AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 55/2017

Ohne Strom und Motor Schneller Radfahren mit weniger Kraft

Ein deutscher Fahrradhersteller hat einen neuartigen Pedalantrieb entwickelt, der selbst ungeübte Radler mühelos schneller fahren lässt - um bis zu 20 Prozent. Und ohne elektrische Helfer.

Möve Bikes GmbH / Felix Roth Design GmbH

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Dass die einfachste mechanische Konstruktion häufig auch die beste ist, wird kaum ein Ingenieur bezweifeln. Als Beispiel mag der Tretmechanismus des Fahrrads dienen: zwei Kurbeln an einer Welle - seit anderthalb Jahrhunderten bewährt.

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Heft 55/2017
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Dieses Prinzip infrage zu stellen erscheint kühn - und die Alternative, mit der sich der Fahrradhersteller Möve nun in den Handel wagt, allemal komplex: Es gibt weiterhin Pedale, aber statt des simplen Kurbelpaars umspielt eine Versammlung exzentrisch schlingernder Stangen das zentrale Tretlager.

Doch wer die Mechanik namens Cyfly vorschnell als Narretei abtut, statt sie auszuprobieren, bringt sich um ein verblüffendes Fahrerlebnis: Das Hebelwerk erleichtert das Treten tatsächlich.

Der Trick besteht darin, dass in diesem Gefüge immer dann ein längerer Pedalhebel entsteht, wenn sich die Kurbel der Waagerechten nähert, in der die Tretkräfte am besten wirken.

Der Eindruck, besser voranzukommen, ist also kein Placeboeffekt, sondern physikalisch erklärbar und durch ein biomechanisches Gutachten der Freiburger Radlabor GmbH von neutraler Seite beglaubigt.

Die junge Manufaktur aus Mühlhausen in Thüringen geht mit einer Trumpfkarte an den Start - und einer hübschen Gründerstory obendrein. Möve, 1897 als Marke eingetragen, zählt zum deutschen Velo-Urgestein, war jedoch im Gleichmachersystem der DDR untergegangen. Tobias Spröte, fahrradaffiner Leiter eines Ingenieurbüros, hatte sich gerade die Markenrechte gesichert, als vor fünf Jahren ein sächsischer Erfinder bei ihm mit der Kernidee zu Cyfly vorstellig wurde. Der Mann, hochbetagt und öffentlichkeitsscheu, soll eine anonyme Mythengestalt bleiben. Spröte schildert ihn als hutzeligen Genius, der die jungen Ingenieure rasch in seinen Bann zog. Sie bauten einen Prototyp.

Die Antriebsmechanik wog allein acht Kilogramm, zeigte aber auf dem Prüfstand den gewünschten Effekt. Spröte war endgültig infiziert und schaffte es, robuste Investoren für den formidablen Kraftverstärker zu gewinnen - darunter den von ihm konsultierten Patentanwalt.

Gut anderthalb Millionen Euro flossen in die dreijährige Entwicklungsarbeit. Die größte Hürde bestand darin, Gewicht und Größe auf ein zumutbares Niveau zu schrumpfen, ohne dass die Haltbarkeit leidet. Spröte nennt 20.000 Kilometer ohne Wartungseingriff als Zielmarke, die das Produkt nun auch erreichen soll.

Cyfly ist in der jetzt serienreifen Version knapp zwei Kilogramm schwerer als eine gewöhnliche Tretmechanik. Das ist immer noch allerhand, soll aber von den dynamischen Vorzügen der Mechanik mehr als aufgewogen werden.

Ein ernstes Vertriebshemmnis könnte der Preis sein. Möve startet mit einem Aktionsangebot von 3725 Euro. Gute Räder mit Elektrounterstützung gibt es schon für 1000 Euro weniger. Und deren Trethilfe ist deutlich größer.

Das ist auch Spröte bewusst. Er geht jedoch davon aus, dass seine Zielklientel die Dinge nicht so prosaisch betrachtet. Die Poesie seines Antriebs soll eben darin bestehen, ohne Fremdenergie über Straßen und Wege zu sausen. Ein halbwegs trainierter Alltagsradler könne mit dem Möve-Rad ein Dauertempo von mindestens 25 Kilometern pro Stunde erreichen - die Marke, bei der Pedelecs den E-Boost abregeln. Spröte beschreibt eine Art smarten Kraftmeier, der in kunstreicher Symbiose aus Muskelschmalz und Technik am Stromschlaffi vorbeizieht, als perfekten Botschafter seiner Marke.

Exakt zu beziffern, wie hilfreich die Cyfly-Mechanik ist, scheint jedoch schwer möglich. Möve nennt einen Drehmomentzuwachs von bis zu 33 Prozent, errechnet aus den Hebelverhältnissen. Der entspricht jedoch nicht dem physikalischen Mehrwert während des gesamten Tretvorgangs.

Björn Stapelfeldt, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Kopf des Freiburger Radlabors, stieß bei den Untersuchungen des Möve-Antriebs an Grenzen seiner Messmethodik. Die ist darauf ausgelegt, die Kräfte exakt zu bestimmen, die im Rahmen der Kreisbewegung eines konventionellen Kurbelantriebs auftreten. Die Cyfly-Pedale beschreiben jedoch eine Ellipse.

Stapelfeldt attestiert dem Antrieb eine Effizienzsteigerung, räumt aber Messfehler ein, ohne die das Ergebnis womöglich noch besser ausgefallen wäre. Das Gutachten nennt keine Zahl. Die kraftsteigernde Wirkung, schätzt der Autor vorsichtig, dürfte bei "bis zu 20 Prozent" liegen.

Spröte kann die Expertise durchaus als Ritterschlag werten, wenngleich mit einer zarten Einschränkung: Stapelfeldt sieht "vor allem Alltags- und Freizeitradfahrer" von der Möve-Mechanik profitieren, weil sie den Kurbelantrieb eigentlich falsch bedienen: Der Mensch ist evolutionsbedingt ein Fußgänger; er tritt deshalb stampfend in die kreisenden Pedale - eine Fehlbedienung, die Cyfly kompensiert.

Profiradler sind darauf trainiert, die menschliche Läufernatur zu unterdrücken. Sie vollziehen mit den Beinen eine Kreisbewegung. Cyfly würde sie nicht beflügeln, sondern aus dem Konzept bringen.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Christian Wüst testet das neue Antriebssystem

Thomas Grabka
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