AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2018

Steuertricksereien des Real-Stars Die Akte Ronaldo

Cristiano Ronaldo ist vor dem Halbfinale der Champions League gegen Bayern München in Hochform. Doch wegen seiner Steuertricksereien fürchtet der Superstar von Real Madrid einen Gerichtsprozess.

Torschütze Ronaldo: "Gucken Sie mir in die Augen!"
RODRIGO JIMENEZ / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Torschütze Ronaldo: "Gucken Sie mir in die Augen!"

Von , , , Nicola Naber, und


Nachspielzeit, 93. Minute, das Chaos bricht aus. Auf den Tribünen des Estadio Santiago Bernabéu, der Heimspielstätte von Real Madrid, liegen sich die spanischen Fans in den Armen. Sie jubeln, manche weinen. Unten auf dem Rasen rennen die Spieler von Juventus Turin auf den Schiedsrichter zu, sie bedrängen ihn, schreien. Die Verzweiflung muss irgendwie raus.

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Heft 17/2018
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Nur einer wirkt, als ginge ihn das alles nichts an.

Cristiano Ronaldo, 33, steht teilnahmslos im Trubel, fast fünf Minuten lang. Er streicht sich durch die Haare, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht, guckt ins Leere. Es steht 3:0 für Turin, Real braucht ein Tor, um ins Halbfinale der Champions League zu kommen. Ronaldo küsst den Ball, legt ihn auf den Elfmeterpunkt, kurzer Anlauf, dann drischt er ihn in den Winkel.

Die Viertelfinalpartien der Champions League waren Ronaldo-Festspiele, seine drei Tore gegen Juve - darunter ein spektakulärer Fallrückzieher im Hinspiel - wurden in den sozialen Netzwerken millionenfach gepostet, geteilt, gelikt.

Ronaldo war endlich wieder dort, wo er sich am wohlsten fühlt: im Mittelpunkt. Nach einer durchwachsenen Hinrunde in der spanischen Liga ist er seit Wochen wieder in großartiger Form. Der Stürmer kommt auf 15 Tore in der aktuellen Champions League, 120 hat er insgesamt in der Königsklasse erzielt. Nun trifft der Portugiese im Halbfinale auf Bayern München.

Mit jedem Tor arbeitet Ronaldo weiter an seiner Legende. Diese Legende muss so groß werden, dass sie jedes Kleingedruckte überstrahlt. Kleingedrucktes wie seine Steuererklärung.

Denn während Ronaldo seine Tore schoss, vernahmen Richter in Madrid zahlreiche Zeugen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 14,8 Millionen Euro Steuern mithilfe eines komplizierten Firmengeflechts hinterzogen zu haben. Und zwar "wissentlich und willentlich", wie die Ermittler formulierten. In den kommenden Wochen werden die Richter nun darüber entscheiden, ob sich Ronaldo einem Prozess wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung stellen muss. Ihm droht nach Expertenmeinung eine Gefängnisstrafe von mindestens sieben Jahren.

Der SPIEGEL und seine Partner vom Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) hatten Ronaldos Offshore-Aktivitäten im Dezember 2016 enthüllt. Grundlage der Berichterstattung waren Dokumente der Enthüllungsplattform Football Leaks.

Damit nicht genug: Neue Dokumente von Football Leaks zeigen nun, dass Ronaldo noch weitere Steueroasen nutzte. Sollten die Richter entscheiden, dass sie einen Prozess gegen den Stürmer eröffnen, könnten auch all seine weiteren Geschäfte Gegenstand der Verhandlungen werden.

Und davon gibt es reichlich.

Irland, die British Virgin Islands, eine kleine Privatbank in der Schweiz, eine Stiftung in Panama - dies sind Ronaldos Offshore-Vehikel, die die spanischen Ermittler bisher schon untersuchen. Im Kern geht es dabei um rund 150 Millionen Euro aus Werbegeldern, für die Ronaldo in den Jahren 2009 bis 2014 lediglich knapp sechs Millionen Euro Steuern gezahlt hat.

Niedliche vier Prozent Steuern - ein Witz.

Die neuen Football-Leaks-Dokumente zeigen, dass Ronaldo 2015 auch noch eine Holding in Luxemburg und einen Trust auf Jersey betreiben ließ. Zwei weitere Steueroasen, und wieder sind seine Geschäfte alles andere als transparent. Die Luxemburger Firma hält Ronaldos Beteiligungen an unterschiedlichen Hotels, die Muttergesellschaft auf der kleinen Kanalinsel Jersey verwaltet das Ganze. Was überall fehlt, ist der Name Cristiano Ronaldo. Der Superstar taucht in keinem öffentlichen Register auf. Stattdessen agieren Treuhänder für ihn, die man auch als Strohmänner bezeichnen kann. Ihre Firma trägt den passenden Namen "Private Trustees".

Aus den Dokumenten von Football Leaks geht hervor, wer der "einzige wirtschaftlich Berechtigte" hinter der Konstruktion ist: Cristiano Ronaldo.

Offshore-Firmen sind grundsätzlich nicht illegal, sofern die Einkünfte korrekt versteuert werden. Ob Ronaldo dies getan hat, ist nicht bekannt. In seiner Steuererklärung für das Jahr 2015 taucht die Steueroase Jersey offenbar nicht auf. Cristiano Ronaldo äußerte sich dazu auf Anfrage des SPIEGEL nicht.

"Es sitzen viele unschuldige Menschen im Gefängnis. Und ich fühle mich ein bisschen wie sie. Du weißt, dass du nichts falsch gemacht hast, und sie sagen, du hast etwas falsch gemacht", sagte Ronaldo kurz nach den Enthüllungen seiner mutmaßlichen Steuerhinterziehung. Der Portugiese wechselte anschließend trotzdem seine Anwälte und erweiterte seine Verteidigerriege um namhafte Juristen, darunter auch die frühere Kanzlei des heutigen spanischen Finanzministers Cristóbal Montoro.

Aufgeschreckt haben dürfte ihn eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft Madrid, die für die vermeintlichen Steuerbetrügereien von Xabi Alonso, dem früheren Mittelfeldspieler von Bayern München und Real Madrid, fünf Jahre Haft fordert. Ihm wird vorgeworfen, zwei Millionen Euro hinterzogen zu haben, was Alonso bestreitet. Auch das Urteil gegen Lionel Messi im vorigen Mai dürfte Ronaldo eine Warnung sein. Die Richter verurteilten den Barça-Star zu 21 Monaten Haft wegen Steuerhinterziehung. Der Knast blieb Messi letztlich erspart. Strafen unter zwei Jahren müssen in Spanien oft nicht angetreten werden.

Bei Messi ging es um 4,1 Millionen Euro, bei Ronaldo geht es um 14,8 Millionen Euro.

Ausriss aus Dokumenten einer Ronaldo-Firma: Strohmänner statt Transparenz

Ausriss aus Dokumenten einer Ronaldo-Firma: Strohmänner statt Transparenz

Die Anwälte des portugiesischen Stürmers versuchen laut spanischer Tageszeitung "El Mundo", einen Deal mit den Behörden einzustielen. Demnach soll sich der fünfmalige Weltfußballer schuldig bekennen, eine Summe von rund 30 Millionen Euro zahlen und dafür eine Strafe erhalten, die ihm einen Prozess und das Gefängnis erspart.

Auch in einem Land wie Spanien, in dem hohe Strafzahlungen Steuerbetrüger oft vor dem Knast bewahren, wäre ein Deal dieser Art mehr als geschmäcklerisch. Zumal die Grundvoraussetzung für einen solchen Pakt ist, dass der Täter seine Schuld eingesteht. Ronaldo hat in den vergangenen anderthalb Jahren nicht nur immer wieder beteuert, dass er "nichts falsch gemacht" habe, nein, er und seine Berater haben auch vieles versucht, um die Finanzbeamten in die Irre zu führen. Bis zu den Veröffentlichungen des SPIEGEL und des EIC hat er gegenüber den Behörden nie preisgegeben, dass er der wirtschaftlich Berechtigte hinter seiner Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands war. Dass er eine Stiftung in Panama besaß, verschwieg er den Steuerbeamten gänzlich. Seine Anwälte schreckten offenbar noch nicht einmal davor zurück, Dokumente zu manipulieren. Entscheidende Verträge, die sie später den Behörden vorlegen mussten, wurden wohl rückdatiert.

Als Ronaldo im Sommer vor Gericht zu diesen Vorgängen befragt wurde, erklärte er wahlweise, er könne dazu nichts sagen, sich nicht mehr erinnern oder er sei dafür nicht verantwortlich gewesen. Er blaffte die Richterin sogar an, sie solle ihm "in die Augen gucken!", denn er, Cristiano Ronaldo, habe wirklich "die Steuern immer vollständig gezahlt". Das sei ihm doch sehr wichtig! Und diese Sache mit der Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands, so Ronaldo sinngemäß, sei nichts Besonderes: Das Konstrukt habe ihm ein Berater gestaltet, als er 2003 nach England zu Manchester United gewechselt sei. "Die Struktur hatten dort alle Fußballer", sagte Ronaldo. Er habe das Ganze einfach unverändert beibehalten, als er 2009 zu Real Madrid wechselte.

Auch das ist Unsinn.

Aus den Football-Leaks-Dokumenten geht hervor, dass Ronaldos Anwälte die Geldrutsche in die Karibik erheblich nachjustierten, nachdem er nach Spanien gewechselt war. Und dass Ronaldo nicht selbst in Gelächter ausbrach, als er der Richterin erklärte, dass er immer seine Steuern zahlen wollte, ist vielleicht am ehesten mit seinem Berufswunsch für die Zeit nach seiner Fußballerkarriere zu erklären: Der Portugiese will Schauspieler werden. Vor Gericht hat er gezeigt, dass er Talent dafür besitzt.

Denn in Wirklichkeit kämpften Ronaldo und seine Anwälte von 2010 an mehrere Jahre lang vor spanischen Gerichten um einen ganz besonderen Steuerstatus, mit dem es dem Portugiesen möglich wurde, auf sein Gehalt lediglich 24 Prozent Steuern zu zahlen. Der normale Spitzensteuersatz lag in Spanien bei 46 Prozent.

Grotesk wurde es noch einmal Ende März. Damals traten drei Gutachter vor Gericht auf. Ronaldo hatte sie selbst benannt, sie sollten den Richtern eine Einschätzung zu seinem Offshore-Konstrukt geben. Laut spanischer Presse bestätigten sie den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Einer nannte offenbar Ronaldos Erklärungen sogar "die absurdeste Version, die wir je gehört haben".

Nun hängt alles von den Richtern ab. Sie haben in den vergangenen Monaten Experten befragt, Ronaldo sowie viele seiner Steuer- und Finanzberater gehört. Sollte das Gericht zu der Auffassung kommen, dass ein Prozess gegen den viermaligen Champions-League-Sieger eröffnet werden sollte, erhält auch die Staatsanwaltschaft noch einmal die Möglichkeit, weitere Beweise vorzulegen.

Es ist anzunehmen, dass dann Ronaldos Berater und Mentor Jorge Mendes ebenfalls eine gewichtige Rolle in dem Verfahren spielen wird.

Berater Mendes (l.), Klient Ronaldo im April 2016: Europaweite Ermittlungen
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Berater Mendes (l.), Klient Ronaldo im April 2016: Europaweite Ermittlungen

Die Football-Leaks-Dokumente zeigen, dass gegen den einflussreichen Spielerberater ermittelt wird. Und zwar europaweit. Schon im August 2017 initiierte ein Steuerfahnder aus Portugal ein Treffen mit Finanzbeamten aus Spanien, Großbritannien, Irland, Zypern und den Niederlanden. Sie nahmen sich Mendes' Firmen, Beteiligungen, Geldflüsse und alle seine Geschäfte aus den Jahren 2015 und 2016 vor und errechneten, dass Mendes mit seinen Transfers in diesem kurzen Zeitraum 1,3 Milliarden Euro umgesetzt hatte.

Milliarden, nicht Millionen.

Wie ungleich jedoch der Kampf der Steuerfahnder mit ihren Zielobjekten abläuft, zeigt die Anreise der Beamten. Während Mendes vorzugsweise in Privatjets zu reisen pflegt, hatten die Fahnder im November die Wahl, ob sie ein Einzelticket für 1,45 Euro oder doch ein Tagesticket für 6,15 Euro kaufen sollten, um mit der Metro vom Flughafen zum verabredeten Tagungshotel zu fahren.

Zwei Tage lang diskutierten die Ermittler dort über Mendes' Steuerkonstruktionen und beleuchteten auch die Geschäfte, die der Agent mit seiner gewinnbringendsten Anlage tätigte: mit Cristiano Ronaldo.

Die Dokumente zeigen, dass Mendes sich auf Ermittlungen vorbereitet hat. Er heuerte für Zehntausende Euro eine Anwaltskanzlei an. Die Juristen schickten dem Berater anschließend Rechnungen, die Betreffzeile war bezeichnend: "Jorge Mendes' Tax fraud" - Jorge Mendes, Steuerhinterziehung.

Im Video: Ronaldos endlose Tricks

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