AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2017

Mobilität der Zukunft Das erste Auto, das wirklich keinen Fahrer mehr braucht

Der Google-Ableger Waymo hat auf einem geheimen Testgelände erstmal einen Minivan vorgestellt, der alles auf den Kopf stellt.

Waymo-Mitarbeiter, selbstfahrendes Auto auf Forschungsgelände in Kalifornien: "Einen besseren Fahrer bauen"
Julia Wang/ Waymo/ AP

Waymo-Mitarbeiter, selbstfahrendes Auto auf Forschungsgelände in Kalifornien: "Einen besseren Fahrer bauen"

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Das Central Valley ist der vergessene Hinterhof von Kalifornien, heiß und trocken, abgelegen und spärlich besiedelt. Genau deswegen hat die Google-Mutter Alphabet hier ihre wohl wichtigste Forschungsbasis errichtet, um den intelligentesten Roboter der Welt zu bauen: Geschützt von meterhohen Zäunen und Wachmannschaften drehen auf rund 37 Hektar jeden Tag Dutzende selbstfahrende Autos endlose Runden.

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Heft 46/2017
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Google übernahm das Gelände, einen ehemaligen Stützpunkt der amerikanischen Luftwaffe, 2013 und baute neue Straßen und Verkehrskreisel, Bahnübergänge und Wohnheime für die aus dem 200 Kilometer entfernten Silicon Valley anreisenden Ingenieure. Alles mit einem Ziel: "In den Startlöchern zu stehen für eine Welt mit vollautonomen Autos." So sagte es John Krafcik, Chef von Waymo, der Google-Schwesterfirma für selbstfahrende Autos, vorige Woche in einer Werkstatthalle des Testgeländes zwischen zerlegten Radareinheiten und Lasersensoren.

Google ist der Pionier der selbstfahrenden Autos, aber inzwischen arbeiten nahezu alle Autokonzerne und mehrere andere Techfirmen an eigenen Projekten. Wer das Rennen gewinnen wird, ist längst nicht mehr sicher, deshalb bemüht sich Waymo zu beweisen, dass Google immer noch in einer eigenen Liga spielt: Im Gegensatz zur Konkurrenz will Waymo nicht den Umweg über teilautonome Autos und Fahrerassistenzsysteme gehen, sondern dem Roboter die alleinige Kontrolle übergeben.

"Wir bauen kein besseres Auto, sondern einen besseren Fahrer", sagt Krafcik, der früher das US-Geschäft des koreanischen Autoherstellers Hyundai leitete. Die Waymo-Ingenieure sind überzeugt, dass dies der einzige verantwortungsbewusste Weg sei, denn teilautonome Autos seien zu gefährlich: Der menschliche Fahrer trage bei diesem System die Verantwortung und müsse stets bereit sein einzugreifen - sei aber ständig versucht, das zu vergessen und der Technik zu sehr zu vertrauen.

Eine gefährliche Kombination, so Krafcik, und zum Beweis zeigt er Videos von Google-Testfahrern aus früheren Jahren. Den Testern sei eingeschärft worden, immer voll aufmerksam zu sein, aber die Aufnahmen zeigen einen Fahrer, der bei 90 Stundenkilometern auf dem Highway hinter dem Steuer schläft, und eine Fahrerin, die sich bei Tempo 80 auf der Landstraße schminkt. Solcher Leichtsinn lasse sich nur ausschalten, wenn die Maschine immer allein die Kontrolle habe. Wenn etwas schiefläuft, greift in den Waymo-Autos nicht der Mensch, sondern ein zweiter Computer ein.

Bei einer Probefahrt über das Gelände sitzt deshalb auch kein Ingenieur mehr zur Sicherheit hinter dem Lenkrad. Der Testwagen ist ein Minivan von Fiat Chrysler, Modell Pacifica. Rund 100 dieser Autos hat Waymo bislang zum vollautonomen Mobil umgebaut, erstes sichtbares Ergebnis der im Frühjahr 2016 geschlossenen Kooperation zwischen dem Digital- und dem Autokonzern. 500 weitere folgen nun.


Im Video: Selbstfahrendes Auto - Fahren ohne Fahrer
Die zum Google-Konzern gehörende Firma Waymo hat jetzt erstmals Videos ihres fahrerlosen Minivans veröffentlicht. Sehen Sie hier die Aufnahmen von Probefahrten auf dem lange geheim gehaltenen Testgelände in Kalifornien.

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Zügig fährt der Minivan durch zahlreiche Teststationen, weicht Radfahrern aus und Autos, die aus verdeckten Einfahrten schießen, hält an ausgefallenen Ampeln, reduziert die Geschwindigkeit an Baustellen. Nach zwei Minuten schon ist vergessen, dass kein Mensch am Steuer sitzt - auch wenn sich das Lenkrad geradezu gespenstisch vor dem leeren Fahrersitz dreht.

Die über acht Jahre gesammelte Erfahrung der Ingenieure macht sich in der neuesten Ausführung des Google-Projekts deutlich bemerkbar, der Minivan fährt flüssig und zumindest in der Testsituation perfekt. 25.000 virtuelle Google-Autos legen jeden Tag zehn Millionen Meilen im Simulator zurück. Dazu kommen 10.000 Meilen täglich auf echten Straßen, nicht nur auf dem Testgelände, sondern im Silicon Valley, in Texas und Arizona. In einem Vorort von Phoenix läuft seit diesem Frühjahr ein erster öffentlicher Test: Registrierte Nutzer können die vollautomatischen Autos wie Taxis bestellen und sich chauffieren lassen.

Das Auto werde sich grundlegend verändern, sagt Krafcik, über 100 Jahre sei es auf den Fahrer ausgerichtet gewesen, selbstfahrende Autos aber müssten für den Passagier designt sein. Erste Versuche sind im Innenraum des Pacifica zu sehen: Monitore zeigen den Mitfahrern grafisch aufbereitet, was das Auto mit all seinen Sensoren in bis zu 300 Meter Entfernung sieht. Mithilfe eines Kontrollpanels kann der Mitfahrer die Fahrt starten und abbrechen, Hilfe rufen oder die Türen entriegeln.

"Um sich gut zu fühlen, müssen Passagiere das Gefühl haben, die Kontrolle zu haben", sagt Juliet Rothenberg, zuständig für die "User Experience" in den Minivans. Zuletzt hat Waymo viele Leute darauf angesetzt, diese Nutzererfahrung zu gestalten, ein Signal, dass Waymo sich konkret auf einen Marktstart für seine vollautonomen Autos vorbereitet. Krafcik bleibt jedoch vage, wann genau es losgehen soll, er sagt nur: "Wir sind nah dran." Klar ist, dass Waymo keine Autos bauen wird, sondern ein technologisches System, eine Art Roboter mit Führerschein, einzukaufen wie ein Softwarepaket. Krafcik sagt: "Einmal gebaut, können wir unseren Fahrer an vielen Stellen einsetzen."



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