AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 13/2018

Antisemitismus-Forscher Was ein israelischer Jude erlebt, wenn er nach Berlin-Neukölln geht 

Der israelische Autor David Ranan sprach mit Muslimen in Deutschland über Juden. Er stieß auf Hass - und krude Verschwörungstheorien. Trotzdem findet er die Antisemitismusdebatte hysterisch.

Forscher Ranan in Berlin-Neukölln: "Es herrscht eine Panik, die nicht zu rechtfertigen ist"
Karsten Thielker / DER SPIEGEL

Forscher Ranan in Berlin-Neukölln: "Es herrscht eine Panik, die nicht zu rechtfertigen ist"

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An einem Sommerabend des Jahres 2016 blickte David Ranan auf die Berliner Siegessäule, verließ sein Büro in der achten Etage der Technischen Universität und machte sich auf den Weg nach Neukölln, um mit vier muslimischen Männern über Judenhass zu sprechen. Sein Kollege am Zentrum für Antisemitismusforschung fragte, ob er lieber mitkommen solle. Man wisse ja nicht, wohin so eine Diskussion führen werde. Doch Ranan, 71, Jude, ging allein los.

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Heft 13/2018
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Einer der Männer holte ihn am U-Bahnhof ab. Ranan besorgte noch Baklava, eine arabische Süßspeise, die in Neukölln an jeder Ecke verkauft wird. Dann betrat er eine Altbauwohnung. Die vier Männer, alle um die 40 Jahre alt, hatten den Tisch mit Obst, Kuchen und einer Kanne schwarzen Tee gedeckt. Nachdem einer noch gebetet hatte, fingen sie an zu diskutieren.

"Mir ist bekannt, dass sehr große wirtschaftliche Mächte in der ganzen Welt von den Juden beherrscht werden", sagte einer der Männer. Ein anderer behauptete: "Die Juden in Deutschland haben die ganzen Erfindungen gemacht, Daimler-Benz, Thyssen, Bosch, keine Ahnung. Die haben auch das ganze Bankensystem gegründet."

Mitte Februar sitzt David Ranan in einem Berliner Restaurant und erzählt von dem Treffen in Neukölln. Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen Pensionär halten, der seinen Lebensabend genießt. Er trägt eine beige Cordhose, ein rosafarbenes Hemd und einen roten Pulli. Doch im Gespräch ist der Autor angriffslustig. "Antisemitismus und Muslime sind für sich genommen schon sprengstoffartige Topoi", sagt er. "Zusammengenommen sind sie explosiv." Ranan hat über 70 Muslime interviewt und daraus ein bemerkenswertes Buch gemacht. Ein Israeli mit deutschen Wurzeln redet mit Muslimen in Deutschland über Judenhass.

In fast jedem Gespräch musste er sich Stereotype und Verschwörungstheorien über Juden anhören. Trotzdem hat Ranan darauf verzichtet, ein alarmistisches Werk über muslimischen Antisemitismus zu schreiben.

"Ich wusste, dass es Demos gibt, auf denen Leute 'Juden ins Gas' brüllen, dass es Hetzprediger gibt, aber mir war auch ganz klar, dass man nicht 1,6 Milliarden Muslime an ein paar Extremisten messen kann. Das zu tun ist doch Quatsch", sagt Ranan. "Ich will etwas Ordnung in der Debatte schaffen."

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Seit Dezember diskutiert die Republik wieder häufiger über Judenfeindlichkeit unter Muslimen. Damals kündigte US-Präsident Donald Trump an, die Botschaft seines Landes in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen zu lassen. Tausende Muslime protestierten dagegen auf deutschen Straßen. Bei einer Demo in Berlin zündeten junge Männer eine Israelfahne an.

Antisemitismusforscher, Rabbiner und Vertreter jüdischer Gemeinden meldeten sich besorgt zu Wort. Angela Merkel ließ über ihren Regierungssprecher ausrichten: "Man muss sich schämen, wenn auf den Straßen deutscher Städte so offen Judenhass zur Schau gestellt wird." Die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit sei "kein Freibrief für antisemitische Entgleisungen, für Hetze und für Gewalt". Union und SPD wollen die neue Stelle eines Antisemitismusbeauftragten schaffen.

Nur eine Gruppe kam eher selten zu Wort: Muslime.

Ranan hat lange Interviews mit seinen Gesprächspartnern geführt. Etwa die Hälfte von ihnen waren Frauen, die meisten hatten Abitur gemacht oder studiert. "Ich wollte keinen 15-jährigen hormongeladenen Jungen interviewen, der am Vorabend gesehen hat, wie Israel Gaza bombardiert, und unreflektiert Slogans wiedergibt."

Trotzdem bekam er verstörende Meinungen zu hören. Obsessiv beschäftigten sich beispielsweise zwei 21-jährige Studentinnen im Interview mit der Frage, wo sie guten Gewissens einkaufen könnten.

"Viele Marken gehören doch ihnen! Ich habe gehört, dass Aldi einem Juden gehört ... aber nur gehört, ich weiß es nicht ..."

"Starbucks, habe ich gehört ... aber das hindert mich nicht dran, zu Starbucks zu gehen und einen Kaffee zu holen oder zu Aldi zu gehen."

"Es gibt aber bestimmt Leute, die gehen da nicht mehr einkaufen! Rossmann ... der Drogeriemarkt dm, das soll auch jüdisch sein ..."

"Woher ich das weiß? Das ist genauso, wie man sagt, es gibt nationalistische Deutsche. Wir kennen ja keinen, aber wir wissen, dass es sie gibt."

Die Protokolle ähneln sich häufig: Fast jeder hat etwas über eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung gelesen oder im Kreis der Freunde und Familie aufgeschnappt. Eine Ingenieurin, die in einer türkischen Familie in Deutschland aufgewachsen ist, sagte: "Es spricht sich auch herum, dass die Welt irgendwelche Familien regierten, 120 Familien oder so. Das sind halt Juden, und die haben die Regierung quasi. Diese ganzen Seuchen, Bakterien, die hier überall in der Welt verteilt werden, sollen auch von dort stammen, das heißt, das ganze System dieser Welt! Ich denke schon, dass Juden sehr, sehr, sehr viel die Welt manipulieren und sie auch beherrschen."

So gut wie nie bezogen sich die Gesprächspartner auf den Koran und religiöse Fragen. Viel wichtiger war den meisten der Nahe Osten.

Eine der Geschichten, die sie Ranan erzählten, entspricht dem Plot der iranischen Fernsehreihe "Zahras blaue Augen": Ein israelischer Spitzenpolitiker lässt darin ein palästinensisches Mädchen entführen, um dessen blaue Augen seinem blinden Sohn einzupflanzen. Ähnliches behauptete 2015 der palästinensische Uno-Vertreter Riyad Mansour. Er gebe Hinweise, dass Israel die Organe getöteter Palästinenser entnehme, schrieb er an den Uno-Generalsekretär: "Wir bekommen die Leichen ohne Hornhäute und andere Organe."

Ein Interviewpartner Ranans war der festen Überzeugung, dass Organraub tatsächlich existiere. Er habe die Berichte von seiner eigenen Familie bekommen: "Glauben Sie wirklich, meine Eltern, meine Tanten und Onkel, die das erlebt haben, meine Schwiegermutter, meine ganze Verwandtschaft, glauben Sie wirklich, die lügen mich an?" Er wollte sogar selbst Menschen gesehen haben, denen "die Innereien herausgeschnitten wurden".

Das zentrale Thema in seinen Gesprächen sei der israelisch-palästinensische Konflikt gewesen, schreibt Ranan. Viele Gesprächspartner hätten "Jude" gesagt und damit "Israeli" gemeint: "Wenn in Reaktion auf ein israelisches Bombardement von Gaza auf einer Demonstration 'Jude, Jude, feiges Schwein' skandiert wird, sind damit weder die Londoner noch die New Yorker Juden gemeint, sondern die Israelis. Das macht es einem Zuschauer nicht angenehmer und ist besonders für Juden schwer zu ertragen."

Beim Treffen in Berlin kommt Ranan immer wieder auf diesen Gedanken zurück. "Ich behaupte nicht, dass es keine Antisemiten gibt, ich sage nur, dass man differenzieren muss."

Das Klischee vom Juden, dem Aldi oder Rossmann gehöre, sei zweifellos antisemitisch. Doch Kritik an Israels Besatzungspolitik dürfe man damit nicht vermischen. Viele Muslime würden sich mit den Palästinensern solidarisieren. "Hier gibt es richtigen Krach zwischen Nachbarn. Ich will das nicht unwichtig machen. Aber wenn eine Million Dänen nach Argentinien kämen, um sich dort niederzulassen, würde bald eine antidänische Bewegung entstehen. Dann würden dort dänische Flaggen brennen. So muss man die Sache sehen."

Ranan ist kein Hardliner. Er versucht, seine Gesprächspartner zu verstehen. Vielleicht liegt das auch an seiner ungewöhnlichen Biografie. Ranan ist israelischer, deutscher und britischer Staatsbürger. Er wurde 1946 als David Abraham Thomas Rosenzweig in Tel Aviv geboren. Seine Eltern kamen aus Deutschland. Zionisten aus Leidenschaft seien sie nicht gewesen, als sie 1933 in das britische Mandatsgebiet Palästina flohen, sagt Ranan.

Zu Hause, in Tel Aviv, sprach die Familie Deutsch. Thomas, sein dritter Vorname, ist eine Reminiszenz an Thomas Mann. "Meine Eltern haben die deutsche Kultur geliebt", sagt Ranan. Seine Familie kehrte in den Fünfzigerjahren zurück nach Westdeutschland. In das Land der Täter, von denen noch viele lebten. Sein Vater arbeitete als Finanzchef für die Israel-Mission in Köln und handelte Wiedergutmachungsleistungen für den jüdischen Staat aus.

Ranan lebte damals in einem Internat in den Niederlanden. Wenn man ihn heute fragt, warum er sich für den Umgang mit muslimischem Antisemitismus interessiert, erzählt er eine Geschichte aus jener Zeit. Ranan war nicht der einzige israelische Junge auf dem Internat. Gemeinsam feierten sie Lag Ba'Omer, ein jüdisches Fest, an dem traditionell Lagerfeuer entfacht und Puppen verbrannt werden, die einen Feind symbolisieren. "Hitler", sagt Ranan, "war natürlich oft dabei." In jenem Jahr habe ein Mitschüler eine Puppe des ägyptischen Präsidenten Gamal Abd al-Nasser angezündet. Israel befand sich mit Ägypten im Krieg. "Für diesen Jungen war es ganz natürlich, die Nasser-Puppe zu verbrennen", sagt Ranan. "Ich fand das unmöglich. Ich habe mich geschämt."

1959 - Ranan war 13 Jahre alt - starb sein Vater an einem Herzinfarkt. Er kehrte mit seiner Mutter nach Israel zurück.

Später zog er nach London, wo er bis heute im Stadtteil Marylebone lebt. Er machte bei einer Bank und als Unternehmensberater Karriere. Bis er noch mal etwas Neues wagte. Ranan studierte Kulturwissenschaft, promovierte und begann damit, Sachbücher zu schreiben. Er interviewte israelische Soldaten, die in den besetzten palästinensischen Gebieten gedient hatten, oder die Enkel der Holocaustgeneration in Deutschland.

Und nun die Gespräche mit deutschen Muslimen. Ein heikles Thema, aber vielleicht hilft Ranan die Distanz des Außenseiters. "Es war ein herrlicher Abend, ich war fasziniert", sagt er über sein Treffen mit den muslimischen Männern in Neukölln. "Ich wollte Leute finden, die erklären können, was sie denken. Das habe ich in Momenten wie diesem bekommen."

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist in Deutschland konstant hoch. Voriges Jahr registrierte die Polizei 1453 judenfeindliche Straftaten - im Schnitt vier pro Tag. Davon wurden 1377 Delikte der rechten Szene zugeordnet. Nur 58 Straftaten landeten in der Rubrik "religiöse Ideologie" und "ausländische Ideologie". Nach Ansicht von Antisemitismusforschern ist die Dunkelziffer hoch. Kritiker bemängeln, dass die Justiz viele antisemitische Straftaten nicht als solche erfasse.

Trotzdem hält Ranan die Aufregung in Deutschland für übertrieben. Er sagt: "Ich finde es kurios, dass behauptet wird, es gebe ein großes Problem mit muslimischem Antisemitismus. Es herrscht eine Panik, besonders in der jüdischen Gemeinde, die nicht zu rechtfertigen ist." Muslimische Frauen mit Kopftuch bekämen häufig böse Blicke. Darüber werde in der deutschen Debatte nur selten gesprochen.

Seine Kritik richtet Ranan gegen jüdische Organisationen und die deutsche Politik. Der Zentralrat der Juden habe es versäumt, sich von der israelischen Regierung zu lösen, die Antisemitismus als "politische Waffe" nutze. Das American Jewish Committee (AJC) in Berlin, das Antisemitismus und Antizionismus bekämpft, nennt er eine "jüdische Lobbygruppe".

Seit den Anfängen der Bundesrepublik verstünden deutsche Regierungen das jüdische Leben als Lackmustest: Wenn Juden bereit sind, in Deutschland zu leben, sei das Land wieder eine Demokratie. Diesen Umstand würden Gruppen wie das AJC ausnutzen. "Ist doch klar, jeder versucht, seine Situation zu maximieren", sagt er.

Im Gespräch ist Ranan ein Provokateur, der sich lustvoll in die Debatte stürzt. In seinem Buch bleibt er sachlich. Er lässt viele Stimmen zu Wort kommen, auch versöhnliche. Ein 22-Jähriger sagt, er hätte gern jüdische Freunde, "weil ich mich gern mit denen zusammensetzen würde und austauschen möchte". Ein Palästinenser reflektiert seinen Hass auf Juden, den er als Jugendlicher verspürte. "Aber was bringt mir dieser Hass, inwiefern habe ich recht mit diesem Hass?" Neid und Missgunst jedoch scheinen immer wieder durch. Ein junger Mann empört sich darüber, dass Synagogen in Deutschland mehr Polizeischutz und Sicherheiten genießen als Moscheen.

Mehr als ein Jahr lang hat sich Ranan die Argumente seiner Gesprächspartner angehört, ihre Hoffnungen und Wünsche, aber immer wieder auch ihre Vorurteile und Ängste. In Schlagworten ging es oft um Antisemitismus und um den Nahostkonflikt. Unter der Oberfläche jedoch blitzten andere Themen auf: die deutsche Einwanderungsgesellschaft, ihre Spannungen, die Frage, wie gerecht die Chancen im Land verteilt sind.

Ranan zieht ein nüchternes Fazit: "Das Problem ist nicht der Islam, sondern dass die Integration noch nicht funktioniert."



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