AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 21/2017

Business Fußball "Echte Liebe"? "Scheiß Millionäre"!

Fußball ist zum Millionengeschäft geworden, doch das viele Geld macht den Profisport kaputt. In der Bundesliga herrscht Langeweile, das Publikum beginnt sich abzuwenden.

Martin Lukas Kim

Würde man eine Weltkarte des Fußball-Irrsinns basteln, dann müssten auch in Deutschland ein paar Fähnchen stehen.

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 21/2017
Wie Hacker die Welt attackieren. Wie wir uns schützen können.

In Dortmund zum Beispiel, wo der Borussen-Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang, 27, Jahresgehalt vier Millionen Euro, wahlweise in einem Aston Martin Cabrio, einem Ferrari, einem Porsche mit Batman-Logo oder einem goldfarbenen Lamborghini durch die Stadt fährt. In München, wo der Stürmer Robert Lewandowski, 28, bis zu 20 Millionen Euro beim FC Bayern kassiert. Und natürlich in Herzogenaurach. Dort ist der Sportartikelhersteller Adidas ansässig, der Real Madrid für einen Ausrüstervertrag eine Milliarde Euro bietet.

Die Menschen lieben den Fußball. Weil dieses Spiel so einfach ist, weil es Emotionen schürt, weil es Ablenkung vom Alltag bringt. Weil jeder mitmachen und mitreden kann. Aber wer versteht noch die Summen, die im Geschäft mit dem Fußball bezahlt werden?

Philipp Lahm sitzt auf einem Sofa in der Agentur seines Beraters Roman Grill, er kommt gerade vom Training beim FC Bayern, die Sonne scheint, es gibt Espresso. Er sagt, für viele Menschen seien die Summen, die im Profigeschäft bewegt werden, "abstrakt".
Für ihn nicht?

"Doch, schon."

Der Fußball hat Lahm reich und berühmt gemacht. Er wohnt in einem weitläufigen Haus mit Blick auf die Alpen, hat im Alter von 33 Jahren ausgesorgt. Jetzt beendet der Weltmeister seine Karriere. Er sei darüber nicht traurig, er habe die guten Zeiten miterlebt.

Lahm wurde als Kind bei einem Amateurverein in München, der FT Gern, sozialisiert. Er erlebte dort, wie die Eltern Fahrgemeinschaften bildeten, um die Kinder zu Spielen zu bringen. Er erlebte, wie Väter mit anpackten, um ein Klubheim zu renovieren. Vereinsleben also. Als er später, als 15-Jähriger, in der Jugend des FC Bayern spielte, war Fußball für ihn immer noch ein Spiel: "Ich hatte nicht im Kopf, Berufsfußballer zu werden."

Lahm schaffte den Sprung in die Bundesliga, weil er ein Ausnahmetalent war. Während seiner Profilaufbahn entwickelte sich der Fußball rasant weiter. Die Trainingsmethodik und die Qualität der Spieler verbesserten sich. Das Niveau im internationalen Fußball ist heute so hoch wie nie. Im gleichen Zeitraum nahm auch das Geschäft mit dem Fußball gewaltig Fahrt auf. In den vergangenen 20 Jahren stiegen die Transferausgaben in der Bundesliga von rund 50 Millionen Euro auf fast 650 Millionen in der Saison 2016/17 an.

Das viele Geld habe die Mentalitäten verändert, sagt Lahm. Der Fußball sei absurd aufgeladen mit Bedeutung.

Sechsjährige, die auf dem Spielplatz nicht das Trikot eines Bundesligavereins oder der Nationalmannschaft tragen, sind schnell Außenseiter. Einen ballbegabten Sohn zu haben gilt Eltern in manchen Großstadtmilieus als Statussymbol. Der Konkurrenzkampf in den Nachwuchszentren der Klubs, den Brutstationen des Kommerzfußballs, wird immer härter. Talente werden zu Ego-Shootern ausgebildet, die wie ferngesteuert dem Ball und einem Profivertrag hinterherjagen.

Wer es geschafft hat, marschiert mit dem ersten Gehalt ins Autohaus, um sich mit einem standesgemäßen Traumauto auszurüsten. Willkommen im Klub.

Die Maßlosigkeit des Profibetriebs wird selten öffentlich thematisiert. Die Vereine haben sich abgeschottet. Wer nicht dazugehört, blickt nicht so leicht hinter die Kulissen.

Fans von Hertha BSC zeigen auf der Ostkurventribüne eine Choreographie
imago/Annegret Hilse

Fans von Hertha BSC zeigen auf der Ostkurventribüne eine Choreographie

Vorigen Dezember druckte der SPIEGEL zwei Titelgeschichten über das Geschäft mit dem Fußball, über Geheimklauseln in Verträgen, über Fantasiegehälter und Steuertricksereien. Nach der Veröffentlichung schwärmten in England, Frankreich und in Spanien Staatsanwälte aus, um sich einige Protagonisten vorzuknöpfen. Vorige Woche ist das SPIEGEL-Buch " Football Leaks" erschienen, das wieder für Unruhe in der Profibranche sorgt. Die Autoren haben Spielerverträge und Abkommen internationaler Stars und ihrer Berater ausgewertet. Die Dokumente stammen aus einem Datenfundus, den die Onlineplattform Football Leaks dem SPIEGEL überlassen hat.

Das Buch beschreibt anhand entlarvender Fakten die Gier der Vereine, der Profis und ihrer Agenten. Ein Kapitel erzählt eine Geschichte aus dem Leben des Spielerberaters Mino Raiola, eines typischen Geschöpfs des entfesselten Weltfußballs. Der gebürtige Italiener, der in Haarlem in den Niederlanden aufwuchs, ist unter anderem der Agent des französischen Nationalspielers Paul Pogba, der im Sommer 2016 für die Rekordsumme von 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United wechselte.

Von diesem Betrag flossen 27 Millionen an Raiola und seine Firma Topscore Sports Limited in London. Doch damit nicht genug. Mit den Verantwortlichen von Manchester United hatte Raiola für die Verpflichtung Pogbas Honorarzahlungen von insgesamt 19,4 Millionen Euro verabredet. Und auch der Spieler musste seinen Berater entlohnen - mit 2,6 Millionen Euro.

Raiola hat somit an dem Transfer eines einzigen Spielers insgesamt 49 Millionen Euro verdient. Und auch sein Klient ist nun gut versorgt. Pogba verdient in Manchester rund 200000 Euro - in der Woche.

Die Episode über den trickreichen Berater handelt nicht von einem Raubzug, einer Gaunerei. Sie zeigt den ganz normalen Wahnsinn des Fußballgeschäfts.

Holger Stanislawski, der ehemalige Trainer des FC St. Pauli, der inzwischen einen Supermarkt in Hamburg führt, wurde kürzlich von der "Bild"-Zeitung gefragt, was er mit einem Lottogewinn anfangen würde. Stanislawski antwortete, er würde sämtliche Logen im St.-Pauli-Stadion kaufen und überall Transparente aufhängen mit der Aufschrift: "Scheiß Millionäre".

Es war als Witz gemeint. Tatsächlich aber zielte Stanislawski auf den Kern des Problems.

Fußball galt lange als Spiel der einfachen Leute. Mit Akteuren wie Uwe Seeler, Gerd Müller und Katsche Schwarzenbeck, allesamt geerdete, bescheidene Stars, konnte sich das Publikum identifizieren.

Pierre-Emerick Aubameyang im Signal Iduna-Park am 6.5.2017
Alexandre Simoes/Borussia Dortmund/Getty Images

Pierre-Emerick Aubameyang im Signal Iduna-Park am 6.5.2017

Bei heutigen Darstellern ist das schwierig. Die Lebenswelten von Berufsfußballern und ihren Fans driften immer weiter auseinander. 2016 verdienten die rund 500 Spieler der 18 Bundesligavereine im Schnitt 1,9 Millionen Euro im Jahr. Wenn Profis Volksnähe demonstrieren, so wie die Kicker des FC Bayern mit einem Besuch auf dem Oktoberfest, oder die Mannschaft von Schalke 04, die jedes Jahr den Schacht eines Bergwerks besichtigen muss, dann handelt es sich bei solchen Ausflügen um Zwangsmaßnahmen der Vereinsführung, die dazu dienen, dem Publikum eine Bodenständigkeit vorzuspielen, die es in Wahrheit schon lange nicht mehr gibt.

Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, hat von seinem Büro aus einen schönen Blick auf den Signal Iduna Park. Im Stadion des BVB können Zuschauer ein Heimspiel noch für elf Euro sehen. Es gibt 23 Logen, in der Allianz Arena in München sind es 106. Die Borussia, der Traditionsklub aus dem Ruhrgebiet, gilt als Klub der kleinen Leute. Watzke ist stolz auf das Image des Arbeitervereins. "Wir wissen nach wie vor, wo wir herkommen", sagt er.

Es gibt viele Probleme in Dortmund, in manchen Vierteln liegt die Arbeitslosigkeit bei 24 Prozent, am Borsigplatz, wo der BVB 1909 gegründet wurde, stehen die Drogendealer. "Diese Gesellschaft verliert immer mehr an gemeinsamen Themen, die Bindungskräfte erlahmen", sagt Watzke, "der Politik, den Verbänden, den Kirchen laufen die Leute weg. Aber der Fußball hat eine unfassbare Bindungskraft." Für die Menschen in Dortmund ist der BVB ein Anker im harten Alltag. Und Watzke will, dass der Klub für die Leute greifbar bleibt.

Er lehnt es ab, die Bundesliga für Großinvestoren zu öffnen, die dann mitbestimmen wollen. "Ein Investor will sein Geld irgendwann zurückhaben, sonst wäre er ja ein Gönner. Das bedeutet: Die Preise gehen nach oben. Da machen wir nicht mit. In Dortmund wird nicht massiv an der Preisschraube gedreht", sagt Watzke.

Andererseits will der BVB ein internationaler Topklub bleiben. Er muss deshalb Geld verdienen, viel Geld. Ein aktuelles Trikot der Borussia kostet daher im Fanshop in Dortmund etwa so viel wie ein Trikot des FC Bayern im Megastore in München: 80 Euro.

Ist das nicht zu teuer? Watzke denkt nach und sagt dann: "Das ist ein Preis, der sich am Markt bildet. Ich denke aber, dass hier die Grenze langsam erreicht ist."

Der Markt gibt es her. Dieser Satz fällt immer, wenn der Wucher, die vielen Unverhältnismäßigkeiten im Geschäft mit dem Fußball hinterfragt werden. Das ZDF bezahlt über 50 Millionen Euro aus Gebührengeldern, um ein paar Champions-League-Spiele übertragen zu dürfen. Der Markt gibt es her. Ein Durchschnittskicker wie Lewis Holtby verdient beim chronischen Krisenklub Hamburger SV 292000 Euro im Monat. Ohne Prämien. Der Markt gibt es her.

Natürlich ist das, was Holtby am Ball kann, keine 3,5 Millionen Euro im Jahr wert. Das Gehalt ergibt sich aus einer Wette auf die Zukunft, die Vereine bei jedem Spielerkauf eingehen. Im Fall von Holtby waren Hamburger Funktionäre offenbar der Meinung, dieser Kicker würde ihre Mannschaft weiterbringen, und sie würden das Geld, das er kostet, schon wieder reinbekommen, durch eine gute Platzierung in der Tabelle. Hat nicht geklappt.

Es gibt Vereine in der Bundesliga, die es schaffen, kontinuierlich aus sportlichen Erfolgen Profit zu schöpfen. Aber alle leben von der größten, schier unerschöpflichen Ressource, die der Fußball hat: der Leidenschaft der Fans.

Aus ihr speist sich alles. Ohne die Leidenschaft der Hamburger Fans, die seit Jahren tapfer zu den Auftritten des HSV pilgern, würde es den Verein, nach Jahrzehnten der Misswirtschaft, nicht mehr geben. Bei der Sanierung des hoch verschuldeten BVB vor gut zehn Jahren hat Klubchef Watzke einen großartigen Job gemacht. Aber ohne die treuen Anhänger, die das Stadion auch in der Krise füllten, wäre die Borussia heute nicht die zweitstärkste Marke im deutschen Fußball. "Echte Liebe", so lautet der PR-Slogan von Borussia Dortmund.

Fans bilden das Kraftzentrum des Fußballs. Diese Energiequelle wird gnadenlos ausgebeutet. Die günstigsten Dauerkarten in der Bundesliga sind seit 2010 im Schnitt um 13 Prozent teurer geworden. Das Bier in den Arenen kostet immer mehr, die Bratwurst auch. Um die horrenden Summen für die TV-Rechte wieder hereinzubekommen, erhöhen die Bezahlsender die Abo-Preise. Damit die Anhänger jede Spielzeit ein neues Trikot kaufen, verändern die Klubs das Design oder die Farbe der Hemden.

Was passiert mit dem ganzen Geld? Es wird für immer teurere Spieler ausgegeben, die immer mehr verdienen wollen. Und für deren Berater. Eine Milliarde Euro gaben Klubs voriges Jahr weltweit für Agenten aus. Ein Kreislauf des Irrsinns.

Dortmunds Klubchef Watzke sagt: "Dieser Kreislauf wäre schnell zu Ende, wenn die Leute nicht mehr ins Stadion kommen und die TV-Quoten sinken. Dann würde in allen Bereichen eine Abwärtsbewegung beginnen."

Immer im Januar treffen sich beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt am Main die Manager der deutschen Profivereine. Seit zwölf Jahren verkündet die DFL, der Vermarkter der Bundesliga, einen neuen Umsatzrekord für die zurückliegende Saison. Der aktuelle liegt bei 3,24 Milliarden Euro. Zum Ritual der Veranstaltung gehört, dass DFL-Chef Christian Seifert in einer kleinen Rede ausführt, warum es in Zukunft so weitergehen werde. Nämlich weil das Produkt, das man abliefere, einfach saugut sei. Anschließend gehen alle ans Buffet und essen sich satt.

Fußball ist eine Blase, die so bald nicht platzen wird. Das ist die Botschaft der Feier in Frankfurt. Aber stimmt diese Botschaft?

Sepp Herberger hat mal gesagt, die Leute würden auch deshalb so gern ins Stadion gehen, weil sie nicht wüssten, wie es ausgeht. Heute weiß man, wie es ausgeht.

Die Champions League wird von den Großklubs aus Madrid, Barcelona, Turin und München dominiert, die deshalb auch die höchsten Prämien einstreichen und sich somit immer weiter vom Rest absetzen. In Deutschland werden die Bayern vorzeitig Meister - in dieser Saison zum fünften Mal hintereinander.

Bei der DFL ist man nicht glücklich über die Überlegenheit der Münchner. Ein Spitzenspiel wie das gegen RB Leipzig ließe sich in den USA und in Asien eigentlich gut vermarkten. Aber nur, wenn es wirklich um etwas geht.

In Fanforen artikuliert sich bereits der Frust über die große Langeweile. Die Verbände aber wollen nicht regulierend eingreifen, Gelder gerechter verteilen, um so den Wettbewerb wiederzubeleben. Stattdessen wird das Angebot erweitert. Die Champions League wurde längst aufgestockt, im nächsten Jahr soll es einen zusätzlichen Wettbewerb für die Nationalteams geben. Die Fifa hat die Teilnehmerzahl bei Weltmeisterschaften ab 2026 von 32 auf 48 Mannschaften erhöht.

Mehr Spiele bringen mehr Geld. Die Rechnung der Funktionäre ist ganz einfach.

Diese Rechnung werde nicht aufgehen, meint Bundestrainer Joachim Löw; er beklagt, dass unter der Masse der Spiele "die Qualität" leide. Der Teammanager des Nationalteams, Oliver Bierhoff, warnt inzwischen davor, die Kommerzialisierung noch weiter voranzutreiben. Irgendwann werde es sonst "knallen".

Es knallt bereits. Anfang Mai verkündete der Deutsche Fußball-Bund (DFB), Länderspiele künftig auch in kleineren Stadien austragen zu wollen, weil zuletzt die Partien in den großen Arenen in Dortmund und Mönchengladbach nicht ausverkauft waren.

Spielszene Bayern gegen Hertha BSC
AFP/Getty Images

Spielszene Bayern gegen Hertha BSC

Fußball ist das beliebteste Spiel der Deutschen. Der Profifußball aber hat ein Imageproblem. Die Fanvereinigung FC PlayFair!, in der sich Fußballsympathisanten zusammengetan haben, hat beim Deutschen Institut für Sportmarketing eine Studie in Auftrag gegeben, die den Blick von Anhängern auf den Kommerzfußball abbilden soll. Die Untersuchung ergab: Die Leute haben das Monopoly satt. Spielergehälter und Ablösesummen, so heißt es in der Analyse, würden vom Publikum als "realitätsfremd" wahrgenommen werden. Viele Fans hätten das Gefühl, es gehe "nur noch um noch mehr Geld".

Die Zahl der Verweigerer steigt. Es sind Romantiker, die lieber Kickern in der fünften Liga zugucken, als Geld für ein Spiel in einer mit Werbung zugepflasterten Großarena auszugeben. Es sind Väter, die mit ihren Kindern nicht ins Stadion gehen können, weil so ein Ausflug ein viel zu teures Vergnügen geworden ist. Es sind Leute, die es ärgert, dass ihr Spiel von der Fifa verschachert und eine WM nach Katar vergeben wird. Es sind Eltern, die genervt sind vom Hype um den Fußball und die nicht wollen, dass ihre Kinder in diese Mühle geraten.

Zu den Verdrossenen gehört auch der Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu. Der Grünenpolitiker, der in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen ist, hat früher mal bei Türkiyemspor gespielt. Er sitzt für seine Partei im Sportausschuss des Bundestags und arbeitet sich unter anderem an den Zuständen im Profisport ab.

Mutlu ist eine Empörungsmaschine. DFB-Sommermärchen-Affäre, Fifa-Skandal, Infantino-Intrigen, die Football-Leaks-Enthüllungen des SPIEGEL - immer wenn irgendwo etwas hochgekocht ist, verschickt der Parlamentarier Statements an die Medien, in denen er wortgewaltig Aufklärung fordert, Aufarbeitung, Reformen.

Mutlu hat sein Büro in der Nähe des Bundestags. Oft sieht er auf dem Weg zu Ausschusssitzungen Freizeitkicker auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude bolzen. Das gibt ihm das Gefühl, dass Fußball Menschen zusammenbringen kann.

Aber dann liest Mutlu, dass Fußballstars versuchen, mit Tricksereien Steuergelder zu sparen. Er frage sich dann, ob Fußballer die richtigen Vorbilder seien. Seine Antwort darauf laute immer öfter: nein.

Mutlu hält hin und wieder Vorträge an Berliner Brennpunktschulen. Seine Karriere als Politiker soll den Schülern zeigen, wohin man es in Deutschland als Kind aus einer Einwandererfamilie bringen kann. Bis in den Bundestag. Wenn er seine Zuhörer dann fragt, was sie später mal machen wollen, sagen fast alle Jungen: Fußballer werden.

Für die Fifa, den DFB, für die Klubs sind das gute Nachrichten. An Nachwuchs mangelt es nicht. Für Mutlu ist es eine Katastrophe. "Diese jungen Menschen träumen von einer Scheinwelt, in der ja nur die wenigsten Fuß fassen können." Vor allem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund seien fixiert auf Fußball, der ihnen den sozialen Aufstieg ermöglichen soll. Bestärkt würden sie durch Stars, die vor ihren Sportwagen posieren und solche Bilder ins Internet stellen. Mutlu ärgert das. Sport sei eigentlich ein Integrationsmotor. Wenn jedoch Kinder aus Einwandererfamilien statt auf Bildung und Schule auf ihre Künste am Ball setzten, wenn der Fußball falsche Anreize schaffe, "dann wird er irgendwann schädlich für die Integration".

Mutlu findet, dass der Profifußball der gesellschaftlichen Relevanz, die ihm beigemessen wird, nicht gerecht wird. Der Politiker wünscht sich, dass noch mehr Fans den Kommerz boykottieren. Sie sollten sich ihr Spiel zurückholen. Empört euch!

Mutlu hat keine Stimme in der Fußballwelt. Er wird nicht zu Länderspielen eingeladen. Parlamentarier unterhalten sich oft über Fußball. Über den letzten Spieltag, die aktuelle Tabelle, das letzte Supertor von Lewandowski. Aber während man in Berlin die schamlosen Boni und Gehälter mancher Banker und Konzernmanager jetzt begrenzen will, bleiben die Profiteure des Fußballs unbehelligt. Warum? Ist Fußball doch nicht so wichtig? Oder zu wichtig?

Die Autoren des SPIEGEL-Buchs "Football Leaks", die sich monatelang durch den Sumpf des Kommerzfußballs gearbeitet haben, versuchen, auch darauf eine Antwort zu geben. Sie schreiben: "Die Leidenschaft, die im Spiel ist, das Bangen wie das Hoffen, die Wucht der Masse, die Sehnsucht nach Erlösung, das Perpetuum mobile der Gefühle, all dies hat eine Verführungskraft, die die Verstandeskraft bezwingt." Amen.

Doch die Zahl derer, die nachdenklich werden, steigt. Die erste Auflage von "Football Leaks" war kurz nach Erscheinen ausverkauft.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
andreasm.bn 20.05.2017
1. ich warte auf den Tag,...
an dem der FIFA, der UEFA und der DFL die ganze korrupte Soße um die Ohren fliegt! Und es wird mir eine Freude sein. Mitleid werde ich maximal mit den kleinen Vereinsangestellten haben. Diesen ganzen abgekarteten Müll tue ich mir nur noch höchst selten an. Wer braucht all diesen vollkommen sinnlosen Wettbewerbe wie Confed-Cup, aufgeblähte Weltmeisterschaften mit 2/3 Mannschaften, die nur Kanonenfutter sind. Dazu noch irgend 'n bescheuerter Nationen-Cup. Von mir aus dürfen all diese Wettbewerbe + CL gerne im Pay-TV laufen, ich werde mit Sicherheit keinen müden Cent dafür ausgeben.
Crom 20.05.2017
2.
Fast alle Stadien der Bundesligisten sind gut ausgelastet. Vielerorts denkt man über Neubau oder Aufstockung nach.
Smarty- 20.05.2017
3. Vielleicht fangen wir mal an...
... die Vereine nicht wie Vereine sondern wir gewinnorientierte Gesellschaften zu behandeln, mit allen steuerrechtlichen Konsequenzen.
the_master 20.05.2017
4. Also ich schau kein Fußball mehr
Mich haben sie verloren.
tmayer 20.05.2017
5. Es lockt das Geld
Bundesliga ist stinklangweilig geworden, nachdem nur noch ein Verein die Meisterschale bekommt und das auch noch 10 Wochen vor Ende feststeht. Die Spieler bekommen den Hals auch nicht voll, wenn sie den Verein wechseln, nur weil der statt 18 Mio, 20 Mio bezahlt. Damit wird die Langeweile noch weiter forciert. Spannend ist nur noch der Tabellenkeller und dieses Jahr mal wieder der DFB-Pokal...wobei wahrscheinlich auch hier der Sieger wohl feststeht.
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