.
wahlverwandt 28.09.2016
2. Sagenhafter Artikel
Ich bin kein wirklicher Fan von Bruce Springsteen, höre nur gerne seine Musik. So einen guten Artikel über einen Musiker habe ich noch selten gelesen und mir erschließt sich nun im Nachhinein, warum diese Musik so an mich rangeht. Gratulation an den Autor
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