01.11.2016

BRUDER AFFE

Schimpansen sind schlau, scheu und: Sie sind uns Menschen ähnlich. Doch weil der Dschungel abgeholzt wird, gibt es immer weniger von ihnen. Wir haben einige der letzten frei lebenden Schimpansen in Afrika besucht.
Das Trommeln ist schon von Weitem zu hören, ein Donnern von Fäusten, die auf die Brettwurzeln turmhoher Urwaldbäume treffen. Dumpf hallen die Schläge durch den Regenwald, gefolgt von erregtem, rhythmischem Kreischen.
Der Biologe Christophe Boesch läuft voraus. Seine Kopflampe wirft fahles Licht auf den schmalen Pfad. Äste schlagen ins Gesicht. Die Beine bleiben an Stolperfallen aus Lianen hängen. Das Hemd klebt am Leib, klatschnass in der feuchten Wärme der Nacht.
Wir müssen uns beeilen. "Wenn die Tiere ihre Nester verlassen haben, wird es sehr schwer, sie zu finden", flüstert Boesch. Seit vier Uhr morgens sind wir auf den Beinen, um die wilden und scheuen Schimpansen des Taï-Nationalparks zu finden. Das Gebiet gehört zu dem afrikanischen Land Elfenbeinküste.
Kein Tier ist so eng mit uns verwandt wie der Schimpanse. Vor rund sieben Millionen Jahren lebte der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse in Afrika. In der Entwicklung des Lebens ist das eine sehr kurze Zeit. Deshalb sehen Schimpansen uns ähnlich, und sie verhalten sich ähnlich wie wir. Sie stellen Werkzeuge her und jagen in Gruppen. Sie können trauern und Mitgefühl zeigen. Boesch hält die Tiere deshalb für etwas ganz Besonderes. Er sagt: "Sie erlauben uns zu verstehen, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch zu sein."
Mit dem Geländewagen sind wir direkt bis an die Nationalparkgrenze gefahren, dann mussten wir zu Fuß weiter. Boesch eilt voraus, ein drahtiger Mann mit grauem Schnauzbart. Die Kronen der Bäume bilden ein Dach aus Blättern, es ist dunkel. Der Regen hat den Pfad in eine schlammige Tümpelkette verwandelt.
Hier leben die letzten 300 Schimpansen des Taï-Walds. Sie ernähren sich von den Nüssen der Panda- und Coula-Bäume, von den Früchten des turmhohen Ebenholzbaums, von Treiberameisen und vom Fleisch der Roten Stummelaffen. Zu sehen ist allerdings keiner.
Im Unterholz entdeckt der Forscher einen großen Stein. Boesch klaubt ein paar Nüsse zusammen, setzt sich auf den Boden, legt eine Pandanuss auf eine Wurzel und schlägt mit dem Stein zu, bis die Nuss krachend zerbirst. "Genauso machen es die Schimpansen", erzählt er. Boesch dreht den Stein um. Auf der Unterseite hat er eine Kuhle, so oft haben die Tiere den Stein schon benutzt.
Die Schimpansen von Taï sind berühmt fürs Nüsseknacken. Zwei Stunden täglich verbringen sie während der Nusssaison damit, sie öffnen pro Minute zwei Stück. Im Alter von fünf Jahren haben die Affenkinder den Trick raus, nach zahllosen Lehrstunden bei ihrer Mutter.
Die Taï-Schimpansen haben noch mehr in ihrer Werkzeugkiste. Ameisen fangen sie, indem sie mit Stöcken in deren Nest stochern. Sobald die Insekten den Stock angriffslustig erklimmen, gibt's Ameisen am Stiel: Blitzschnell ziehen die Schimpansen den Stock durch den Mund und zermahlen die Krabbler mit ihrem Kiefer.
Auch Schimpansen in anderen Teilen Afrikas jagen Ameisen. Aber sie essen die Insekten anders: Sie ziehen den Stock durch die Faust und stopfen sich den Ameisenklumpen anschließend ins Maul. "Chinesen benutzen Stäbchen, um Reis zu essen, wir Deutschen nehmen Gabeln – solche kulturellen Unterschiede gibt es eben auch bei Schimpansen", erklärt Boesch.
Langsam erwacht der Dschungel. Das fremdartige Zwitschern der Urwald-Vögel erfüllt die Luft, Insekten summen. Noch einige Meter im Schleichgang, dann bleibt Boesch stehen. "Dort oben", flüstert er. Boesch zeigt hinauf in die Kronen der Bäume, die sich wie Scherenschnitte gegen den langsam heller werdenden Himmel abzeichnen.
Dunkel sind die Umrisse eines Schimpansen-Nests zu erkennen, zusammengebogen aus Ästen. Eine natürliche Hängematte in luftiger Höhe. Erst reckt sich nur eine feingliedrige Hand aus dem Nest heraus. Dann hängt der erste Schimpanse schon zwischen den Ästen. Von überallher kommen sie nun angestürmt: Daly, das stärkste Männchen; Bony, der Frühaufsteher mit dem dunklen Gesicht; die starke Sally mit Baby Mario; und Thérèse, die ihr rechtes Ohr im Kampf mit einem Leoparden verloren hat.
Ungefähr 20 Schimpansen turnen nun in den Bäumen herum, die Männchen laut und massig, die Weibchen kleiner, vorsichtiger, leiser. Langsam lassen sie sich an langen Armen hinunter auf den Waldboden gleiten. Dann ruhen sie oder pflegen das Fell. Doch plötzlich geht es los: Daly trommelt zur Jagd auf Rote Stummelaffen.
Augenblicklich erklimmen vier Kerle hintereinander die Bäume und versuchen, die Horde einzukreisen. Die Schimpansen wählen ein Opfer aus der Gruppe, blockieren die Fluchtwege, treiben es dem stärksten Männchen zu. Aber nein, diesmal misslingt der Trick. Knapp entkommt der Stummelaffe seinen Verfolgern. Wie an Feuerwehrstangen rutschen die Schimpansen an den Bäumen zurück zum Boden.
Mit solchen Treibjagden haben auch unsere Vorfahren versucht, ihre Beute zu erlegen. Dürfen wir zulassen, dass unsere nächsten tierischen Verwandten aussterben, weil ihr Zuhause, der Urwald, von uns vernichtet wird?
"Nein", sagt Boesch. "Wenn wir die Schimpansen verlieren, verlieren wir einen Teil von uns selbst."
Von Philip Bethge

Dein SPIEGEL 21/2016
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