AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2016

Satireblatt "Charlie Hebdo" "Arschgrapscher in Deutschland"

Das Satireblatt "Charlie Hebdo" hat den brutalsten Angriff auf die Pressefreiheit erlebt, den es bislang in Europa gab. Nun starten die Franzosen eine deutsche Ausgabe. Wer sind die Macher? Und wie sehen sie Deutschland?

Laurent Sourisseau
Andrew C. Kovalev/DER SPIEGEL

Laurent Sourisseau

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Laurent Sourisseau alias Riss hat diesen Welpenblick, der nicht so recht passen will zu einem Mann, der gerade 50 geworden ist und Dinge zeichnet, die andere beschämt zur Seite schauen lassen. Eine seiner bekanntesten Karikaturen zeigt den syrischen Jungen Alan Kurdi, der bei der Flucht über das Mittelmeer ertrank und dessen Leiche an einen türkischen Strand gespült wurde.

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Heft 48/2016
Eine schrecklich mächtige Familie

"Was wäre aus dem kleinen Alan geworden, wenn er erwachsen geworden wäre?", steht neben der Zeichnung.

Darunter schreiende Frauen, die vor Männern mit großen Händen davonlaufen. Die Antwort, in Anspielung auf die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht, lautet: "Arschgrapscher in Deutschland."

Riss ist Zeichner und Anteilseigner der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo". Und es ist diese Art von erbarmungslosen Karikaturen, die ihn und sein Blatt bekannt gemacht haben und auf die sich nun auch die Deutschen gefasst machen müssen.

Am kommenden Donnerstag erscheint "Charlie Hebdo" erstmals in einer deutschsprachigen Version. Ein Großteil des Inhalts wird identisch sein mit der französischen Ausgabe. Aber es soll auch Karikaturen und Rubriken eigens für deutsche Leser geben. "Es ist ein Experiment", sagt die Leiterin der deutschen Ausgabe, die sich Minka Schneider nennt. Der Name ist ein Pseudonym. Die Kollegen von "Charlie Hebdo" haben der Deutschen geraten, ihren eigenen Namen nicht preiszugeben, es sei sicherer so.

Fast zwei Jahre sind seit dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitung vergangen - zwei Jahre, die die Zeitung und alle, die für sie arbeiten, verändert haben. "Der Plan der Terroristen war es, ,Charlie' zu töten", sagt Redaktionsleiter Riss, "aber wir sind heute stärker als je zuvor."

Seit dem 7. Januar 2015 ist die Welt bei "Charlie Hebdo" eingeteilt in ein Davor und ein Danach. Bei dem Anschlag starben zwölf Menschen. Und mit ihnen starb die Gewissheit, dass in Europa die Kritik an Karikaturen nicht aus einer Kalaschnikow kommt.

Dem Anschlag folgte eine Welle der Solidarität: "Je suis Charlie" wurde zu einem Synonym für das freie Wort. Überall auf der Welt reckten Menschen Bleistifte in die Höhe, um für Meinungs- und Pressefreiheit zu demonstrieren. Auch der SPIEGEL erklärte sich mit den Kollegen in Paris solidarisch, aus Deutschland kamen besonders viele Sympathiebekundungen. Dabei hatten die wenigsten Deutschen je eine Ausgabe der wütenden Satirezeitung in der Hand. Sie kannten weder die bissigen Reportagen noch die schonungslosen Skizzen von Charb, Cabu, Honoré oder Wolinski.

Aber plötzlich waren alle Charlie.

AFP

Für die Überlebenden war das Trost und Belastung zugleich. Jahrelang habe "Charlie Hebdo" gegen Symbole gekämpft, nun sei man selbst zum Symbol geworden, beschrieb der Zeichner Luz das moralische Dilemma, in dem sich das Blatt nach dem Anschlag befand. "Helden waren wir auf einmal, aber das wollten wir gar nicht sein", bekannte er in einem Gespräch mit dem SPIEGEL (39/2015), kurz bevor er selbst aus der Redaktion ausschied.

"Es war eine harte Zeit, jeder musste seinen eigenen Weg finden, mit dem Trauma umzugehen", sagt Riss, dem inzwischen 70 Prozent des Verlags gehören. "Aber wir sind eine gute Truppe, und heute kann ich an den meisten Tagen sagen: Uns geht es gut. Wir geben aufeinander acht."

Auch er habe sich nach dem Tod seiner Kollegen und Freunde gefragt, ob er noch das Recht habe zu lachen, Spaß zu haben und weiterzuzeichnen. "Aber das ist mein Beruf. Den lasse ich mir doch von diesen Arschlöchern nicht kaputt machen."

Riss sitzt in einem Pariser Büro mit Stuckdecke und Designerstühlen, es ist nicht sein eigenes. Die Adresse von "Charlie Hebdo" wird streng geheim gehalten. Das Gebäude, in dem die Redaktion nun untergebracht ist und das der Stadt Paris gehört, gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Die Zeichnerin Coco hat in einem Cartoon das Gebäude einmal als Burka mit Sehschlitzen gemalt. Darüber steht "vue sur mer" ("Meerblick").

Die meisten Autoren und Zeichner der Redaktion stehen noch immer unter Personenschutz. Auch Riss, der bei dem Anschlag am 7. Januar schwer verletzt wurde, kommt zum Gespräch in bewaffneter Begleitung, die Männer werfen als Erstes einen Blick aus dem Fenster, um die Dächer der Nachbarhäuser zu kontrollieren.

"Wir haben schon früher von Ausgaben in anderen Ländern geträumt", so Riss, "aber nach dem 7. Januar haben wir aus Deutschland so viel Interesse erfahren, dass wir diesen Schritt nun wagen wollen." Das nötige Geld hat der Verlag. Denn auch in finanzieller Hinsicht war der Januar 2015 ein Wendepunkt. Vor dem Attentat stand "Charlie" kurz vor der Pleite. Neben der erfolgreichsten satirischen Wochenzeitung Frankreichs, dem "Canard enchaîné", sorgte das Blatt zwar immer wieder mit Tabubrüchen für Schlagzeilen. Aber die Finanzlage war desaströs, es gab nicht ausreichend Abonnenten. Auch das sollte Thema der Redaktionssitzung am 7. Januar 2015 sein.

Titel der ersten "Charlie Hebdo"-Ausgabe nach dem Anschlag
AFP

Titel der ersten "Charlie Hebdo"-Ausgabe nach dem Anschlag

Die erste Ausgabe nach dem Anschlag verkaufte sich dann weltweit acht Millionen Mal; das schaffen sonst nur japanische Tageszeitungen. Ein "Charlie"-Abonnement war auf einmal ein politisches Statement, bei der Redaktion gingen rund 4,3 Millionen Euro an Spenden ein. 2015 betrug der Umsatz des Verlags 50 Millionen Euro.

Eine Gruppe von Redakteuren warnte bald nach dem Attentat vor dem "Gift der Millionen". Auseinandersetzungen darüber, ob die Spenden allein den Angehörigen der Opfer oder dem Erhalt der Zeitung zugutekommen sollten, wurden in Teilen vor Gericht ausgetragen. Redaktionsleiter Riss, selbst Jurist, hat stets dafür plädiert, dass das Überleben der Zeitung Priorität haben muss.

Für die deutsche Ausgabe habe man keine Marktforschung betrieben, keine Umsatzziele vereinbart, sagt Riss, es gehe darum, den Esprit von "Charlie" zu transportieren. "Wir glauben einfach, dass es in Deutschland Leser gibt, die den gleichen Humor haben wie wir." Die Startauflage für die deutsche Version liegt bei 200000 Exemplaren, von der französischen verkauften sich bisher 2000 bis 3000 Exemplare die Woche in Deutschland.

Achim Frenz hält das Ganze für ein gewagtes Projekt. "Ich war schon 2015 überrascht, wer hier plötzlich alles ,Ich bin Charlie' rief." Der Leiter des Caricatura Museums in Frankfurt am Main kennt die Deutschen und ihren Humor wie kaum ein anderer. "Die deutschen Karikaturisten blicken mit Bewunderung auf die Kollegen in Frankreich, aber von dieser Radikalität sind sie weit entfernt", sagt Frenz und erinnert neben den prominenten Mohammed-Karikaturen an all die nackten Päpste und masturbierenden Nonnen, die "Charlie Hebdo" seit seiner Gründung 1970 abgedruckt hat.

Im Video: Wie eine Merkel-Karikatur entsteht

Andrew Kovalev

Kritik an den Weltreligionen ist Teil der DNA von "Charlie". Man halte sich eigentlich an gesetzliche Grenzen, heißt es aus der Redaktion, Blasphemie werde man sich aber nicht verbieten lassen. "Charlie Hebdo" habe seine Wurzeln in der französischen Tradition des Laizismus, so Frenz, die Verbindungen zwischen Staat und Kirche seien jedoch in Deutschland wesentlich stärker als in der Fünften Republik.

Doch gerade die "französische Brille" ist es, auf die die Macher der deutschen "Charlie"-Ausgabe setzen. "'Charlie' ist kein Blatt, das auf Teufel komm raus witzig sein will", sagt Minka Schneider, "im Zweifel bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken." Die gebürtige Ostberlinerin lebt seit neun Jahren in Paris.

Gemeinsam mit einem zehnköpfigen Team aus Übersetzern, Grafikern und Layoutern und in enger Abstimmung mit der französischen Redaktion produziert sie die deutsche "Charlie"-Version. Für die Zukunft kann Schneider sich gut vorstellen, auch mit Autoren und Zeichnern aus Deutschland zusammenzuarbeiten.

Einige ihrer Freunde hielten ihren neuen Job für lebensgefährlich, sagt die 33-Jährige. Aber über ihre eigene Sicherheit habe sie nicht lange nachgedacht. "Bei der Arbeit muss man das Thema ausblenden", so Schneider, "ich kann mir auch in der Redaktionskonferenz nicht ständig Gedanken darüber machen, was die Kollegen hier alles hinter sich haben. Rage und Courage, Wut und Mut, liegen bei 'Charlie Hebdo' eng beieinander."

Im Französischen wie im Deutschen.



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