AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

SPIEGEL-Leitartikel Was die nächste Regierung ändern muss

Laut Statistik steht Deutschland gut da. Doch viele Menschen sind verängstigt. So geht es nicht weiter.

Ein glückliches Land?
Imago/ Bildgehege

Ein glückliches Land?

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Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Glück gibt es immer nur für Momente, sonst wäre es kein Glück. Glück ist ein Ausnahmezustand. Ist Deutschland nun, da die Regierung neu gewählt wird, eine glückliche Nation?

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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

Deutschland wird bewundert für seinen Wohlstand. Die Arbeitslosigkeit ist in den vergangenen zwölf Jahren von 11,6 auf 5,7 Prozent gefallen, der Bundeshaushalt ist ausgeglichen. Dies ist auch das Verdienst der Politik, nicht nur Angela Merkels, sondern ebenso ihres Vorgängers, eines Sozialdemokraten, der die entscheidenden Reformen durchsetzte.

Deutschland ist offener und toleranter als früher. Homosexuelle können heiraten, junge Deutsche studieren überall, die Welt ist gern hier zu Gast.

Mit dem Glück aber ist es kompliziert. Es beschreibt eine innere Verfasstheit, die mit äußerem Wohlergehen einhergehen kann, jedoch nicht muss. Ein reicher Mensch ist nicht automatisch glücklich. Und - noch komplizierter: Manchmal bewirkt Glück an der einen Stelle wiederum Unglück an einer anderen.

Deutschland behauptet sich in einer globalisierten Welt. Und dennoch ist mit der AfD eine Partei stark geworden, die das Gegenteil von Glücksgefühlen artikuliert: Angst, Hass, Unsicherheit. Und nicht nur AfDler äußern sich so.

Globalisierung birgt Chancen für alle, aber eben auch Unsicherheit für Einzelne. Für diejenigen, die Fremdsprachen beherrschen, ist es praktisch, wenn in Firmen Englisch gesprochen wird - Glück also. Wer hier kaum vorgebildet ist, bekommt jedoch Angst. Dass Maschinen Arbeit abnehmen, ist ein Glück, Arbeit durch Maschinen zu verlieren ein Unglück.

Eine neue Bundesregierung muss sich auch weiter um das äußere Wohlergehen bemühen, das ist im Zeitalter der Globalisierung anspruchsvoll. Sie muss sich aber sorgsamer, als Angela Merkel dies bislang getan hat, den inneren Spannungen stellen, der unterschwelligen Unruhe, der großen Unsicherheit. Sie sollte endlich auf diese unüberseh- und unüberhörbare Verunsicherung reagieren - genau: Regieren heißt auch reagieren.

Das wichtigste Globalisierungsthema ist die Digitalisierung. Die neue Regierung muss schnell die Netze ausbauen, Deutschland ist derzeit nicht modern genug. Sie muss Start-ups die Rahmenbedingungen geben, damit sie mit US-Großkonzernen mithalten können. Zugleich muss allen Bürgern die Chance gegeben werden, selbst digitalkompetent zu werden, denn je größer die Kompetenz, desto kleiner die Angst. Digitaler Ausbau heißt vor allem: digitale Bildung. Haushaltsüberschüsse hier zu investieren - in sogenanntes menschliches Kapital - wäre dringend erforderlich. Zugleich braucht es Regeln. Verbraucher müssen wissen, was mit ihren Daten geschieht. Das deutsche Recht muss mit supranationalen Unternehmen wie Google umgehen können. Regeln schaffen Sicherheit. Sicherheit schafft Ängste ab. Wandel ist an Sicherheit gebunden.

Vor allem braucht es einen neuen Kommunikations- und Führungsstil an der Regierungsspitze. Angela Merkel mag fleißig gewesen sein, aber sie wirkte viel zu oft teilnahmslos. Große Projekte wie die Energiewende, die Aussetzung der Wehrpflicht oder die Flüchtlingspolitik hat sie überstürzt beschlossen und kaum erklärt. Somit ist die Flüchtlingskrise vielleicht äußerlich bewältigt, innerlich ist sie es längst nicht.

Merkel hat Signale in alle Richtungen gesendet, zuletzt bei der Ehe für alle. Signale in verschiedene Richtungen sollen in alle Richtungen beruhigen, sie schaffen aber Unsicherheit, weil nicht klar wird, wie nun alles gemeint ist. Die Merkelhasser - ein neues deutsches Wort - haben auf Pegida-Märschen geschwiegen und im Wahlkampf gebrüllt. Schweigen oder Brüllen sind Ausdruck einer Beziehungsstörung. Wer schweigt oder brüllt, der glaubt nicht mehr an den Austausch von Argumenten, an eine konstruktive Streitkultur. Um sich mit einer Regierung konstruktiv auseinanderzusetzen, muss man deren Position kennen. Auseinandersetzung schafft Sicherheit, mit der eigenen Position, mit der der anderen.

Glück ist vergänglich. Der haltbarere Zustand ist die Zufriedenheit. Darum sollte es gehen: um die Zufriedenheit. Anders als das Glück, das im Rausch und im Moment entstehen kann, braucht Zufriedenheit Sicherheit, damit sie sich überhaupt entwickelt. Keine Regierung kann jeden absichern, aber da es eben immer auch um Gefühle geht, wäre mit der Investition in Kompetenzen, dem Aushandeln von Regeln und einer klaren Kommunikation schon viel gewonnen.



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