AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2016

Colonia Dignidad Dokumente des Terrors

In der chilenischen "Colonia Dignidad" wurden jahrzehntelang Menschen gefoltert und missbraucht. Akten des Auswärtigen Amts dokumentieren das Schreckensregime - und wie deutsche Diplomaten es ignorierten.

Sektenchef Schäfer um 1980
AP

Sektenchef Schäfer um 1980

Von und


Der Teufel trägt Strickjacke. Eine Strickjacke mit Zopfmuster, darunter ein weißes Hemd mit langem, spitzem Kragen, so wie es in den Siebzigerjahren Mode war. Mit einem Auge blickt er in die Kamera, das andere Auge starrt seltsam abwesend, es ist aus Glas.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 22/2016
Die unbesiegte Schönheit

Das Passfoto ist mit zwei Heftklammern befestigt, der Antrag auf Ausstellung eines deutschen Reisepasses wurde handschriftlich ausgefüllt. Name: Schäfer, Vorname: Paul, geboren am 4. Dezember 1921 in Bonn, wohnhaft in Parral, Chile. Als Beruf hat Schäfer bei der deutschen Botschaft in Santiago "Heimleiter" angegeben.

Das "Heim", das Schäfer südlich von Santiago de Chile leitet, heißt "Colonia Dignidad" und ist in Wahrheit eine Sekte. Schäfer gründete sie im Jahre 1961, nachdem er aus Deutschland geflüchtet war, um sich einem Haftbefehl zu entziehen. Er hatte in Siegburg als Leiter eines Erziehungsheims minderjährige Jungen vergewaltigt.

Botschaft und Auswärtiges Amt decken Schäfers Aktivitäten

Auch in Chile dauert es nicht lange, bis erste Hinweise auftauchen, dass Schäfer sich in seiner "Kolonie der Würde" ein religiös verbrämtes Arbeitslager eingerichtet hat. Es dient vor allem der Befriedigung seiner pädophilen Neigungen. Den "leibhaftigen Teufel" nannte ihn Wolfgang Kneese. Kneese entkam 1966, damals 20 Jahre alt, als einer der Ersten der Kolonie und berichtete der deutschen Botschaft, wie er von Schäfer nach Chile entführt und jahrelang missbraucht worden war. Die Diplomaten hörten ihm zu und unternahmen - nichts.

So kann Schäfer fast 25 Jahre unbehelligt sein Unwesen treiben. Er baut die Kolonie der Würde zu einem Folterzentrum aus. Er kreiert ein System der Angst und der totalen Kontrolle, er unterhält Kontakte zum chilenischen Geheimdienst und zu den Generälen der Junta. Doch statt den erdrückenden Hinweisen auf Schäfers Terrorregime nachzugehen und sich um den Schutz deutscher Staatsbürger zu kümmern, decken die Botschaft in Santiago und das Auswärtige Amt in Bonn über Jahre die Aktivitäten der Colonia Dignidad.

Außenminister Hans-Dietrich Genscher animiert seine Beamten erst im Jahr 1987, den kriminellen und oftmals tödlichen Aktivitäten von Paul Schäfer und seinen Helfern nachzugehen - da ist der FDP-Politiker bereits 13 Jahre im Amt, und die Siedlung feiert gerade ihr 26-jähriges Bestehen.

Wie ist es zu erklären, dass Genscher, seine Staatssekretäre und ein ganzes stolzes Amt der Schreckensherrschaft des Paul Schäfer jahrzehntelang tatenlos zuschauten? Und welche Lehren zieht das Auswärtige Amt heute aus einem der düstersten Kapitel seiner Geschichte? "Nein, der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt", bekannte Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor viereinhalb Wochen in seinem Haus bei einer Veranstaltung mit Fachleuten, Diplomaten und Schäfers Opfern. Über viele Jahre hinweg hätten deutsche Diplomaten "weggeschaut" und "eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan", gestand der Minister.

Es ist ein doppelter Akt der Reue. Nicht nur, dass deutsche Diplomaten 25 Jahre lang aktiv weggesehen haben. Es dauert weitere 30 Jahre, bis ein deutscher Außenminister es zulässt, dieses dunkle Kapitel der Amtsgeschichte aufzuklären.

Als einen ersten Schritt gab Steinmeier Ende April einen Teil jener Akten frei, die bislang unter Verschluss waren. Der SPIEGEL konnte sie nun umfassend einsehen.

Zufahrt zur "Colonia Dignidad"
REUTERS

Zufahrt zur "Colonia Dignidad"

Der Anstoß des Ministers erfolgte nicht nur aus eigenem Antrieb. Jahrelang hatte sich etwa der Politologe Jan Stehle um einen Zugang zu den neueren Colonia-Akten des Amts bemüht. Er klagte vor Gericht - und erreichte einen Teilzugang unter Auflagen. Das Politische Archiv des Amts blieb ihm in großen Teilen verschlossen.

Bis der Regisseur Florian Gallenberger im vergangenen Februar seinen Film "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" in die Kinos brachte. Er beschreibt den Alltag der Sekte im chilenischen Niemandsland in aller Brutalität. Einem verschleppten Aktivisten und seiner Freundin (gespielt von Emma Watson und Daniel Brühl) gelingt am Ende die Flucht aus der Kolonie, die beiden suchen Schutz in der deutschen Botschaft in Santiago. Doch statt den Verfolgten zu helfen, informiert der Botschafter Sektenchef Schäfer.

Die Szene ist fiktiv, nicht aber die enge Kollaboration zwischen der Auslandsvertretung und Schäfers Sekte. Zahlreiche deutsche Diplomaten pflegten über lange Zeit einen überaus verständnisvollen Umgang mit der Sekte. Allen voran Erich Strätling.

"Sauber bis zu den Schweineställen"

Strätling, ehemaliger Wehrmachtsoldat und Russlandheimkehrer, ist 57 Jahre alt, als er im Jahr 1976 nach Chile kommt. Zuvor war er Botschafter in Südafrika, mit besten Beziehungen zum Apartheidregime. Vor allem aber: Er beginnt, Schäfer zu decken.

Botschafter Strätling 1967
picture alliance / Egon Steiner

Botschafter Strätling 1967

Längst ist bekannt, dass in der Siedlung Kinder missbraucht werden, dass dort systematisch gefoltert wird und die Flucht aus der Kolonie nahezu unmöglich ist. Kurz nach Strätlings Amtsantritt publizieren die Vereinten Nationen einen Bericht über die Zustände in der Colonia. Darin heißt es, im Lager würden "Häftlinge verschiedenen 'Experimenten' ohne jede Befragung unterworfen". In den Zellen fänden Verhöre statt, "während die Gefangenen nackt auf Metallroste gefesselt sind und Elektroschocks empfangen". Der Report schreibt, die Colonia Dignidad sei "das Folterzentrum Nummer eins in Chile".

Es ist Herbst 1976, Strätling besucht die Kolonie und meldet nach Berlin zurück, "alle Einrichtungen der Siedlung müssen als mustergültig bezeichnet werden". Das Lager genieße "hohes Ansehen in der Nachbarschaft". Von Geheimniskrämerei könne keine Rede sein: "Sauber bis zu den Schweineställen." Während Strätling auf Entlastung hinarbeitet, werden die Hinweise auf Schäfers Verbrechen immer konkreter. Im März 1977 veröffentlicht Amnesty International einen drastischen Bericht. Zeitgleich beschreiben Reporter des "Stern" unter der Überschrift "Das Folterlager der Deutschen" detailliert die Zustände in der Kolonie.

Strätling lässt sich davon nicht beeindrucken. Das Amt ist auf seine Berichte angewiesen. Der Botschafter unterhält beste Kontakte zur Colonia. In der deutschen Vertretung gehen Colonia-Mitarbeiter ein und aus. Im Gesamtwert von 54000 Mark möbeln sie die heruntergekommene Residenz des Botschafters auf. Dass das Geld von der Colonia kommt, wird in den Rechnungen für Bonn möglichst verschwiegen.

Strätling kann seine Sympathie für die Colonia nur ausleben, weil er zahlreiche Gesinnungsfreunde im Amt in Bonn hat. Das Haus ist fest in konservativer Hand. Die Leitung überlegt, einen Sonderermittler vom Rhein in die Siedlung zu schicken. Der Leiter der Rechtsabteilung, Dr. Carl-August Fleischhauer, meldet "völkerrechtliche Bedenken" an. Zudem bearbeite der vorgesehene Kollege im Referat 500 das Seerecht und sei gerade "unabkömmlich". Nahezu zeitgleich erhält auch Genscher einen Bericht: "Die Existenz eines Haftlagers und Folterzentrums im Bereich der Colonia Dignidad erscheint zweifelhaft." Vor allem "linksorientierte Blätter" würden "ungeprüft die Behauptungen von Amnesty International übernehmen".

Systematisch wird im Auswärtigen Amt jeder noch so konkrete Beleg ignoriert. Im Solidaritätsvikariat der katholischen Kirche beschreibt der ehemalige chilenische Geheimdienstagent Juan René Muñoz Alarcón, was er in der Colonia erlebt hat: "Dort war ein Ausbildungszentrum des nationalen Geheimdienstes, geleitet von Deutschen." Es gebe dort Ambulanz- und Postflugzeuge und unterirdische Gefängnisse. Muñoz Alarcón: "Dort brachte man mir bei, wie man Leute verhört. Ich war daran beteiligt, Leute verschwinden zu lassen, die sich in der Colonia Dignidad befinden." Der Aussteiger weiß, dass er wegen dieser Aussagen ab sofort gejagt wird: "Es droht mir der Tod, und ich weiß, dass ich über kurz oder lang sterben werde." Muñoz Alarcóns Aussagen werden abgeschrieben, übersetzt, das Transskript gelangt in die deutsche Botschaft in Santiago und nach Bonn. Doch nichts passiert. Vier Monate später wird Muñoz Alarcón mit 15 Stichwunden und einer Schusswunde am Kopf tot in Santiago aufgefunden.

"Nur noch Haut und Knochen"

Am 14. April 1977 geht im Auswärtigen Amt ein Brief von Gisela Bindheim ein. Sie schreibt, dass ihr 42-jähriger Bruder Gerhard Machacek gegen seinen Willen in der Colonia festgehalten werde. Die Schwester beschwert sich über Strätling. "Ich fordere Sie auf zu veranlassen, dass das bisher als äußerst befremdend zu bezeichnende Verhalten der deutschen Botschaft in Chile, mit strengen Maßstäben zu untersuchen sowie diese Botschaft zu veranlassen, die Umstände zu prüfen, unter denen die sogenannten 'Freiwilligen' in der Colonia leben bzw. ob sie überhaupt noch am Leben sind. Ich gebe hiermit meiner Empörung über die Laschheit Ausdruck, mit der ein deutscher Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Chile die sich weltweit ausdehnende Problematik einer 'Folterkolonie' behandelt." Zwei Wochen später erhält Frau Bindheim die Antwort des zuständigen Bonner Referatsleiters Johannes Marré: "Das Verhalten der deutschen Botschaft in Santiago ist korrekt und nicht zu beanstanden." Die Vertretung in Santiago habe mit ihrem Bruder gesprochen, der habe beteuert, er halte sich freiwillig in der Kolonie auf.

Ein Blick in die Akten hätte genügt: Solche Beteuerungen von Colonia-Bewohnern waren auch in früheren Fällen regelmäßig erzwungen worden. Im Fall Bohnau zum Beispiel. Am 15. August 1968 wendet sich dessen Sohn Günther ans Auswärtige Amt. Er vermisst seinen Vater Nathaniel, seine Mutter Helene und seine Schwester Edeltraud. Er legt einen Brief bei, den sein Vater herausschmuggeln konnte. "Liebe Günther und Gerda", schreibt Nathanel Bohnau in krakeligen Buchstaben. "Wir werden hier sehr schlecht behandelt. Die Kinder werden furchtbar geschlagen, und wem das nicht passt und wer nicht bleiben will, wird hier bewacht. Die Mama war auch schon ein Jahr und zehn Monate eingesperrt. Ich durfte in dieser Zeit unter Aufsicht ein paar Male mit ihr sprechen. Sie ist auch fast nur noch Haut und Knochen, bitte helft uns doch hier heraus." Der Hilferuf bleibt ungehört - Bohnaus Angehörige bleiben in der Folterkolonie.

"Wir wollten Stabilität"

Wer ergründen will, warum das Auswärtige Amt über Jahrzehnte so untätig bliebt, muss mit Zeitzeugen reden. Doch viele Verantwortliche sind tot: Botschafter Strätling starb vor langer Zeit, Ende März auch der damalige Außenminister Genscher.

Einer der wenigen, die noch reden können, ist Klaus von Dohnanyi. Der 87-Jährige empfängt in seiner Wohnung an der Hamburger Außenalster. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er als Erster Bürgermeister der Hansestadt bekannt, aber davor, zwischen 1976 und 1981, bekleidete er im Auswärtigen Amt die Funktion eines Staatsministers.

Ehemaliger Staatsminister Dohnanyi
Stefan Boness/Ipon

Ehemaliger Staatsminister Dohnanyi

In seinem Arbeitszimmer kramt Dohnanyi in seinen Erinnerungen. Die fragliche Zeit liegt knapp 40 Jahre zurück, nur Fetzen von Erinnerung sind geblieben. An was er sich aber sehr präzise entsinnt: "Um der Stabilität willen waren wir auch bereit, manchmal Kompromisse einzugehen." Die Blockbildung und die damit einhergehende Solidarität mit den USA gaben die Haltung vor. Und damit auch das Verhältnis zu den Militärdiktaturen Lateinamerikas. Dass der chilenische Geheimdienst Kritiker verschwinden ließ? Nicht schön, aber vielleicht nötig. Dass im Nachbarland Argentinien auch junge Deutsche umgebracht wurden? Anlass zu politischen Demarchen in Buenos Aires, aber kein Grund, die Beziehung ernsthaft zu hinterfragen. Und wenn der SPD-Forschungsminister Hans Matthöfer, wie 1975 geschehen, die Regierung Pinochet eine "Mörderbande" nannte, verbat sich Kabinettskollege Genscher jegliche Einmischung in Angelegenheiten seines Amts.

Es war die hohe Zeit von Terrororganisationen wie der Roten Armee Fraktion, der Bewegung 2. Juni oder den Roten Brigaden. Die stellten in ihren Erklärungen regelmäßig Bezüge zu lateinamerikanischen Untergrundgruppierungen wie etwa den Tupamaros in Uruguay her.

Es war zudem die hohe Zeit des Kalten Kriegs. Es waren Jahre, in denen Ost und West erbarmungslos aufrüsteten und weltweit um Einflusssphären konkurrierten. Ein sozialistisches Chile mit engen Kontakten zu Moskau war auch für Genscher ein nur schwer erträglicher Gedanke.

In diesem Klima wurde im Auswärtigen Amt die Colonia Dignidad bewertet. Klaus von Dohnanyi sagt heute: "Wir fanden Pinochet natürlich schrecklich, sahen aber auch, dass so kein Bürgerkrieg entstanden war." Zudem, so erinnert er sich, habe das Amt nicht der Botschaft in Santiago de Chile in den Rücken fallen können, deren Berichte ja die wesentliche Informationsquelle waren. Aber freisprechen will er sich im Rückblick nicht. "Ich hätte persönlich mehr machen müssen. Ich hätte mich mehr absetzen können, als ich es gemacht habe."

"So muss Theresienstadt gewesen sein"

Das Verhalten des Auswärtigen Amts ändert sich erst, als 1985 der junge Diplomat Dieter Haller an die Botschaft in Santiago versetzt wird. Haller hatte gehofft, dass ihn seine erste Auslandsstation nicht nach Südamerika führen würde. Wenige Monate zuvor hatte er im Kino den Film "Missing" gesehen. Darin geht es um den wahren Fall des US-Journalisten Charles Horman, der in Chile nach dem Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende im Jahr 1973 vom Pinochet-Regime entführt und ermordet wurde. "Dahin gehen wir aber nicht", sagte der Diplomat nach der Filmvorführung zu seiner Frau.

Diplomat Haller
Wolfgang Maria Weber / DER SPIEGEL

Diplomat Haller

Er ging dann doch. Haller, schelmenhaftes Lächeln, sitzt in einem holzgetäfelten Büro des Auswärtigen Amts am Werderschen Markt in Berlin und erzählt von seinem Widerstand gegen die Autoritäten. Der 62-Jährige hat es auf der diplomatischen Karriereleiter weit nach oben geschafft, heute leitet er die Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts.

Damals aber war er Außenseiter: Während die Diplomaten üblicherweise ihre Aufgabe in der Pflege der zwischenstaatlichen Beziehungen betrachteten, interessierte sich Haller für den Aufbau von Zivilgesellschaften und das Thema Menschenrechte. Anders als die meisten seiner Kollegen hatte er die kritischen Berichte über die Colonia Dignidad nicht nur gelesen, sondern auch ernst genommen.

Schon bald nach seiner Ankunft in Santiago stößt der Konsul auf Merkwürdigkeiten. Die Präsenz und die offenkundige persönliche Nähe diverser Sektenmitglieder zur Botschaft lassen ihn stutzig werden. Einmal in der Woche können alle Botschaftsangehörige bei einer chilenischen Ortskraft deutsche Spezialitäten bestellen: Wurst, Käse, Brot - alles, was es in Chile so nicht gab und was deutsche Beamte vermissen, wenn sie am anderen Ende der Welt ihren Dienst verrichten. Die Produkte stammen aus der Colonia Dignidad.

Hallers Chef, Botschafter Hermann Holzheimer, ist ebenso ein Diplomat alter Schule wie sein Vorgänger Strätling, aber als Haller sagt: "Das müssen wir sofort abstellen", folgt der Botschafter seinem Rat. Bei den Kollegen macht sich Haller damit nicht beliebt.

Als Nächstes fällt ihm auf, dass die Colonia-Dignidad-Führung sämtliche Rechts- und Konsularangelegenheiten über Sammelvollmachten regelt. Etwa einmal pro Woche kommt der Statthalter der Colonia in der Hauptstadt, ein gewisser Albert Schreiber, mit einer Tüte Pässe in die Botschaft, um diese zu verlängern. Oder er beantragt spezielle Bescheinigungen, um sich die deutsche Rente seiner Bewohner nach Chile überweisen zu lassen. Es hat sich über die Jahre eingebürgert, dass der Cheflobbyist nicht einmal mehr aktuelle Vollmachten seiner Mandanten vorlegen muss. Auch der Pass von Sektenführer Schäfer wird in diesen Jahren immer wieder problemlos verlängert.

Haller stoppt diese Praxis. Er teilt der Colonia mit, dass jeder für einen Pass persönlich bei ihm vorsprechen müsse. Die Sektenführung lehnt ab, die Stimmung eskaliert. Wenn die nicht zu mir kommen, komme ich eben zu denen, sagt sich Haller und kündigt an, in der Nähe der Kolonie einen Konsularsprechtag abzuhalten. "Ich habe das mit der klaren Absicht gemacht, persönliche Kontakte ohne Aufsicht durch die Sektenführung zu bekommen", sagt Haller heute.

"Ihnen steht das Wasser bis zum Hals!"

Im März 1985 erhält Haller einen Anruf aus der kanadischen Botschaft. Der Kollege erzählt ihm, dass vier Deutsche aus der Kolonie geflohen seien, der Prediger der Sekte, Hugo Baar, und der Logistiker Georg Packmor, jeweils mit ihren Ehefrauen. Die Geflohenen hätten sich nicht an deutsche Diplomaten gewandt - aus Angst, die könnten sie bei Schäfer verpfeifen.

Haller verspricht Diskretion und versteckt beide Paare in einem deutschen Altenheim in Santiago: "Ich gab ihnen viel Papier und ein Diktiergerät und bat sie, alle ihre Erlebnisse aufzuschreiben." Der Bericht geht ans Auswärtige Amt in Bonn, von dort wird er der Staatsanwaltschaft übergeben. Referat 511 kommt zu dem Schluss, es sei "nicht übertrieben, die CD als Konzentrationslager zu bezeichnen, in dem Deutsche festgehalten und zum Teil systematisch gequält werden".

Hallers Hartnäckigkeit macht sich bezahlt. Ende 1987 kann sich die Kolonie nicht mehr länger gegen einen Konsularsprechtag wehren - auf dem Gelände der Sekte. In seinem als Verschlusssache eingestuften Bericht schreibt Haller über eine "Reise in eine andere Welt". Sektenchef Schäfer "dirigiert mit Wort, Mimik und Gestik. Von seiner Person geht eine unsichtbare, die ihn umgebenden Menschen in ihren Bann ziehende Energie aus". Die Chormitglieder hätten den Eindruck von "starren, konditionierten Singrobotern" gemacht. Hallers Fazit: "So muss Theresienstadt gewesen sein - mit einem Unterschied: Nach dem Musikvortrag war es damals den jüdischen Mitbürgern wohl gestattet, sich gegenseitig auszutauschen oder sich gegenseitig anzuvertrauen. Dies ist in Colonia Dignidad verboten." Jetzt wacht auch die politische Führung des Auswärtigen Amts auf. Genscher schreibt am 16. Dezember an den chilenischen Außenminister: "Die Verhältnisse in der Colonia Dignidad lassen Befürchtungen aufkommen, dass Leben und Gesundheit der dort lebenden deutschen Staatsangehörigen gefährdet sein könnten. Die Weigerung, Zutritt zur CD zu verschaffen, bestärkt meine Befürchtungen, dass die bekannten Vorwürfe berechtigt sind." Schäfer registriert, wie der Druck auf ihn zunimmt. Der SPIEGEL berichtet damals von einem Gespräch zwischen dem Colonia-Chef und Botschafter Horst Kullak-Ublick. Alles werde demokratisch entschieden, behauptet Schäfer. "Hier gibt es nur einen Willen, und das ist Ihrer", entgegnet der Botschafter. "Ihnen steht das Wasser bis zum Hals." Schäfer: "Das weiß ich. Ich kämpfe um alles oder nichts." Ein paar Jahre kann sich Schäfer noch halten. 1990 stürzt Pinochet, sechs Jahre später war der Sektenführer untergetaucht. 2005 wird er in Argentinien gefasst, an Chile ausgeliefert und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Am 24. April 2010 stirbt Schäfer, 88-jährig, im Gefängnis in Santiago de Chile.

Schäfer ist tot, doch die Beschäftigung mit der Frage, warum er so lange unbehelligt sein Unwesen treiben konnte, ist noch längst nicht abgeschlossen. Es wäre wohl falsch, das Verschulden allein der deutschen Diplomatie anzulasten. Auch die deutsche Justiz hat versagt. Als 1977 der "Stern" und Amnesty International ihre Berichte veröffentlichten, konnten die Anwälte der Colonia Dignidad eine einstweilige Verfügung erwirken. An dem Kinderschänder Schäfer hat die Justiz kein Interesse mehr. Als Amnesty den Prozess nach 20 Jahren gewinnt, interessiert sich in Deutschland kaum noch jemand dafür.

Seit mehr als sieben Jahren beschäftigt sich der Berliner Jan Stehle mit der Colonia. Er hat sich das Lager zur Lebensaufgabe gemacht, kennt die Täter, kennt die Opfer, hat sich durch Zehntausende Seiten gelesen, in Chile, in Bonn, in Berlin. Stehle sagt: "Wenn die Staatsanwaltschaft in Bonn einen Haftbefehl gegen Schäfer erlassen hätte, wäre das Ganze viel eher zu Ende gegangen." In Kürze wird Bundespräsident Joachim Gauck nach Chile reisen. Noch ist unklar, inwieweit er auf das Kapitel eingehen wird. Immerhin, er hat "Colonia"-Regisseur Gallenberger zu der Reise eingeladen. Ist das alles? Mehrere Bundestagsabgeordnete haben Gauck in Schreiben aufgefordert, vor Ort deutsche und chilenische Opfer zu empfangen. Es wäre zumindest eine Geste. Noch zögert Gauck. Und das Auswärtige Amt? Auch wenn Minister Steinmeier öffentlich Reue erklärt, tut sich sein Haus schwer. Die Öffnung der Akten ist ein erster Schritt. Intern wird die Transparenzoffensive nicht von allen geteilt.

Steinmeiers Vorgänger Joschka Fischer hatte eine Historikerkommission eingesetzt, um die Nazivergangenheit des Auswärtigen Amts zu untersuchen. Er geriet dafür in die Kritik, sowohl von altgedienten Diplomaten als auch von Historikern, die den Bericht der offiziellen Kommission als zu kritisch und selektiv bewerteten.

Bislang gibt es nur die Idee, die Geschichte der Skandalkolonie in das Ausbildungscurriculum für angehende Diplomaten aufzunehmen. Wissenschaftler Stehle sagt: "Wenn da nichts Konkretes folgt, wäre das eine weitere riesige Enttäuschung - nicht zuletzt für die Opfer."

Mehr zum Thema
Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 22/2016
Die unbesiegte Schönheit


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bauern-muenchen 12.07.2016
1. Da hat doch der Spiegel-Meinungsdiktator...
...mal wieder zugeschlagen! Tststs!!!
Rom 14.07.2016
2. Traurig...
...aber wahr. Schlimme Zustände, die damals in Südamerika herrschten. Und schlimm auch, dass diese Zustände so lange verschwiegen wurden. Danke für den Artikel, man sollte für die Zukunft lernen, dass man NICHTS verschweigen darf.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 22/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.