AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2018

Neue Internetmacht Chinas Geheimcode für erfolgreiche Tech-Firmen

Chinesische Internetkonzerne sind auf dem Weg zur Weltspitze. Was macht ihre Stärke aus? Fünf Faktoren.

Tencent-Zentrale in Shenzhen: "Kraftwerk der Innovation"
Zhu Min / Imaginechina / Laif

Tencent-Zentrale in Shenzhen: "Kraftwerk der Innovation"

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Freitagabend, 20 Uhr, Primetime in Chinas Staatsfernsehen. Im ersten Programm beginnt eine große Unterhaltungsshow, die seit Monaten Millionen vor den Bildschirm lockt: "Ji zhi guo ren", wörtlich: "Maschinenweisheit gegen den Menschen".

Die Sendung ist eine Mischung aus "Wetten, dass..?" und einer Wissenschaftsshow: Vier Kandidaten, darunter ein Informatikprofessor, treten gegen die neueste Erfindung eines chinesischen Start-ups an. Meistens gewinnt die Maschine. So war es mit der Drohne, die sich ihre eigene Flugbahn suchte, mit dem Computer, der Gedichte schrieb, mit dem Basketball-Roboter, der aus allen Lagen so präzise Körbe warf, wie es keiner der Kandidaten schaffte.

Der Star dieses Abends aber ist Huang Yongzhen, 34, der ein Start-up namens Watrix führt, das sich auf eine spezielle Anwendung künstlicher Intelligenz konzentriert hat. Seine Software kann Menschen identifizieren - nicht anhand ihres Gesichts, ihrer Stimme oder ihres Fingerabdrucks. Sie erkennt sie allein an ihrem Gang, ihrer einzigartigen Weise, sich zu bewegen.

Zuerst ist nur das körnige Bild einer Überwachungskamera zu sehen: Ein Mann, den Kopf unter einer Mütze versteckt, huscht über einen Hinterhof. Dann kommt er mit sieben anderen, exakt gleich gekleideten Männern auf die Bühne, sie drehen eine Runde. Wer von den acht war es, der vorher über das Studiogelände lief? Die Kandidaten versagen, Watrix identifiziert ihn sofort: Es war Kapuzenmann Nummer 7. Erwischt. Applaus.

Europäische Zuschauer mag es innerlich frösteln, wenn die Kamera den Identifizierten ins Visier nimmt. Doch das chinesische Publikum ist hingerissen. Was Science-Fiction-Filme wie "Mission Impossible" nur vorhersagen - Chinas Ingenieure können das heute schon: "Gait-Recognition", Gang-Erkennung, ein neues Überwachungsinstrument, das selbst aus 50 Meter Entfernung funktioniert und gegen das keine Vermummung hilft. Watrix arbeitet bereits mit den Sicherheitsbehörden zusammen. Als Erstes werden Chinas Atomkraftwerke mit seiner Software ausgestattet.

DER SPIEGEL

Die Zuversicht der Chinesen angesichts ihrer Digitalwirtschaft ist derzeit grenzenlos. Ob künstliche Intelligenz (KI), virtuelle Realität (VR), Online-Shopping, mobile Zahlmodelle oder Finanzdienstleistungen - das Reich der Mitte sieht sich auf dem Weg an die Weltspitze. Fernsehshows wie "Ji zhi guo ren" bringen nur unters Volk, was Regierung, Unternehmen und Forschung vorantreiben. Ziel der Sendung sei es, so das Staatsfernsehen, "die Neugier der Menschen auf die Möglichkeiten der Wissenschaft zu erregen".

Die Erregung hat auch westliche Experten erfasst. "Chinas Internet-Player verschieben das Zentrum der Schwerkraft in der globalen Digitalwirtschaft", schrieb die Unternehmensberatung PwC in einer Studie, die sie "The Rise of China's Silicon Dragon" nannte. "Wie Gladiatoren" schlügen sich die Start-ups auf dem "umkämpftesten Markt der Welt" und verwandelten sich dabei von Imitatoren in "Kraftwerke der Innovation" - so ein Kollege von McKinsey.

Wie weit sind die Chinesen wirklich? Europa haben sie wohl abgehängt. Doch werden sie auch Amerikas Onlinegiganten überholen? Was macht die Stärke von Chinas IT-Sektor aus?

Das Internet hat die Mehrheit der Chinesen später erreicht als die Gesellschaften des Westens. Die Chinesen waren jünger und ärmer, als die digitale Revolution sie traf. Viele von ihnen haben das Zeitalter des Desktop-Computers nicht mehr mitbekommen. Daraus folgen zwei wichtige Unterschiede zum Westen: Die meisten Chinesen kennen die digitale Welt nur vom vertrauten Anblick ihres Smartphones. Und die Unternehmer unter ihnen sahen das Internet von Anfang an als eine Möglichkeit, Geld zu verdienen.

Doch es sind nicht nur die Größe seines Marktes und der Einfallsreichtum seiner Forscher, die China diesen digitalen Boom bescheren. Es ist das Zusammenspiel von mindestens fünf Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und das Land international wettbewerbsfähig machen: der massive, steuernde Eingriff des Staates; die über Jahre aufgetürmten Vermögen seiner großen Unternehmen; der Eifer, mit dem Regierung und Unternehmen Daten sammeln und verarbeiten; die Stärke von Chinas verarbeitender Industrie - und eine Bevölkerung, die neue Technologien mit einer Euphorie begrüßt, die im Westen wachsender Skepsis weicht.

I. Der Staat

Als Chinas Präsident Xi Jinping Anfang Januar seine Neujahrsansprache hielt, fiel den Zuschauern eine kleine Veränderung auf. Im sorgfältig arrangierten Bücherregal, vor dem die Rede aufgezeichnet wurde, standen wie üblich das "Kommunistische Manifest" und Marx' "Kapital", daneben aber auch zwei neue, überraschend aktuelle Titel: "The Master Algorithm" des US-Informatikers Pedro Domingos sowie "Augmented. Life in the Smart Lane" des australischen Start-up-Unternehmers und Futuristen Brett King.

Domingos' Buch gilt als Standardwerk über die künstliche Intelligenz, Kings "Augmented" beschreibt, wie die zunehmende Vernetzung unser Leben künftig verändern wird. Beide Bücher sind ins Chinesische übersetzt (ins Deutsche übrigens noch nicht).

Xis Botschaft ist nicht schwer zu deuten: Die Führung der Kommunistischen Partei hat keine Angst vor der Digitalisierung, sondern sie fördert sie auf eine Weise, die gleichzeitig Chinas Volkswirtschaft und dem "digitalen Leninismus" dient, dem zunehmend autoritären Überwachungsstaat.

Seit Langem schirmt Pekings Internetzensur chinesische Onlinefirmen gegen ausländische Konkurrenten wie Google, Facebook und Twitter ab und hält damit zugleich kritische Ideen auf Abstand. Zurzeit plant die Regierung, die letzten noch verbliebenen Verbindungen zu kappen, die sogenannten VPN-Tunnel, über die sich Ausländer, ausländische Firmen, aber auch Chinesen Zugang zum freien Internet verschaffen. Noch zögert Peking mit der totalen Abschottung, doch vieles deutet darauf hin, dass noch in diesem Frühjahr die letzten Schlupflöcher geschlossen werden könnten.

Die "Große Brandmauer" nach außen ist aber nur die eine Seite von Chinas Industriepolitik. Die andere ist die massive Unterstützung der Digitalwirtschaft im Inneren. Von der Mandschurei im Norden bis in die südchinesische Hightech-Metropole Shenzhen richtet die Regierung Technologiezentren ein, bietet Konzernen attraktive Grundstücke, Start-ups günstige Mieten an und fördert den Zuzug von Talenten.

Vor einem Jahr zog der Software-Ingenieur Zhou Liuyang, 30, nach Shenzhen und gründete Webot, ein Start-up, das Sprachassistenten für Versicherungen entwickelt. Er hatte in Hongkong promoviert und zunächst überlegt, seine Firma dort aufzubauen. "Das Leben ist sehr einfach in Hongkong, das Essen großartig", sagt er. "Aber ich wollte mehr."

Zum Beispiel wollte er wegen der teuren Daten, mit denen seine Firma arbeitet, den Zugang zu den Büros mit einem Fingerabdruckverfahren sichern. "Um das zu tun, muss man in Hongkong seine Mitarbeiter abstimmen lassen. Das kann sehr lange dauern - und am Ende doch scheitern, wenn mehr als die Hälfte der Leute das vielleicht nicht wollen."

In Shenzhen hat ein Gründer freie Hand, wenn es um verschärfte Sicherheit geht. "Außerdem läuft alles schneller hier: Ich brauchte genau eine Woche, um meine Firma zu registrieren, alles online. In Hongkong hätte ich von Amt zu Amt laufen und Papiere ausfüllen müssen. Zwei bis drei Monate hätte das gedauert."

Vor allem aber helfe der Staat bei einem der größten Probleme für Start-ups, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen: der Talentsuche. "Wer an einer der 150 besten Universitäten der Welt studiert hat, ist hier sehr willkommen", sagt Zhou. Überflieger von Oxford bis Stanford werden in Shenzhen nicht nur steuerlich, bei der Gesundheitsversorgung und beim Schulgeld für ihre Kinder bevorzugt. Sie kassieren auch bares Geld: Bis zu 600.000 Yuan, umgerechnet 75.000 Euro, erhalten Absolventen wie Zhou Liuyang von der Stadtregierung zusätzlich zu ihrem Einkommen, jährlich, steuerfrei, fünf Jahre lang vom Zeitpunkt ihrer Niederlassung an.

"Peacock-Plan" heißt dieses Förderprogramm, das bislang knapp 2000 Toptalente nach Shenzhen gelockt hat und sich nicht nur an Chinesen und Software-Ingenieure wendet, sondern an Promovierte aller Länder und Disziplinen, an Ärzte, Architekten, Natur- und Geisteswissenschaftler, selbst an Sänger und Dirigenten.

26 Linguisten, Finanzexperten und Ingenieure drängen sich bei Webot an Shenzhens "Hightech-Allee". Das Büro ist längst zu klein, nach dem chinesischen Neujahrsfest Mitte Februar zieht die Firma in einen der vielen neuen Wolkenkratzer um. Ende des Jahres, schätzt Zhou, will er gut hundert Leute beschäftigen, seine Software so bald wie möglich international vermarkten und dann an die Börse gehen.

Den Hauptsitz wird er aber in Shenzhen belassen. Dass ihn die Regierung dort fördert, ist Zhou wichtig, auch wenn der Staat ihm auf die Finger schaut. Davon scheint er auszugehen: Die Kamera an seinem Notebook hat er jedenfalls mit schwarzem Isolierband zugeklebt.

II. Das Geld

Im Januar überholte der Börsenwert von Chinas Digitalkonzern Tencent zwischenzeitlich den von Facebook - mehr als 500 Milliarden Dollar, doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Das Unternehmen begann mit einem Messengerdienst, stieg dann zu Chinas größter Gaming-Firma auf und bedient mit seiner Universal-App WeChat (SPIEGEL 41/2016) inzwischen viele andere Bedürfnisse: chatten, spielen, navigieren, bestellen - und bezahlen. In diesen Tagen dürfte die Zahl der WeChat-User die Milliardengrenze überschreiten.

Vor allem das mobile Bezahlen hat Tencent und den Onlinehändler Alibaba (Börsenwert: 460 Milliarden Dollar) so reich gemacht und könnte sie langfristig über US-Rivalen wie Google und Facebook (jeweils rund zwei Milliarden Nutzer) hinauswachsen lassen. 5500 Milliarden Dollar haben chinesische Kunden 2016 über ihr Handy bezahlt, 50-mal so viel wie die Amerikaner. Die Chinesen erledigen nicht nur ihre täglichen Einkäufe über die Bezahldienste von Alibaba und Tencent. Sie legen auch Ersparnisse über das Smartphone an oder nehmen Kredite auf.

Kundin beim Bezahlen per Smartphone: Chatten, bestellen, bezahlen
Xinhua / Imago

Kundin beim Bezahlen per Smartphone: Chatten, bestellen, bezahlen

Interessant ist, was Chinas Internetfirmen mit dem Geld machen, das sie einsammeln: Sie knüpfen Wertschöpfungsketten, die weit über ihre angestammten Geschäftsfelder hinausgehen und immer mehr Lebensbereiche erfassen - Mobilität, Tourismus, Einzelhandel, Immobilien, Gesundheit.

Beispiel Tencent, Beispiel Unterhaltung: Im November ging in Hongkong die "China Literature Group" an die Börse, Tencents Onlineverlag, bei dem mehr als sechs Millionen Autoren unter Vertrag stehen. Chinesen schreiben und lesen gern online, vor allem Science-Fiction-Texte. Am Abend des ersten Handelstages hatte sich der Wert der "China Literature"-Aktie zwischenzeitlich verdoppelt.

Über seinen Onlineverlag verfügt Tencent über eine potenziell unerschöpfliche Quelle von Stoffen, die andere Bereiche des Konzerns dann verwandeln können: in Fernsehserien (Tencent Video), Kinofilme (Tencent Pictures) und, besonders einträglich, in Videospiele (QQ Games).

Mit der populären Fantasy-Saga "Kämpfer des Schicksals", 2014 als E-Book erschienen, steht der Konzern kurz vor dem Abschluss einer solchen Verwertungskette: Als Zeichentrick- und Streamingserie ist der Stoff verarbeitet, demnächst kommen ein Kinofilm und ein Handyspiel auf den Markt. Ist Tencent, fragt das US-Magazin "Forbes", so etwas wie "Chinas Disney"?

Doch Entertainment ist nur eines von vielen Feldern, in die der Konzern investiert - und China nicht das einzige Land, das er erobern will.

Bislang beschränken sich die globalen Aktivitäten von Chinas Onlineriesen auf Kooperationen und strategische Beteiligungen. Alibaba vertreibt Waren von Firmen wie Aldi oder Zara und hat zuletzt den von den deutschen Samwer-Brüdern gegründeten Onlinehändler Lazada gekauft. Tencent ist unter anderem am US-Autobauer Tesla und am schwedischen Musikstreaming-Dienst Spotify beteiligt und hat die Mehrheit am finnischen Spiele-Entwickler Supercell ("Clash of Clans") übernommen.

In den bevölkerungsreichen Ländern Südostasiens betreiben die Chinesen bereits eigene Unternehmen, dort funktionieren ihre Geschäftsmodelle sehr gut.

Ob das auch für Europa und die USA gilt, ist offen. Tencent und Alibaba haben jedenfalls damit begonnen, ihr zukunftsträchtigstes Geschäft zu exportieren, ihre Bezahldienste. An europäischen Flughäfen, auch in Filialen deutscher Drogeriemärkte wie Rossmann und dm, können chinesische Touristen bereits mit ihrem Handy zahlen. In China wiederum können Ausländer seit ein paar Tagen ihre internationalen Kreditkarten mit WeChat Pay verknüpfen.

Bevor sich aber das zweifellos praktische chinesische Bezahlmodell weltweit gegen die Kreditkarte durchsetzt, müsste aber wohl eine grundsätzliche Frage geklärt sein: Was würden die Chinesen mit unseren Daten machen?

III. Die Daten

Wenn die Software von Watrix einen Menschen an seinem Gang identifiziert hat, dann reicht ein Video von zwei Sekunden aus, um ihn über jede moderne Überwachungskamera wiederzuerkennen. "Wir müssen nur genug von ihm zu sehen kriegen", sagt Huang Yongzhen, der das Start-up bei "Maschinenweisheit gegen den Menschen" vorgestellt hat. Etwa 60 Prozent des Körpers sollten sichtbar sein, um ihn aus einer Menschenmenge herauszufiltern.

In spätestens zehn Jahren, schätzt Huang, werde sich die Gangerkennung in China flächendeckend durchgesetzt haben, um Straßenkreuzungen und U-Bahn-Stationen zu überwachen und Verbrecher zu fangen. Ein paar "technische und gesetzliche Hürden" seien noch zu nehmen, aber für beides sei China gut gerüstet. "Das wird im Silicon Valley nicht so schnell gehen. Mit einem Produkt wie diesem haben wir in China einen Vorteil."

Gesichtserkennung, Stimmenerkennung, Gangerkennung, Verkehrsströme, individuelle Konsumentenprofile - chinesische Unternehmen sammeln und verarbeiten Daten in einem Ausmaß, das in anderen Ländern unvorstellbar wäre. Die künstliche Intelligenz, die diese unstrukturierten Datenmassen lesbar und verständlich macht, beschleunigt die Entwicklung. Chinas Regierung ist bereit, Hunderte Milliarden Dollar zu investieren, um das Land bis 2030 zur Nummer eins in Sachen künstliche Intelligenz zu machen.

Die Sammelwut hat Dimensionen angenommen, die offenbar selbst Chinas Regierung nicht mehr geheuer sind. Anfang des Jahres bestellte sie Vertreter der Suchmaschine Baidu und des Nachrichten-Aggregators Toutiao ein. Sie sollten offenlegen, welche Daten sie sammeln, mit wem sie sie teilen und warum sie ihre Kunden nicht darüber informierten. Ant Financial, der Finanzdienstleister von Alibaba, hatte in den mobilen Geldbörsen seiner Nutzer stillschweigend eine Einstellung vorgenommen, die Geschäftspartnern Zugriff auf deren Konsumentendaten erlaubte.

Doch die Rüge der Regierung war bestenfalls Kosmetik. Der Staat selbst sammelt noch viel eifriger als jedes chinesische Unternehmen, ja er hält selbst ausländische Firmen an, für ihn mitzusammeln. Das im Juni verabschiedete Cybergesetz verpflichtet alle Unternehmen, die Netzwerke oder Cloud-Dienste betreiben, ihre Daten auf chinesischen Servern zu speichern und die Protokolle mindestens sechs Monate lang aufzubewahren: Vorratsdatenspeicherung auf Chinesisch.

Als Amnesty International die führenden elf Messaging-Dienste der Welt auf ihren Schutz der Privatsphäre hin überprüfte, landete Tencent mit 0 von 100 Punkten auf dem letzten Platz. Chinas Meisterschaft im Datenlesen ist eine fragwürdige Errungenschaft. Sie mag chinesischen Unternehmen einen Vorteil verschaffen - für ihre globalen Ambitionen ist dieser Vorteil ein Nachteil: Niemand wird ihnen vertrauen.

IV. Die Macher

Die Werkstatt von Pan Hao, 34, sieht aus wie die Kulisse eines Erfindertraums. Modernstes Gerät steht herum: 3-D-Drucker, Kompressoren, frisch gelötete Platinen, ein Roboter des Augsburger Hightech-Unternehmens Kuka, das kürzlich von einem chinesischen Konzern übernommen wurde.

"Hier kommen Leute her, die Ideen haben", sagt Pan, Gründer des Start-ups "Seeed Studio" in Shenzhen. "Wir helfen ihnen dabei, sie umzusetzen."

Pan führt zwei Sphären zusammen, deren Kombination sich noch als "Killer-App" der chinesischen Digitalwirtschaft erweisen könnte: den Einfallsreichtum junger Nerds und Ingenieure - und die Ressourcen einer verarbeitenden Industrie, die 40 Jahre lang die "Werkbank der Welt" war. Wer ein neues Gerät oder ein digitales Gadget, ein besonderes Design im Sinn hat, dem stellt "Seeed" die Ausrüstung bereit, um einen Prototyp zu bauen. Wenn er weiter vorankommt, vermittelt ihn das Start-up an einen Betrieb, der eine Kleinserie herstellen kann; wenn die erfolgreich ist, an eine Fabrik, die das Gerät in Massen produziert.

"Wir haben wie früher die Deutschen und die Japaner lange nur kopiert. Nun fangen wir an, Dinge auch selbst zu entwickeln", sagt Pan. Die Unzahl der Betriebe aller Größen und Kompetenzen sei eine historische Chance für China. "Wir stehen hier in einem Regenwald von Zulieferern." Es gebe kaum etwas, das sich in China nicht zur Serienreife bringen ließe, gerade hier am Perlflussdelta, wo Chinas industrieller Aufstieg seinen Anfang nahm.

Firmengründer Pan: "Wir stehen hier in einem Regenwald von Zulieferern"
Gilles Sabrié / DER SPIEGEL

Firmengründer Pan: "Wir stehen hier in einem Regenwald von Zulieferern"

Pan arbeitet nicht nur mit Chinesen zusammen, in seiner Werkstatt und den modern verglasten Konferenzräumen stehen seine Landsleute mit Europäern, Australiern und Amerikanern am Bildschirm. "Makers", "Macher", nennen sich diese Leute, die Apparate wie neuartige Wifi-Messgeräte und Bluetooth-gesteuerte Gravurmaschinen entwerfen. Der Ausdruck beschreibt ziemlich genau, was man im Deutschen als Schrauber oder Tüftler bezeichnet - allerdings mit einem entschieden digitalen Dreh.

"In China hat man lange auf diese 'Macher' hinuntergeschaut", sagt Pan. "Aber das ist vorbei. Waren es nicht die 'Macher', die Deutschlands Wirtschaft zu dem gemacht haben, was sie heute ist?"

Nächstes Jahr will Pan sein Start-up an die Börse bringen, in Shenzhen oder in Hongkong.

V. Der Spirit

Der Chang'an Boulevard, Pekings imperiale Ost-West-Achse, ist eine der teuersten Adressen Chinas. In einem Hochhaus gegenüber dem Gebäude des chinesischen Staatsfernsehens hat Liu Chengcheng, 29, gerade vier Büroetagen gemietet. Es ist sein 8. Standort in Peking, der 30. in China.

Liu, kurz "CC" genannt, betreibt ein Unternehmen, das man als Chinas "Techcrunch" bezeichnen könnte, das US-Nachrichtenportal für die IT-Branche. Aber diesen Vergleich mag er nicht mehr, und da hat er einen Punkt.

Als ihn der SPIEGEL vor vier Jahren zum ersten Mal traf, hatte Liu seinen Studentenblog "36Kr" über Chinas Soft- und Hardwarefirmen gerade zu einer Plattform ausgebaut, auf der sich Gründer und Investoren fanden ( SPIEGEL 7/2014 ). Er hatte 50 Mitarbeiter.

Inzwischen hat er 700 Mitarbeiter angestellt und seine Firma in drei Bereiche aufgespalten: Der erste berichtet nach wie vor über Chinas Start-up-Szene. Der zweite ist eine mobile Datenbank, auf der sich Investoren über 600.000 chinesische IT-Firmen informieren können.

"Ich möchte in China einen Wirtschaftsdienst wie Bloomberg schaffen", sagt Liu Chengcheng, "aber nicht für die etablierten Börsenunternehmen, deren Aktienkurse man auf einem großen Terminal verfolgt, sondern eine App, die genauso schnell ist wie die Start-ups, denen wir folgen."

Der dritte Bereich, "Kr Space" genannt, vermietet Büros und Arbeitsplätze - ähnlich wie "WeWork", Amerikas Kurzzeitvermieter für kleine Unternehmen. Diesen Vergleich mag Liu.

"China hat mehr kleine und mittelständische Internetunternehmer als die USA und Europa zusammen", sagt er. "Die meisten von ihnen sitzen immer noch in ihren privaten Wohnungen. Wer hat in China schon eine Garage?" Die Nachfrage sei stark, Alibaba und Chinas Uber-Pendant Didi haben in seinen "Kr Space" investiert. Nächstes Jahr will er mit der Firma in New York an die Börse gehen.

Unternehmer Liu: "Wer hat in China schon eine Garage?"
Gilles Sabrié / DER SPIEGEL

Unternehmer Liu: "Wer hat in China schon eine Garage?"

Nicht nur die Größe und das Wachstum des chinesischen IT-Sektors würden im Westen immer noch unterschätzt, sagt Liu, auch der Umstand, wie mobil Chinas Internet inzwischen sei. "Viele Volkswirtschaften des Westens sind im Grunde immer noch E-Mail-basiert", sagt er. "Das gibt es in China nicht mehr. Meine Generation macht alles auf dem Mobiltelefon. Ich verwalte sogar mein ganzes Portfolio auf dem Handy."

Es ist zwölf Uhr, Liu Chengchengs Assistentin hat per App ein paar Lunchpakete bestellt. Bevor das Essen kommt, stellt sie ihm aber eine Thermosflasche mit Hühnersuppe hin. Die hat seine Frau eingepackt.

Chengcheng hat vor zwei Jahren geheiratet, eine junge Frau aus der Provinzstadt, aus der er selbst stammt. Sie haben ein sechs Monate altes Baby. "Seit wir uns auf den Börsengang vorbereiten, habe ich kein Privatleben mehr", sagt Liu, "meine Frau organisiert alles für mich. Sie sucht mir sogar jeden Morgen raus, was ich anziehen soll."

Vor vier Jahren hatte er gerade noch die Zeit gefunden, den Führerschein zu machen. Auf die Frage, was für ein Auto er sich denn kaufen wolle, antwortete er damals: "Ein blaues."

Inzwischen hat er ein Auto, einen blauen Tesla. "Ich komme nur leider nie dazu, ihn zu fahren. Dafür müsste ich mir Urlaub nehmen. Aber wenn ich in China bin, gibt es keinen Urlaub."



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