AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2017

Geheime Bundeswehrstudie Was, wenn der Westen zerfällt?

In einem Geheimpapier hat die Bundeswehr mögliche politische Szenarien bis zum Jahr 2040 durchgespielt. Die Strategen denken auch an das Schlimmste.

Bundeswehrsoldaten
DPA

Bundeswehrsoldaten


Wenn die Verteidigungsministerin von Europa spricht, liegt oft ein unterdrücktes Jubeln in ihrer Stimme. Brüssel ist ihre zweite Heimat: Ursula von der Leyen wurde dort geboren, ihr Vater war hoher europäischer Beamter, sieben Jahre lang ging sie auf die "Europäische Schule", und manchmal spielt die Ministerin mit dem Gedanken, ihre politische Karriere in Brüssel zu beenden.

Von der Leyen hat die europäische Verteidigungszusammenarbeit zu ihrem großen Thema erklärt. "Wir haben Quantensprünge nach vorne gemacht", verkündete sie Anfang September beim EU-Verteidigungsministertreffen in Tallinn. Vor einem Jahr sei die Skepsis noch groß gewesen, "doch jetzt spürt man förmlich, dass fast alle unbedingt mitmachen wollen".

Während die Ministerin in der Öffentlichkeit unermüdlich die Zukunft des geeinten Kontinents beschwört, werden manche Strategen im Berliner Bendler-Block beim Wort "Europa" eher depressiv. Sie kennen die "Strategische Vorausschau 2040", die Ende Februar von der Ministeriumsspitze abgezeichnet wurde. Das 102-Seiten-Dokument wird seitdem unter Verschluss gehalten.

Mit gutem Grund. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte spielte die Bundeswehr in den vergangenen Jahren durch, wie gesellschaftliche Trends und internationale Konflikte die Bundeswehrplanung beeinflussen können. Das Ergebnis sind sechs sicherheitspolitische Szenarien, die es in sich haben.

Im sechsten Szenario, dem schlimmsten ("Die EU im Zerfall und Deutschland im reaktiven Modus"), gehen die Bundeswehrstrategen von einer "multiplen Konfrontation" aus. Die Zukunftsprojektion beschreibt eine Welt, in der die internationale Ordnung nach "Dekaden der Instabilität" erodiert, die Wertesysteme weltweit auseinanderdriften und die Globalisierung gestoppt ist.

"Die EU-Erweiterung ist weitgehend aufgegeben, weitere Staaten haben die Gemeinschaft verlassen. Europa hat seine globale Wettbewerbsfähigkeit auf vielen Gebieten verloren", schreiben die Autoren. "Die zunehmend ungeordnete, zum Teil chaotische und konfliktträchtige Welt hat das sicherheitspolitische Umfeld Deutschlands und Europas dramatisch verändert."

Im fünften, etwas weniger üblen Szenario ("Westen versus Osten") frieren einige östliche EU-Staaten den Stand der europäischen Integration ein, während sich andere "dem östlichen Block angeschlossen" haben. Im vierten ("Multipolarer Wettbewerb") ist der Extremismus auf dem Vormarsch, und es gibt EU-Partner, die "sogar gelegentlich eine spezifische Annäherung an das ,staatskapitalistische Modell' Russlands" zu suchen scheinen.

Das Geheimpapier des Verteidigungsministeriums ist in jeder Beziehung bemerkenswert. In aller Klarheit beschreibt ein offizielles Dokument der Bundesregierung ein mögliches Scheitern der EU mit womöglich unübersehbaren Folgen für die Sicherheit Deutschlands. Und gleichzeitig werden amtliche Zukunftsszenarien aufgestellt, an denen sich die Bundeswehr orientieren soll - mit einer konkreten Rüstungsplanung, die in den nächsten Jahren entwickelt werden soll. Das gab es in dieser Form noch nie.

Andere Länder pflegen eine lange Tradition, strategische Zukunftsprognosen abzugeben. Die USA, Großbritannien oder die Niederlande blicken seit Jahren auf diese Weise in die Zukunft. Berlin hat sich bisher immer gesträubt. Das Risiko schien zu groß. Und die Gefahr, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllen würde, indem die Prognose genau die Entwicklung auslösen könnte, vor der man doch warnen wollte.

Die Autoren der "Strategischen Vorausschau 2040" weisen deshalb ausdrücklich darauf hin, dass sie keine Prognose abgeben. Aber, so schreiben die Wissenschaftler des Bundeswehr-Planungsamts, von denen die Simulationen erarbeitet wurden, "alle Szenarios sind mit dem Zeithorizont 2040 plausibel".

Streitkräfte denken in langen Planungszyklen. Eine Großorganisation wie die Bundeswehr mit etwa 180.000 Soldaten und 60.000 Zivilisten bewegt sich im Tempo einer Wanderdüne, Rüstungsprojekte sind extrem langwierig, allein die Entwicklung des "Eurofighters" dauerte Jahrzehnte. Wer die Streitkräfte der Zukunft planen will, muss deshalb eine ungefähre Vorstellung davon haben, welche Bedrohungsszenarien in zwei oder drei Jahrzehnten denkbar sind.

In Zeiten des Kalten Krieges waren die Bundeswehrplaner vor allem damit beschäftigt, neue Panzer oder Flugzeuge anzuschaffen, wenn die alten das Ende ihrer Lebenszeit erreicht hatten. Mit dem Ende der großen Ost-West-Konfrontation aber wurde die Welt unübersichtlich. Den Militärplanern fehlten die Parameter, an denen sie sich langfristig orientieren sollten. Die entscheidende Frage konnten sie nicht beantworten: Wie kann man stabil planen, wenn die Welt um einen herum völlig instabil ist?

Zukunftsszenarien, wie sie in anderen Ländern erstellt wurden, schienen die Lösung zu sein. Einen ersten Versuch startete die Bundeswehr vor etwa zehn Jahren. Er wurde von der politischen Leitung des Hauses im Keim erstickt. Aussagen über die Zukunft? Zu riskant.

Die russische Annexion der Krim 2014 veränderte das Denken. Warum hatte niemand diese Entwicklung vorhergesehen? Hatte Russlands Präsident Wladimir Putin seine Politik gegenüber dem Westen nicht schon zehn Jahre zuvor geändert?

Im August 2014 ernannte von der Leyen Katrin Suder zur beamteten Rüstungs-Staatssekretärin. Die frühere McKinsey-Beraterin kam von außen, sie hatte keine politische Karriere gemacht wie manche ihrer Vorgänger, aber sie kannte Zukunftsstudien von den großen Unternehmen, für die sie vorher gearbeitet hatte. In Absprache mit der Ministerin gab sie die "Strategische Vorausschau" in Auftrag.

Die Studie zählt mehrere Trends auf, die auch in Zukunft relevant bleiben dürften:

  • Gesellschaft. Während die Bevölkerung in Asien und Afrika weiter stark wächst, stagniert sie im alten Westen. Zunehmende soziale Ungleichheit löst stärkere Migration aus. Identifikation mit einem Nationalstaat wird in Europa abgeschwächt durch Identifikation mit sozialen, ethnischen, regionalen oder religiösen Gruppen.
  • Politik. Nicht staatliche Akteure und nicht westliche Staaten gewinnen an Bedeutung. Die zukünftige strategische Ausrichtung Chinas und Russlands bleibt unklar, kurzfristige Bündnisse machen Konflikte unkalkulierbarer.
  • Wirtschaft. Die ökonomische und finanzielle Leistungsfähigkeit westlicher Staaten sinkt. Das hat Folgen für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
  • Technologie. Die zunehmende Vernetzung macht hoch technisierte Gesellschaften verwundbar durch Cyberangriffe und Manipulation. Die Gefahr durch Energiewaffen oder Drohnenschwärme steigt.
  • Umwelt. Die Konkurrenz um Landwirtschaftsflächen steigt, Konflikte verschärfen sich durch extreme Wetter- und Klimaereignisse. Es drohen Epidemien und Pandemien.
  • Militär. Weil die Gesellschaften des Westens altern, nimmt die Bereitschaft zum Risiko ab. Menschen werden durch Maschinen ersetzt, die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten wird schwieriger.

Die Wissenschaftler kombinierten diese Trends mit 16 möglichen "Konfliktbildern", um im "Sinne eines Denkens auf Vorrat" möglicherweise gefährliche Entwicklungen rechtzeitig erkennen zu können. In einem Beispiel attackieren Ökopiraten die Hochseefischerei (Titel: "Fluch der Meere"), in einem anderen werden Massenvernichtungswaffen zunehmend miniaturisiert ("Klein, kleiner, nano").

Trends und Konfliktbilder wurden anschließend kombiniert und daraus fünf Zukunftsszenarien entwickelt. In einem sechsten wurde die bisherige Entwicklung linear fortgeschrieben.

Die ersten beiden Szenarien ("Globaler Westen" und "Friedliche Großräume") beschreiben eine friedlich rosige Welt, mit "Zügen des Biedermeier auf der lokalen Ebene". Brisanter sind die letzten drei Zukunftsbilder.

Im vierten wird eine Zukunft beschrieben, in der die Wachstumsraten einbrechen, die Globalisierung stottert und die Länder sich voneinander abschotten. "Die USA sind in dieser unklaren Weltordnung als Ordnungsmacht und damit stabilisierender Faktor weiter gefordert - dabei aber zunehmend überfordert."

China verliert wegen der stockenden Globalisierung an Gewicht, wird instabiler und kompensiert das durch einen aggressiveren Kurs nach außen. Im pazifischen Raum nehmen die Stellvertreterkonflikte zu. Russland dagegen hat sich durch die hohen Rohstoffpreise stabilisiert und tritt nach außen konfrontativ auf.

Die EU franst an den Rändern aus, ein "Ende der europäischen Illusion" scheint möglich, es gibt Anzeichen für eine transatlantische Entfremdung. Die unklare Weltordnung hat das sicherheitspolitische Umfeld für Deutschland "unübersichtlich und teils risikoreich werden lassen".

In Szenario fünf ist 50 Jahre nach Ende des Kalten Krieges die Bipolarität der Welt wiederhergestellt. Zwei antagonistische Blöcke treiben zwar noch Handel miteinander, entfernen sich aber "politisch, weltanschaulich und kulturell immer weiter voneinander". Der Westen besteht aus den USA und Europa, die östliche Welt vor allem aus China und Russland.

Die Konkurrenz um Rohstoffe nimmt zu, der wirtschaftliche Austausch verhindert aber militärische Großkonflikte. Noch. Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen treibt einige osteuropäische Länder in die Arme Moskaus.

Das Worst-Case-Szenario aber ist eben das sechste, das eine zerfallende EU zeichnet und eine einstige Führungsmacht USA, die sich vergebens gegen die Erosion der Weltordnung stemmt. Dort gibt es ernste Anzeichen des wirtschaftlichen Niedergangs und eine Abkehr von der Weltpolitik. "Ein ,Kreislauf des Rückzugs' entsteht", der "weltweite Krisen eskalieren lässt."

Große Teile der "Strategischen Vorausschau" wurden schon vor zwei Jahren geschrieben und dann lange im komplizierten Abstimmungsprozess innerhalb des Ministeriums aufgehalten. Das Trump-Phänomen ist deshalb noch nicht aufgenommen worden.

Die Studie setzt den Rahmen, in dem sich eine Bundeswehr der Zukunft vermutlich bewegen wird. Konkrete Schlussfolgerungen für Ausrüstung und Mannschaftsstärke enthält das Papier noch nicht. Darüber soll sich jetzt die Truppe Gedanken machen.

Vor dem ultimativen Negativszenario schreckten die Autoren des Papieres zurück: dem Ende der Nato und der Bundeswehr. Sie haben damit die eiserne Regel aller Zukunftsforscher beherzigt: niemals dem Auftraggeber das eigene Aus vorherzusagen.



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