AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2017

Cannabis-Engpass Die Not der Kiffer-Patienten

Ein neues Gesetz sollte dafür sorgen, dass Schwerstkranke Cannabis auf Kassenrezept erhalten. Doch ihre Lage hat sich verschlechtert - wie ist das möglich?

Jointraucher Dittrich: Den Schmerz in Schach halten
Bert Bostelmann/ DER SPIEGEL

Jointraucher Dittrich: Den Schmerz in Schach halten

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Durch die Küche zieht ein Duft von Kaffee und Cannabis. Die Sonne scheint auf die karierte Tischdecke, von draußen dringt das Brummen eines Rasenmähers. Christian Dittrich macht sich bereit für den Arbeitstag, in zwei Stunden beginnt seine Schicht.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

Es ist nicht so, als würde er zum Spaß kiffen. Seit 20 Jahren leidet er unter Schmerzen und Krämpfen. Mit 16 Jahren wurde er zum ersten Mal an der Wirbelsäule operiert, ein paar Jahre später nach einem Unfall ein zweites Mal. Die Narben ziehen sich über Bauch und Lenden, sein Rückgrat wird heute von Schrauben und Platten stabilisiert.

Dittrich hat alles versucht. Akupunktur und Akupressur, Wärme und Kälte, Gymnastik und Massagen. Schmerzmittel brachten keine Linderung, jahrelang nahm er Opiate, bis er sich am Ende täglich erbrach. Dittrich gilt als "austherapiert": Herkömmliche Arzneien können ihm nicht helfen, so steht es in zwei medizinischen Stellungnahmen.

Dass es ihm seit fünf Jahren etwas besser geht, hängt mit der staatlichen Ausnahmeerlaubnis für eine unkonventionelle Therapie zusammen: Seither darf er in der Apotheke Marihuana kaufen. Die Genehmigung, drei zerknitterte Seiten, trägt er in seinem Portemonnaie bei sich. Immer. Ohne Cannabis könnte Dittrich nicht arbeiten.

Mit Cannabis hält er den Schmerz so weit in Schach, dass er auch seine Schichten im Büro übersteht. Dazu braucht es am Morgen einen Joint. Tagsüber steigt er auf Tropfen um oder inhaliert Cannabis aus einem Verdampfer.

Für Menschen wie Dittrich hat der Bundestag ein neues Gesetz verabschiedet. Schwer oder chronisch Kranke sollen leichter mit Hanfblüten oder Medikamenten auf Cannabisbasis therapiert werden können. Seit dem 10. März können sie Cannabis auf Rezept bekommen. Vor allem: Die gesetzlichen Kassen müssen die Kosten tragen, wenn es keine andere Hilfe mehr gibt.

Mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und der Drogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) hatten ausgerechnet zwei Unionspolitiker das neue Gesetz angestoßen. Gerade die Konservativen lehnen das Kiffen zu Genusszwecken von jeher vehement ab. Doch um den Konsum zu Therapiezwecken besser unter Kontrolle zu halten, plädierten sie dafür, Medizinalhanf auf Rezept zu gestatten. Gleichzeitig sollte das aber eine seltene Ausnahme bleiben.

Dieses Paradox macht die Umsetzung schwer. Denn aus Angst vor Missbrauch hat der Gesetzgeber so hohe Hürden aufgebaut, dass es für viele Patienten derzeit nicht leichter, sondern schwieriger geworden ist, sich mit Cannabis zu versorgen.

Davon zeugt auch der dicke Papierstapel auf Christian Dittrichs Küchentisch. Es ist seine Korrespondenz mit der gesetzlichen Kasse. Bis zu diesem Augustmorgen weigert sie sich, seine Behandlung für die Zukunft anzuerkennen. Und wie ihm ergeht es Hunderten Patienten. Für Dittrich ist das neue Gesetz "eine Farce".

Experten teilen dieses Urteil. Über "massive Probleme bei der Umsetzung" des Gesetzes klagt Harald Terpe, Drogenexperte der Grünen-Bundestagsfraktion und selbst studierter Mediziner. Von einem "Bürokratiemonster" spricht die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin.

Medizinalhanf aus der Apotheke "Im Einzelfall nicht lieferbar"
Bert Bostelmann/ DER SPIEGEL

Medizinalhanf aus der Apotheke "Im Einzelfall nicht lieferbar"

Die Neuregelung leidet unter mehreren Schwächen. Unscharf formulierte Paragrafen machen es den Kassen leicht, die Anträge der Patienten für die teure Therapie abzulehnen. Im ungünstigsten Fall werden Ärzte finanziell bestraft, wenn sie Cannabis verschreiben, obwohl es günstigere Alternativen gibt. Und die Preise für Medizinalhanf sind längst in die Höhe gestiegen - wenn er überhaupt noch verfügbar ist.

Dabei hatte die Regierung das neue Gesetz als Durchbruch gefeiert. Auch wenn noch viele Studien ausstehen, setzen Mediziner heute auf die Wirkstoffe der Cannabispflanze. Sie können Übelkeit bei einer Chemotherapie bekämpfen, das Tourettesyndrom lindern oder epileptische Anfälle mildern. Selbst die Deutsche Schmerzgesellschaft stellt fest, dass Cannabiswirkstoffe für Patienten mit Lähmungen oder multipler Sklerose in Einzelfällen eine Alternative sein können, wenn gebräuchliche Arzneien nicht wirken.

Allerdings lässt das neue Gesetz Kassen und Ärzte ratlos zurück. So sollen nur jene Patienten Cannabis als Medizin bekommen, die unter einer "schwerwiegenden Erkrankung" leiden. Was darunterfällt, bleibt offen. Sind nur Sterbenskranke gemeint? Oder auch Menschen, die unter quälenden Krämpfen oder Schmerzen leiden, deren Leben also nicht gefährdet ist, wohl aber ihre Lebensqualität?

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung, der die meisten Anträge prüft, ist mit der Frage ebenfalls überfordert. "Die vom Gesetzgeber formulierten weichen Kriterien treffen auf diesen konkreten Einzelfall nicht sicher zu", hieß es in der ersten Absage, die Christian Dittrich erhielt. Vor der Neuregelung hatte seine Kasse den Fall ganz anders beurteilt. Damals hatte sie zugesagt, die Therapie zu bezahlen. Damit war Dittrich einer von sehr wenigen Patienten.

Jetzt aber ist er einer von sehr vielen, die sich eine Cannabistherapie auf Rezept erhoffen. Für die Kassen wird das neue Gesetz damit zum Kostenrisiko. Das AOK-Lager zählt bis heute 3600 Anträge, bei den Ersatzkassen waren es Ende Juni 2000, bei den befragten Betriebskrankenkassen sind es mindestens 650. Bewilligt wurden davon nach Kassenangaben aber nur 50 bis 60 Prozent.

Auch viele Ärzte tun sich mit der Neuregelung schwer: Sie müssen attestieren, dass keine andere Therapie als die mit Cannabis möglich ist. Im Zweifel aber werden sie bestraft, wenn sie im Anschluss die teuren Blüten oder Extrakte auf Kassenrezept verordnen. Verstoßen sie damit gegen ihre Finanzvorgaben, müssen sie möglicherweise sogar Geld zurückzahlen - der bei Ärzten gefürchtete Regress. Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen warnt die Mediziner in einem Rundschreiben daher davor, Rezepte für Cannabisblüten auszustellen.

Jan Zimmermann hat lange nach einem Arzt gesucht, der offen für die neue Therapieform ist. Vor vier Jahren wurde dem Immobilienkaufmann ein Nervenzelltumor entfernt. Seither ist er mit chronischen Schmerzen in Behandlung, vier Operationen brachten keine Linderung. Es gibt Tage, da erträgt der Mann, der früher im Fitnessstudio Hanteln gestemmt hat, nicht das Gewicht eines T-Shirts auf den Rippen.

Von Drogen hat er nie etwas gehalten, Alkohol meidet er aus Prinzip. Es hat gedauert, bis sich Zimmermann mit dem Gedanken anfreundete, ausgerechnet Marihuana aus dem Vaporisator könne ihm helfen. Morphin verträgt er nicht, das neue Gesetz schien ihm wie ein Geschenk.

Doch ein erster Arzt hielt Cannabis grundsätzlich nicht für ein Medikament, ein zweiter erklärte, er kenne sich mit dem Thema nicht aus, erst ein dritter ließ sich auf die Antragsprozedur ein. "Viele Ärzte haben Vorbehalte", sagt Zimmermann.

Seit Juni bekommt er Cannabis auf Rezept. Theoretisch jedenfalls. Neulich war sein Arzt in Urlaub - und es fand sich kein Vertreter, der ein Rezept ausstellen wollte.

"Für die Ärzte macht es wirtschaftlich keinen Sinn, Cannabis zu verschreiben. Das ist eines der Hauptprobleme der Neuregelung", sagt Franjo Grotenhermen, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin. Nur wenige Ärzte bekennen sich offen zu der neuen Therapie. Grotenhermen ist einer von ihnen.

Die Sprechstunde des Krebs- und Cannabisexperten ist bis Sommer 2018 ausgebucht. Die Nachfrage sei völlig unterschätzt worden, sagt er. Jetzt hat er sich zu einem radikalen Schritt entschlossen. Seit mehr als zwei Wochen ist Grotenhermen im Hungerstreik, um auf die ungewollten Folgen des Gesetzes aufmerksam zu machen.

In den meisten Apotheken sind die Blüten inzwischen Mangelware. "Es liegen derzeit Meldungen vor, dass einige Sorten Cannabisblüten im Einzelfall nicht lieferbar sind", heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünenfraktion im Bundestag.

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände formuliert es drastischer: Der Engpass betreffe grundsätzlich "alle Apotheken" und "alle Cannabissorten". Für den deutschen Markt zugelassen sind mehr als ein Dutzend Blütenprodukte mit höchst unterschiedlichem Wirkstoffgehalt. Ständig verfügbar sind derzeit nur Cannabisarzneien auf synthetischer Basis.

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht, denn momentan müssen die Pflanzen aus Kanada und den Niederlanden importiert werden. Die Ausschreibung für den Anbau in Deutschland läuft, geerntet wird hier jedoch frühestens 2019. Die Bundesregierung müht sich nun, kurzfristig mehr Medizinalhanf bereitzustellen. So hat Gesundheitsminister Gröhe auch seine niederländische Amtskollegin um Unterstützung gebeten.

Die Ablehnungspraxis der gesetzlichen Versicherungen und ihrer Prüfer beobachtet auch sein Ressort kritisch. "Wir wollen Schwerstkranken bestmöglich helfen", sagt Gröhe. "Auch von den Krankenkassen erwarte ich, dass sie das Gesetz im Sinne der Patientinnen und Patienten umsetzen, so wie der Gesetzgeber das gewollt hat. Wir werden das sehr eng begleiten." Die Spitzenverbände von Apothekern und Krankenkassen hat das Ministerium inzwischen aufgefordert, über eine Reduzierung der Cannabisabgabepreise zu verhandeln. Dazu sollen sie den Zuschlag senken, den Pharmazeuten erhalten, wenn sie die Blüten prüfen und verkaufen. Die Gespräche laufen, eine Einigung ist nicht in Sicht.

Die Opposition geht daher davon aus, dass das Gesetz möglicherweise korrigiert werden muss. Wenn es nicht gelinge, Kassen und Ärzten ihre Pflichten bei der Umsetzung des Gesetzes deutlich zu machen, "muss das Parlament diese Aufgabe übernehmen und das Gesetz notfalls nachschärfen", sagt Grünenpolitiker Terpe.

Christian Dittrich zumindest kann aufatmen. Nach fünf Monaten zäher Korrespondenz und Widersprüchen hat seine Kasse die Therapie endlich genehmigt.

Jetzt hat er ein neues Problem: Seine Cannabissorte ist in der Apotheke derzeit nicht erhältlich.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
dirkozoid 08.09.2017
1. Wie das möglich ist?
Das war doch jedem klar, der die Ausschreibung für den legalen Anbau medizinischen Hanfs gelesen hat, dass das nichts wird.
Denkt mal selber nach 08.09.2017
2. Was soll diese Abwertung bereits in der Überschrift?
Clickbaiting an sich ist schon erbärmlich genug für Payed Content, aber Beleidigungen von Kranken muss man ja wohl nicht auch nich ertragen.
quark2@mailinator.com 08.09.2017
3.
Wenn man starke Zahnschmerzen hat, kann man mitunter die Stunden nicht ertragen, bis früh der Zahnarzt wieder aufmacht - und unsere ach so menschlichen Bürokraten nehmen sich einfach Monate und Monate um einfach das zu tun, was zu tun ist, nämlich die Prioritäten zu ändern. Erstmal den Kranken Linderung verschaffen, d.h. ihnen den Anbau der Pflanze zu erlauben. Danach sehen, wie man den Mißbrauch eindämmt und am Ende die Verteilung über die Apotheken organisiert und erst dann, wenn das läuft, den privaten Anbau ggf. wieder verbieten. Ich verabscheue Drogen, aber Schmerzen sind einfach etwas mit dem man nicht diskutieren kann. Da braucht man schnell Hilfe. Immer wieder toll, wie gerade die Leute, die immer von Menschlichkeit und Menschenrechten groß daherreden, kein Problem damit haben, wenn andere aus rein formalen Gründen leiden. Das sind die selben Leute, die auch kein Problem damit haben, Menschen noch das Existenzminimum wegzusanktionieren. Befolgen ja nur die Regeln.
vish 08.09.2017
4. Kiffer-Patienten
Geht's auch etwas weniger abwertend?
d.enkmalwieder 08.09.2017
5. In der Tat...
kann man hier einiges! in einigen! Punkten feststellen: -Journalistisch- naja .0( bis latent despektierlich!!! Nicht OK! Gar nicht... Aus Sicht des zahlenden bereue ich jeden Cent wenn im Artikel IMMER Noch diese falsche Information gegeben wird: "Auch viele Ärzte tun sich mit der Neuregelung schwer: Sie müssen attestieren, dass keine andere Therapie als die mit Cannabis möglich ist." >>Das ist- (wie auch hier schon mehrfach als Kommentare bemerkt...) ein absolute und 100% FALSCH Aussage! Der Bundestag hat sich in diesem Punkt explizit und deutlich geäußert: >> "Regierungsvorlage noch geändert In den parlamentarischen Beratungen wurde der Gesetzentwurf an einigen Stellen noch verändert. So sollen die Ärzte eigenverantwortlich entscheiden, ob eine Cannabis-Therapie sinnvoll ist, auch wenn im Einzelfall noch andere Behandlungsoptionen bestehen. Die Patienten müssen also nicht "austherapiert" sein, wie es anfangs hieß, bevor sie einen Anspruch auf ein Cannabis-Rezept haben." PUNKT! Quelle Deutscher Bundestag: www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2017/kw03-de-betaeubungsmittel/487044 Honi soit... Zum finanziell Grundsätzlichen: Hanf muss als sog. Zubereitungsarznei in der Apotheke bezogen werden das verursacht dann bis zum Endpreis von 25+X Euro doppelte Kosten für de facto Sinnbefreite Umfüllungen und "Überprüfungen" der THC/CBD Gehalte (btw. die "Überprüfung" macht eh der Hersteller) Der Botaniker schüttelt den Kopf den er weis das selbst der reinste und feinste Stoff mit etwas Gärtnerischem "Know How" und unter legalen Bedingen in allen Möglichkeiten NIE NIE NIE mehr als 1 Euro auf Gramm verursachen. Wirklich absolut nie Gar nie NIE (falls ich es noch nicht erwähnte...) Mit etwas grünem Daumen lassen lassen sich zwischen 2 bis 3 hundert bis ...x (kolportiert sind bis auf 1 kg möglich) astreine Blüten in Super Duppi Qualität auf den QM "ernten" - 2 meistens 3 mal im Jahr. Mit schnell wachsenden Sorten 4 mal. Wo Wie und Wer da mit 2500-3000% massiv "zulangen" muss- lasse ich mal dahin gestellt. Mann könnte ewig streiten... solange bis alle anderen Staaten drum rum schon legalisiert haben... Die Konservative Prohibitionistische Seele mag sich sträuben wird sich aber irgendwann fügen müssen. Es wird wieder RE-legalisert- irgend wann (fast) überall. Das wird auch dieses "Schweinegalopp -Grundsatzurteil konforme- Hanf Zugangs Erschwerungsgesetz nicht dauerhaft verhindern können. Und bei Betrachtung aller möglichen Auswirkungen wird das auch gut sein. Und sicher profitabler für alle.
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