AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Bundesbankvorstand Dombret "Aufbruchstimmung in Frankfurt"

Mit dem Brexit verliert die EU auch ihr wichtigstes Finanzzentrum - kann Frankfurt am Main den Platz einnehmen? Bundesbankvorstand Dombret über Chancen und mögliche Auswirkungen.

  Andreas Dombret,    57, ist im Führungsgremium der Deutschen Bundesbank für Banken und Finanzaufsicht zuständig, zuvor arbeitete er für mehrere Investmentbanken.
Christof Mattes/ WirtschaftsWoche

Andreas Dombret, 57, ist im Führungsgremium der Deutschen Bundesbank für Banken und Finanzaufsicht zuständig, zuvor arbeitete er für mehrere Investmentbanken.

Ein SPIEGEL-Gespräch von


SPIEGEL: Herr Dombret, seit der Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union zu verlassen, träumen in Deutschland viele davon, dass Frankfurt zum großen Brexit-Gewinner wird. Haben sich die Hoffnungen erfüllt?

Dombret: Aktuell sind wir in der entscheidenden Phase hinsichtlich der Standortentscheidung. Banken dürften viele Stellen aus London in die EU verlagern, und es zeichnet sich ab, dass davon besonders Dublin und Frankfurt profitieren. Vor allem die großen amerikanischen Banken konzentrieren sich auf diese beiden Städte.

SPIEGEL: Wie viele Banken haben sich für Frankfurt am Main als neuen Hauptstandort in der EU entschieden?

Dombret: Wir sind mit etwa 20 Großbanken im Gespräch. Es geht nicht nur um Institute, die eine Erlaubnis für das klassische Bankgeschäft wollen, sondern auch um Broker-Dealer, also Investmentbanken, die viel Wertpapierhandel betreiben.

SPIEGEL: Sie meinen Häuser wie Goldman Sachs, J.P.Morgan und Morgan Stanley. Importieren wir infolge des Brexit die angelsächsische Investmentbanking-Kultur?

Dombret: Es ist ja nicht so, dass deutsche Kunden bisher nicht mit Produkten und Dienstleistungen rund um den Kapitalmarkt versorgt worden wären, nur eben ganz überwiegend aus London heraus. Die angelsächsische Kultur dürfte hierzulande künftig also noch präsenter sein als bisher.
SPIEGEL: Halten Sie das für gut, nach allem, was Investmentbanken zur Finanzkrise beigetragen haben?

Dombret: Seien Sie versichert: Wir werden darauf achten, dass sich alle an die Vorschriften halten und die Risiken nicht aus dem Ruder laufen.

SPIEGEL: Bislang hat man den Eindruck, dass Banken so wenig Geschäft wie möglich aus London abziehen wollen. Wird Frankfurt zum Briefkastenstandort für Banken?

Dombret: Jede Bank darf hier einen Briefkasten aufhängen - aber eine Banklizenz wird es dafür nicht geben. Wir verlangen von den Instituten, dass sie hier für alle wesentlichen Bereiche qualifiziertes Personal aufbauen: für die Geschäftsleitung, für das Risikomanagement, die Compliance, die Anti-Geldwäsche- und die Finanzabteilung sowie kritische IT-Funktionen. Dies wurde uns auch zugesagt.

SPIEGEL: Was hat die deutsche Wirtschaft davon, wenn sich hier ein paar Tausend Banker zusätzlich ansiedeln?

Dombret: Da, wo Banken in der EU ihren Hauptsitz haben, siedelt sich qualifiziertes Personal an, da werden unternehmerische Entscheidungen fallen. Und das wird zu einer Aufbruchstimmung in Frankfurt führen. Es entstehen Netzwerke zwischen Banken, um die herum sich weitere Firmen ansiedeln. Es gibt einen Schwarmeffekt.

SPIEGEL: Die EU wollte früher mit Großbritannien eine Kapitalmarktunion schaffen und so den Amerikanern etwas entgegensetzen. Ist das ohne die Briten nicht ein hoffnungsloses Unterfangen?

Dombret: Die EU verliert durch den Brexit ihr wichtigstes Finanzzentrum. Dadurch wird eine europäische Kapitalmarktunion als Ergänzung zu unserer kreditbasierten Volkswirtschaft noch wichtiger. Frankfurt ist ein sinnvolles Zentrum, um das Projekt voranzutreiben. Aber auch wenn die Briten aus der EU ausscheiden, sollten wir mit ihnen im Rahmen der Kapitalmarktunion weiter eng zusammenarbeiten.

SPIEGEL: Gibt es den politischen Willen, Frankfurt als Zentrum der Kapitalmarktunion zu etablieren?

Dombret: Frankfurt hat sich in Europa als Zentrum der Geldpolitik und Finanzaufsicht etabliert. Ob die Stadt auch Mittelpunkt der Kapitalmarktunion wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob das Clearing bestimmter auf Euro lautender Derivate-Geschäfte weiterhin in London stattfindet.

SPIEGEL: Sie meinen die Verrechnung solcher Euro-Wertpapiergeschäfte. Sollte sie nach Frankfurt verlagert werden?

Dombret: Clearing ist hochgradig systemrelevant. Deshalb kann und wird die europäische Aufsicht hier keine halbgaren Kompromisse machen und muss jederzeit über starke Informations- und Eingriffsrechte verfügen. Wenn diese gegeben sind, könnte das Clearing auch weiter in London stattfinden.

SPIEGEL: Und wenn sich die Londoner auf solche Eingriffsrechte der EU nicht einlassen wollen?

Dombret: Sollte sich Großbritannien für einen eigenen Weg entscheiden, dann würde eine Umsiedlung des Euro-Clearings notwendig. Eine Londoner Wagenburgmentalität nach dem Motto "Alles bleibt, wie es ist" wird nicht funktionieren.

SPIEGEL: Ist das eine Drohung?

Dombret: Nein, das ist eine sachliche Notwendigkeit. Wir können nicht zulassen, dass irgendwann auf Kosten der europäischen Steuerzahler Banken gerettet werden müssen, weil wir keinen Zugriff auf das Clearing-Haus in London hatten.

SPIEGEL: Wann wird sich die Clearing-Frage entscheiden?

Dombret: Ich weiß es nicht. Es ist sehr problematisch, dass die Brexit-Verhandlungen so langsam vorangehen. Auf welche Art von Brexit wir zusteuern - hart oder weich -, ist alles andere als sicher. Das ist ein Dilemma und stellt ein wirtschaftliches Risiko dar, nicht nur für Banken. Alle müssen jetzt für verschiedene Szenarien weitreichende Entscheidungen treffen. Das kann sehr teuer werden.



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