AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2018

Anti-Pollution-Kosmetik Hautcreme gegen Feinstaub - hilft das?

Die Schönheitsindustrie hat die Umweltverschmutzung entdeckt. Das Geschäft mit Kosmetik, die vor Smog und Staub schützt, verspricht Milliarden.

Cremen gegen Umweltschmutz: Ein riesiger Markt wartet
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Cremen gegen Umweltschmutz: Ein riesiger Markt wartet

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In der Marktwirtschaft kann auch aus der schlimmsten Sauerei noch etwas Lohnendes werden: Der Abgasbetrug der Automobilhersteller mag für Menschen lebensgefährlich sein. Für die Schönheitsindustrie ist der Umweltskandal geradezu belebend, die Kosmetikbranche hat Luftverschmutzung als neuen Megatrend entdeckt.

In China und Indien, wo viele Städte im Smog verschwinden, ist sogenannte Anti-Pollution-Kosmetik schon seit einigen Jahren ein Verkaufsschlager. Dank Volkswagen und Co. schwappt dieser Hype nun auch auf europäische Volkswangen über. Und hat damit einen der umsatzstärksten Schönheitsmärkte der Welt erreicht.

Während in Asien vor allem der Gesundheitsaspekt zum Kauf animiert, wollen europäische Kunden mit Anti-Pollution-Produkten der vorzeitigen Verhutzelung trotzen, fanden die britischen Marktforscher von Euromonitor heraus. Mit großem Getöse und martialischen Namen auf Tiegeln und Ampullen stellt sich das Schönheitsgewerbe deshalb der Schlacht gegen Falten und Altersflecken: Da kämpft der Urban Anti Pollution Defensor, das Gegengift Detox, Flash Defence, da kämpfen Schutzschilde, Inflamm-Aging-Booster und Pollution Proof Kits.

Die Produktpalette bietet teure Luxus-Gesichtssahne genauso wie Drogeriemarktcreme. Von Shiseido über Estée Lauders Clinique bis hin zu Unilevers Pond's und Beiersdorfs Nivea sind Hersteller aller Preisklassen auf den Zug gehechtet.

Denn der wird voraussichtlich einige Zeit unterwegs sein, schließlich nimmt die Luftverschmutzung durch den Autoverkehr weltweit zu.

Und jedes Mittel ist recht: Um Haut und Haar gegen mikrowinzige Feinstaubaggressoren zu wappnen, wird chinesischer Molchschwanz gehäckselt und grüner Tee pulverisiert, Blüten, Algen und Wurzeln gemörsert, Sauerstoff zugeführt, Thermalwasser zerstäubt und Partikelteile magnetisch aufgeladen, damit sie umherschwirrende Feinstaubpartikel abstoßen. Auch ein bisschen Chichi darf nicht fehlen: Chanel benutzt die seltenen und kostbaren Knospen der Weißteepflanze Silver Needle, die nur in der chinesischen Provinz Fujian wächst. Nur einmal im Frühjahr, und auch dann nur eine Woche lang, werden sie von Hand geerntet und an der Luft getrocknet.

Doch hilft die Anti-Pollution-Kosmetik wirklich gegen Umweltgifte, oder ist sie nur die neueste Erfindung von Marketingmanagern?

Professor Jean Krutmann, Leiter des Düsseldorfer Leibniz-Instituts für umweltmedizinische Forschung (IUF), antwortet eindeutig: "Das ergibt auf jeden Fall Sinn. Der Zusammenhang zwischen verkehrsabhängigen Feinstäuben und Hautalterung ist seit 2010 bekannt und mittlerweile eindeutig belegt."

Damals wurden die Ergebnisse einer Studie mit einer Gruppe von 400 älteren Damen im Ruhrgebiet veröffentlicht, die erstmals zeigte, dass die Frauen, die einer erhöhten Luftschadstoffkonzentration ausgesetzt waren, 20 Prozent mehr Pigmentflecken im Gesicht hatten als Frauen, die in ländlichen Gebieten wohnten. Mehrere internationale Untersuchungen, etwa mit Probanden in einem Industriestandort nahe Shanghai, bestätigten das Düsseldorfer Ergebnis seither.

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Es gibt nichts daran zu rütteln: Nach UV-Strahlung ist der Ruß aus Dieselmotoren der zweitwichtigste Faktor für vorzeitige Hautalterung. Tests belegen, dass die Schädigung der Haut eindeutig von außen kommt, nicht etwa durch das Einatmen des Feinstaubs, so Krutmann. Die superkleinen Partikel dringen durch die natürliche Barriere der Haut und attackieren das größte Grenzorgan des Menschen. "Das wird uns mindestens so lange beschäftigen wie die Entwicklung von Sonnenschutzmitteln", sagt Krutmann.

Bei UV-Schutzcremes hat sich längst eine brancheneinheitliche Kennzeichnung, die der Lichtschutzfaktoren, durchgesetzt. Jeder Verbraucher erkennt auf einen Blick, welchen Schutz er einkauft. Bei Anti-Pollution-Kosmetik kann der Kunde noch nicht beurteilen, welche Wirkung das Produkt hat. Um Glaubwürdigkeit und Vergleichbarkeit herzustellen, will ein unabhängiges Forschungslabor auf Mauritius (CIDP) eine Norm für Anti-Pollution-Effekte entwickeln. "Die Wirksamkeit der Kosmetika nachzuweisen, wird wohl die wichtigste Innovation auf dem Gebiet sein", urteilen die Marktforscher von Euromonitor.

Kann Glaubwürdigkeit etabliert werden, wartet ein riesiger Markt. Das Portfolio hat sich bereits auf Haarprodukte und auf Make-up ausgeweitet, Produkte für Säuglinge und Kinder werden eingeführt, spezielle Schutzmittel für Nägel, Lippen, Augen könnten folgen.

Noch erhebt der deutsche Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW) keine gesonderten Zahlen für dieses Marktsegment. Er bestätigt jedoch den Trend, denn deutsche Verbraucher haben im vergangenen Jahr viel Wert auf Gesichtspflege und Reinigungsprodukte gelegt. 13,6 Milliarden Euro wurden 2017 für Beauty-Pflegeprodukte ausgegeben. Dabei sei die Haut- und Gesichtspflege die am stärksten wachsende und umsatzstärkste Einzelkategorie - mit einem Plus von 3,1 Prozent und einem Umsatz von 3,1 Milliarden Euro.

Vor allem aber haben es Dieselskandal und Luftverschmutzung geschafft, woran alle Marketingstrategen bislang gescheitert sind: Endlich greifen auch jüngere Frauen in die Regale mit den Anti-Aging-Produkten, die bislang exklusiv für Mama reserviert waren.



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