AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2017

Fall Carsten Maschmeyer Ein Rufmörder wird zum Weißwäscher

Ein ehemaliger Mitarbeiter inszenierte eine Rufmordkampagne gegen den Unternehmer Carsten Maschmeyer - und jetzt vermarktet er seine Taten.

Multimillionär Maschmeyer in Hannover 2010
Stefan Thomas Kroeger/ Laif

Multimillionär Maschmeyer in Hannover 2010

Von Hauke Goos, , Armin Mahler und


Die Geschichte beginnt mit einem Rausschmiss. Der Betroffene sinnt auf Rache. Er heuert bei der Konkurrenz an, um gegen ein stattliches Salär seinen früheren Arbeitgeber fertigzumachen, was ihm mithilfe leichtgläubiger Medien auch gelingt. Doch die erhoffte Erfolgsprämie in Millionenhöhe wird ihm verweigert.

Und so wechselt er wieder die Seiten und dann noch einmal.

Was für eine Geschichte. Wenn sie denn so stimmt. Denn der Mann, der sie aufgeschrieben hat, ist ein Manipulateur, ein Rufmörder. Zumindest war er das viele Jahre lang. Jetzt bereut er seine Taten. Sagt er.

Sein Name ist Stefan Schabirosky, sein Gegner von einst Carsten Maschmeyer, der Multimillionär, der Mann der Schauspielerin Veronica Ferres, der Gründer des Finanzdienstleisters AWD, sein angeblicher Auftraggeber war dessen Konkurrent Deutsche Vermögensberatung (DVAG). "Mein Auftrag: Rufmord" heißt Schabiroskys Selbstbezichtigung in Buchform.

Seit zwei Zeitungen vorab Auszüge veröffentlichten, wird über spannende Fragen diskutiert: Lassen sich Medien wirklich so einfach manipulieren? Sind sie auch jetzt wieder den Enthüllungen eines Scharlatans aufgesessen? Und war Maschmeyer gar nicht der etwas halbseidene Aufsteiger, der Anlegern mithilfe seiner Drückerkolonnen fragwürdige Finanzprodukte angedreht hat?

Elf Jahre hatte Schabirosky beim AWD gearbeitet, als er im September 2001 bei einem Vertretertreffen in Berlin, angetrunken, mit einem Kollegen aneinandergeriet, in der Personalakte war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Abmahnung notiert; man kündigte ihm umgehend.

Bevor er ging, kopierte er, an einem Samstagabend im Büro, was nützlich sein könnte: die E-Mail-Liste der AWD-Mitarbeiter, Vertragsabschlüsse, Briefe, Kundendaten.

Schabirosky forderte eine Abfindung, mehr, als die AWD zu zahlen bereit war. Zum ersten Mal deutete er an, als langjähriger Verkäufer wisse er manches über die verkauften Fonds, was für den AWD möglicherweise unangenehm werden könnte.

Später drohte er damit, Kunden, denen er geschlossene Immobilienfonds verkauft hatte, über die Verluste dieser Investments aufzuklären. Gleichzeitig signalisierte er seine Bereitschaft, für 149.000 Euro Stillschweigen zu bewahren. Der AWD zeigte ihn daraufhin wegen versuchter Erpressung an.

Schabirosky wandte sich an die Konkurrenz. Im Oktober 2003 traf er sich im Sheraton am Flughafen Frankfurt am Main mit zwei Männern vom DVAG: Joachim Ernst, dem Vertriebschef, und Friedrich Bohl, unter Helmut Kohl einst Kanzleramtsminister, bei der DVAG dann Vorstand für "Konzernsekretariat, Recht, Öffentlichkeitsarbeit, Verbände".

Er wolle sich rächen, sagte er ihnen. So schildert er es jedenfalls in seinem Buch. Er kenne alle Interna, ebenso die Schwachstellen, er wisse, "wie man selbst die positiven Dinge total negativ darstellen kann".

Bohl und Ernst, behauptet Schabirosky, seien beeindruckt gewesen. Mit einem Glas trockenem Weißwein prostete man sich zu.

Schabirosky bekam einen Beratervertrag als Controller, Laufzeit ein Jahr, dotiert mit monatlich 6000 Euro, zuzüglich Umsatzsteuer. Für den Fall, dass es ihm gelinge, "Maschmeyer fertigzumachen", handelte Schabirosky, so schreibt er es, ein Erfolgshonorar aus, das er fortan "Jackpot" nannte und das ihn finanziell unabhängig machen sollte. Der Gedanke an den Jackpot ließ ihn in den nächsten sechs Jahren nicht mehr los.

Schabirosky machte sich an die Umsetzung seines Plans, dem er den Namen "Unternehmen Donnerwetter" gegeben hatte. Er zeigte 15 Manager des AWD anonym wegen Steuerhinterziehung an. Dann ging er an die Presse.

Die erste Zeitung, die er kontaktierte, war die "Süddeutsche". Seine Vorwürfe drehten sich um falsche Zahlen in den Geschäftsberichten und um betrogene Kunden, es ging um das "System AWD". Weil die "Süddeutsche" ohne Anfangsverdacht nicht berichten wollte, erstattete Schabirosky Anzeige bei der BaFin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Neun Monate dauerte es, dann war der "SZ"-Artikel endlich im Blatt.

Von da an ging alles einfacher. Schabirosky nahm Kontakt zum "Tagesspiegel" auf, wandte sich in Österreich an die "Presse" und an den "Kurier", in Deutschland an den "Stern", "Börse Online", den SPIEGEL und das "Manager Magazin", er erweiterte seine Anschuldigungen um den Vorwurf des Insiderhandels.

Das Vorgehen war, seinem Buch zufolge, immer das gleiche: Schabirosky dachte sich Vorwürfe gegen den AWD aus, unterstützt von Juristen, von der DVAG bezahlt, die aus den Vorwürfen Schriftsätze an Behörden machten; die Hamburger Anwaltskanzlei Creon erstattete dann Anzeige, beispielsweise im Namen eines Kunden, der anonym bleiben möchte. Mit den Anzeigen wiederum lockte Schabirosky dann die Journalisten.

Als am 3. Dezember 2007 die Schweizer Versicherung Swiss Life ein Übernahmeangebot für den AWD abgab, sah Schabirosky sich am Ziel. Maschmeyer sei erledigt, ließ er Ernst wissen, er wolle nun das vereinbarte Erfolgshonorar kassieren. Den verursachten Schaden beim AWD bezifferte er auf 649,25 Millionen Euro.

Doch statt der erhofften Millionensumme habe ihm Ernst lediglich angeboten, sein monatliches Honorar bis Ende des Jahres 2008 auf 15.000 Euro zu erhöhen, schreibt er. Dann laufe der Vertrag aus, dann sei Schluss.

Schabirosky war enttäuscht. Er wollte sich nun an zwei Unternehmen rächen, er sah in der DVAG und später auch im AWD Gegner, die sich, wenn man es geschickt anfing, gegeneinander ausspielen ließen. Schabirosky warb um Vertrauen, das er alsbald brach, er traf Absprachen, mit denen er sofort zur Gegenseite lief.

Am 4. Juli 2012 schickte er der DVAG schließlich eine Rechnung über drei Millionen Euro, zuzüglich 570.000 Euro Umsatzsteuer. Doch die erhielt er nicht.

Die DVAG weist Schabiroskys Vorwürfe "entschieden zurück". Der habe ihr nur allgemein zugängliche Informationen geliefert, "die jeder Handelsvertreter kennt und die bereits bei Schulungen offenbart werden". Wegen seiner umfassenden Branchenkenntnisse habe sich die DVAG aber darauf eingelassen, mit Schabirosky einen "Beratungsvertrag als Controller" abzuschließen. Er sei eigenverantwortlich tätig gewesen und habe weder Aufträge noch Weisungen seitens der DVAG erhalten.

"Nachdem keine verwertbaren Arbeitsergebnisse geliefert wurden und die Erkenntnis reifte, dass Schabirosky überwiegend und auf Kosten der DVAG einen persönlichen Rachefeldzug gegen den AWD führte, trennte sich die DVAG Ende 2008 von Schabirosky", heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

Immerhin aber waren Schabiroskys Erkenntnisse der DVAG anfangs 6000 Euro, am Ende sogar 15.000 Euro monatlich wert, und das jahrelang. Insgesamt soll die DVAG die Tätigkeit ihres beratenden Controllers im Laufe der Jahre mit insgesamt 500.000 Euro dotiert haben.

Auch der SPIEGEL hatte Kontakt zu Schabirosky, mindestens zwei Geschichten über Carsten Maschmeyer und seinen AWD aus den Jahren 2006 und 2007 enthalten Informationen von ihm. Es ging um die Anzeigen bei der Finanzaufsicht BaFin und bei der Staatsanwaltschaft.

Diese Informationen waren nur ein Aspekt der jeweiligen Geschichte, in beiden Fällen wurde mit vielen weiteren Informanten gesprochen. Und doch: Hätte man damals gewusst, auf wessen Seite Schabirosky steht, wären diese Geschichten sicher so nicht erschienen.

Aber die Geschichte von Carsten Maschmeyer muss jetzt nicht völlig neu geschrieben werden. Sein Finanzvertrieb AWD hat fragwürdige Investments verkauft, mit denen Anleger hohe Summen und in nicht wenigen Fällen große Teile ihrer Altersvorsorge verloren haben.

Tausende AWD-Kunden steckten etwa ihr Geld in sogenannte Dreiländerfonds, die vor allem in Immobilien investierten und sich später für viele als Flop erwiesen. Auch mehrere Filmfonds brachten AWD-Verkäufer unter die Leute, die Produktionen wie "Basic Instinct 2" finanzieren sollten und etliche AWD-Kunden einen großen Teil ihres Einsatzes kosteten.

Autor Schabirosky insinuiert in seinem Buch, die eigentlich Schuldigen seien in diesem Geschäft jene Gesellschaften gewesen, die solche geschlossenen Fonds auflegten und oft über bizarre Dienstleistungen und Zwischengesellschaften ordentlich abkassierten.

Autor Schabirosky Persönlicher Racheplan
Jan Northoff

Autor Schabirosky Persönlicher Racheplan

Aber der AWD verdiente ebenso in großem Stil mit, er gab gegenüber seinen Kunden den vertrauenswürdigen Berater. "Deshalb kann man ihn sicher nicht von der Verantwortung freisprechen", sagt der Münchner Rechtsanwalt Ralph Veil, "im Gegenteil. Viele Produkte hätte der AWD aus unserer Sicht gar nicht so verkaufen dürfen als seriöser Finanzvertrieb." Auch der Rechtsanwalt Julius Reiter, der in Schabiroskys Buch namentlich erwähnt wird, sieht keinen Grund, seine Auffassung über den AWD zu überdenken.

Schabirosky will Reiter zweimal getroffen haben und dessen Kanzlei mit zweifelhaften Vermittlungsunterlagen zum Thema AWD versorgt haben. Erinnern kann sich Reiter an die Treffen nicht, aber in einem ist er immer noch sicher: "Wir haben mehrere Hundert Mandate, in denen Mandanten fehlgeschlagene Kapitalanlagen vom Strukturvertrieb AWD vermittelt wurden. Sämtliche dieser Kapitalanlagen waren gescheitert und führten zu erheblichen Verlusten bei unseren Mandanten." Das Unternehmen Swiss Life, in dem der AWD aufgegangen ist, erklärt auf Anfrage, solche Rechtsstreitigkeiten seien inzwischen "weitestgehend abgeschlossen. Die Rechtsprechung bis hin zum Bundesgerichtshof zeigt eindeutig, dass keine systematische Fehlberatung vorlag".

Aber konnten Kleinanleger wie Dagmar Maiböker wirklich überblicken, in was sie da ihr Geld steckten? Im Jahr 2001 hatte Maiböker nach mehreren Jahrzehnten ihre Anstellung als Sekretärin verloren - mit 43. Wenigstens ihre Abfindung wollte sie sinnvoll anlegen. Nach einigen Beratungen in verschiedenen Banken landete sie bei einem AWD-Berater.

40.000 Mark investierte sie anschließend in die Ferienanlage "Land Fleesensee", ein Areal in Mecklenburg-Vorpommern mit mehreren Hotels, Golfanlagen und Wellnessbad. Anfangs kamen nur "mickrige Ausschüttungen", wie Maiböker sagt, dann eigentlich nur noch Horrornachrichten. Die Insolvenz der Fondsgesellschaft wurde 2014 durch einen Verkauf gerade noch verhindert. Von Maibökers Geld blieben nur wenige Tausend Euro übrig.

Als der SPIEGEL 2011 über den Fall berichtete, erklärte der AWD, Fleesensee-Kunden seien über sämtliche Risiken aufgeklärt worden. Maiböker aber hatte ihrem Berater "einfach vertraut", wie sie sagt. Immerhin sei er ein Bekannter aus Kindertagen gewesen, er habe ihr die Anlage in blühenden Farben angepriesen.

Skrupel dürfen die Mitarbeiter von Strukturvertrieben nicht haben, entsprechend werden sie ausgewählt und geschult. Das Profil für den perfekten Kandidaten beschrieb Maschmeyer seinen Mitarbeitern auf einer Veranstaltung einmal eindrücklich: "Holen Sie sich alle Pausenclowns, Egozentriker und Profilneurotiker. Alle, die Bühne brauchen." Leute, die in einer Runde "nach einer halben Stunde schon den zwölften versauten Witz" erzählen. Natürlich sei so jemand "krank", so der Firmengründer weiter. Aber als AWD-Finanzberater waren solche Leute offenbar an der richtigen Stelle.

Nur vor dem Hintergrund dieses Geschäftsgebarens und Maschmeyers großspurigen Auftretens konnte Schabiroskys Kampagne so zünden.

Maschmeyer hält heute Vorträge über Motivation und Erfolg, er investiert in Start-ups und ist Juror in der erfolgreichen Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen", einer Art Castingshow für Gründer, demnächst soll er sogar eine eigene Show bekommen. Die Vergangenheit hat er abgestreift.

Maschmeyer habe ihm verziehen, behauptet Schabirosky. Dreimal habe er den Unternehmer getroffen, zum ersten Mal im August 2016. Beim dritten Treffen habe er ihm von seinen Plänen erzählt, über seine Taten ein Buch zu schreiben.

Jetzt sind seine Enthüllungen im Herbig-Verlag erschienen, zu dessen Autoren neben Boris Becker auch die langjährige CDU-Rechtsauslegerin Erika Steinbach zählt. Wie er ausgerechnet an diesen Verlag kam? "Nachdem Herr Maschmeyer mir auf meine konkrete Frage hin versichert hatte, dass er nicht gegen ein solches Buch vorgehen würde, fragte ich ihn, ob er inhabergeführte Verlage kennen würde", teilt Schabirosky auf Anfrage mit. "So kam ich mit Herbig ins Gespräch." Für die mediale Unterstützung konnte der Verlag die "Welt am Sonntag" und das "Handelsblatt" gewinnen, die Schabiroskys Bekenntnisse in einer konzertierten Aktion an prominenter Stelle präsentierten. Alle Beteiligten versichern, für die vereinbarten Vorabdrucke sei kein Geld geflossen. Aber die sind auch so Geld wert.

Wieder einmal hat Schabirosky die Medien benutzt. Dieses Mal zum Vorteil von Maschmeyer. Der kündigte schon Anfang Juli gegenüber Geschäftspartnern einen "absoluten Medienknaller" an, in der Woche nach dem 13. August werde er von Talkshow zu Talkshow eilen.

Aus dem Rufmörder Schabirosky ist ein Weißwäscher geworden. Ob ihm das den Jackpot bringt?



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