AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2017

FDP-Spitzenkandidat Der talentierte Herr Lindner

Christian Lindner ist der begnadetste Verkäufer der deutschen Politik. Doch was will eigentlich der Chef der neuen, wahnsinnig hippen FDP?

Gordon Welters / DER SPIEGEL

Von


Christian Lindner will den Menschen auf dem Marktplatz von Kronberg im Taunus jetzt etwas andrehen. "Wissen Sie, wo ich Sie grad hier sehe und wir so zusammenkommen", sagt er charmant lächelnd auf der Bühne. "Warum gehen Sie nicht den Schritt vom Wähler...", lange Kunstpause, "...zum Mitglied?"

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Im Netz wird er dieser Tage als Thermomix-Verkäufer verulkt. Wie der erfundene "Thermi-Lindner" die Vorteile des Thermomix aufzählt ("Und alle Teile können in die Spülmaschine!"), preist der echte Lindner nun die Vorteile einer FDP-Mitgliedschaft an. Als Mitglied könne man auch nach der Wahl den Kurs der Partei bestimmen.

"Und deshalb: warum nicht heute?", ruft Lindner. "Vertrauen Sie mir bitte. Vertrauen Sie mir! Wenn Sie heute den Aufnahmeantrag für die FDP hier unterschreiben... dieses Gefühl!" Er macht eine noch längere Pause, atmet theatralisch tief ein, als söge er den Duft einer Blumenwiese auf. "Haben Sie das schon mal gefühlt, einen innerlich aufsteigenden Vogelschwarm? Dieses Gefühl von innerer Unabhängigkeit, Sie können es heute hier haben. Nutzen Sie die Gelegenheit! Und gönnen Sie sich auch mal was im Leben! Wenn Sie jetzt zugreifen, pack ich noch zwei Ananas gratis obendrauf." Das ist natürlich gelogen. Den Satz mit der Ananas hat er nicht gesagt. Alle anderen schon.

Es ist nicht ganz klar, ob die derzeit in Umlauf befindlichen Lindner-Karikaturen einfach sehr treffend sind. Oder ob der FDP-Chef die Karikaturen zielsicher aufgreift, um den Kultcharakter seiner Kampagne zu mehren.

Nach der Rede umringen ihn die Zuhörer vor der Bühne. Eine Frau, Mitte dreißig, fragt ihre Freundin: "Meinst du, wenn ich jetzt FDP-Mitglied werde, kriege ich ein Selfie mit ihm?" Eine Band spielt "Einer von 80 Millionen" von Max Giesinger, dem Star der neuen deutschen Ultraleichtpopwelle. Das Selfie gibt es dann auch ohne FDP-Mitgliedschaft. Lindner bleibt, bis jeder auf dem Platz sein Foto hat.

Nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie ist Lindner der beste Wahlkampf dieses Sommers gelungen. Dass er von Spöttern mit der jüngsten H&M-Kampagne verwechselt wird, scheint höchst willkommen. Lindner greift jeden Gag persönlich auf, auch den Witz der Satire-Website Postillon, die meldete: "Parfum-Verkäuferin genervt, weil sie ständig nach neuem Duft 'FDP' gefragt wird".

GORDON WELTERS / WWW.GORDONWELTERS.COM

Es kann gut sein, dass Lindners FDP bald aus der außerparlamentarischen Opposition in die Bundesregierung zurückkehrt. Weniger klar ist, was für eine Partei zurück an die Macht drängt. Ist die neue FDP so ultraflockig, hip und modern, wie die Inszenierung ihres Spitzenmannes glauben machen soll? Steckt hinter der schönen neuen Verpackung tatsächlich eine neue FDP? Und hat die Partei unter Lindner jenen inneren Kompass gefunden, der unter Jürgen Möllemann und Guido Westerwelle abhandengekommen war?

Die Werbeagentur, die seine Kampagne inszeniert, heißt "Heimat". Sie war es, die im Jahr 2000 Jürgen Möllemanns "Werkstatt 8" in Nordrhein-Westfalen miterfand und jene erfolgreiche und vergleichsweise bescheidene Kampagne, die zum Vorläufer des maßlosen "Projekts 18" wurde, einer populistischen, bisweilen nach rechts blinkenden Strategie, die zugleich auf Spaßelemente und umfängliche Personalisierung setzte. Irgendwann wurde es den Leuten von Heimat zu viel, sie stiegen aus. Ihnen fehlte der innere Kompass der Partei. Heute ist die Agentur wieder an Bord. Ihre Macher haben den Eindruck, dass die FDP mit Lindner die Phase der Hybris und Unreife hinter sich gelassen hat.

Am Flughafen Tegel betritt Lindner an diesem Vormittag als Letzter die Lufthansa-Maschine. Es geht nach Frankfurt, er reist noch allein, ohne Begleitung.

Die leichte Verspätung macht er mit einem flotten Marsch durch den Frankfurter Flughafen wieder wett. Währenddessen spricht er über seinen Auftritt bei Claus Strunz auf Sat.1 wenige Tage zuvor. Strunz fragte Lindner gleich, ob es bei der Dating-App "Tinder" gut für ihn laufe. Später fragte er die ebenfalls anwesende Katja Kipping von der Linken, ob ihr Lindners Dreitagebart gefalle und ob sie ihn "scharf" finde.

"Peinlich" sei das gewesen, sagt Lindner. "Eine Bagatellisierung von Politik." Nüchtern betrachtet sei er das erste männliche Sexismus-Opfer der deutschen Politik. "Nur, bei mir ist es nur noch viel krasser: Niemals wäre ein männlicher Kollege gefragt worden, ob er die Kollegin scharf oder heiß finde." Er habe sich in der Werbepause bei Strunz beschwert. "Das ist eine Reduzierung von Politik auf Äußerlichkeiten, die mich sprachlos macht."

Als Nächstes beginnt er eine Parodie auf die bisherige journalistische Begleitung seines Wahlkampfes. Er könne genau sagen, wie die Interviews mit ihm abliefen: "Herr Lindner, kommen wir zu den Inhalten: Welches Amt streben Sie an? Und jetzt mal zu den Inhalten, Herr Lindner: Welche Koalition möchten Sie machen? Ja, aber zu den Inhalten: Wer hat eigentlich die Plakatfotos bei Ihnen geschossen? Einige Passanten schauen ihm, den sich selbst Befragenden, verdutzt nach. "Immer dasselbe inhaltsleere Zeug!", sagt Lindner.

Es ist nicht ungeschickt, die eigene Oberfläche erst so glatt zu wienern, dass sich ihrem Glanz kaum jemand entziehen kann, und sich später empört darüber zu beklagen. Genauso geschickt ist es, auf all die Modelplakate so viele Inhalte zu drucken wie keine andere Partei, auch wenn die Buchstaben so klein sind, dass Autofahrer einen Stau und ein Fernglas brauchten, um etwas zu entziffern. Man kann dann immer darauf hinweisen, dass man die inhaltsreichsten Plakate habe.

An einem heiteren Sonntag vier Wochen vor der Wahl betritt Lindner seinen Stammitaliener am Prenzlauer Berg. Die 45-Quadratmeter-Wohnung, in der er mit seiner Frau in Berlin lebt, ist nur drei Häuser entfernt. Er trägt, Achtung, inhaltsfreie Beschreibung des Äußeren: weißes T-Shirt, weiße Turnschuhen und eine jener Bluejeans, für die man extra zahlt, damit sie nicht neu aussehen. Dazu eine Pilotenbrille von Ray Ban, die silberne.

Er sei heute etwas im Stress, sagt er, weil er noch "richtig viel Text produzieren" müsse, aber er könne sich nicht beklagen. Dass die FDP in allen Umfragen stabil über der Fünfprozenthürde liege, sogar eine Chance auf Platz drei habe, das habe er noch vor Kurzem nicht zu träumen gewagt. 28Tage sind es an diesem Sonntag noch bis zur Wahl, beziehungsweise "27 Tage brutto", wie Lindner sagt. Rund 1400 Bruttowahlkampftage liegen bereits hinter ihm.

Gordon Welters / DER SPIEGEL

Im Grunde sei er seit 2013 im Wahlkampfmodus. Habe nur keiner mitbekommen. Als er im Dezember 2013 zum Vorsitzenden gewählt wurde, waren die Liberalen gerade mit 4,8 Prozent aus dem Bundestag geflogen, und niemand weinte ihnen nach. Als Lindner übernahm, war die FDP der Dinosaurier unter den Parteien, akut vom Aussterben bedroht.

Lindner bestellt Büffelmozzarella mit Bresaola, nichts Üppiges jetzt, er hat heute noch keinen Sport gemacht. "Der Absturz nach 2013 war noch krasser, als ich es befürchtet hatte", sagt er. "Noch viel krasser."

Was folgt, ist seine Heldengeschichte.

Vier Jahre lang musste Lindner irgendwelche Lebenszeichen senden. Er flitzte kreuz und quer durch die Republik. Besuchte Ortsvereine, um sie von der Auflösung abzuhalten. Bot kleinen Regionalzeitungen Interviews an, weil sie die Einzigen waren, die noch zu einem Interview bereit waren. Die Sicht der FDP auf die großen politischen Fragen war in etwa so interessant wie die von Hans Eichel.

Nach den 4,8 Prozent bei der Bundestagswahl sackte die FDP in den Umfragen weiter ab. "Auf Strich", sagt Lindner. "Auf Strich! 2014, Politbarometer, ZDF! Da war Strich! Wir wurden gar nicht mehr aufgeführt. Man hatte uns bei den Violetten eingeordnet. Den Sonstigen!" 2014 sei "ein Horrorjahr" gewesen.

Er verordnete seiner Partei, ein neues Leitbild zu entwickeln: "Wir brauchten einen Relaunch", sagt Lindner. Relaunch ist ein Begriff aus der Marketing- und PR-Welt. Er meint die Überarbeitung und Verbesserung eines bereits eingeführten Produkts.

"Das Ziel war: erst mal unsere Identität klären - dann den äußeren Auftritt modernisieren." Bildung und Digitalisierung sollten die neue Priorität werden, nicht mehr Steuersenkungen. Man wollte nicht länger Anwalt der Etablierten sein, sondern von Einsteigern und Gründern. Beim Dreikönigstreffen im Januar 2015 sollte der Relaunch fertig sein.

Während Lindner noch am Leitbild werkelte, verlor die FDP die Europawahl und drei Landtagswahlen. Der Druck wuchs, es gab Zerfallserscheinungen, in Hamburg spalteten sich die "Neuen Liberalen" ab. Im Herbst 2014, sagt Lindner, habe er nicht gewusst, ob es überhaupt noch zu seinem Relaunch kommen würde. "Es stand auf der Kippe."

Drei Jahre später scheint es zunächst, als hätte sein Relaunch alle Ziele erreicht. Die FDP wirkt plötzlich wie die frischeste, modernste und dynamischste Partei Deutschlands. Beim neuen Leitbild, erklärt Lindner, habe man sich nicht an Zielgruppen orientiert, sondern an einem Lebensgefühl. Bei der CDU frage man sich: Was machen wir für die 60-jährigen Frauen? Und lande bei der Mütterrente. "Bei uns ist es so: Wir finden, Deutschland müsste geil Digitalisierung machen. Und dann fragen wir: Wen könnte das interessieren?"

Um geil Digitalisierung zu machen, führt Lindner nun die erste konsequente Kampagne für das digitale Zeitalter - mit all ihren Wesensmerkmalen: zackig, fix und mit leichtem Hang zur geschöntenSelbstdarstellung. Auf Facebook machen sich ja auch alle interessanter, als sie sind.

Lindner besucht bevorzugt Events, die irgendwie nach Zukunft klingen. An diesem Dienstagabend ist es die "Wahl-Digital 2017", eine Veranstaltung des Verbands der Internetwirtschaft in der Berliner Dependance von, logisch, Microsoft. Sein Vortrag ist wie immer eine Mischung aus Motivationsseminar, Impulsreferat und Comedy. Er schlendert frei redend am Bühnenrand lang, gestikuliert gelernt, schäkert mit dem Publikum. "Wann waren Sie zuletzt in Ihrer ehemaligen Schule?", fragt er eine Frau in der ersten Reihe.

"Vor vier Jahren, aha. Und alles anders als zu Ihrer Schulzeit? Nein? Riecht auch noch wie damals. Die Lehrer..." Er lässt eine Pause hinter "die Lehrer", das Publikum reagiert auf die angeblich riechenden Lehrer wie geplant mit Gelächter. "Ach so", ruft Lindner dann gespielt empört. "Nein! Das meinte ich nicht!"

Gordon Welters / DER SPIEGEL

Am Ende soll es eine Abstimmung geben. Das Publikum könne "ganz einfach per Slido" mitmachen, sagt der Moderator. Es handelt sich um eine Abstimmungs-App. "Sie sehen das Ergebnis dann auf Ihrem Second Screen." Die Frage ist, wen das Publikum wählen würde, "rein aus netzpolitischer Sicht". Auf dem Second Screen stehen am Ende 40 Prozent für Lindners FDP.

Am nächsten Tag ist er bei einer Tagung seiner Freunde vom "Handelsblatt", das Thema lautet: "Banken im Umbruch - Technologie trifft Mensch". Wie bei fast allen Veranstaltungen, bei denen er auftritt, haben sich Lichtdesigner immense Gedanken über die Beleuchtung des Raums gemacht. Und wieder müssen durchaus gebildete Leute auf ihrem iPhone "per Slido" über irgendeinen Quatsch abstimmen. Wenn man Lindner länger durch seine Parallelwelt begleitet, stellt sich unweigerlich die Frage, ob die Digitalisierung nicht auch zu einer gewissen Infantilisierung führt.

Obwohl mit 38 Jahren noch immer recht jung, ist Lindner schon eine halbe Ewigkeit Politiker. Mit 21 wurde er Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, 2009 machte ihn Guido Westerwelle zum Generalsekretär der Bundespartei. "Die unangenehmste Zeit meines politischen Lebens", sagt er heute über diese Phase. Er habe nichts mitbekommen und trotzdem immer vorn stehen und die desaströse Politik seiner Partei in der schwarz-gelben Regierung verkaufen müssen.

Mitten in der Legislaturperiode entschloss er sich nach nur zwei Jahren im Amt überraschend zum Rücktritt. "Die Konsequenz, die ich daraus gelernt habe, war zu sagen: Jetzt sprengst du das alles in die Luft. Du musst dich befreien."

Lindner redet ungern über die jüngere Vergangenheit seiner Partei, über Möllemann und die Hybris des Projekts 18, über Westerwelles ebenso schrillen wie kalten Liberalismus, über die Zoten von Rainer Brüderle. Mit seinem Relaunch wollte er auch dieser Vergangenheit entfliehen. "Es ist jetzt nicht mehr so, wie es war", sagt er. "Da ist jetzt was Neues."

Lindner versuchte sich schon als Schüler des Gymnasiums Wermelskirchen als PR-Profi. In einem Film, der sich dieser Tage blitzschnell im Netz verbreitete, sieht man den 18-Jährigen über seine gerade gegründete Firma reden. "Probleme sind nur dornige Chancen", sagt er mit modischer Kuhkrawatte in die Kamera. Vielen fehle das Selbstbewusstsein, auch älteren Geschäftsführern zu sagen: "Das, was Sie gemacht haben bisher, das sind überkommene Strukturen. Sie müssen umdenken."

"Denken wir neu", lautet 20 Jahre später der Slogan der FDP.

Wie "Relaunch" ist auch sein zweites Lieblingswort "Narrativ" ein Begriff aus der PR-Welt. In Lindners Narrativ von der neuen Partei kommt der Versandhandelsapotheke eine Schlüsselrolle zu. Er weist gern darauf hin, dass die Apotheker nicht mehr so gut auf seine Partei zu sprechen seien. Wie die Zahnärzte, die Hoteliers und die Anwälte gehörten sie all die Jahre zur Klischeeklientel der FDP. Man sei jetzt an der Seite der Verbraucher, sagt Lindner. Schreibe leider keiner. "Dabei wär das mal ein Attention-Getter gewesen."

Lindners FDP hat sich bestenfalls in dosierter Form erneuert. Früher hieß ihr Mantra Bürokratieabbau, heute nennt sie es "One in - two out" - ist aber noch immer Bürokratieabbau. Sie stellt sich offensiver gegen Konzerne wie den Internetmonopolisten Google. Außerdem will die FDP, so Lindner, "gucken, dass der einzelne Mensch nicht unter das Diktat einer künstlichen Maschine gerät, weil er im Auto sitzt, das allein fährt und man gar nicht eingreifen kann". Die neue FDP schmiegt sich weniger an die Union an und will stärker auf eigene Themen vertrauen. Lindner möchte zudem mehr innerparteiliche Demokratie wagen. Über Koalitionsverhandlungen soll die Basis abstimmen und nicht wie früher diejenigen, die von einer Regierungsbeteiligung profitieren.

Vor sieben Jahren, damals noch als Generalsekretär, sorgte Lindner mit dem Begriff des "mitfühlenden Liberalismus" für Aufsehen. Der Liberalismus sei im Kern immer auch empathisch, hatte er gesagt. Ihm gefiel das, aber er geriet umgehend in Weichei-Verdacht, und dann gefiel es ihm bald nicht mehr so gut. Heute spricht er lieber von einem "ganzheitlichen Liberalismus", den ein differenzierteres Staatsverständnis auszeichne. Man sei nicht mehr per se gegen den Staat.

Doch egal was Lindner beteuert, egal wie schick der Relaunch gewesen ist - vieles von der alten Partei steckt noch in der Lindner-FDP. Wenn er etwa über Wirtschafts- und Energiepolitik spricht, hat man den Eindruck, es sei noch immer 1982.

Den Glauben, dass der Markt fast alles besser regle als der Staat, ist der Kern des Programms geblieben. In diesem Jahr erhielt die FDP bereits mehr als 1,6 Millionen Euro an Großspenden, fast so viel wie die Union, sechsmal so viel wie die SPD. Weite Teile der alten Klientel scheinen noch immer an Bord zu sein.

Aber da ist noch etwas anderes. Das alte Kompassproblem.

Vor vier Wochen war Lindner Gast bei "Anne Will". Dort wurde er Zeuge, wie seine Sitznachbarin Alice Weidel den SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann ins Stottern brachte, als sie behauptete, die Grenzwerte für Stickoxide seien für die Straße weitaus strenger als für Büroräume. Kurz darauf verbreitete er diese These der AfD-Spitzenkandidatin in Interviews und auf Facebook. Sie geht zurück auf einen Artikel auf "Focus.de", der später korrigiert werden musste.

Was Lindner in diesem Wahlkampf probiert, ist eine neue Form von Populismus, die irgendwie aus der Mitte zu kommen scheint, aber auch offen für Abstecher ist. In seinen Werbespots präsentiert er sich als eine Art Märtyrer, der an den Rand seiner Kräfte geht, um gegen große Widerstände zu kämpfen. Man sieht ihn angespannt, sich übermüdet die Augen reibend, dazu eine Musik, die immer dramatischer wird, als spitzte sich alles zu, als brauchte es jetzt endlich einen, der irgendwas zerschlägt.

"Haben Sie mal was gemacht, von dem Sie überzeugt waren, dass es richtig ist?", fragte er im Spot für die NRW-Wahl. Er zitiert Vorwürfe und Anfeindungen, die er aushalten müsse, darunter die Frage: "Warum sprecht ihr über Schulen?" Es wirft der FDP zwar niemand vor, dass sie genau wie alle anderen Parteien über Schulen sprechen will, aber Hauptsache, das Narrativ des heroischen Kampfs gegen Widerstände wird beibehalten. "Du hast das alles vorher gewusst", sagt Lindner im Spot. "Und trotzdem gemacht."

Gordon Welters / DER SPIEGEL

Im neuen Film für die Bundestagswahl erklärt er nun, dass es gut sei, wenn man gezwungen werde, neu zu denken. "Die neue Idee findet nicht jeder gut, eigentlich sogar katastrophal", hört man ihn sagen. "Jetzt musst du dich fragen: Ist sie trotz des Widerstands richtig? Dann musst du dafür kämpfen." Im AfD-Spot sagt Alice Weidel: "Ich hab mich einiges in meinem Leben getraut. Meinen Job an den Nagel gehängt. Um Politik zu machen. Für die AfD. Ausgerechnet für die." Die Musik hämmert dramatisch.

Als die FDP im Herbst 2014 "auf der Kippe" stand, gab es Versuche, sie in eine rechte Protestbewegung zu verwandeln. Lindners einstiger Vertrauter Gerhard Papke, der frühere Fraktionschef in NRW, schrieb ein islamkritisches Papier. Lindner unterband den Rechtsruck. Nach heftigem Streit kam es zum Bruch zwischen ihm und Papke. Der Kompass schien klar.

Als die Flüchtlingskrise der AfD zum Aufschwung verhalf, war plötzlich nicht mehr so deutlich, wo Lindner stand. Zwar verteufelte er stets die AfD, bezeichnete Merkels "Politik der grenzenlosen Aufnahme" aber zugleich als "unverantwortlich" und warf ihr vor, "Europa ins Chaos gestürzt" zu haben.

Im August fiel er mit der Aussage auf, man müsse die russische Annexion der Krim "als dauerhaftes Provisorium" betrachten. Dass er dafür vor allem von AfD-Anhängern Unterstützung erhalten würde, dürfte Lindner bewusst gewesen sein.

Vergangene Woche gab er Joachim Steinhöfel ein Interview für dessen Facebookseite und das Internetportal "Die Achse des Guten". Steinhöfel, früher RTL-Moderator, ist einer der wortgewaltigsten Kritiker von Merkels Flüchtlingspolitik in den sozialen Netzwerken. Der "Bild"-Zeitung erklärte Lindner, wie er künftig mit Flüchtlingen umgehen wolle. "Alle Flüchtlinge müssen zurück!", lautete die Schlagzeile über dem Interview.

Natürlich kann der Eindruck, Lindner wolle auf den letzten Metern Stimmen am rechten Rand einsammeln, das Resultat böser Missverständnisse sein. Aber es wären schon recht viele Missverständnisse auf einmal, gerade für einen, der sich sonst so viele Gedanken über seine Wirkung macht. Wer seine Partei davor bewahren musste, vergessen zu werden, dem gerät der Schrei nach Aufmerksamkeit früher oder später zur Selbstverständlichkeit.

Sollten Bürger, die mit der AfD liebäugeln, sich nun für Lindners Bewegung entscheiden, wäre das nicht das Schlechteste für die demokratische Kultur im Lande. Andererseits will ein Law-and-Order-Liberalismus so gar nicht zum selbst gemalten Bild einer neuen, hippen Partei passen.

Das alte Kompassproblem der FDP hat Lindners Relaunch nicht gelöst. Es bleibt das Bild eines hoch talentierten Mannes, der für den Erfolg zwar nicht alles, aber vieles zu tun bereit ist.

Am Ende seines Auftritts in Kronberg möchte die örtliche FDP-Kandidatin Lindner ein Geschenk überreichen. Sie hält es gut verpackt in den Händen. Für einen Thermomix habe es leider nicht gereicht, entschuldigt sie sich.

"Aber vielleicht ist es das neue FDP-Parfum", unterbricht Lindner und macht gleich wieder Werbung: "Ab dem 25. September im Handel: FDPoison."


Dieser Text wurde nachträglich bearbeitet.



© DER SPIEGEL 38/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.