AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Mit Tarnfirma und Briefkastenadresse So spitzelte Daimler die Elektro-Konkurrenz aus

Eine angebliche Pflegedienstfirma bat darum, den neuen Elektrotransporter der Post testen zu dürfen. Doch das Peilsystem verriet, wer wirklich dahinter steckte.

Fahrtstrecke der Transporters auf dem Daimler-Werkgelände: Diskrete Prüfung des Vehikels
Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL

Fahrtstrecke der Transporters auf dem Daimler-Werkgelände: Diskrete Prüfung des Vehikels


Es gibt Dinge, die sind einfach nur dumm. Der Deutschen Post eine Briefkastenfirma als Kontaktadresse zu nennen gehört zweifelsohne dazu. Denn niemand in Deutschland kennt sich mit richtigen und falschen Adressen besser aus als das Bonner Unternehmen. Niemand hat größere Datenbanken, um Irrläufer aufzuspüren und Schummeladressen zu enttarnen.

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Heft 35/2017
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Dem Vorstand von Daimler ist genau das passiert. Über eine Tarnfirma wurde ein Elektroauto des Logistikriesen zur diskreten Prüfung ausgeliehen. Die Post hat die Manager erwischt - und das macht den Vorgang für den Automobilkonzern nun so richtig peinlich.

Zugetragen hat sich die ungewöhnliche Geschichte im April dieses Jahres. Ausgangspunkt war der Post Tower in Bonn. Dort herrschte in jenen Tagen fast schon ausgelassene Stimmung, dem sonst eher biederen Logistikunternehmen war nämlich ein echter Scoop gelungen: Kurz zuvor hatte Briefvorstand Jürgen Gerdes den Ausbau der Produktion seines mit Ingenieuren der Hochschule Aachen entwickelten E-Transporters angekündigt - eines knatschgelben Kastenwagens mit einer Reichweite von knapp 80 Kilometern und einer Spitzengeschwindigkeit von 85 Stundenkilometern. Mit ihm will die Post in Zukunft in allen Ballungszentren emissionsfrei und geräuschlos ihre Briefe und Pakete zustellen.

Die Reaktionen aus Politik, Öffentlichkeit und von den Kunden auf den Elektrotransporter waren überwältigend. Viele Kommunen bewarben sich als Standort für die Produktion des Autos, andere wollten Pilotstädte für die umweltfreundliche Paketbeförderung werden. Politiker lobten das Postauto als richtungsweisend für die E-Mobilität. Und zahlreiche Kunden des Logistikriesen fragten an, ob sie den "Streetscooter", wie die Post ihren Elektrotransporter nennt, auch kaufen und für eigene Zwecke einsetzen könnten.

Da die Aachener Ingenieure das Auto zu diesem Zeitpunkt bereits zur Serienreife entwickelt hatten und bereit waren, bis zu 10¿000 Stück in einer umgebauten Waggonfabrik in Aachen vom Band zu schieben, reifte bei Gerdes und Streetscooter-Chef Achim Kampker ein verwegener Plan. Das Auto, glaubten sie, könne nicht nur für den Eigenbedarf der Post, sondern auch für andere Betriebe wie Handwerksfirmen, Lieferunternehmen oder auch Konkurrenten interessant sein. Dazu müssten lediglich die Aufbauten angepasst werden.

Um die Bedürfnisse der möglichen Käufer besser kennenzulernen, startete die Post eine Art Testbetrieb. Unternehmen, die sich für den Streetscooter interessierten, konnten das Fahrzeug ausleihen, um dem Unternehmen dann ihre Wünsche und Kritik mitzuteilen. Vom Pizzaservice bis zum Dachdecker war alles dabei, erinnert sich Kampker. Auch ein Pflegedienst aus Frankfurt am Main lieh einen Transporter. Er wollte prüfen, ob sich die Postautos für Krankentransporte eigneten.

Nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen. Hätte der Computer der Post, in den ein Mitarbeiter kurz nach der Abholung des Fahrzeugs die Adresse einpflegen wollte, nicht eine Warnung ausgespuckt: "Firma nicht bekannt, Briefkastenadresse?"

Post-"Streetscooter": Schlechte Erfahrungen mit der Konkurrenz
imago/ Ralph Peters

Post-"Streetscooter": Schlechte Erfahrungen mit der Konkurrenz

Bei der Post wurde man stutzig und alarmierte die Ingenieure in Aachen. Dort nahm Kampkers Team kurze Zeit später die Ortung des Fahrzeugs auf. Was der vermeintliche Pflegedienst offenbar nicht wusste: In den Postautos war für den Testbetrieb ein GPS-Sender verbaut. Und so konnten die Aachener Autobauer live am Bildschirm zusehen, wie sich der Wagen zielstrebig nach Stuttgart bewegte. Dort fuhr das Auto nach einer kurzen Pause auf das Werkgelände von Daimler, um dort einige Zeit später auf der Teststrecke aufzutauchen.

In Bonn und Aachen reagierte man fassungslos: ausgerechnet Daimler! Nur wenige Jahre zuvor hatte Gerdes in der Zentrale des noblen Autobauers gesessen und geradezu darum gebettelt, dass ihm Daimler einen Elektrotransporter entwickelt. Der Post-Vorstand fürchtete, dass die Dieselfahrzeuge bei steigenden Paketzahlen und mehr Zustellfahrten in den Innenstädten nicht mehr akzeptiert würden. "Irgendwann drohen Fahrverbote", argumentierte Gerdes. Das müsse man vermeiden.

Doch die Daimler-Manager ließ der Wunsch eines ihrer größten Kunden kalt: Zu teuer, zu früh und zu unausgereift sei das Vorhaben.

Damit nicht genug: Nachdem die Post begonnen hatte, ein eigenes Auto zu konstruieren, ließ Daimler kaum eine Gelegenheit aus, sich über die vermeintlich schlechte Qualität des Gefährts zu äußern. Selbst hochrangige Vorstände lästerten: Das Teil sei so schlecht abgedichtet, dass die Pakete nass würden. Von Fahrerkabine und Fahrwerk gar nicht zu reden.

Und nun stand genau jenes Vehikel auf dem Werkgelände von Daimler, wurde von Ingenieuren vermessen, inspiziert und anschließend auf die werkeigene Teststrecke geschickt. "Ein klarer Fall von Werkspionage", sollen Post-Manager getobt haben. Streetscooter-Chef Kampker entsandte umgehend einen Mitarbeiter und zwei Juristen, um das gekaperte Auto in Stuttgart wieder einzusammeln.

Nur wenige Stunden später schlug die kleine Truppe beim Pförtner am Daimler-Werktor auf. Das gelbe Postauto, das sich auf dem Werkgelände befinde, wolle man zurückholen. Es sei ihr Eigentum, erklärten sie dem Mitarbeiter.

Der Mann reagierte irritiert. Der "Daimler-Entwicklungsvorstand sei mit dem Fahrzeug vor wenigen Minuten noch einmal auf die Teststrecke gefahren", soll er erklärt haben. Die Streetscooter-Juristen verlangten die sofortige Herausgabe.

Gut eine halbe Stunde später brachte ein Fahrer das Auto an die Pforte - keine Entschuldigung, keine Erklärung. Erst am Tag darauf ließ Daimler die Unternehmen wissen, das Anmieten von Testfahrzeugen über solche Scheinfirmen sei ein "gängiges Verfahren" in der Autoindustrie. Genauso selbstverständlich offenbar wie die zweifelhaften Absprachen der fünf großen Autobauer in geheimen Arbeitsgruppen, denen jetzt die Wettbewerbsbehörde in Brüssel nachgeht (siehe Spiegel 30/2017).

Auch auf Anfrage des SPIEGEL bleibt Daimler bei dieser Haltung: Die Post habe im April angekündigt, Streetscooter auch an Dritte verkaufen zu wollen. Sich solche Autos über Drittfirmen zu Vergleichsfahrten zu beschaffen sei branchenüblich. Es sei nicht Pflicht des Anmieters zu prüfen, ob die Verleihfirma zur Vermietung des Fahrzeugs berechtigt ist.

In Bonn hat man Konsequenzen gezogen. Vor wenigen Tagen präsentierte Gerdes ein drittes Streetscooter-Modell, das in Kooperation mit dem US-Autobauer Ford produziert wird. Denn das Erlebnis mit Daimler ist nicht die einzige schlechte Erfahrung, die man bei der Post mit den deutschen Autobauern gemacht hat.

So wurden die Streetscooter in den ersten Monaten von Werkstätten eines großen Autobauers gewartet, weil die Post kein eigenes Werkstattnetz hatte. Da seien die Autos bewusst vernachlässigt und schlecht repariert worden, erinnert sich ein Streetscooter-Mitarbeiter. Man habe sogar Fahrzeuge losgeschickt, bei denen die Bremsen falsch gewartet oder die Motorhauben nicht angeschraubt waren. Unfälle seien der Post angekreidet worden.

Auch aktuell beschäftigt die Aachener Ingenieure ein dubioser Fall. Nur wenige Tage bevor die Post beim zuständigen Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) die Großserienzulassung für das bisher in geringen Einheiten produzierte Fahrzeug beantragen wollte, machten die Beamten dort eine ungewöhnliche Entdeckung: Drei kleine Bauteile des Autos, ließen sie die Streetscooter-Entwickler wissen, besäßen in Summe einen Anteil von 1,6 Gramm Blei. Das ist nach einer neuen EU-Verordnung verboten. Während genau diese Teile bei Konkurrenzfahrzeugen noch hunderttausendfach verbaut werden, erhielt das Postauto nicht die gewünschte Zulassung.

Für Streetscooter kein großes Problem: Die Komponenten werden ausgetauscht, die Zulassung verzögert sich um wenige Wochen. Doch der Vorgang macht nachdenklich. Nach dem unfreiwilligen Ausflug des Autos nach Stuttgart vermutet man in Aachen, es könnte sich um einen gezielten Tipp eines Konkurrenten handeln.

Daimler sagt vorsorglich, man rede mit dem KBA nur über eigene Fahrzeuge. Und dennoch: Ganz unbegründet ist der Verdacht wohl nicht. Die Mitarbeiter des KBA pflegen seit Jahrzehnten beste Kontakte zur Autoindustrie. Sie gelten als kooperativ und wenig risiko- und entdeckungsfreudig, wie die Aufarbeitung des aktuellen Dieselskandals zeigt.

Dass sie nun ausgerechnet beim Streetscooter drei Miniaturteile mit einem Bleigehalt von 1,6 Gramm samt der dazugehörigen EU-Verbotsverordnung gefunden haben sollen, lässt selbst Vorgesetzte im Berliner Verkehrsministerium schmunzeln.



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Seite 1
Teile1977 28.08.2017
1. Normal
Ist doch absolut Normal, nennt sich Benchmarking und es wäre geradezu fahrlässig von einem Konzern wie Daimler dies nicht zu tun. Daimler baut schließlich selbst Elektroautos/ Transporter und entwickelt gerade eine Fahrzeugplattform um bis 2022 10 neue Modelle anbieten zu können, incl. eigener Batteriefertigung. Nochmal, wo ist der Skandal?
Thomas Schnitzer 28.08.2017
2.
Tja, es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. In den Augen der deutschen Autobauer darf es keine preiswerten Elektrofahrzeuge geben, die zuverlässig funktionieren, denn das würde zu deutlich zeigen, dass die hauseigenen Batteriemodelle und ihre Preisgestaltung lediglich Käufer abschrecken sollen. Und es hängt eine Menge daran, schließlich ist an einem E-Fahrzeug kein Ölwechsel oder AdBlue-Füllen nötig, es werden keine Keil- oder Zahnriemen, Steuerketten eingesetzt, und Benzin braucht er auch nicht. Also tut man sowohl Werkstätten als auch Tankstellen den Gefallen, und versucht E-Autos dumm aussehen zu lassen. Damit allerdings tut man sich selbst keinen Gefallen. Die Glaubwürdigkeit der deutschen Autoindustrie ist endgültig dahin. Nicht dass ich das vorher getan hätte, aber ich werde mit Sicherheit nie wieder ein deutsches Auto kaufen. Auch ohne die Krönung, die dem Fass den Boden ausschlägt: Erst belügt und betrügt man die Kunden, und dann meint man mit einer Abwrackprämie die Betrogenen zum Neukauf zu ködern, um dann - wie gestern im TV gesehen - im Gegenzug die normalen Händlerrabatte so zusammenzustreichen, dass der neue Wagen teurer ist als ohne Prämie. Das ist dreifacher Beschiß.
burlei 28.08.2017
3. Ich bin fast bereit zu wetten ...
... dass in ein paar Jahren Daimler ein völlig neues E-Fahrzeug für Dienstleister herausbringt. Das sieht dann aus wie der Streetscooter, hat die Leistungswerte des Streetscooter, die Abmessungen des Streetscooter, wird genau so in Gelb erstrahlen wie der Streetscooter, nur wird der Stern auf dem Fahrzeug prangen und der Preis um moderate 10.000 Euro höher sein. Unsere Premium-Hersteller sind eben innovativ bis zum geht nicht mehr.
lequick 28.08.2017
4.
Zitat von Teile1977Ist doch absolut Normal, nennt sich Benchmarking und es wäre geradezu fahrlässig von einem Konzern wie Daimler dies nicht zu tun. Daimler baut schließlich selbst Elektroautos/ Transporter und entwickelt gerade eine Fahrzeugplattform um bis 2022 10 neue Modelle anbieten zu können, incl. eigener Batteriefertigung. Nochmal, wo ist der Skandal?
Den Artikel wohl nicht gekauft und somit nicht gelesen. Oder nicht verstanden was da abgeht. Oder mit Absicht diesen Kommentar abgelassen, da arbeitet wohl jemand bei Daimler? Daimler betreibt Wirtsschaftsspionage und kein Benchmarking und offensichtlich betreiben deutsche Autobauer Lobby-Arbeit gegen ein anderes deutsches Unternehmen, was dazu führte, dass die Post nun mit einem US-Unternehmen zusammenarbeitet. Herlichen Glückwunsch auch.
unpolit 28.08.2017
5. @4: So ist es auch wieder nicht...
Auch wenn Daimler schon deutlich bessere Dinge abgeliefert hat (da wird wohl für einige Mitarbeiter die Karriere-Leiter die Sprossen nach oben verloren haben, und ein paar nach unten auch), Wirtschaftsspionage wäre, wenn man es aus dem Werk geklaut hätte. Oder wollen Sie behaupten, Samsung, Lenovo und Co betreiben Wirtschafts-Spionage, wenn die ein neues iPhone kaufen und auseinandernehmen, um daraus zu lernen? Was zeigt der Artikel: Der Konzern sitzt doch gar nicht auf so einem hohen Roß wie immer gemeint - er scannt die Entwicklungen sehr gut. Und er holt aus seinem derzeitigen Geschäftsmodell raus was geht. Im eigenen Interesse, dem der Mitarbeiter und Eigentümer. Was hier fehlt: eine noble Geste nach Bonn und Aachen. Ehre wem Ehre gebührt. Wenn sich Daimler dafür nicht zu schade ist, dann passt es. Und das mit dem KBA ist in der Verantwortung von unserem Verkehrsminister. Das ist übrigens der, welcher die alten KFZ-Kennzeichen wieder eingeführt hat. Er muss seine Behörden auf Vordermann bringen. Nicht die Auto-Industrie. Oder machen Sie auch dem Wirt einen Vorwurf, dass er dem Ehemann Bier ausgeschenkt hat, obwohl zuhause die Frau tobt?
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