AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2017

Depressionen, Ängste, Schizophrenie Wie uns Stadtleben erschöpft - und was wir dagegen tun können

Wissenschaftliche Studien zeigen: Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Dorf wohnen, sagt der Psychiater Mazda Adli. Wodurch entsteht der Druck? Wie kann man dagegen ankämpfen?

Alltagsszene aus Köln
DPA

Alltagsszene aus Köln


Lena Mucha/DER SPIEGEL

Mazda Adli, 47, ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Stressforscher an der Berliner Charité. In seinem Buch "Stress and the City" berichtet er über die mentalen Folgen des Stadtlebens.


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Heft 19/2017
Der eitle Kampf der Verteidigungsministerin gegen ihre skandalreiche Truppe

SPIEGEL: Sie haben Ihr Leben lang in Metropolen gewohnt, in Köln und Teheran, in Wien, Paris und in Berlin. Mussten Sie sich jetzt Ihren eigenen Stadtstress von der Seele schreiben?

Adli: Nein, im Gegenteil! Ich bin ein begeisterter Stadtmensch, und ich liebe Berlin sehr, diese immer noch unfertige Stadt, in der ich heute lebe. Zu Beginn meiner Forschung habe ich mich ganz allgemein für Faktoren interessiert, die unsere Stressempfindlichkeit beeinflussen. Dazu zählen zum Beispiel die Gene oder unsere Persönlichkeit. Aber darüber hinaus spielt es eben auch eine wichtige Rolle, wo wir leben. Wissenschaftliche Studien liefern klare Befunde: Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Land wohnen.

SPIEGEL: Das Klischee vom dickfälligen Dorfbewohner und dem sensiblen und neurotischen Stadtmenschen hat also einen wahren Kern?

Adli: Ja, in gewisser Weise ist es so. Mannheimer Forscher haben vor einiger Zeit die Gehirnaktivität von Stadt- und Landbewohnern mithilfe der funktionellen Kernspintomografie untersucht. Insbesondere ging es um die Aktivität des sogenannten Mandelkerns, jener Hirnregion, die bei der Stressentstehung eine wichtige Rolle spielt. Im Rahmen eines Experiments wurden die Versuchspersonen unter sozialen Stress gesetzt, indem sie schwierige Kopfrechenaufgaben unter Zeitdruck vor einem ungnädigen Publikum lösen mussten. Ähnlich wie es häufig in Castingshows geschieht. Als Reaktion darauf feuerte der Mandelkern umso stärker - die Stressreaktion war also umso größer -, je größer die Stadt war, in der jemand wohnte. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass Stadtbewohner in schwierigen Situationen größere Mengen des Stresshormons Cortisol ausschütten als Landbewohner.

SPIEGEL: Zu viel Cortisol im Blut wird für die Entstehung einer ganzen Reihe von Krankheiten verantwortlich gemacht, von Herzinfarkten bis hin zu Depressionen. Heißt das, dass die Stadt uns krank macht?

Adli: Zumindest zeigt die Statistik: Manche Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und auch Schizophrenie treten bei Städtern tatsächlich deutlich häufiger auf als bei Menschen, die auf dem Land wohnen. Dazu kommt: Wer als Kind in der Stadt aufgewachsen ist, trägt möglicherweise ein Leben lang Spuren davon in sich. Seriöse Studien haben ergeben, dass das Schizophrenierisiko im Erwachsenenalter umso größer ist, je länger man als Kind in der Stadt gewohnt hat. Da gibt es eine richtige Dosis-Wirkungs-Beziehung.

SPIEGEL: Was kommt da auf uns zu, wenn im Jahr 2050 nach Prognose der Vereinten Nationen rund 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden?

Adli: Genau deswegen ist es so wichtig, den Zusammenhang zwischen Stadt und Stress gründlich zu erforschen. Die Urbanisierung ist die markanteste Veränderung der Menschheit auf der Erde. Sie wird sich für unsere Gesundheit als mindestens so relevant erweisen wie der Klimawandel. Nur wenn wir verstehen, warum uns das Stadtleben so stressempfindlich macht, können wir Konzepte entwickeln, um Städte menschenfreundlicher zu gestalten. Wir stehen da noch ganz am Anfang.

SPIEGEL: Sie haben dazu eine neue interdisziplinäre Forschungsgruppe gegründet, das Forum Neurourbanistik.

Adli: In dieser Gruppe arbeiten Stress- und Stadtforscher, Neurowissenschaftler und Architekten gemeinsam daran, die Stressquellen in der Stadt aufzuspüren. Wir wissen ja noch gar nicht genau, unter welchen Bedingungen gesundheitsrelevanter Stress sich in der Stadt zusammenbraut.

SPIEGEL: Liegt die Erklärung nicht auf der Hand? Laute Autos, stinkende Abgase, hohe Kriminalität, wenig Grün ...

Adli: All das sind wichtige Faktoren - aber ganz so einfach ist es wahrscheinlich nicht. Aus der Stressforschung wissen wir, dass belastender Stress fast immer auch eine soziale Komponente hat. Der Lärm der Nachbarn zum Beispiel nervt uns viel mehr, wenn wir sie nicht kennen oder sie nicht mögen, als wenn wir mit ihnen befreundet sind. Und der Lärm eines aufheulenden Motorrads, der von der Straße in unser Wohnzimmer dringt, treibt unseren Adrenalinspiegel auch deswegen in die Höhe, weil wir ihn als Verletzung unserer Territoriumsgrenze empfinden.

Menschenmassen in Frankfurt am Main
DPA

Menschenmassen in Frankfurt am Main

SPIEGEL: Sie glauben also, dass der soziale Stress in der Stadt die größte Gefahr birgt?

Adli: Das ist die Hypothese, von der wir ausgehen. Aus der Stressforschung wissen wir, dass dabei vor allem zwei Faktoren eine Rolle spielen: Isolation und die Angst vor dem sozialen Ausschluss oder Abstieg.

SPIEGEL: Stimmt es tatsächlich, dass man in einer Großstadt leichter vereinsamen kann als auf dem Dorf?

Adli: Ja, denn einsam ist man vor allem unter Menschen, von denen man ausgeschlossen wird - und nicht bei einem Waldspaziergang, den man bewusst alleine unternimmt. Wir vermuten, dass die hohe Bevölkerungsdichte in der Stadt in Kombination mit sozialer Isolierung großen sozialen Stress erzeugen kann. Wer einsam in seiner beengten Mietwohnung sitzt und durch die dünnen Wände ständig die nervenden Nachbarn hört, zu denen er keinen Kontakt hat, ist psychisch stark belastet. Das ist eine Stresssituation, die man schlecht aushalten kann.

SPIEGEL: Haben viele Großstädter auch deshalb diese Sehnsucht nach der ländlichen Idylle, die sich in Zeitschriften wie "Landlust" widerspiegelt?

Adli: Wahr ist: Die sozialen Ressourcen sind auf dem Land oft deutlich stärker. Wenn man alt ist oder krank oder irgendwie in Schwierigkeiten steckt, darf man in einer Dorfgemeinschaft auch heute noch auf Unterstützung hoffen - allerdings nur, wenn man wirklich dazugehört. Die romantischen Vorstellungen, die viele Städter vom Landleben haben, sind dagegen wenig realistisch. Kein Wunder, dass viele Städter, die aufs Land ziehen, nach einigen Jahren ernüchtert sind.

SPIEGEL: Und warum spielt für Sie die Angst vor dem sozialen Abstieg eine so wichtige Rolle dabei, wenn Stadtbewohner unter Stress leiden?

Adli: Dass Abstiegsangst Stress verursacht, ist gut belegt - egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Aber in der Stadt ist das soziale Gefälle meist größer und verläuft steiler als auf dem Land. Daher liegt die Annahme nahe, dass die großen Unterschiede auf begrenztem Raum auch eher Stress verursachen. Als eine Forschergruppe der Charité Bewohner in den klassischen Berliner Arbeiterbezirken Wedding und Moabit untersuchten, kam heraus: Deren psychische Belastung hing weniger von der eigenen Armut ab als von der Armut der Nachbarn. Wer neben Menschen in finanziellen Schwierigkeiten wohnt, hat offenbar Angst, selbst in finanzielle Not zu geraten. Und diese Angst vor der Armut verursacht wahrscheinlich mehr Stress als das Armsein selbst.

Times Square in New York
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Times Square in New York

SPIEGEL: Welche Ratschläge können Sie Politikern und Stadtplanern geben?

Adli: Stress wird toxisch, wenn wir das Gefühl haben, nichts gegen ihn tun zu können, wenn wir uns ihm hilflos ausgeliefert fühlen. Eine Stadt, ein Viertel, eine Straße muss Menschen allen Alters zum Rausgehen einladen. Das fördert soziale Unterstützung und Kommunikation und wirkt gegen soziale Isolation. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen gern vor die Tür treten. Ich bin geprägt von den Städten meiner Kindheit, Köln und Bonn, die sehr kommunikativ sind, wo man auch mit Fremden auf der Straße schnell mal ins Gespräch kommt. Berlin mag ich wegen seiner breiten Bürgersteige, die keine reinen Transitzonen sind, sondern zum Verweilen einladen, weil sich auf ihnen Cafés ausbreiten können oder einfach Leute Tische und Stühle rausstellen, und wegen seiner immer noch vielen Brachflächen, die vielfältig genutzt werden. Berlin ist eigentlich eine mediterrane Stadt.

SPIEGEL: Also empfehlen Sie niemandem, aufs Land zu ziehen? Nicht einmal jungen Familien mit Kindern?

Adli: Die Frage ist schwer zu beantworten. Trotz des höheren Depressions- und Schizophrenierisikos bieten Städte viele Vorteile, die in meinen Augen die Nachteile aufwiegen: bessere Krankenversorgung, mehr Bildungs- und Kulturangebote. Aber wir müssen die urbane Kultur schützen. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass auch wirklich jeder Stadtbewohner Zugang zu diesen Möglichkeiten hat. Opernhäuser und Theater haben aus meiner Sicht einen echten Public-Health-Auftrag. Das muss der Politik klar sein, wenn über Kulturförderung und Subventionen gestritten wird.

SPIEGEL: Verbringen Sie selbst Zeit auf dem Land?

Adli: Ja, ich halte es für sehr wichtig, diese Möglichkeit des Rückzugs zu haben, damit man sich dem Stadtstress nicht völlig ausgeliefert fühlt. Mein Buch habe ich vor allem auf dem Land geschrieben.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
jujo 11.05.2017
1. ...
Nun ja, ich denke die Menschen in Ballungsräumen/Städten leiden in weiteren Sinne am "Stachelschwein Syndrom" Für mich ist dieses so spürbar seit Jahrzehnten. Wenn wir aus dem Hamburger Raum nach Schweden in Urlaub fuhren, ging der Streßfaktor beim Autofahren gegen null, verließ man in Trellborg die Fähre, da hat sich bis heute nicht viel geändert. Wir haben uns bewußt in Schweden eine Bleibe auf dem Lande gesucht, wo wir Platz und Abstand haben. Wir leben in einem Minidorf, vier Familien, Abstand zu den Nachbarn jeweils mindestens 100m. Wir sind im Jahr ca. 3-4mal in Berlin um Tochter und Enkel zu sehen, wir sind jedesmal froh wenn wir den "Irrsinn" der Großstadt hinter uns lassen.
DienstagbeiSpon 11.05.2017
2. Hier ein paar Ideen:
weniger Autos (man weiß schon gar nicht mehr wie sich Ruhe anhört/anfühlt), weniger Reklame (alles so schön bunt hier), Parkanlagen auch Parkanlagen sein lassen und nicht noch mehr Eigentumswohnhäuser hinklatschen, Spiel- statt Parkplätzen, Fahrradwege ausbauen, Begrünung der Innenstädte vorantreiben (wann war eine Allee denn zuletzt auch eine Baumallee?), mehr Aktionen für gemeinsames Miteinander (Jugendclubs, Elterncafés, kulturelle Einrichtungen nicht ständig zugunsten großer Investoren schließen etc.), Baustopp für Einkaufzentren (Berliner Malls braucht kein Mensch - nicht in dieser Größenordnung und Dichte), Fluglärm begrenzen und so weiter.
lupenreinerdemokrat 11.05.2017
3.
Stress entsteht vor allem durch zu dichtes "Zusammen"leben, was man ja in Städten kaum so nennen kann. "Nebeneinander"leben wäre hier besser ausgedrückt. Das merkt man z.b. auch wenn man mit dem Auto in Europa unterwegs ist und vom Ausland kommend die Grenze nach Deutschland überschreitet. Kaum ist man wieder im eigenen Land, geht die Verkehrsdichte steil nach oben und der Stress ist wieder da, den man im Ausland dank "mehr Luft zum atmen" hinter sich gelassen hatte. Deutschland hat in Europa zusammen mit GB und NL die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte. Gäbe es nicht das dünn besiedelte MVP, wäre diese mit großem Abstand einsame Spitze. In Ballungsräumen, wie z.B. im Rhein-Main-Gebiet liegen wir bei ca. 600 Einwohner/qm², freie Flächen für die Natur und zum Erholen sind kleine Parzellen, die ausnahmsweise noch nicht zugebaut sind. An Wochenenden in einen nahegelegenen "Naturpark", wie z.B. Taunus, Spessart oder Odenwald? Diese Idee haben auch Millionen andere..... also vom Stau unter der Woche auf dem Weg zur Arbeit in den Stau am Wochenende zur "Erholung" von der Arbeitswoche und jedes Fleckchen Grün ist bereits von "Erholungssuchenden" bevölkert.
dodgerone 11.05.2017
4.
Zitat von jujoNun ja, ich denke die Menschen in Ballungsräumen/Städten leiden in weiteren Sinne am "Stachelschwein Syndrom" Für mich ist dieses so spürbar seit Jahrzehnten. Wenn wir aus dem Hamburger Raum nach Schweden in Urlaub fuhren, ging der Streßfaktor beim Autofahren gegen null, verließ man in Trellborg die Fähre, da hat sich bis heute nicht viel geändert. Wir haben uns bewußt in Schweden eine Bleibe auf dem Lande gesucht, wo wir Platz und Abstand haben. Wir leben in einem Minidorf, vier Familien, Abstand zu den Nachbarn jeweils mindestens 100m. Wir sind im Jahr ca. 3-4mal in Berlin um Tochter und Enkel zu sehen, wir sind jedesmal froh wenn wir den "Irrsinn" der Großstadt hinter uns lassen.
Lustig... wir wohnen in der Provinz (auch wenn es eine Grossstadt ist) und im Sommer nach Stockholm. Allein das Auto fahren wäre für mich Stress.... man sollte endlich deutsche Städte vom Autoverkehr entlasten und mehr Raum für den Menschen schaffen. Die Schweden können es auch... Man hat die letzten 40 Jahre alles dem Auto untergeordnet... jeder freie Fleck wird zubetoniert... wo soll man denn in der Stadt Luft holen?
jujo 11.05.2017
5. ...
Zitat von lupenreinerdemokratStress entsteht vor allem durch zu dichtes "Zusammen"leben, was man ja in Städten kaum so nennen kann. "Nebeneinander"leben wäre hier besser ausgedrückt. Das merkt man z.b. auch wenn man mit dem Auto in Europa unterwegs ist und vom Ausland kommend die Grenze nach Deutschland überschreitet. Kaum ist man wieder im eigenen Land, geht die Verkehrsdichte steil nach oben und der Stress ist wieder da, den man im Ausland dank "mehr Luft zum atmen" hinter sich gelassen hatte. Deutschland hat in Europa zusammen mit GB und NL die mit Abstand höchste Bevölkerungsdichte. Gäbe es nicht das dünn besiedelte MVP, wäre diese mit großem Abstand einsame Spitze. In Ballungsräumen, wie z.B. im Rhein-Main-Gebiet liegen wir bei ca. 600 Einwohner/qm², freie Flächen für die Natur und zum Erholen sind kleine Parzellen, die ausnahmsweise noch nicht zugebaut sind. An Wochenenden in einen nahegelegenen "Naturpark", wie z.B. Taunus, Spessart oder Odenwald? Diese Idee haben auch Millionen andere..... also vom Stau unter der Woche auf dem Weg zur Arbeit in den Stau am Wochenende zur "Erholung" von der Arbeitswoche und jedes Fleckchen Grün ist bereits von "Erholungssuchenden" bevölkert.
Wir lebten nahe zum Sachsenwald bei HH, Spaziergänge dort in Ruhe waren schon vor über dreißig Jahren am Wochenende nicht möglich.
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