AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2018

Missmanagement bei der Bundeswehr Die Geisterflotte

Bei der Marine ist eine ganze Waffengattung ausgefallen. Was machen U-Boot-Fahrer ohne Boot?

Fregattenkapitäne Johst, Grabienski: Pioniere des Mangels
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

Fregattenkapitäne Johst, Grabienski: Pioniere des Mangels

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Der Nebel hat sich hinter das Ufer verzogen, die Ostsee liegt glatt und glitzernd da. Manfred Grabienski kneift die Augen zusammen, die Kapitänsmütze hat er tief ins Gesicht geschoben. "Ach", seufzt er, "diese Silhouette, ist sie nicht elegant?" Lars Johst antwortet nicht. Er hängt seinen Gedanken nach. Schweigend stehen die beiden Fregattenkapitäne nebeneinander und blicken aufs Meer. Lautlos gleitet "U31" in die Hafeneinfahrt, zwei Möwen paddeln in aller Ruhe zur Seite, und jetzt ist es Johst, der leise seufzt. Das Boot fährt, wenigstens das.

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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Mehr kann er in diesen Tagen nicht erwarten. Johst ist Kommandeur einer Geisterflotte. Er befehligt das "1. Ubootgeschwader" der Marine in Eckernförde, Grabienski leitet das Ausbildungszentrum. Schon die Nummerierung der Einheit ist irreführend, ein zweites Geschwader gibt es nicht. Johst unterstehen die letzten U-Boote, die der Bundeswehr nach dem Ende des Kalten Kriegs geblieben sind. Früher waren es 24, jetzt sind es noch 6. Kein einziges ist einsatzbereit.

Als "U31" an diesem Nachmittag an der Kaimauer vertäut ist, klettern Techniker mit Laptoptaschen aus dem Bauch. 19 Monate lang lag das älteste U-Boot der Marine in Kiel im Dock, jetzt fährt es endlich wieder. Doch nun muss monatelang getestet werden, ob das komplizierte Zusammenspiel der Hightechsysteme an Bord auch nach der Reparatur noch funktioniert. Erst dann kann "U31" wieder in den Einsatz. Die anderen fünf Boote sind in der Werft oder warten auf einen Reparaturtermin.

Bei Johst und Grabienski in Eckernförde sind die Verwüstungen zu besichtigen, die ein Vierteljahrhundert Sparen und Missmanagement bei der Bundeswehr hinterlassen hat. Dass die Truppe mit zu wenig und zu altem Material operiert, gehört zum Alltag deutscher Soldaten. Dass aber eine gesamte Waffengattung fast ein Jahr lang ausfällt, ist in der Geschichte der Bundeswehr einmalig.

So sind Johst und Grabienski unfreiwillig zu Pionieren des Mangels geworden. Sie müssen hoch qualifizierte Mannschaften bei Laune halten, die jahrelang trainiert haben, das komplexeste Waffensystem der Bundeswehr zu bedienen. Alles Freiwillige, die jetzt monatelang auf dem Trockenen sitzen und darauf warten, dass sie endlich wieder auslaufen dürfen.

Johst versetzt es jedes Mal einen Stich, wenn die Presse über den miserablen Zustand seines Geschwaders schreibt. U-Boot-Fahrer tauchen unter und operieren wochenlang im Verborgenen. Im Lauf der Jahre wird das Klandestine zur zweiten Natur. Und nun diese hässlichen Schlagzeilen.


Im Video: U-Boote - Im Bauch der Marine
SPIEGEL-Redakteur Konstantin von Hammerstein über seine Probefahrt im U-Boot-Simulator und die Begeisterung der Besatzung

Helena Manhartsberger / Der Spiegel

Spätestens jetzt werden die Russen wissen, wie es um die deutsche U-Boot-Flotte bestellt ist. So wie es dem westlichen Bündnis nicht entgangen ist, dass Moskau in den vergangenen Jahren massiv in die eigenen Unterseeboote investiert hat. Im Dezember schlug Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg Alarm. Seit 2014 habe Russland sein Arsenal um 13 auf inzwischen 60 U-Boote erweitert. "Die russischen U-Boot-Aktivitäten sind jetzt auf dem höchsten Niveau seit dem Kalten Krieg", sagte Stoltenberg.

Die Nato-Militärs treibt um, dass die Russen offenbar auch die transatlantischen Unterseekabel ins Visier genommen haben, über die ein großer Teil des internationalen Datenverkehrs abgewickelt wird. Ein umgebautes altes Raketen-U-Boot scheint inzwischen in der Lage zu sein, mehrere Klein-U-Boote auszusetzen, mit denen die sensiblen Glasfaserkabel in großer Tiefe angezapft oder gekappt werden könnten. Es wäre ein Albtraum für die globale Wirtschaft.

Die hochmodernen deutschen U-Boote sind besonders geeignet, die russischen Aktivitäten zu überwachen. Sie sind klein und leise, mit ihren Brennstoffzellen können sie aus Wasser- und Sauerstoff Strom produzieren und so länger als andere unsichtbar unter Wasser operieren. Und sie sind mit modernster Sensortechnik ausgestattet. Die Boote der Klasse 212A gelten als die besten konventionellen U-Boote der Welt. Wenn sie denn fahren würden.

Doch das tun sie nicht, und so laufen in Grabienskis Ausbildungszentrum die Simulatoren von sieben Uhr morgens bis Mitternacht im Schichtbetrieb. Wenn die U-Boote schon nicht tauchen, sollen die Besatzungen wenigstens auf dem Trockenen so tun, als führen sie zur See.

Es gibt zwei taktische Simulatoren, in denen die Operationszentrale des U-Boots nachgebaut ist, einen hydraulisch beweglichen Tiefensimulator, mit dem sich das Fahren über und unter Wasser annähernd realistisch üben lässt, und einen großen Lehrsaal mit Dutzenden grünen Bildschirmen, in dem das Orten mit Schallwellen trainiert wird. Die Anlagen sind auf dem neuesten Stand, und - sie funktionieren.

Zwei junge Offizierinnen mit Kopfhörer und Mikrofon starren in der Dunkelheit auf die Rechtecke und Halbkreise, die über ihren Bildschirm flimmern. Die beiden Frauen haben einen schweren Torpedo vom Typ "Seehecht" abgefeuert. Die baumdicken, sieben Meter langen Unterwasserwaffen werden über dünne Glasfaserkabel zum Ziel gesteuert. Sie sind vom feindlichen Schiff nicht zu erkennen und treffen automatisch dessen Mitte. Dort, einige Meter unter dem Kiel, detonieren sie.

Die 255 Kilogramm Sprengstoff erzeugen eine gewaltige Gasblase, die das Schiff mit enormer Wucht nach oben reißt, bevor es dann nach unten in das Wasserloch fällt, das die Blase hinterlassen hat. Selbst große Schiffe brechen dabei meist auseinander. Ist der Torpedo erst einmal abgefeuert, gibt es kaum eine Chance, ihm zu entkommen.

Die Simulatoren werden immer besser, die Szenarien immer realistischer, aber das Training auf See ersetzen sie nicht. Wer wüsste das besser als Johst? Als junger Offizier war er Kommandant auf "U18". Er kennt die Enge, die Gruppendynamik, den psychischen Druck und den Stress, wenn das Boot wochenlang nicht auftaucht.

Vor 15 Jahren hat sich Johst mit seinem Boot an einen US-Flugzeugträgerverband herangepirscht, um die U-Boot-Abwehr des Verbündeten zu testen. Er erinnert sich immer noch gern daran, wie er schließlich, nach Wochen unter Wasser, das Sehrohr ausfahren ließ und die USS "George Washington" aus kurzer Entfernung von der Seite und von hinten fotografierte, ohne dass die Amerikaner es gemerkt hätten. Keine Übung kann das ersetzen, Johst weiß das. Er ist unzufrieden, und seine Männer und Frauen sind es auch.

Alle U-Boot-Fahrer kennen die Drittelregelung, die in allen Seestreitkräften seit den Zeiten des legendären britischen Admirals Lord Nelson gilt. Ein Drittel der Schiffe liegt in der Werft, ein Drittel dient der Ausbildung, ein Drittel ist einsatzbereit. Doch da moderne Kriegsschiffe technisch immer komplexer werden, verlängern sich die Werftzeiten, und die Einsatzbereitschaft schrumpft.

Johst und seine Leute baden aber auch die Fehlentscheidungen der Neunzigerjahre aus. Nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation wurde die Bundeswehr geschrumpft. Das war die lang ersehnte Friedensdividende, die dringend benötigt wurde, um die Wiedervereinigung zu finanzieren.

1993 dann wurden deutsche Soldaten nach Somalia geschickt, die Ära der Auslandseinsätze hatte begonnen. Der politische Wille, Milliarden in ein Waffensystem zu investieren, das im Kalten Krieg eine große Bedeutung hatte, war nicht sonderlich groß.

In dieser Gemengelage einigte man sich auf einen Kompromiss. Die Marine durfte vier U-Boote der neuen Hightechklasse 212 bestellen, aber auf das übliche Ersatzteilpaket wurde verzichtet. Das sparte bei jedem der fast eine Milliarde Mark teuren Boote 250 Millionen bis 300 Millionen, hatte langfristig aber fatale Folgen.

"U31" im Marinestützpunkt Eckernförde: Fluch der kleinen Zahl
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

"U31" im Marinestützpunkt Eckernförde: Fluch der kleinen Zahl

Inzwischen sind die Arsenale der Marine leer, die Industrie hat keine Ersatzteile vorgehalten, denn dafür wurde sie nicht bezahlt. Neue gibt es nicht mehr, oder es dauert endlos, sie anzufertigen. Da deutsche U-Boote im Ausland gefragt sind, kommt die Industrie mit der Produktion kaum noch hinterher. Die Marine muss sich ganz hinten anstellen, die Wartezeiten werden immer unberechenbarer.

Als die Marine noch 24 U-Boote besaß, war das kein Problem. Selbst wenn eines überraschend ausfiel, gab es genügend andere. Doch inzwischen existieren nur noch sechs, und jedes unvorhergesehene Ereignis fällt schwer ins Gewicht. "Das ist der Fluch der kleinen Zahl", sagt Johst.

"U31" kam Ende Juli 2016 in die Werft nach Kiel und blieb 19 Monate. Bei der Wartung wurden viele verdeckte Schäden entdeckt, der Generator musste ausgetauscht, die Stahlhülle aufgeschweißt werden. Als der neue Generator geliefert wurde, stellte sich heraus, dass die Löcher für die gigantischen Befestigungsschrauben an der falschen Stelle gebohrt worden waren.

"U32" liegt in Eckernförde, darf aber nicht mehr gefahren werden, weil die Batterie viel zu schnell kaputtging. Beim Hersteller will die Bundeswehr nach den schlechten Erfahrungen nicht mehr einkaufen, zwei alternative Anbieter waren monatelang durch ein Kartellverfahren blockiert. Ein Werftplatz wird erst nächstes Jahr im April frei, dann liegt das Boot mindestens ein Jahr lang im Dock.

"U33" hat ähnliche Batterieprobleme, ging im März 2017 aber planmäßig in die Inspektion. In diesem Oktober soll es wieder fahren, muss dann aber wie alle anderen Boote monatelang getestet werden. "U34" liegt seit Januar zur Routine-Instandsetzung in der Werft und soll im nächsten Jahr fertig werden.

"U35" touchierte im Oktober vor Norwegen einen Felsen, ein Ruderblatt ist kaputt und das Gestänge deshalb ausgeschlagen. Das Boot wartet auf einen Werftplatz in Kiel, mit viel Glück wird es im Frühjahr nächsten Jahres wieder fahren können. "U36", das neueste Boot, befindet sich seit Juli 2017 in der Erstinspektion und soll im Juni wieder fahren.

In einer vertraulichen Präsentation ("Geschwindigkeit vs. Bürokratie") macht die Kieler Werft TKMS die schwerfällige Rüstungsverwaltung für die endlosen Verzögerungen mitverantwortlich: "Die Boote kommen mit einem unklaren Zustand in die Werft. Etwa 60 Prozent der Arbeit sind definiert, etwa 40 Prozent werden zusätzlich beauftragt, den Rekord hält 'U31' mit bisher 108 Zusatzaufträgen. Vom Auftreten des Problems bis zur Beauftragung vergehen oft mehr als vier Wochen. Teile, die beigestellt werden sollen, kommen verspätet, defekt oder gar nicht."

Das Ministerium hat nun die Verträge geändert und hofft auf eine Beschleunigung, doch bis dahin werden sich Grabienski und Johst weiter mit der Verwaltung des Mangels beschäftigen.

Es tröstet sie nicht, dass es anderen auch schlecht geht. Die Kampfschwimmer in Eckernförde warten seit sieben Jahren darauf, dass ihre Schwimmhalle endlich fertig wird. Aber das ist eine eigene Geschichte.



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