AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2017

Fans kontra Kommerzfußball "Wenn sich die große Liebe als geldgeile Prostituierte entpuppt"

Die Fans in den Stadionkurven fühlen sich abkassiert und kriminalisiert. Ultras rufen bereits zum "Krieg gegen den DFB". Ist der Fußball noch zu retten?

Ultras von Dynamo Dresden im Mai in Karlsruhe
DPA

Ultras von Dynamo Dresden im Mai in Karlsruhe

Von Jesko zu Dohna, , Thilo Neumann, Thorsten Poppe und


Das Spiel ist noch nicht ganz drei Minuten alt, da sitzt Rainer Koch eingenebelt auf der Haupttribüne des Magdeburger Stadions. "Tolle Fußballatmosphäre. Genau das, was wir wollen", hat er gerade noch gesagt und durchs weite Rund geschaut. Jetzt nimmt der Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Brille ab und reibt sich mit beiden Händen die Augen. Er atmet schwer.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Links die Heimfans, rechts die Rostocker, knapp 21.000, ein aufregendes Ostderby in der dritten Liga. Dann explodiert im Rauch ein Böller, es gibt einen ohrenbetäubenden Knall. Der Magdeburger Fanblock ist eine feuerrote Wand, erzeugt durch 50 Bengalos. Der Schiedsrichter unterbricht das Spiel, er hat keine andere Wahl: Man sieht nichts mehr.

Nach einigen Minuten ist der Rauch verzogen, es geht weiter, Koch hat seine Brille wieder aufgesetzt; über die tolle Stimmung möchte er nun nichts mehr sagen. Der 58-Jährige, im Hauptberuf Strafrichter, redet jetzt über Gesetze, die Polizei, die Gefahr von Pyrotechnik. Er sagt: "Das hier entspricht natürlich nicht den Regularien." Man dürfe nicht zulassen, dass Stadien zu rechtsfreien Räumen werden.

Koch ist eigentlich gekommen, um die Wogen zu glätten, den Dialog aufzunehmen: zwischen den hartgesottenen Fans, Randalierern und Pyrofreunden auf der einen Seite und dem DFB und den Managern, die Fußball als Geschäft betrachten, auf der anderen Seite.

In den vergangenen Monaten waren die beiden Welten wie niemals zuvor aneinandergeraten. Das Fernsehen hatte brennende Fahnen und Spruchbänder mit Hass in den Stadien gezeigt, Pfeiftiraden waren zu hören, sobald ein Funktionär zu sehen war.

Das Fußballgeschäft boomt. Nie machten die Vereine mehr Umsatz, verdienten die Spieler besser, drängte das große Geld aggressiver in die Bundesliga. Doch in den Stadien rumort es.

Die Ultras, die lärmende Gruppierung meist jugendlicher Fans, brüllen ihren Ärger über den "scheiß DFB" heraus. Sie schreiben "Krieg dem DFB" und "Fick dich, DFB" auf ihre Plakate. Damit protestieren sie gegen vieles: die Kommerzialisierung des Sports, die Aufsplittung der Anstoßzeiten, Kollektivstrafen, das Verbot von Pyrotechnik. Sie wollen weder Helene Fischer in der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Endspiels in Berlin sehen noch Chinas U-20-Nationalmannschaft im Duell mit deutschen Regionalligisten.

Showstar Fischer im Mai beim Pokalfinale
AFP

Showstar Fischer im Mai beim Pokalfinale

Sie fühlen sich verkauft, verfolgt, kriminalisiert. Sie schimpfen deshalb auf die "Fußball-Mafia DFB" und deren Helfer in der Polizei, in der Politik und bei der "Bild"-Zeitung.

Rainer Koch soll es nun richten, er reist durch die Stadien, fotografiert die Protestbanner. Er ist unterwegs für den neuen Weg des DFB. Mitte August hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel einen Kurswechsel verkündet, die Kollektivstrafen für Fans erst einmal außer Kraft gesetzt, mit denen seit Jahren Ausschreitungen und das Abfackeln von Bengalos und Rauchtöpfen, die Pyroaktionen, geahndet wurden. Es war eine der wichtigsten Forderungen der Fans an die Fußballbosse.

Koch versteht nicht, warum es überhaupt diesen Kampf der Kulturen im Stadion gibt. Warum ihm so viel Hass entgegenschlägt. Die Eintrittspreise? Im Vergleich zur englischen Liga sehr niedrig. Stehplätze? Gibt es, "und das wollen wir auch so". Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale? Na ja, sagt Koch, das würde man so nicht mehr machen: "Das war eine Fehleinschätzung."

Auf seinem Smartphone ruft Koch die Umfrage eines Uniprofessors auf. Sie hat ergeben, dass die Mehrheit der Fans mit dem Fußball in seiner heutigen Form zufrieden ist. Dass die meisten der Meinung sind, die Ultras nähmen sich zu wichtig.

Aber was sagen solche Umfragen schon aus? Das Showpublikum ist längst in der Mehrheit, der Stehplatzfan fühlt sich abgedrängt.

Jan Orth ist Richter am Landgericht Köln. Der Herausgeber der "Zeitschrift für Sport und Recht" beobachtet seit Jahren den Umgang der Vereine und Verbände mit den Zuschauern, er befürchtet, dass die Leidenschaft für den Fußball verloren geht. "Rauft euch zusammen, Männer", fordert er deshalb die Parteien auf, der "anachronistisch-autoritäre Geltungsanspruch" der Funktionäre habe ebenso ausgedient wie das Gehabe der Ultras, dass "nur sie allein ,die Guten' im Fußballgeschäft sind".

Wenn es doch so einfach wäre. Der Graben ist mittlerweile so tief, dass der Konflikt mit Appellen allein nicht mehr zu befrieden ist. Der Fußball "bastelt sich sein neues Publikum", sagt der TV-Kommentator Marcel Reif. Und in diesem "Raubtierkapitalismus" habe der traditionelle Fan keinen Platz mehr. "Es tut natürlich weh, wenn sich die ganz große Liebe als geldgeile Prostituierte entpuppt hat", und das löse eine "üble Eskalation der Worte" aus.

Auf einem großen Plakat beschimpften Kölner Fans Anfang November den Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp, 77, als Sohn einer Hure und eines Nazis. Der Anwalt des SAP-Gründers forderte daraufhin, Spiele abzusagen oder abzubrechen, sofern sich Schmähungen dieser Art auf den Rängen wiederholten. Wegen der Beleidigung stellte er zudem Strafanzeige.

Doch wer nach dem Staat fragt, sobald es im Stadion laut und schmutzig wird, vergisst die Geschichte dieses Sports. "Bis vor 20, 30 Jahren war Fußball in Deutschland ein klassisches Vergnügen für Männer", sagt der Zürcher Historiker Christian Koller, der zur Kultur- und Sozialgeschichte des Fußballs forscht.

Erst in den vergangenen Jahren habe sich Fußball zu einer Eventsportart entwickelt. Mit dem Ausbau der Sitzplätze und dem Anheben der Preise würden die Vereine eine gezielte Strategie verfolgen: Man möchte ein Publikum wie in den US-Profiligen haben. "Der Fußball ist heute sozial viel heterogener, die ganze Familie soll im Stadion und jeden Tag am Fernseher Fußball schauen", sagt Koller, "so ist es gewollt."

In diese Strategie passen die Kurvensteher nur noch als Stimmungsmacher fürs Stadion. Wer sich nicht benimmt, wird bekämpft. Manche Vereine würden sich am liebsten ganz von diesen Leuten trennen.

Dabei sind die Ultras so heterogen wie die gesamte Gesellschaft. Es gibt linke und rechte Ultras, sozial engagierte und solche, die sich nur dem Fußball verschrieben haben. Untereinander beharken sich manche, andere Gruppen sind miteinander befreundet.

Und natürlich gibt es die wirklich gewaltaffinen und nationalistischen Hooligans. Sie stellen aber schon lange nicht mehr den Fußball in den Mittelpunkt, sondern haben sich wie die "Boyz" aus Köln oder die "Desperados" aus Dortmund abgekapselt. Auch die selbst ernannten Krieger von Dynamo Dresden, die im Mai in Karlsruhe wie eine Armeeeinheit das Wildparkstadion enterten, gelten als nationalistisch-rechts.

So unterschiedlich die Gruppen aber auch sind, sie eint der Hass auf den DFB - und die Ablehnung von Polizei und Justiz. Und die Wut auf die "Bild"-Zeitung. Vor einer reißerischen Serie über den "Brennpunkt Stadion" hatte deren Chefredakteur im August angekündigt, künftig "Gewalttäter in den Kurven klar identifizierbar in ,Bild' zeigen" zu wollen.

Dabei sind die Instrumente der staatlichen Sicherheitskräfte auch ohne die Fahndungshilfe der "Bild" bereits beachtlich: Kameraüberwachung, Platzverweise, Empfehlung von Stadionverboten, Gefährderansprache vor den Spielen, Speicherung von Personendaten.

Die Polizei darf Fans sogar präventiv in Gewahrsam nehmen, falls sie davon ausgeht, dass Fans in der Gruppe Straftaten begehen wollen. So geschehen im November 2016, als die Polizei in Hildesheim 170 Hannover-Anhänger auf einem Parkplatz stoppte. Alles rechtens, urteilte jüngst das Verwaltungsgericht Hannover. Selbst die Gebührenbescheide für einige Fans über jeweils 95 Euro (45 Euro für Transportkosten, 50 Euro für die Unterbringung über zwei Tage) seien nicht zu beanstanden.

Solche Urteile steigern den Hass ebenso wie Polizeiaktionen, etwa beim Nordderby Ende September. 170 Werder-Bremen-Ultras fuhren in eigenen Autos nach Hamburg. Diese Art der Anreise galt der Polizei als gezielte Provokation. Sie stellte die Ultras mit gezogener Waffe an ihrem Treffpunkt auf einem Hamburger Parkplatz. Die Personenkontrollen zogen sich bis nach Spielschluss hin. Bilanz dieser Kontrolle: ein Messer, ein Pfefferspray, drei Sturmhauben, fünf Schlauchschals und zwei Mundschutze.

Andreas Ruch, Kriminologe an der Universität Bochum, forscht zum Verhältnis von Fußballfans und Polizei. Er fand heraus, dass die meisten Straftaten von Fans jugendtypische Bagatelldelikte wie Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Schwarzfahren sind. Hinzu kämen Hausfriedensbruch oder Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz (Pyrotechnik). Auch Körperverletzungen gebe es, meist bedingt durch die aufgeheizte Stimmung, den Alkoholkonsum und die Rivalität von Fangruppen. Schwere Straftaten seien die absolute Ausnahme.

Tatsächlich ist die Gefahr, im Stadion verletzt zu werden, nicht gestiegen, wie die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze zeigen.

Pro Wochenende kommen rund 35.0000 Menschen zu den Bundesligaspielen, viele davon sind jung, männlich, einige angetrunken. An einem normalen Spieltag im vergangenen Jahr verhängte die Polizei gegen 156 Personen freiheitsentziehende Maßnahmen und stellte 53 Strafanzeigen. Zum Vergleich: An einem Kiezwochenende kurz zuvor kamen rund 50.000 Menschen auf Sankt Paulis Reeperbahn. Die Polizei nahm dabei 5 Personen in Gewahrsam und stellte 19 Strafanzeigen.

Das Fußballstadion ist kein gefährlicher Ort. Aber die Regelverstöße geschehen im Blickfeld der TV-Kameras und gelangen so in die Wohnzimmer der Republik - deshalb der Ehrgeiz, jeglichen Krawall zu unterdrücken. Und die Anstrengung, potenzielle Krawallmacher zu bekämpfen.

Ende Juni vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf: Drei junge Männer stehen rauchend vor dem Eingang. Keiner passt hier so richtig hin. Während elegante Frauen auf dem Weg zur Kö an ihnen vorbeistöckeln, drehen sich die Ultras von Rot-Weiß Oberhausen in Jeans und T-Shirt nervös Zigaretten. Sie werden begleitet von ihrem Rechtsanwalt und den Mitarbeitern des Oberhausener Fanprojekts. An diesem Tag trifft die 14. Kammer des Gerichts eine Entscheidung, die wegweisend für alle Stadionkurven im Land sein wird.

Anfang 2016 hatte die Stadt Oberhausen bei 15 RWO-Ultras eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet. Es folgten Einsprüche der Betroffenen gegen diesen sogenannten Idiotentest, auch der Verein positionierte sich damals gegen diese Bestrafung.

Im Januar erhielten 4 der 15 Ultras die Ankündigung, ihnen werde der Führerschein entzogen, nur eine MPU könne dies verhindern. Gegen diese Bescheide klagten die 4 Betroffenen vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf.

Die Vorsitzende der Kammer macht klar, welcher Rechtsauffassung sie sei. Es lägen ausreichend Straftaten mit Ansatzpunkten für hohes Aggressionspotenzial vor.

So führt die Richterin etwa an, dass einer der Ultras einen Duisburger Fan mit der Faust geschlagen habe, als dieser sich im Oberhausener Fanblock aufhielt. Dafür wurde der RWO-Ultra zu 40 Tagessätzen à 15 Euro verurteilt. Als vorbestraft gilt er damit nicht. Dies ist erst der Fall, wenn die Strafe 90 Tagessätze übersteigt. Seine Mitstreiter sind ebenfalls nicht vorbestraft. Einer der Fans legt dem SPIEGEL ein erweitertes Führungszeugnis vor, in dem keine Eintragungen vermerkt sind.

Es reiche aus, wenn durch die Polizei hinreichend konkrete Ansatzpunkte für hohe Aggressivität vorlägen, meint die Richterin. Dafür brauche es kein Gerichtsurteil. Die Rechtsauffassung der Vorsitzenden lässt die betroffenen Ultras einlenken. Nach Rücksprache mit ihrem Anwalt akzeptieren sie den Vorschlag des Gerichts, die MPU zu absolvieren. Die Alternative, vor die nächsthöhere Instanz zu ziehen, können sie sich nicht leisten. Einigen ist auch die MPU zu teuer, sie kostet mehrere Hundert Euro. Am Ende verlieren alle vier ihren Führerschein.

Auch wegen der Pyrotechnik entsteht immer wieder Streit zwischen den Fans und ihren Gegnern. Ausgerechnet vor einem vereinbarten Termin zum Dialog zwischen Ultras und Funktionären forderte der Präsident des sächsischen Fußballverbandes Geldstrafen in Höhe von mehreren Tausend Euro für das Abbrennen der Fackeln.

Einige Vereinsvertreter sehen das Problem inzwischen differenzierter. Für viele Fans sei die Lichtshow "etwas Ästhetisches", sagt Axel Hellmann, Vorstand der Eintracht Frankfurt AG, sie sei aber auch ein "Ausdruck der Abwehrhaltung, des Protestes". Pyrotechnik sei damit ein Teil der Jugendkultur, auf die man anders reagieren müsse als auf normale Gewalt.

In der vergangenen Woche trafen sich die für Sport zuständigen Minister der Länder, sie zeigten sich besorgt über die "zunehmende Gewalt im Fußball", Pyro sei aus den Stadien zu verdammen. Für eine Freigabe "besteht aus meiner Sicht überhaupt kein Spielraum", sagte Herbert Reul (CDU).

Doch so einheitlich, wie die Innenminister sich nach außen geben, sind sie nicht. Boris Pistorius (SPD), Innenminister in Niedersachsen, sieht die Lage kritisch. Die Vereine seien dafür verantwortlich, dass Pyros nicht ins Stadion gelangen. Dieses Problem bekämen sie aber nicht unter Kontrolle. Er hatte deshalb im August vorgeschlagen, Pyro freizugeben unter Auflagen, in "bestimmten Bereichen". Die Idee dahinter: Ließe sich dadurch das unkontrollierte Abbrennen von Feuerwerkskörpern in Menschenmengen reduzieren oder vermeiden, stiege die Sicherheit.

In der Halbzeitpause des Ostderbys in Magdeburg sitzt DFB-Vize Koch in der Loge des Präsidenten Peter Fechner. Er hört, wie Fechner die Pyroshow kurz nach dem Anpfiff rechtfertigt. "Das war Pyro zur Untermalung einer Choreografie, das war keine Aggression", sagt der Magdeburg-Boss, "wir wissen doch alle, dass das Pyroverbot nicht eingehalten wird." Man könne es auch nicht verhindern: "Es hat schon falsche Schwangere gegeben, die heimlich Bengalos ins Stadion geschmuggelt haben."

Koch isst seine Bockwurst und schweigt. Mehr kann er hier in Magdeburg nicht tun.

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