AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2018

Intellektuelle Der Fall Julia Kristeva

Julia Kristeva ist eine der berühmtesten Denkerinnen der Welt. Die Debatte um ihre bulgarische Geheimdienstakte verleiht ihrem Werk eine neue Brisanz.

Schriftstellerin Kristeva: Wer ist diese Frau, von der alle reden?
M. Rougemont/ Opale/ Leemage/ laif

Schriftstellerin Kristeva: Wer ist diese Frau, von der alle reden?

Von


In dem vor anderthalb Jahren erschienenen Interviewband "Je me voyage" gibt die in Bulgarien geborene französische Intellektuelle Julia Kristeva über ihr bewegtes Leben Auskunft. An einer Stelle unterbricht sie den Fragesteller, den Psychiater Samuel Dock, und erklärt, dass sie immer eine leichte Störung empfinde, wenn sie abermals einen Preis bekomme oder auch nun von sich sprechen solle: "Wer ist diese Julia Kristeva, von der die Rede ist?"

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Es ist eine Frage, die sich mit erneuter Brisanz stellt, seit vor einigen Wochen eine Akte des bulgarischen Geheimdienstes gefunden und publiziert wurde. Dort wurde sie unter dem Decknamen "Sabina" geführt. Die Akte ist umfangreich und umfasst die Zeit von den Sechzigerjahren bis in die frühen Siebziger. Sie enthält Berichte von Treffen in Paris, bei denen "Sabina" sich wenig engagiert zeigte, nur bekannte Informationen wiederholte. Manche Treffen ließ sie platzen. In der internen Auswertung des Dienstes bekommt "Sabina" als Quelle miserable Noten, sie erzählt nur, was ohnehin jeder weiß. Allerdings ist die Akte auch nicht vollständig, schriftliche Berichte "Sabinas" fehlen. Weil es keine gibt oder weil man sie der Akte entnommen hat? Das Rätsel wird größer, je mehr man sich mit der Sache beschäftigt.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow, der für seinen Roman "Macht und Widerstand" viele Jahre lang über solche Akten geforscht hat, hegt an ihrer Echtheit keinen Zweifel. Kristeva dementiert jede Zusammenarbeit mit den bulgarischen Diensten, und auch das, so Trojanow in der "Frankfurter Allgemeinen", passt: "Es ist so gut wie nie vorgekommen, dass ehemalige Zuträger, Spione oder Denunzianten ihre Schuld eingestanden haben." Die bulgarische Journalistin Koprinka Tchervenkova, eine ehemalige Dissidentin, sieht in der Akte das Zeugnis eines ganz gewöhnlichen Vorgangs: Eine im Ausland lebende Bulgarin versucht, höfliche Beziehungen zu den Vertretern des Regimes zu unterhalten, während sie ihnen nur Belanglosigkeiten erzählt, um ihre in der Heimat verbliebene Familie vor Repressalien zu bewahren.

Nach Aktenlage ein banaler Vorgang - typisch für die Verstrickungen vieler Zeitgenossen, auch vieler Intellektueller im 20. Jahrhundert. Spannend wird die Sache, wenn man sie zum Werk der Kristeva in Beziehung setzt. Man kann die Frage nach der konkreten Schuld derzeit nicht beantworten, weil Teile der Akte fehlen. Dennoch ist der Vorgang von aufklärerischem Nutzen, weil die Texte Julia Kristevas etwas zu diesem Fall, aber auch zu vergleichbaren Situationen zu sagen haben.

Das überhaupt in den Blick zu bekommen ist ein Abenteuer für sich, gleicht es doch einem kunstvoll komponierten, sich aber auch permanent wandelnden und expandierenden Labyrinth.

Keine Denkerin unserer Zeit hat auf so vielen Gebieten, in derart unterschiedlichen Formen und über einen so langen Zeitraum veröffentlicht. Als in Norwegen ein Pendant der Geisteswissenschaften zum Nobelpreis geschaffen wurde, der Holberg-Preis, verfiel die Jury auf Julia Kristeva als erste Preisträgerin. Kaum eine wissenschaftliche Disziplin und nur wenige Kunstformen, zu denen sie nichts zu sagen hätte.

Sie ist eine Romanautorin, die mit viel Humor und Präzision die Welt der Pariser Intellektuellen beschreiben kann, eine Welt, die sie maßgeblich mitgestaltet. Sie ist Psychoanalytikerin, forscht und therapiert in Paris und New York und navigiert virtuos durch die Schulen und Traditionen dieser komplexen Wissenschaft. Sie ist eine öffentliche Intellektuelle, die einem klassischen Bildungsethos anhängt - und den Kanon mit radikal neuen Ideen befragt.

Paradox daran ist, dass sie wenig tröstliche Botschaften zu verkünden hat. Das Werk Julia Kristevas liest sich wie die Vorbereitung ihrer Studenten und Leser auf eine schlechte Nachricht - und insofern ist so eine üble Akte von poststalinistischen Geheimdiensten hier kein Fremdkörper. Vielmehr bekräftigt ihr eigener Fall den Wunsch zu verstehen, warum Personen Dinge tun, die rational oder moralisch nicht zu erklären sind, die nicht zu ihnen passen, warum sie manchmal ganz anders handeln, als von ihnen erwartet wird - auch von ihnen selbst. Das aber ist eine entscheidende Frage im Werk Julia Kristevas.

Auszüge aus "Sabina"-Akte: Ein banaler Vorgang
Dimitar Dilkoff/ AFP

Auszüge aus "Sabina"-Akte: Ein banaler Vorgang

Man kommt sofort auf ihren zentralen wissenschaftlichen Begriff, den der Intertextualität, nach dem sich Textgattungen diverser Provenienz, also Romane, religiöse Texte, Briefe, Flugschriften, aufeinander beziehen und befragen lassen. Und nun ist es nicht so, dass die diversen Texte in der Akte von "Sabina" die Bücher und Aufsätze, die Reden und Interviews Julia Kristevas ungültig machten, ihre Botschaft widerlegten und die Autorin der Hochstapelei überführten. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Akte belegt die Arbeitsweise eines Regimes, das eine junge Frau vor dem Hintergrund einer manifesten Drohkulisse zu manipulieren sucht. Und sie belegt deren Taktik, aus der Sache herauszukommen.

Mit Mitte zwanzig war sie eine andere. Man durfte im kommunistischen Bulgarien der Sechzigerjahre nicht im Ausland promovieren, in Jugendzeitschriften publizieren und mit dem Flugzeug nach Paris reisen, wenn man Widerstandskämpferin war. Später, als eine Rückkehr unwahrscheinlich wurde, blieben ihre Eltern immerhin noch in Bulgarien, sie hoffte auf Besuche und erreichte es auch. Ihr Vater konnte im Atlantik baden, später hatte sie Gelegenheit, ihm Präsident François Mitterrand vorzustellen, als der 1989 in Sofia zum Staatsbesuch weilte.

Das sind Situationen, die nicht jede Bulgarin inszenieren konnte, und so kann man zumindest daraus schließen, dass sie dem Regime nicht den Kampf angesagt hatte. Die Akte gibt da einen unerwünschten Einblick in den Maschinenraum eines Lebens, dessen Fortgang wir besser kennen als den Beginn. Keine Widerstandskämpferin also, aber auch keine linientreue Kommunistin - in Paris holt sie erst einmal Luft, liest und verliebt sich. Allerdings ist auch dort die politische Lage recht eng. André Malraux, der gaullistische Kulturminister, sagte: Außer den Kommunisten und uns gibt es nichts. Kristeva und ihre Clique, viele andere junge Leute hatten fortan dieses eine Ziel vor Augen, etwas anderes zu schaffen, politisch, als die triste Alternative zwischen Konservativen und Kommunisten. Sie und eine kleine Delegation Intellektueller reisten dann nach China, um zu schauen, wie es anders gehen könnte als in der Konfrontation der Blöcke.

Das Motiv der Fremdheit lässt sich bis dahin gut erklären - aber was fehlt, ist das sich einstellende Gefühl der Ankunft in der französischen, später in der amerikanischen Gesellschaft. Eine Integration findet nicht statt, dem ganzen Konzept wird Hohn gesprochen. Ihr Leitmotiv ist die Fremdheit in einem existenziellen und individuellen Sinn, dass man sich selbst fremd bleibt und es immer wieder wird. Das passt also für viele Menschen, und es passt beklemmend genau auf die Situation einer jungen französischen Wissenschaftlerin, die auch noch Verbindungen nach Bulgarien hat, zu ihrem Vater und zu den Repräsentanten ihres Heimatlands. Doppelte Fremdheit, wenn sie mit denen in Paris Bulgarisch spricht. Aber wie spricht sie denn? Wie spricht sie als Frau mit diesen Männern? Wie spricht überhaupt jeder von uns in einer Welt, in der es kommunikativ dürftig verschleierte Gewalt gibt?

Kristeva weist immer wieder darauf hin, dass wir nicht nur mit Worten reden, dass der Akt des Sprechens eine vorreflexive, eine körperliche und situative Dimension hat. Man kann also, während man sich mit bulgarischen Zuträgern unterhält, dringend im Sinn behalten, wie man dem eigenen Vater nicht schaden kann, und an etwas völlig anders denken, etwa dass diese Veranstaltung bald vorbei sein möge. Aber sie lehrt uns auch, dass man aus solchen biografischen Situationen nicht mit einem Liedchen auf den Lippen herauskommt und frohgemut ein neues Leben beginnen kann, dass der erlebte Horror und selbst der abgewendete Schaden uns weiter beschäftigen und begleiten.

Kristeva wurde einmal nach dem großen Unterschied gefragt zwischen ihrer Gruppe von Intellektuellen, also ihrem Mann Philippe Sollers, Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques Lacan, und den Existenzialisten, also Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Kristeva brachte ihn auf eine einprägsame Formel: Wir sagen nicht mehr wie Sartre "die Hölle, das sind die anderen", sondern, die Hölle ist in uns. Es ist nicht der Blick, die Attitüde, mit der Dritte uns begegnen und auf die wir kaum Einfluss haben, die uns einengt und bedrängt, sondern wir richten solch einen urteilenden, staunenden und skeptischen Blick auch auf uns selbst.

In ihrem Denken gibt es kein heroisches Individuum, das mit sich im Reinen wäre. Sie spricht lieber von Prozessen, vergleicht ihr Leben mit einem Fluss, den seine Quelle wenig interessiert. Es muss vorangehen. Mehr gibt es bei ihr nicht. Man kann auf dem Kontinent ihres Werks nicht eines Morgens aufwachen und über sich im Klaren sein oder die Wahrheit sagen, man ist sich selbst ein Rätsel, sonst ist man einfach uninteressant. Interesse ist ein Wort, das sie und ihr Mann Philippe Sollers oft benutzen, sie streben danach, ein interessantes Leben zu führen, eines also, das im lateinischen Wortsinn dazwischen ist. Nicht in dem Sinn, dass man keinen Standpunkt bezieht oder kein Wertegerüst hat, sondern eher in dem, dass man sich selbst überrascht, sich nicht festlegen und beschreiben lässt.

Der Gedanke der Freiheit liegt dem zugrunde, aber bei Kristeva ist es eine etwas verschattete Version, eine permanente Befreiung von der Übermacht der Familie, der Ursprünge oder der Erfahrung des Totalitarismus. Nicht als einmaliger Vorgang wie in einem zehnstufigen Hilfsprogramm "Wie komme ich von den Zigaretten los", sondern als permanenter Prozess, den Zeitgenossen totalitärer Systeme nie abschließen können, weil sie sich selbst zu misstrauen gelernt haben.

Der Bruch in der Biografie, der Wechsel der Rollen und Perspektiven, die Fremdheit bilden wesentliche Momente in der Weltwahrnehmung. Kristeva spricht nicht mehr von einem Universum, sondern von einem Multiversum - je nach Perspektive, je nach Standort erscheint die Welt völlig anders, die Grenzüberschreitung ist ihre bevorzugte Fortbewegungsart.

Ein agiler Schatten begleitet die Protagonistinnen im Werk Kristevas, so wie das Glück bei ihr vor allem eine Erschöpfung ist: "Solange ich mich erinnern kann, ist das Glück das Betrauern von Unglück. Es stellt sich ein, weil das Unbehagen erschöpft ist. Leute, die angeblich glücklich sind und die das Unbehagen verdrängt haben, die sind doch unbedeutend."

"Sabina" ist nicht Julia Kristeva, aber sie zeugt davon, dass die eingangs erwähnte, von ihr selbst formulierte Frage offenbleibt, und nichts anderes behauptet Kristeva - ein ganzes irres, lebensrettendes Werk lang.



© DER SPIEGEL 16/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.