AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2017

IWF-Chefin Christine Lagarde Männer stören nur

Christine Lagarde hat aus dem männerdominierten Internationalen Währungsfonds eine frauenfreundliche Organisation gemacht. Hilft ihr das im Umgang mit Donald Trump?

IWF-Chefin Lagarde
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IWF-Chefin Lagarde

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Am Ende eines langen Tages in der Wüstenstadt Dubai, an dem Christine Lagarde den Regenten von Dubai getroffen hat und auf dessen World Government Summit eine Podiumsdiskussion abgesessen hat, trifft sie sich in ihrem Hotel anderthalb Stunden mit einheimischen Frauen. Am Ende des Gesprächs soll ihr Pressesprecher noch ein Erinnerungsfoto machen.

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Heft 41/2017
Wie ARD und ZDF Politik betreiben

Treffen mit Frauen gehören zum festen Ritual ihrer Auslandsreisen. Sie nennt diese Treffen "Girls Out" und hat festgelegt, dass an diesen Treffen kein männlicher Mitarbeiter teilnehmen darf, keiner ihrer Aktenträger, nicht einmal ihr Lebensgefährte Xavier Giocanti, der sie gelegentlich auf ihren Reisen begleitet. Lagarde findet, dass Frauen untereinander anders reden, offener, ehrlicher.

Männer, findet sie, stören da nur.

Seit sechs Jahren ist Christine Lagarde nun Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), einer Organisation, die von ihrer Gründung im Jahr 1945 an ausschließlich von Männern geführt wurde, auch in der kommenden Woche, auf der Herbsttagung des IWF, dürften sie in der Mehrheit sein. Lagardes Vorgänger Dominique Strauss-Kahn war ein Macho alter Schule, der zwischenzeitlich unter Verdacht stand, in einem New Yorker Hotel ein Zimmermädchen vergewaltigt zu haben, und deshalb im Frühjahr 2011 zurücktreten musste. Sie sollte dem IWF den Herrenwitz austreiben.

Alles sollte weiblicher werden, sanfter, gesitteter, politisch korrekter. In Deutschland regierte nicht mehr Gerhard Schröder, sondern Angela Merkel, in den USA nicht mehr der cowboyhafte George W. Bush, sondern der einende Barack Obama. Auch in ihrem Heimatland Frankreich steuerte Präsident Nicolas Sarkozy, dessen Finanzministerin sie war, auf das Ende seiner Amtszeit zu.
Aber dann wurde vor einem knappen Jahr Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt, und der Machismus kehrte in die Politik zurück, in karikaturhafter Größe.

Der IWF steht für vieles, für das Trump nicht steht: für offene Märkte, für Multinationalismus, für das klare Bekenntnis zu den Vereinten Nationen. Es ist eine Organisation mit 189 Mitgliedstaaten, die Kredite an Länder in Zahlungsschwierigkeiten vergibt, die internationale Zusammenarbeit in der Währungspolitik fördert und für mehr Welthandel eintritt. Die Ökonomen des IWF kommen von den besten Universitäten der Welt. Sie sind mehrsprachig, viel gereist, elitär. Sie glauben an die Wissenschaft, an ihre ökonomischen Theorien, sie glauben an die Aufklärung, gegen die Trump seine Wähler mobilisiert hat.

Genau genommen erfüllen der IWF und seine Mitarbeiter das ideale Feindbild von Donald Trump. Aber Lagarde hat Erfahrung mit Männern, die von sich selbst glauben, die Größten zu sein.

Sie hat schon mit Hosni Mubarak verhandelt.

Mit Wladimir Putin.

Mit Silvio Berlusconi.

Sie weiß, wie man mit ihnen reden muss.

In Dubai, in einer jener internen Besprechungen mit Mitarbeitern, in denen sie wieder einmal vorrangig mit Männern zusammensitzt, fragt sie in die Runde, wer den "Economist" gelesen hat, die hinteren Seiten, auf denen das britische Wirtschaftsmagazin unterhaltsamer wird, weniger staatstragend. Es ist der Teil, den meistens nur sie gelesen hat. Auch deshalb fragt sie gern danach. Sie erinnert ihre Ökonomen gelegentlich daran, wer näher am wirklichen Leben ist.

Sie schaut in die Runde. Betretenes Schweigen. Niemand?

Sie habe über ein Buch gelesen, das der amerikanische Neurowissenschaftler Daniel Levitin geschrieben hat. "A Field Guide to Lies and Statistics" heißt das Buch, was so viel bedeutet wie "Eine praktische Anleitung für Lügen und Statistik" und nach einer Abrechnung mit Statistik klingt. Aber Lagarde interessiert nur ein Satz aus diesem Buch: "Im Durchschnitt haben Menschen nur einen Hoden."

Auch die Männer lachen.

Es gehört zu den Erfahrungen, mit denen Christine Lagarde in der Politik groß geworden ist, dass Männer am Ende meistens gar nicht so breitbeinig sind, wie sie gern tun.

Präsident Donald Trump ist gerade einmal ein paar Tage im Amt, als sie nach Dubai reist. An seinem ersten Arbeitstag kündigte er das geplante Handelsabkommen Transpazifische Partnerschaft TTP auf, kurz danach erließ er ein Einreiseverbot mit dem Titel "Zum Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten", von dem Staatsbürger aus sieben Staaten betroffen sind: Irak, Iran, Jemen, Libyen, Somalia, Sudan und Syrien. Sie dürfen zunächst für 90 Tage nicht in die USA reisen. Zur Sicherheit hat Lagarde zwei Mitarbeiter in Washington zurückgelassen, die aus der Region stammen und eigentlich mit nach Dubai kommen sollten - aus Sorge, sie könnten nicht wieder nach Washington zurückkehren.

Es ist eine schwierige Zeit. Die halbe Welt ist empört, ihr eigenes Haus in Aufruhr. Trump scheint eine Bedrohung für alles zu sein, für das der IWF steht, für Freizügigkeit, für offene Märkte, für eine Welt, die allen offensteht, ungeachtet der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts. Andererseits sind die USA mit 16,5 Prozent der Stimmen der größte Anteilseigner des IWF. Ohne die Zustimmung der USA kann der IWF nicht handeln, die USA haben beim IWF ein Vetorecht. Lagarde kann sich einen offenen Bruch mit der amerikanischen Regierung eigentlich nicht leisten.

In Dubai sitzt sie auf dem Podium neben Richard Quest, einem der Stars des schon tot geglaubten amerikanischen Senders CNN, der mit seiner massiven Kritik an Donald Trump gerade eine Wiederauferstehung erlebt. Quest würde gern über Trump reden, aber er weiß, dass er Lagarde damit schaden würde. Er wartet ab, in der Hoffnung, dass Lagarde etwas sagt, das ihn dazu einlädt, sie auf das Thema anzusprechen, auf die sogenannte T-Frage.

Eine halbe Stunde sitzen sie da, und Lagarde kontrolliert ihre Worte, sie redet über höhere Zinsen, einen stärkeren Dollar, aber nicht über Donald Trump. "Wird die Welt protektionistisch, Frau Managing Director Lagarde?", fragt Richard Quest. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die US-Wirtschaft einen Aufschwung erlebt", sagt Lagarde. Sie verzichtet sogar darauf, Frauenrechte anzumahnen, was eigentlich in der arabischen Welt zu ihren Standardritualen gehört. Sie weiß, dass sie Quest damit nur eine willkommene Vorlage liefern würde.

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Gerade hatte Trump die staatlichen Zuschüsse für Frauenorganisationen eingestellt, die im Ausland Abtreibungsberatungen anbieten. Sie will Donald Trump aber nicht öffentlich kritisieren, bevor sie ihn nicht getroffen hat, und schafft es tatsächlich, in einer Zeit, in der alle nur über Trump reden wollen, ihn kein einziges Mal zu erwähnen.

Es ist ein Gespräch, das, gemessen am Ernst der Lage, so belanglos daherkommt, wie Quests letzte Frage: "Leiden Sie an Jetlag?"

In der Zeitung "Gulf News" steht am nächsten Tag die Schlagzeile: "Lagarde bullish on US economic growth", Lagarde optimistisch für das amerikanische Wirtschaftswachstum. Besser hätte es nicht laufen können.

Sie redet lieber über das, was läuft, über die guten Nachrichten, die geblieben sind, nicht über die schlechten, die drohen. Man kann das für feige halten, aber auch für klug. Warum soll sie sich aufregen, wenn sie im Zweifel so nur verliert? Warum dieses nutzlose Männergehabe?

Sie hat es in ihrem Leben nicht immer als Vorteil erlebt, eine Frau zu sein, vor allem, als sie in Frankreich die erste Frau an der Spitze einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei werden wollte. Sie kennt die Vorurteile, die Klischees, gegen die man als Frau ankämpfen muss. Wenn man sich nicht alles gefallen lässt, ist man hysterisch, wenn man konfliktfreudig ist, eine Zicke. Aber in diesem Fall ist es tatsächlich einmal ein Vorteil, eine Frau zu sein. Sie muss sich nicht aufblasen, um ernst genommen zu werden. Ein Mann würde schnell ein Weichei genannt, sie aber hat einfach nur Charme.

Sie sitzt auf der Terrasse eines Frankfurter Hotels und blickt auf ihre Zeit beim IWF, die nicht immer leicht war, vor allem am Anfang nicht, als alle dachten, sie sei "vom Mars gelandet". Anders als ihre Vorgänger hat sie nicht Wirtschaft studiert, sondern ist Rechtsanwältin.

Aber vielleicht war das ja ihr Glück.

Gleich zu Beginn hatte sie die Idee, den IWF nicht mehr allein über Zinsen, Wechselkurse und Wachstum reden zu lassen, die klassischen Parameter der globalen Finanzarchitektur, sondern auch über soziale Fragen, insbesondere die Erwerbsbeteiligung von Frauen; Themen, die man beim IWF bisher lieber den Gutmenschen von der Weltbank überlassen hatte.

Sie hatte zuvor eine Studie über den Einfluss der Erwerbsbeteiligung von Frauen auf das Wachstum der japanischen Wirtschaft, ein sehr spezielles Thema, als Grundlage genommen, um durchzusetzen, dass Frauenerwerbstätigkeit in IWF-Programmen als wichtiger makroökonomischer Faktor berücksichtigt wird. Sie verwissenschaftlichte, was sie politisch für nötig hielt. "Es geht dabei nicht um persönliche und moralische Prinzipien", sagt Lagarde, "sondern darum, dass es entscheidend für Wirtschaft und Stabilität ist." Sie hat das Konzept inzwischen erweitert, auch andere Faktoren werden jetzt beim IWF als relevant angesehen, wie zum Beispiel Nachhaltigkeit.

"Der IWF hat sich enorm verändert", sagt Lagarde. "Er ist nicht mehr der IWF unserer Großväter." Das hat ihr zwar nicht geholfen, den Brexit vorauszusehen oder die Wahl Donald Trumps. Doch es hilft, wenn man sagen will, dass der IWF für alle Verständnis hat, selbst für Donald Trump.

Dabei ist gerade das alles andere als leicht. Am Anfang war die Verwirrung groß, aber Lagarde versuchte, Ruhe zu bewahren, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen. Trump sollte sich am IWF nicht abarbeiten können wie an BMW. "Unsere Mitarbeiter haben sich das Wahlprogramm angeschaut und versucht, die Folgen abzuschätzen", sagt sie. "Das war jedoch bei seinem Wahlprogramm schwierig, weil es mehr generelle Prinzipien statt konkrete Maßnahmen beschrieb. Zum Beispiel: ,We are going to make America great again.' Okay. Alles klar. Aber wie kann man das makroökonomisch übersetzen?"

Die IWF-Chefin kannte anfangs nur Gary Cohn im Weißen Haus, Trumps Wirtschaftsberater, der früher bei Goldman Sachs gearbeitet hatte. Nicht gut, aber gut genug, um wenige Wochen nach Trumps Amtsübernahme einen Termin bei Cohn zu bekommen. Auf dem Weg in Cohns Büro, auf einem der vielen Flure im Weißen Haus, lief ihr zufällig Ivanka Trump über den Weg, die Tochter des Präsidenten, die sie schon immer einmal treffen wollte, auch weil sie das Gefühl hat, dass man in schwierigen Zeiten mit Frauen meist vernünftiger reden kann als mit Männern.

Man kenne sich doch aus dem Fernsehen, sollen sich die beiden geschmeichelt haben, um sich danach zu versichern, dass man sich unbedingt einmal treffen müsse.

Dabei begann in diesem Moment die vielleicht schwierigste Phase in der Beziehung zwischen IWF und Donald Trump seit dessen Wahl. Beim Treffen der G-20-Finanzminister in Baden-Baden weigerte sich der neue Finanzminister Steven Mnuchin, ein Bekenntnis zum Freihandel in die Abschlusserklärung aufzunehmen. Lagarde stahl sich danach schnell aus der Konferenz, ohne eine Pressekonferenz zu geben.

Trotzdem bleibt sie mit Finanzminister Mnuchin im Gespräch, kommt sogar gut klar mit ihm. Er hat sich inzwischen zum Freihandel bekannt und ist ihrer Einladung zur Frühjahrstagung gefolgt, wo er neben ihr auf dem Podium sitzt und ihre Fragen beantwortet, die man als äußerst charmant bezeichnen könnte.

Sie erinnert ihn bei solchen Gelegenheiten daran, wie viel sie gemeinsam haben, zum Beispiel dass sie beide aus der Wirtschaft kommen, anders als die meisten ihrer Mitarbeiter im Saal. Sie erwähnt die sogenannte SWOT-Analyse, eine Stärken-Schwächen-Analyse. "Die SWOT-Analyse ist in diesem Gebäude nicht so bekannt", sagt Lagarde, "aber Sie kennen das natürlich. Sie haben in der Wirtschaft gearbeitet." Es ist ein Lob, das Mnuchin schmeicheln muss: als einer zu gelten, der aus der Wirtschaft kommt, nicht aus der öffentlichen Verwaltung.

Es gibt nicht viel, was den IWF und Trump verbindet, der Ausstieg Trumps aus dem Pariser Klimavertrag war ein neuer, herber Rückschlag, der vom IWF beklagt wird. Aber es gibt auch Entwicklungen, die beide Seiten gemeinsam beklagen: die Währungsmanipulationen Chinas, den deutschen Handelsbilanzüberschuss.

Lagarde hat es zu einer Art Kunstform erhoben, Menschen niederzuloben.

Wenn man sie fragt, wie sie ihr erstes Treffen mit Donald Trump erlebt hat, beim G-7-Gipfel in Taormina, kann sie begeistert erzählen, schwärmerisch fast, vom Abendessen, oben im Restaurant, von den Unterhaltungen, aber natürlich auch diesem Ausblick, "in den Garten, den Hang hinunter aufs Mittelmeer".

Und davon, dass sie mit Melania Trump diskutiert hat. Über Frauenerwerbsbeteiligung, natürlich.



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