AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2017

Chinas neue Internetkultur "Kiss me! Kiss me! Kiss! Kiss! Kiss me!"

China ist das Land der Internetzensur - gleichzeitig entsteht hier ein neuer Typ Star. Livestreamer feiern sich vor Millionen und erfüllen den Traum der Partei von der perfekten Unterhaltung.

Darstellerin im Pekinger Redo-Studio
Matjaz Tancic / DER SPIEGEL

Darstellerin im Pekinger Redo-Studio

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Der Mann, der 22 Millionen Follower hat, sitzt in einer Suite im 22. Stock eines Luxushotels in der chinesischen Hafenstadt Dalian: Li Tianyou, 26, ist ein schlanker, gut aussehender Mann, er wippt ungeduldig mit den Beinen, als er auf seinen Auftritt wartet.

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Heft 48/2017
Land ohne ...Richtung, ...Einigkeit, ...Kanzlerin?

Auf dem Schreibtisch vor ihm steht ein MacBook, das mit Kopfhörern, einer Webcam und einem Mikrofon verkabelt ist. Tianyou trägt eine Baseballmütze und das schwarze T-Shirt eines Londoner Fashionlabels, auf dessen Modenschau er am Nachmittag als Stargast aufgetreten ist.

Ein paar Männer gehen nervös zwischen Schlafzimmer, Flur und Wohnbereich hin und her, vor dem Panoramafenster warten zwei junge Frauen in Hotpants und schauen in den Sonnenuntergang hinaus. Alle rauchen, es riecht nach dem Zimtaroma einer teuren chinesischen Zigarettenmarke.

Es ist 19 Uhr, Zeit für das Hauptprogramm: die Li-Tianyou-Show, ein zwei Stunden langer Livestream im Internet, wie jeden Abend um diese Zeit, wo immer er sich gerade aufhält.

"Leute, da bin ich wieder", fängt er ohne Vorrede an, und was folgt, ist eine spontane Mischung aus Talkshow, Rap und Poetry-Slam, vorgetragen im schweren nordostchinesischen Dialekt, für den Tianyou bekannt ist. Manchmal redet er allein, manchmal im Wettbewerb mit anderen, kurzfristig zugeschalteten Livestreamern - oder, wie heute, mit Fans. Zwei junge Frauen haben den ganzen Nachmittag gewartet, nun bittet er sie zu sich vor die Webcam.

"Lass mich lieber ganz links sitzen", sagt eine der beiden, die sich Xiao Hua nennt. "Sonst sehen die Leute, wie dick ich bin."

"Was wiegst du denn?", fragt Tianyou.

"60 Kilo."

"Ach Quatsch. Mindestens 62", sagt Tianyou. "Das sehe ich an deinen Beinen. Und du - was bist du von Beruf?", fragt er die andere.

"Ich studiere Buchhaltung."

"Aha. Wenn ich dir einen Wunsch erfüllen könnte, nur jetzt, nur hier - was wäre das?"

"Ich will, dass du mir zeigst, wie man ein guter Livestreamer wird."

Li Tianyou gilt als der Meister seines Fachs. Die Millionen, die ihm auf der Livestreaming-Plattform "YY" folgen, sind vergleichbar mit der Twitter-Gefolgschaft internationaler Celebrities wie Paris Hilton.

Internetperformer Li Tianyou
Matjaz Tancic / DER SPIEGEL

Internetperformer Li Tianyou

In China sind Performer wie Li Tianyou als MCs bekannt. Das Kürzel stammt auch aus der amerikanischen Rapperszene und steht für "Master of Ceremony" oder "microphone controller". Doch was im Westen Rap und Hip-Hop sind, haben Tianyou und ein paar Dutzend andere MCs zu einer spezifisch chinesischen Kunstform entwickelt: einem lauten, oft derben Singsang, unterbrochen von Monologen und Unterhaltungen im chinesischen Jugendslang. "Hanmai", wörtlich: "Schreien in ein Mikrofon", wird die nur im Internet praktizierte Stilrichtung genannt.

"Hört mal her, Mädels", sagt MC Tianyou immer wieder, wenn er seine beiden Gäste anspricht. Für diese Phrase ist Tianyou berühmt. Sie steht für ein Lebensgefühl: der junge Mann aus einfachen Verhältnissen, der es mit coolen Sprüchen zu Erfolg gebracht hat und jetzt anderen zeigt, wie das gelingt.

"Hey, ich mache einen Star aus dir", sagt er zu einem Rapper, den er später in den Livestream hinzuschaltet und der ihn mit einem Stück beeindruckt. "Ich lade dich zu mir nach Hause ein, stelle dir meinen Audi A7 vor die Tür, und dann rappen wir gemeinsam weiter. Ist das ein Angebot? Die Versicherung für das Auto musst du aber selbst zahlen!"

Hanmai ist nur ein Genre unter Dutzenden: Junge Männer lassen sich beim Essen, Trinken oder Bungee-Springen zuschauen, junge Frauen beim Singen, Flirten oder Cello-Üben. Rund 350 Millionen User nutzen mindestens eine der gut 200 Plattformen, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind - etwa die Hälfte aller chinesischen Internetnutzer.

Die Fans verfolgen die Auftritte ihrer Stars meist auf ihren Smartphones - wobei "verfolgen" den eigentlichen Kern der chinesischen Livestream-Kultur verfehlt: Sie machen mit.

Denn die Darsteller selbst füllen nur etwa die Hälfte des Bildschirms einer Livestream-App. Den Rest teilen sich die Fans: Sie posten Kommentare, die als Sprechblasen über den Monitor rasen oder sich in einer im Sekundentakt aktualisierten Kommentarleiste ablösen. Sie loben oder kritisieren die Performance, vor allem aber belohnen sie die Stars mit virtuellen Geschenken, die als Herzen, Münzen oder Diamanten aufpoppen.


Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand über die Livestreamer-Industrie


Diese Geschenke werden für echtes Geld gekauft und von den Darstellern in echtes Geld zurückgetauscht, eine Münze für umgerechnet 13 Cent, ein Herz für 15 Cent, ein Diamant für 1,30 Euro. Für die Stars besteht der Zweck des Livestreaming darin, ihre Popularität in Profit umzuwandeln: MC Tianyou versammelte an seinem erfolgreichsten Abend gleichzeitig mehr als eine Million User in seinem Chatroom und nahm 1,6 Millionen Yuan ein, gut 200.000 Euro.

Für die Fans besteht der Reiz darin, Teil einer Öffentlichkeit zu werden, die sie über ihre Kommentare und Geldgeschenke selbst mitgestalten können. Die Betreiber-Apps teilen das Publikum in Klassen ein - vom "youke", dem einfachen "Touristen", der nur ein paar Yuan spendiert, bis zum "tuhao", dem "Neureichen", der Tausende ausgibt, um einen bestimmten Rap zu hören, eine besondere Darbietung zu sehen, oder selbst im Livestream genannt zu werden - die größte Ehre in der auf Reichtum und Ruhm fixierten chinesischen Gesellschaft. Für Förderer, die pro Monat mehr als 4000 Euro investieren, vergibt die Plattform iQiyi als höchsten Rang den Titel des "göttlichen Kaisers".

Die virtuelle Hierarchie bildet den Wunsch nach sozialem Aufstieg ab, der Millionen junge Chinesen antreibt, ihnen in der realen Welt aber oft versagt bleibt. Die meisten der Livestream-Fans sind junge Männer aus der Provinz, vor allem aus dem nordostchinesischen Stahl- und Kohlegürtel, der seit der Weltfinanzkrise 2008 einen tief greifenden Strukturwandel durchläuft.

Livestream-Fans bei Auftritt von MC Tianyou in Dalian
Matjaz Tancic / DER SPIEGEL

Livestream-Fans bei Auftritt von MC Tianyou in Dalian

MC Tianyou stammt aus der Stahlarbeiterstadt Jinzhou, die Eltern hatten beide ihren Job verloren, der Vater zog als Wanderarbeiter in den Süden. "Ich bin in der Wohnung meiner Großmutter aufgewachsen", sagt er, "ein Leben auf 54 Quadratmetern." Mit 15 verließ er die Schule, jobbte in einem Billardcenter und als Kassierer in einem Internetcafé.

"Die Zeit war bitter. Manche meiner Freunde liefen bereits mit teuren iPhones herum, während ich mir noch Gedanken machte, was ich mir zum Essen und zum Anziehen leisten kann. Ich hatte immer nur gebrauchte Handys, noch als ich 20 war." Heute besitzt er eine Duplex-Wohnung und mehrere Sportwagen, ein Manager kümmert sich um seine Karriere, ein Banker um seine Finanzen, ein Fitnesstrainer um seine athletische Figur.

Im Internetcafé, in dem er arbeitete, entdeckte er sein Talent. Er hatte Zeit zu chatten, er traf den Ton der "diaosi", der Verlierer des chinesischen Wirtschaftswunders, aus deren Milieu er selbst stammt: Er redet und rappt über das Geld, das sie nicht haben, die Autos, von denen sie nur träumen können, und über die Mädchen, die sie nicht kriegen.

"Du sagst, du kannst die Härte des Lebens nicht ertragen?", heißt es in einer von MC Tianyous Rap-Nummern, die seine Fans in ihren Kommentaren immer wieder von ihm verlangen. "Ich schwöre dir unter dem hellen Mond: Eines Tages werde ich dir zeigen, wie reich und mächtig ich, Tianyou, geworden bin."

Viele junge Männer in den Provinzen, sagt Wang Chong, 34, seien frustriert und gelangweilt. "Worum es ihnen geht, sind die Echtzeiterfahrung und der direkte Austausch mit ihren Stars. Es geht ihnen darum, ein Gefühl für ihre eigene Existenz zu entwickeln. Das können traditionelle Medien, das kann ein noch so perfekt produziertes YouTube-Video nicht leisten."

Wang ist Kreativdirektor von Redo, einer großen Livestream-Agentur mit Hauptsitz in Peking und Niederlassungen in mehreren Provinzhauptstädten. Redo hat mehr als 3000 überwiegend weibliche Livestreamer unter Vertrag. Zugleich betreibt das Unternehmen 18 Studios, in denen wie am Fließband Unterhaltung produziert wird.

Das Studio in Peking ist organisiert wie ein Newsroom: In einem großen Regieraum in der Mitte sitzen 100 "Agenten", die je 5 Darstellerinnen betreuen, die entweder zu Hause oder in einem der 40 kleinen Studios vor einem Smartphone sitzen, singen, tanzen, musizieren oder mit ihren Zuschauern flirten. Die kleinen Studios sind je nach Genre als Mädchenzimmer, als Ballett- oder Musikraum dekoriert. "Die Kunst", sagt einer der Agenten, "besteht darin, in jedem Chatroom eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich möglichst viele User gern aufhalten."

Wenn irgendwo eine Unterhaltung stockt oder die Zahl der Gäste absackt, schickt der Agent der Darstellerin einen Hinweis, was sie tun könnte, um den "traffic" wieder anzukurbeln: das Thema wechseln, frecher sein, etwas mehr Dekolleté zeigen.

Tai Di, 18, ein groß gewachsenes Mädchen mit einem offenen Lächeln, sitzt in der Maske und wird als elegante Frau im Stil des Shanghai der Zwanzigerjahre geschminkt und eingekleidet. Sie ist eine von sechs Darstellerinnen, die an der "Bai Le Men"-Show teilnehmen, einer Mischung aus historischer Nummernrevue und "China sucht den Superstar". Ihr rosa iPhone ist am Schminkspiegel befestigt und auf Aufnahme geschaltet. Das Schminken und Kostümieren ist bereits Teil der Show und wird ebenso in den Livestream eingespeist wie das kurze Interview, das sie gibt.

Dar­stel­le­rin­nen bei der „Bai Le Men“-Show
Matjaz Tancic / DER SPIEGEL

Dar­stel­le­rin­nen bei der „Bai Le Men“-Show

Tai Di stammt aus der Industriestadt Shenyang und will Stewardess werden. Die Zeit bis zu ihrem ersten Lehrgang überbrückt sie bei Redo. "Ich habe erst vor einem halben Jahr begonnen und weiß ehrlich gesagt nicht, was genau die Leute an mir mögen", sagt sie. "Du musst entspannt und in der Lage sein, eine Beziehung mit deinen Zuschauern aufzubauen. Anscheinend habe ich ein Talent dafür. Ich kann bis zu 5000 Gäste in meinem Chatroom halten."

Die erste Show, die ihr Chef Wang Chong entwickelte, hieß "Ich bin dein Hawaii Girl". Das Konzept: Zwei Mädchen in Bikini räkeln sich vor der Kamera, und die Fans dürfen sich für Geldgeschenke Lieder oder Tänze von ihnen wünschen. Wenn genug Münzen oder Diamanten zusammenkommen, hüpfen die Mädchen sogar in einen großen transparenten Wassertank und führen erotische Sportgymnastik vor. Moderiert wurde die Show von einem übergewichtigen jungen Mann in einem Meerjungfrauenkostüm, der faul in der Strandkulisse lag, mit den Mädchen schäkerte und die Gäste aufforderte, mehr Geld lockerzumachen.

"Die Show war eine Sensation", sagt Wang Chong, "hat aber nicht genug Umsatz gemacht." Das könnte eine Untertreibung sein. Die Einnahmen, die zwischen den App-Betreibern, den Agenten und den Darstellern geteilt werden, wachsen explosionsartig: Fast eine Milliarde Euro setzte die Branche 2015 um, fast drei Milliarden 2016 - das entspricht der Hälfte des chinesischen Kinomarkts, immerhin der zweitgrößte der Welt. Bis 2020, schätzen Experten, könnten sich die Zahlen noch einmal verdreifachen.

Die Fantasie der Darsteller ist groß: Sie messen sich vor laufender Kamera im Schnapstrinken oder Madenessen wie im deutschen "Dschungelcamp"; es gibt Fliegenfischer-, Pole-Dance- und Dating-Shows; findige Geschäftsfrauen livestreamen sich sogar dabei, wenn sie in Europa für ihre Kundinnen daheim teure Parfums und Handtaschen einkaufen - um zu beweisen, dass sie keine chinesischen Fälschungen mitbringen.

Immer wieder werden auch die Grenzen des Erlaubten ausgetestet. Ein Offizier der Volksbefreiungsarmee sang revolutionäre Soldatenlieder, junge Frauen aus der Provinz führten "erotisches Bananenessen" vor, eine Darstellerin aus Sichuan veranstaltete im November eine Live-Swinger-Party, an der sie selbst teilnahm. Die Betreiber der drei Plattformen wurden zurückgepfiffen, die Frau aus Sichuan wurde wegen Verstoßes gegen das Anti-Pornografie-Gesetz zu vier Jahren Haft verurteilt.

Warum lässt der Staat, der selbst die Tiefe der Ausschnitte in historischen Kostümfilmen reguliert, überhaupt eine Öffentlichkeit zu, die so chaotisch wächst? Warum duldet er in Bild und Ton, was er in Texten streng zensiert - noch dazu live, millionenfach und deshalb kaum zu kontrollieren?

Die Antwort zeugt zugleich von der Geschwindigkeit, in der sich Chinas soziale Medien entwickeln, und von den Widersprüchen, in die sich die Führung dabei verstrickt, diese Entwicklung zugleich vorantreiben und bremsen zu wollen.

Erstens: Der autoritäre Staat ist nicht grundsätzlich dagegen, dass seine Bürger Zerstreuung suchen. Auch dass sie dabei Inhalte und Formate erfinden, die nicht dem Gesellschaftsideal der Kommunistischen Partei entsprechen, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Ein boomendes Internet ist volkswirtschaftlich gewünscht. Es bringt den großen Plan der Regierung voran, Chinas Wirtschaft zu reformieren und in eine moderne Dienstleistungsökonomie umzuwandeln.

Zweitens: Was die Regierung fürchtet, ist der Kontrollverlust. Bislang spekuliert sie erfolgreich auf den vorauseilenden Gehorsam der Livestream-Anbieter und schiebt ihnen die Kontrollverantwortung zu. Zu den Aufgaben der "Agenten" im Regieraum von Redo gehört nicht nur, den "traffic" aufrechtzuerhalten, sondern auch Regelverstöße zu verhindern. Douyu, eine der größten Live-Gaming-Websites, beschäftigt 900 Zensoren, die in drei Schichten mehr als 20.000 Chatrooms kontrollieren. Die Schwulen-App Blued hat sogar eine eigene Software entwickelt, die Alarm schlägt, wenn ihre Livestreamer zu viel nackte Haut zeigen.

Drittens: Nicht einmal der riesige staatliche Zensurapparat hätte die Ressourcen, jeden einzelnen Livestream zu überwachen. Doch wenn sich Regelverstöße häufen oder wenn sie politischen Widerspruch wittern, greifen die Behörden ein. Im Frühjahr hatte die Regierung vorsorglich Dutzende Plattformen schließen lassen - zum Teil, weil sie "vulgäre, obszöne, gewalttätige und abergläubische" Inhalte zeigten, zum Teil unter dem schwammigen Vorwurf, dass sie "aktuelle Ereignisse kommentieren und negative Kommentare verbreiten".

Sofort sanken die Kurse der chinesischen Internetkonzerne, die alle massiv in den aufblühenden Livestream-Sektor investiert haben. Das ist aber nicht im Interesse der Regierung, zumal kein prominenter Fall bekannt ist, in dem ein Streamer Pekings Autorität ernsthaft herausgefordert hätte. Die politische Warnung kam aber an. Das KP-Organ "Volkszeitung" dekretierte: Livestreaming habe einen "Sieg der positiven gegen die negative Energie" zu erringen.

Gegen Ende seines Livestreams klingelt es an der Tür von MC Tianyous Suite. Zwei junge Frauen haben sich bis in die 22. Etage durchgefragt. Sie wollen mitmachen, und sie haben etwas anzubieten.

Darstellerin in Tian­y­ous Li­ve­show
Matjaz Tancic / DER SPIEGEL

Darstellerin in Tian­y­ous Li­ve­show

Das passt, denn Tianyou ist heute nicht zufrieden mit seinem Auftritt und mit den Zahlen, die er erreicht hat. Nur etwa 150.000 Teilnehmer sind von Anfang an dabei, die Einnahmen des Abends liegen unter seinem Schnitt. "Ich bin nur Nummer fünf heute", hat er geklagt. Er bittet die beiden Frauen sofort zu sich vor die Kamera.

Die eine sagt, sie wolle einen Rap vortragen, auf Englisch. Die andere ist Turnerin, kann Räder schlagen und Brücken machen und hat eine Spagatübung im Angebot. MC Tianyou strahlt. Die Rapperin nimmt das Mikrofon, steckt sich den Karaoke-Kopfhörer ins Ohr und legt los.

"You better follow me!"

"You're rocking to the beat!"

"Kiss me! Kiss me! Kiss! Kiss! Kiss me!"

MC Tianyou stampft mit den Füßen im Takt, schneidet Grimassen und singt mit. Sofort schießen die Zahlen der Teilnehmer hoch.

Dann die Turnerin. Sie stellt sich vor Tianyous Schreibtisch hin, lässt ihren Oberkörper nach hinten fallen und formt eine perfekte Brücke. Dann springt sie auf und sinkt in einen Spagat.

Die Männer aus Tianyous Tross halten den Atem an, dann applaudieren sie - und auf dem Bildschirm regnet es Herzen, Münzen und Diamanten.

Chinas Livestream-Fans und ihre Stars haben kein Problem damit, das Land mit "positiver Energie" zu füllen. Politik ist die geringste ihrer Sorgen. Die einen wollen sich amüsieren, die anderen wollen reich und berühmt werden.



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