AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2013

Blut und Seele Besuch in Damaskus - Bericht aus einer belagerten Stadt

Baschar al-Assad ist der Feind Europas und Amerikas, seit im syrischen Bürgerkrieg Massaker verübt und Kinder durch Giftgas ermordet wurden. Wie lebt er mit der Schuld, wie mit der Furcht vor dem Sturz? Ein Besuch in Damaskus.

Von und


Wie wird er sein? Wird man den Krieg in seinem Gesicht erkennen, die Schuld und die Unsicherheit, Angst vielleicht? Wird sich der Plan, ihn sofort zu attackieren, durchhalten lassen, wenn er höflich lächelt? Oder wenn er aufsteht und gehen will?

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Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 41/2013
SPIEGEL-Gespräch mit dem syrischen Diktator

Und das Inhaltliche: Wird er Fehler eingestehen, Massaker womöglich? Wie will er sich und sein Land aus der Isolation befreien? Wie sieht die Welt aus, und wie fühlt sie sich an: für Baschar al-Assad?

Es ist 7.45 Uhr am vergangenen Mittwoch, als der Fahrer des Staatschefs vor dem Hotel Beit al-Wali in der Altstadt von Damaskus hält und die Besucher aus Deutschland abholt. 8.20 Uhr: Sicherheitskontrolle im Volkspalast, diesem flachen beigefarbenen Bau auf den Hügeln im Westen von Damaskus. Um 9.05 Uhr wieder ins Auto, die Alleen entlang und den Hügel hinab, keiner weiß, wohin, denn keiner darf das zu früh wissen, weil Kriegszeiten goldene Zeiten für Attentäter sind. 9.20 Uhr: Der Konvoi hält vor dem Gästehaus der Regierung.

Die Tür öffnet sich, und kein Bediensteter tritt heraus; Assad steht dort und breitet die Arme aus, lächelt. Er grüßt wie Bill Clinton, gibt die rechte Hand, legt die linke auf Schultern oder Unterarme; eine herzliche Geste der Macht. "What a pleasure", sagt er, was für ein Vergnügen, nun ja. Baschar al-Assad ist 48, blauäugig, hager und ungefähr 1,90 Meter groß, mit Zwei-Tage-Schnauzer. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, ein helles Hemd ohne Manschettenknöpfe und eine blaue Krawatte, dazu schwarze bequeme Schuhe, eine Art Slipper.

Er hat in dem Gästehaus sein Büro: Marmorboden, feine Skulpturen und Gemälde, auf dem Schreibtisch steht ein Apple-Computer. Im Regal liegen Bücher über den Topkapi-Palast in Istanbul und die "Paläste des Libanon", an der Wand hängen sechs Bilder, die seine Kinder gemalt haben: Kühe auf Gras, Hühner und Küken, die Sonne geht auf über einem grünen Land.

"Beginnen wir?" Der Diktator fragt das.

Baschar al-Assad spezialisierte sich in London weiter auf Augenheilkunde, er spricht perfekt Englisch. Nach seiner Rückkehr nach Syrien trat er der Armee bei, von vielen wurde er unterschätzt, weil er so milde wirkt, so sanft redet. Assad, der zur Minderheit der Alawiten gehört, regiert seit 13 Jahren, er trat das Erbe seines Vaters Hafis al-Assad an. Bei WikiLeaks war die Einschätzung der Amerikaner zu lesen: "Die Assads betreiben Syrien als Familienunternehmen."

Alle fünf Kilometer ein Kontrollposten

Wer nach Damaskus will, muss seit einigen Monaten den Landweg von Beirut aus nehmen; der Flughafen Damaskus wird von keiner westlichen Airline mehr angeflogen. Von Beirut aus sind es nur 150 Kilometer, aber die Fahrt dauert, denn in Syrien hat das Militär alle fünf Kilometer Straßensperren errichtet: Kofferraum öffnen, Papiere zeigen, aussteigen. Männer mit Kalaschnikows und leeren Blicken, Zigaretten im Mund, haben die Macht über alle Kommenden und vor allem über alle Fliehenden.

"Da hinten liegt Sabadani", sagt der Fahrer und nickt in die hügelige Landschaft hinein. "Da sind die Terroristen", sagt er, "Tschetschenen."

Und schließlich: Damaskus.

Einige Tage in Syriens Hauptstadt verändern das Bild dieses Krieges, denn die Menschen von Damaskus betrachten diesen Krieg anders als der Westen; sie wollen bewahren, was sie haben.

Beim Abendessen mit Politikern und Professoren oder bei Gesprächen in den Gassen der Altstadt sagen alle, ohne Ausnahme, dass sie die Rebellen fürchten. Weil mit den Rebellen die Fundamentalisten kämen. Und mit den Fundamentalisten die Scharia. Alle Gesprächspartner erzählen, dass sie dem Westen nicht trauen, weil er zu schlicht denke und moralische Ansprüche stelle, die er selbst nicht erfülle; und die meisten sagen, dass sie nicht Assad stützen, aber ihr freies Leben erhalten wollten. "Seht euch an, was in Ägypten und Libyen passiert", sagt einer.

Und wenn man dieses Damaskus erlebt, beantwortet sich auch die Frage, wie sich Assad so lange halten konnte. Der syrische Bürgerkrieg fühlt sich für die, die in seinem Zentrum sitzen, anders an als für die Menschen von Aleppo, anders auch als für die Politiker, die bei den Vereinten Nationen ihre Urteile fällen.

Die Angst vergeht nicht

Einerseits: Die Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Sie rauchen Wasserpfeife, handeln, lachen. Es gibt Damaszener, die sich in die eigene Wohnung zurückziehen; doch Flüchtlinge sind hinzugekommen, die am Stadtrand unter Planen leben und tagsüber ins Zentrum streben. Damaskus ist eine trotzige, gierige Stadt geblieben, säkular und ähnlich jung wie Beirut. Mädchen tragen ärmellose Blusen, die Umajjaden-Moschee funkelt im Morgenlicht, auf dem Basar werden Unterwäsche und Eis verkauft.

Andererseits: Es grollt herüber aus Dschubar und Daraja, jenen Vorstädten im Nordosten und im Südwesten, die unter Beschuss stehen. In Dschubar, so heißt es hier, haben sich Untergrundkämpfer verschanzt, umzingelt von Regierungstruppen. Über Daraja stehen schwarze Rauchsäulen.

Einerseits: Im Roma Café in der Altstadt feiert am Montagabend Rami, 23, seine bestandene Prüfung in "Business Management". Und 50 Freunde feiern mit. Der DJ legt westlichen Pop auf, dann die orientalischen Nummern. Als sich alle zu einem Gruppenfoto aufstellen sollen, entreißt Ali, der Schauspieler, dem DJ das Mikrofon und brüllt seine Gefühle in den Raum: "Mit unserem Blut und mit unserer Seele sind wir bei dir, Baschar." Und dann ruft er in die Runde: "Was will Syrien?" Und alle rufen zurück, auch die jungen Frauen: "Baschar!"

Andererseits: Die Angst vergeht nicht. Vielleicht kann man sich an Detonationen gewöhnen, vielleicht wird man abgeklärt, aber die Bedrohung bleibt. 60 bis 200 Orte sollen täglich vom Regime bombardiert werden; ein Tag, an dem es nicht hundert Tote gibt, gilt als guter Tag. Die Damaszener wissen, dass der Krieg nahe ist, sie sagen, dass sie erste Selbstmordattentäter fürchten; und dass sie fürchten, dass ihre Stadt bald nicht mehr wie Beirut, sondern wie Bagdad sei.

Ein Fotograf des Regimes ist keine Alternative

Am Dienstag, dem Tag vor dem Gespräch mit Assad, warten drei seiner Mitarbeiter im Volkspalast, um über die Rahmenbedingungen des Interviews zu verhandeln. Sie rauchen, bis es neblig wird. Sie gehen hinaus und kehren wieder zurück und wollen noch einmal diskutieren, was gerade abgeschlossen war. Fürchten sie den Verlust des Arbeitsplatzes? Schlimmeres? Ein 90-minütiges Gespräch mit Assad sagen sie zu. Der Fotograf darf nur arbeiten, wenn er seine Bilder vorlegt - und der Palast jene Interview-Fotos untersagen darf, die missfallen. Unanständig? Ein Fotograf des Regimes wäre die Alternative - was keine ist. Nicht verhandelbar ist für Assads Leute, dass der SPIEGEL auf jenen Seiten, auf denen das Interview erscheint, keine Fotos von Giftgasopfern zeigt; es ist eine ungewöhnliche Bedingung, aber ohne ihre Erfüllung gäbe es kein Gespräch. Der SPIEGEL hat diese Fotos bereits gezeigt (Titel 35/2013) und wird sie weiterhin zeigen, aber nicht auf der folgenden Interview-Strecke.

Drei hitzige Stunden dauert das Vorgespräch, weitere Einschränkungen gibt es am Ende nicht. Die Autorisierung wird verabredet, das ist Standard bei SPIEGEL-Gesprächen. Den Fragenkatalog begehrt die Gegenseite zunächst vorsichtig, dann nicht mehr; Assad fürchte keine harten Fragen, sagen seine Leute. (Am Donnerstag, dem Tag nach dem Treffen, wird der Palast das Gespräch ohne jede Änderung freigeben.)

Ob auch Assad, hinter den dicken Glasfenstern und den schweren Marmorblöcken, die Granateneinschläge hört? Anfang 2011 hatte er noch verkündet, Syrien sei "immun" gegen revolutionäre Aufstände; er wisse das, er sei seinem Volk "sehr nahe". Jetzt dürfte er dem Abgrund näher stehen, aber die Wirklichkeit in Palästen entkoppelt sich in Krisenzeiten noch mehr als in guten Tagen von der Wirklichkeit im Rest des Reiches.

Mittwoch also, 9.30 Uhr. Assad redet ruhig, leise, druckreif. Er lächelt, er hört nicht auf zu lächeln, und wenn man Zeichen von Anspannung sucht, findet man nichts in seiner Gestik, nichts in seinem Gesicht; beide Füße dreht er nach innen, die Knie presst er gegeneinander.

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hatem1 07.10.2013
1. Assad ist ein potentieller Verbündeter des Westens
Ich habe das gesamte Interview gelesen. Assads Aussagen zum Giftgas-Einsatz glaube ich nicht. Aber in den anderen Punkten hat er nachvollziehbar und meist glaubhaft geantwortet. "Am Donnerstag, dem Tag nach dem Treffen, wird der Palast das Gespräch ohne jede Änderung freigeben." Eine Offenheit und Souveränität, die wohl auch den "Spiegel" überrascht hat. Assad ist ein potentieller Verbündeter des Westens - wenn der Westen endlich begreifen würde, dass Assad in der islamischen Welt einer der wenigen ernsthaften Kämpfer gegen Fundamentalismus und Dschihadismus ist.
hellsmarch 07.10.2013
2. Feind?
Wieso sollte Al-Assad unser Feind sein? Bewiesen ist nichts, was den Giftgasangriff angeht, das die Rebellen ebenfalls Gefangene Hinrichten, wird mal eben so unter den Teppich gekehrt. Und das , zumindest laut dem Artikel, fast alle Menschen, zumindest in den im Artikel beschriebenen Orten, die Rebellen fürchten, sollte doch einmal zu denken geben, wer hier der Feind sein sollte und wer nicht!
The Sukh 07.10.2013
3. NATO-Hofberichtorgan SPON
Aha. Assad "ist der Feind Europas und Amerikas, seit im syrischen Bürgerkrieg Massaker verübt und Kinder durch Giftgas ermordet wurden." Wer hat ihn zum Feind gemacht? Dieselbe NATO-USA-EU etc. Gruppierung (von Hofberichterstatttern wie SPON gern "der Westen" oder, noch euphemistischer, "Weltgemeinschaft" genannt), die ihn vor kurzem noch in allen Ehren bewirteten, Geschäfte mit ihm machten und rein garnichts an ihm auszusetzen hatten, genauso wenig wie an den deutlich blutrünstigeren Diktatorenzöglingen in Riad und Katar. Dass die in Syrien verübten Massaker und Giftgasanschläge auch bei bestem Willen (der bei NATO, USA und SPON zweifellos vorliegt) der syrischen Regierung nicht in die Schuhe geschoben werden kann, weiss auch der SPON-Schreiber, der es aber im Handumdrehen und nonchalant schafft, durch die Konstruktion des Nebensatzes es aussehen zu lassen, als hätte Assad bzw. die syrische Regierung diese Scheußlichkiten auf dem Kerbholz. Man merkt die Absicht, und man wundert sich schon über garnichts mehr bei der Syrien-Berichterstattung des SPON. Dabei dürfte sogar euch Tendenzjournalisten bekannt sein, dass die dortigen Metzeleien und wohl auch der Giftgaseinsatz eher von den islamistischen Kopfabschneidern und Kannibalen bei ihrem Einsatz für Demokratie und Marktwirtschaft verübt werden als von der Armee des sekulären syrischen Staates. SPON, gib es doch auf: Assad wegschreiben geht nicht. Und dein Einsatz für ein zünftiges NATO-Bomben-gestütztes Staatszerlegen á la Irak und Libyen ist ja bislang auch noch nicht so recht erfolgreich.. Aber du arbeitest ja dran.
Steuerzahler0815 07.10.2013
4.
Bisher ist nicht bewiesen dass Assad irgendetwas falsch gemacht hätte noch irgendeine Schuld hätte! Natürlich macht jeder mensch Fehler und trotzdem ist Assad ein Mann der nur das Beste für sein Volk will. Natürlich gefällt das den von Großkonzernen kontrolierten Medien nicht!
Gipsel 07.10.2013
5. Dokumentation der eigenen Vorurteile
Der Artikel versucht (oder gibt vor?) einen Einblick in die Gedanken der Interviewer zu geben. Ich hätte mich gehütet, meine eigenen Vorurteile so offen zu demonstrieren. Ich dachte immer, als Journalist sollte man zuerst Fakten vermitteln und das offene Gespräch suchen, bevor man zum "Angriff" auf den Interviewten übergehen will und vor allem, bevor man zur Meinung in einem Kommentar kommt. Aber das wird heutzutage offenbar anders gesehen.
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